Wahl des Medikaments bei ADHS oder ADHS mit Komorbidität
“ADHS zu behandeln ist einfach. ADHS gut zu behandeln, ist sehr schwierig.”
Die Wahl des individuell am besten wirksamen Medikaments bei ADHS und dessen optimale Eindosierung ist eine Herausforderung. Es gibt zwar etliche Anhaltspunkte für eine Orientierung, doch bislang ist kein klinisch verfügbarer Faktor bekannt, mit dem sich das Ansprechen auf ADHS-Medikamente zuverlässig vorhersagen ließe.(E 2b)1
Darüber hinaus stellen die individuellen Besonderheiten jedes einzelnen Betroffenen oft genug alle Erfahrungswerte auf die Probe. Da ADHS ein Syndrom ist, kann die ADHS-Symptomatik aus einer großen Anzahl verschiedener Ursachen entstehen. Folglich gibt es keine einheitliche Behandlung. Erforderlichenfalls muss für einen Betroffenen mit großer Geduld eine Vielzahl verschiedener Optionen ausprobiert werden.
ADHS-Medikamente können in zwei Kategorien eingeteilt werden: Stimulanzien und Nichtstimulanzien.
Stimulanzien wie Methylphenidat (MPH) und Amfetaminmedikamente (AMP) haben den Vorteil, dass sie eine hohe Effektstärke bei geringen Nebenwirkungen haben. (E 1a): Es gibt keine andere Medikamentenklasse in der Psychiatrie mit derart hoher Effektstärke.(E 1a)2(E 4)3(E 4)4 Stimulanzien gehören zu den Medikamenten mit den höchsten Effektstärken in der Psychiatrie. In einem indikationsübergreifenden Vergleich von Meta-Analysen lagen sie unter den wirksamsten Behandlungen überhaupt.(E 1a)5 Sie wirken in der Regel ab dem ersten Tag der Einnahme und können jederzeit ohne Absetzerscheinungen abgesetzt werden. In einer placebokontrollierten Studie an 146 Erwachsenen sprachen 76 % auf Methylphenidat an, gegenüber 19 % unter Placebo. (E 1b)6 Für Amfetaminmedikamente werden ähnliche oder höhere Quoten berichtet. Ein direkter Vergleich beider Wirkstoffgruppen findet sich bei Arnold (2000). (E 1a)7Allerdings können Stimulanzien bei Überdosierung das emotionale Empfinden beeinträchtigen und sind BtM.
Nichtstimulanzien wie Atomoxetin und Guanfacin haben zwar die Vorteile einer längeren Wirkdauer, wirken besser auf das subjektiv belastendste ADHS-Symptom der emotionalen Dysregulation und haben keine dämpfende Wirkung auf das emotionale Empfinden. Dafür ist ihre Effektstärke jedoch deutlich geringer und die Nebenwirkungen sind merklich höher. Zudem sind sie aufgrund der langen Dauer bis zum Eintreten der Wirkung und der langen Halbwertszeit schwieriger einzudosieren als Stimulanzien.
Weiter müssen spezifische Problemfälle und Komorbiditäten bei der Medikamentenwahl berücksichtigt werden. Zum Beispiel können bei Patienten, die auf verschiedene MPH-Präparate nicht ansprechen, AMP, Atomoxetin oder Guanfacin eingesetzt werden. Falls Stimulanzien trotz Vermeidung einer zu hohen Dosierung eine Beeinträchtigung des emotionalen Empfindens verursachen, können sie durch Atomoxetin oder Guanfacin ersetzt werden oder niedriger dosiert und mit diesen kombiniert werden.
Eine Kombinationsmedikation aus Stimulanzien und Atomoxetin kann den Antrieb verbessern und gleichzeitig die emotionale Dysregulation reduzieren. Bestimmte Medikamente haben bei Ticstörungen, Angststörungen, Substanzmissbrauch und andere Komorbiditäten besondere Vorteile.
Die Wirkungsweisen der verschiedenen Medikamente unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bindungsaffinität an Transporter und ihrer Auswirkungen auf Dopamin und Noradrenalin in verschiedenen Gehirnregionen. Es ist wichtig, die richtige Medikation individuell anzupassen, um die bestmögliche Wirkung bei geringfügigen Nebenwirkungen zu erzielen.
Unter den in den USA medikamentierten Kindern mit ADHS, die zugleich weitere Psychopharmaka erhielten, entfiel der größte Anteil auf Stimulanzien allein (60 % bis 67 %), gefolgt von einer Kombination von Stimulanzien und Nichtstimulanzien (13 % bis 15 %), einer Kombination von Stimulanzien und Antidepressiva (6 % bis 9 %) und schließlich Nichtstimulanzien allein (5 % bis 9 %).(E 3)8
Bei der Eindosierung ist eine häufig erhöhte Empfindlichkeit von ADHS-Betroffenen auf schon geringe Dosisunterschiede oder auf unterschiedliche Wirkung verschiedener Präparate desselben Wirkstoffs zu berücksichtigen. Dies geht so weit, dass bereits der Austausch eines Generikums gegen ein vermeintlich bioäquivalentes Präparat eines anderen Herstellers erhebliche Unterschiede bis hin zum Verlust der Wirksamkeit bewirken kann. Dies betrifft retardierte wie unretardierte Stimulanzien und ebenso Nichtstimulanzien. Es ist nicht die Regel, aber, wie wir aus dem ADHS-Forum von ADxS.org wissen, weitaus häufiger, als bislang angenommen. Mehr hierzu unter Eindosierung von Medikamenten bei ADHS.
Wie insgesamt bei ADxS.org sind alle Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation, sondern zur Information für ein Gespräch mit dem Arzt.
1. Vorteile und Nachteile verschiedener ADHS-Medikamente
Bedeutung für Betroffene
Stimulanzien (Methylphenidat und Amfetaminmedikamente) sind die wirksamsten ADHS-Medikamente und wirken bereits ab dem ersten Tag. Sie können jederzeit abgesetzt werden, ohne dass Absetzerscheinungen zu erwarten sind. Nichtstimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin) brauchen Wochen bis zur vollen Wirkung, wirken schwächer und haben mehr Nebenwirkungen (dafür wirken sie über den ganzen Tag und dämpfen das Gefühlserleben nicht).
Dass Stimulanzien nicht süchtig machen, ist gut untersucht und belegt. Sie erhöhen nicht nur das Suchtrisiko nicht, sondern verringern es sogar. Eine frühe Behandlung schützt dabei besser als eine späte.
1.1. Stimulanzien
- Vorteile (gemeinsame Vorteile von Stimulanzien)
- Stimulanzien sind Methylphenidat und Amphetaminmedikamente.
- siehe unter Methylphenidat (MPH) bei ADHS
- siehe unter Amphetaminmedikamente bei ADHS
- Stimulanzien für ADHS haben eine Sonderstellung in der gesamten psychiatrischen Medikation: Keine andere Medikamentenklasse hat eine derart hohe Effektstärke bei zugleich derart niedrigen Nebenwirkungen.(E 1a)2
- Es empfiehlt sich, einmal die Beipackzettel von Aspirin oder Antidepressiva und Methylphenidat zu vergleichen
- Stimulanzien werden seit vielen Jahrzehnten als ADHS-Medikamente eingesetzt, so lang wie kaum eine andere Medikamentenklasse
- Stimulanzien wirken idR ab dem ersten Tag der Einnahme
- Stimulanzien können jederzeit abgesetzt werden, ohne Gefahr von Absetzerscheinungen (im Gegensatz zu Antidepressiva, die z.T. Abhängigkeit und massive Ausdosierungsnebenwirkungen verursachen können)
- Stimulanzien sind Methylphenidat und Amphetaminmedikamente.
- Nachteile (gemeinsame Nachteile von Stimulanzien
- Beeinträchtigung des emotionalen Empfindens bei ca. 20 % der Betroffenen aufgrund der dämpfenden Wirkung von Stimulanzien auf das limbische System
- Ursachen: Überempfindlichkeit oder Überdosierung
- in diesem Fall Kombinationsmedikation aus Atomoxetin und MPH oder AMP in Betracht ziehen (bei jeweils niedrigerer Dosierung im Vergleich zur Monotherapie)
- BtM-Pflichtig, weil theoretische Missbrauchsmöglichkeit
- (E 1a): Stimulanzien erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Suchtentwicklung nicht.910 Stimulanzien verringern die Wahrscheinlichkeit einer Suchtentwicklung (E 4)11(E 1a)12, erhöhen sie jedenfalls nicht (E 1a)9(E 2b)10.
- kein Missbrauchsrisiko bei ordnungsgemäßer Einnahme (oral in Medikamentendosis)
- an jedem Bahnhof und auf jedem Discoklo gibt es besser “drehende” Sachen für weniger Geld und mit weniger Aufwand
- dennoch möglicher Reiz zur Drogeneinnahme bei Betroffenen mit akuter oder früherer Amphetaminsucht. Dann eher Atomoxetin und Guanfacin testen.
- Eine möglichst frühzeitige Behandlung von ADHS mit Stimulanzien verringerte das Risiko einer Suchtentwicklung im Erwachsenenalter: (E 2b)13
- ADHS zeigt ein 7,7-faches Risiko von Substanzkonsumstörungen gegenüber der Allgemeinbevölkerung (4,3 bis 13,9).
- Jedes Jahr, um das die Stimulanzienbehandlung später begann, erhöhte das Risiko um das 1,46-Fache weiter (95-%-KI 1,09 bis 1,93). Die Dauer der Behandlung spielte dagegen keine Rolle.
- Frauen mit ADHS haben ein höheres Suchtrisiko als Männer
- Eine komorbide Störung des Sozialverhaltens im Kindesalter erhöhte das Risiko weiter um das 4,77-Fache (1,73 bis 13,21).
- Beeinträchtigung des emotionalen Empfindens bei ca. 20 % der Betroffenen aufgrund der dämpfenden Wirkung von Stimulanzien auf das limbische System
- Methylphenidat (MPH)
- Vorteile:
- besonders gute Antriebssteigerung
- unretardiert kurze Wirkdauer (2,5 bis 3 Stunden)
- Nachteile:
- Nonresponderquote ca. 30 %
- MPH-Nonresponding sagt kein AMP-Nonresponding voraus
- Nonresponderquote ca. 30 %
- Vorteile:
- Amphetaminmedikamente (AMP)
- Vorteile
- Stimmungsausgleichender als MPH
- etwas bessere Effektstärke und etwas niedrigere Nebenwirkungen als MPH, insbesondere bei Erwachsenen
- Nachteile:
- Nonresponderquote ca. 20 %
- AMP-Nonresponding sagt MPH-Nonresponding nicht vorher
- Nonresponderquote ca. 20 %
- Vorteile
1.2. Nichtstimulanzien
- Atomoxetin (ATX)
- Vorteile
- Spiegelmedikament (wirkt (fast) über den ganzen Tag)
- keine Beeinträchtigung des emotionalen Empfindens, da keine dämpfende Wirkung auf das limbische System
- Nachteile
- schwierig einzudosieren
- Vollständige Wirkung erst nach 4 bis 8 Wochen
- zuweilen sehr enger Bereich zwischen Unter- und Überdosierung
- erheblich höhere Nebenwirkungen als Stimulanzien
- geringere Effektstärke als Stimulanzien
- sollten langsam ausdosiert werden
- mehr zu Atomoxetin unter Atomoxetin bei ADHS
- Vorteile
- Guanfacin
- Vorteile
- hilfreich bei komorbiden Ticstörungen (siehe unten)
- blutdrucksenkend (hilfreich bei erhöhtem Blutdruck)
- Vorteile
- Nachteile
- wirkt bei Erwachsenen seltener
- keine Zulassung für Erwachsene in Deutschland (off-label)
- geringere Effektstärke als Stimulanzien
- höhere Nebenwirkungen als Stimulanzien
- mehr zu Guanfacin unter Guanfacin bei ADHS
1.3. Eignung in tabellarischer Darstellung
Bedeutung für Betroffene
Die folgenden Tabellen zeigen, welches Medikament bei welcher weiteren Erkrankung geeignet oder ungeeignet ist. Sie beruhen überwiegend auf Fachinformationen und Herstellerangaben, nicht auf Studien (sie sind also eine Orientierungshilfe für das Gespräch mit Ihrem Arzt, keine Entscheidungsgrundlage für Sie allein).
Ein „ungeeignet“ bedeutet dabei nicht immer ein absolutes Verbot. Manche Einträge betreffen nur bestimmte Krankheitsformen oder Schweregrade. Fragen Sie im Zweifel nach, worauf sich ein Eintrag genau bezieht.
Allgemeine körperliche Gegenanzeigen
| Allgemeine körperliche Gegenanzeigen | LDX/D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile | — | — | — | — | — | |
| Glaukom | — | — (Engwinkelglaukom) | — | |||
| Hyperthyreose oder Thyreotoxikose | — | — | ||||
| Phäochromozytom | — | — | ||||
| Magen nicht sauer genug / zu basisch, pH-Wert über 5,5 | — | |||||
| Tumor im zentralen Nervensystem | — | |||||
| schwere Leberzirrhose | — | |||||
| Epilepsieneigung | **(–) **besonders in Kombination mit Bupropion | **— **15besonders in Kombination mit Amfetamin-medikamenten |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
- geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Herz-Kreislaufprobleme
| Herz-/Kreislaufprobleme: | LDX/D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Symptomatische Herz-Kreislauf-Erkrankung | — | — | ||||
| Mittelschwere bis schwere Hypertonie | — | —** | ++** | |||
| Schwerwiegende kardiovaskuläre oder zerebrovaskuläre Erkrankungen, bei denen ein klinisch bedeutsamer Blutdruck- oder Herzfrequenzanstiegs den Zustand verschlechtern könnte, z.B.: schwere Hypertonie, Herzinsuffizienz, arterielle Verschlusskrankheit, Angina pectoris, hämodynamisch relevanter angeborener Herzfehler, Kardiomyopathien, Myokardinfarkt, möglicherweise lebensbedrohliche Arrhythmien, Erkrankungen, die durch eine veränderte Funktion von Ionenkanälen verursacht werden | (–)** | — | (–)** | ++** | ||
| Zerebrovaskuläre Erkrankungen (z.B. zerebrale Aneurysmen, Gefäßabnormalitäten, Vaskulitis oder Schlaganfall) | — | |||||
| Mittlere bis schwere Hypotonie | geeignet | geeignet | geeignet | o |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)17— ungeeignet**(–)** eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
- geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Effektstärken auf kardiovaskuläre Faktoren (standardisierte Mittelwertdifferenz vor/nach Behandlung, keine Placebo-Differenz; Meta-Analyse von k = 18 Studien mit n = 5.837 Kindern und Jugendlichen, durchschnittliche Behandlungsdauer 28,7 Wochen):(E 1a)18
- Diastolischer Blutdruck
- MPH: statistisch nicht signifikant
- AMP: 0,16
- verringerter Effekt bei längerer Einnahme
- ATX: 0,22
- Systolischer Blutdruck
- MPH: 0,25
- vermutlich höhere Effektstärke durch unretardiertes MPH als durch retardiertes MPH
- AMP: 0,09
- ATX: 0,16
- MPH: 0,25
- Herzfrequenz
- MPH: statistisch nicht signifikant
- AMP: 0,37
- ATX: 0,43
- 12,6 % der medikamentierten Teilnehmenden (737 Meldungen) berichteten weitere kardiovaskuläre Ereignisse jenseits von Blutdruck und Puls. 2 % brachen ihre Behandlung wegen eines kardiovaskulären Effekts ab.
- Bei der Mehrheit der Patienten klangen die kardiovaskulären Auswirkungen spontan oder durch geänderte Medikamentendosis ab oder waren klinisch nicht relevant.
- Es gab keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den medikamentösen Behandlungen in Bezug auf die Schwere der kardiovaskulären Wirkungen.
Anmerkung: Die Metastudie beachtete leider nicht, ob Probanden zeitgleich Koffein zu sich nahmen. Wir vermuten, dass eine Beschränkung auf Probanden, die koffeinfrei medikamentiert wurden, eine drastisch niedrigere Nebenwirkungsrate aufzeigen dürften. Es ist bedauerlich, dass dieser elementare Faktor immer noch nicht mit der erforderlichen Konsequenz berücksichtigt wird.
Suchtprobleme
| Suchtprobleme: | LDX | D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Alkoholsucht, akut | +**** | o** | +**** | o** | ++**** | o** | |
| Amphetaminsucht, akut | —** | —** | ++**** | —** | ++**** | ||
| Amphetaminsucht, lange her | (–)** | (–)** | ++**** | (–)** | ++**** | ||
| THC-Sucht | +**** | o** | ++**** | o** | ++**** | ||
| einem geplanten Entzug, der mit erhöhter Krampfneigung einhergehen kann | — | ||||||
| Alkoholkonsum bei Einnahme (Genussmengen) | o | o | o | o / (–)** | Quelle(E 1a)19 |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben (E 4)16(E 4)17 . Maßgeblich sind jeweils die Abschnitte 4.3 und 4.4 der aktuellen Fachinformation des einzelnen Präparats.
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
- geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
(E 4): **** Quelle: Schweizerische Fachinformation(E 4)20(E 4)21
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Komorbide psychische Probleme
| Komorbide psychische Probleme: | LDX | D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Schwere Depression, Suizidneigung | + | —**** | — | — | + | Keine erhöhte Suizidneigung bei MPH intrapersonal fand (E 2b)22 | |
| Manie | — | — | + | — | + | ||
| bipolar, auch früher | + | o**** | — | — | |||
| Angst | +** | +** | Quellen siehe Abschnitt unten | ||||
| Psychotische Symptome, Schizophrenie | ++ | + | o | ***** | |||
| Psychopathische / Borderlinepersönlichkeitsstörungen | — | ||||||
| Epilepsieneigung | mit Vorsicht anwendbar | — Bei gut eingestellter Epilepsie sind Anfälle unter MPH nicht zu befürchten. Bei idiopathischer Absence-Epilepsie im Schulkindalter und juveniler myoklonischer Epilepsie gibt es Hinweise auf einen günstigen Einfluss von Stimulanzien auf die Anfallsfrequenz.(E 4)23[NEU1] | |||||
| Tourette | — | — | +*** | ++** | |||
| Erregungszustände | — | ||||||
| Anorexia nervosa/anorektische Störungen | —** | —** | — | — | |||
| Bulimie | — |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben (E 4)16(E 4)17. Maßgeblich sind jeweils die Abschnitte 4.3 und 4.4 der aktuellen Fachinformation des einzelnen Präparats.
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
- geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
***Quelle:(E 1b)24
(E 4): ****Schweizerische Fachinformation (E 4)20(E 4)21
*****Klinikaufenthalte verringert bei ADHS + Psychose/Schizophrenie durch Stimulanzien bei fortgeführter Antipsychotikamedikation. Große Langzeitstudie aus 2025 zeigt Vorteile von Stimulanzien und Atomoxetin bei ADHS auch bei komorbiden schizophrenen Störungen (E 2b)25
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Einnahme anderer Medikamente
| Einnahme anderer Medikamente | LDX /D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Einnahme von Monoaminooxidase-Hemmern binnen der letzten 14 Tage | — | — | — | — | ||
| Einnahme sedierender Arzneimittel | — | |||||
| Einnahme blutdrucksenkender Arzneimittel | (–)** | (–)** | (–)** | ++ (ggf. Dosisanpassung) | ||
| Einnahme anderer bupropionhaltiger Arzneimittel | — | |||||
| H2-Rezeptorenblocker oder Antazida | — |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)17
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Mutterschaft
| Mutterschaft | LDX/D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Frauen im gebärfähigen Alter, die keine Verhütungsmittel verwenden | — | |||||
| Schwangerschaft | — (insbesondere erstes Trimester) | — | (–) | — | — | |
| Stillzeit | — | — | (–) | — | — |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)17
— ungeeignet
**(–)** eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Fahrtüchtigkeit
| Fahrtüchtigkeit | LDX/D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Fahrtüchtigkeit / führen gefährlicher Maschinen | o Patienten vor möglicher Beeinträchtigung durch Müdigkeit und Sehstörungen warnen, bis feststeht, dass beim Betroffenen diese Nebenwirkungen nicht auftreten oder bei Dauereinnahme weggehen | o Patienten vor möglicher Beeinträchtigung durch Müdigkeit, Somnolenz und Schwindelgefühl warnen, bis feststeht, dass beim Betroffenen diese Nebenwirkungen nicht auftreten oder bei Dauereinnahme weggehen | o Patienten vor möglicher Beeinträchtigung durch Müdigkeit, Schwindel, Sehproblemen warnen, bis feststeht, dass beim Betroffenen diese Nebenwirkungen nicht auftreten oder bei Dauereinnahme weggehen | o Moderat bis stark variierender Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit oder die Fähigkeit, Maschinen zu bedienen, durch Schwindel und Müdigkeit (vornehmlich bei Einnahmebeginn) sowie Ohnmachtsanfälle | o Fahrtüchtigkeit gegeben, sofern keine schwerwiegenden Nebenwirkungen wie Schwindel auftreten |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)17
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
*** Viloxazin scheint das einzige ADHS-Medikament zu sein, das Histamin nicht erhöht
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
Einnahme anderer Medikamente
| Einnahme anderer Medikamente mit Wirkung auf: | LDX/D-AMP | ATX | MPH | Guanfacin | Bupropion | Kommentare |
|---|---|---|---|---|---|---|
| CYP3A4/5 | (–) | |||||
| OCT-1 | (–) | |||||
| MATE1 | (–) | |||||
| Arzneimittel, die QT-Intervall verlängern können | — | — | ||||
| CES1 | (–) | |||||
| CYP2D6 | (–) | (–) | (–) |
Legende:
(E 4): Quellen, soweit nicht anders angegeben(E 4)16(E 4)17
— ungeeignet
(–) eingeschränkt geeignet, unter enger Überwachung
o eingeschränkt geeignet
++ besonders geeignet
kein Eintrag: keine Eignungsbeschränkung bekannt
** Unserer Ansicht nach oder noch einzuarbeitende Quellenangaben
Angaben ohne Gewähr. Diese Informationen dienen nicht der Selbstmedikation. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt.
2. Medikamentenwahl ohne spezifische Problemfälle
Bedeutung für Betroffene
Vor Beginn einer Stimulanzienmedikation sollte das Herz-Kreislauf-System untersucht werden (Blutdruck, Herzgeräusche, Ohnmachten bei Anstrengung). Ein EKG ist dabei nicht zwingend erforderlich.
Dem Arzt müssen alle weiteren Medikamente genannt werden, die eingenommen werden, insbesondere MAO-Hemmer. Während der Eindosierung sollte unbedingt auf Koffein verzichtet werden: Es kann die Wirkung verfälschen und die Einstellung erschweren.
⇒ Medikamente bei ADHS (Übersicht)
Die folgenden Angaben beruhen auf der europäischen Behandlungsleitlinie von 2006/2008.2614 Zu den kardiovaskulären Voruntersuchungen ist die aktuellere Fassung der European ADHD Guidelines Group maßgeblich.27
- Von den Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS-Diagnose erhalten nur rund 19 % Medikamente gegen ADHS (95-%-KI 11,5 bis 29,9 %). Von denjenigen ohne ADHS-Diagnose erhalten 0,9 % (95-%-KI 0,5 bis 1,7 %) solche Medikamente. Auf jeden Menschen, der ADHS-Medikamente ohne formale Diagnose einnimmt, kommen in den USA rechnerisch drei Diagnostizierte, die von einer Medikation profitieren könnten, sie aber nicht erhalten.(E 1a)28
- Vor einer Behandlung mit Stimulanzien empfiehlt sich
- (E 1a): eine kardiovaskuläre Untersuchung (E 4)29 zur Suche nach kardiovaskulären Anomalien wie:(E 1a)2614
- erhöhtem Blutdruck
- Herzgeräusche
- Synkopen bei körperlicher Anstrengung
- EKG ist fakultativ
- Kontraindikationen bei Stimulanzien (die meisten davon ungewöhnlich in der Kindheit):(E 1a)2614
- Schizophrenie
- anders eine große Langzeitstudie aus 2025 (E 2b)25
- schwere Depressionen
- Schilddrüsenüberfunktion
- Herzrhythmusstörungen
- mäßiger bis schwerer Bluthochdruck
- Angina pectoris
- Glaukom
- Monoaminoxidase (MAO)-Hemmern
- frühere Überempfindlichkeit
- gleichzeitiger Gebrauch
- Gebrauch innerhalb der letzten 2 Wochen
- Schizophrenie
- Vorsicht ist geboten bei Patienten mit (E 1a)2614
- motorischen Tics
- bekannter Drogenabhängigkeit
- Vorgeschichte von Drogenabhängigkeit, Alkoholismus, Koffeinsucht
- Stimulanzien bei ADHS können den Suchtdruck erheblich verringern
- Alkohol und MPH gleichzeitig vertragen sich gar nicht
- Alkohol und AMP gleichzeitig sind nicht gut, aber weitaus weniger schlimm als Alkohol und MPH - Kein Koffein bei der Eindosierung von Stimulanzien
- Gefahr von Kreuzwirkungen
- Schwangerschaft
- Stillen
- Anorexia nervosa
- Vorgeschichte von Suizidalität
- (E 1a): eine kardiovaskuläre Untersuchung (E 4)29 zur Suche nach kardiovaskulären Anomalien wie:(E 1a)2614
2.1. Reihenfolge der Mittel der Wahl
Bedeutung für Betroffene
Bei Kindern wird üblicherweise mit Methylphenidat begonnen, bei Erwachsenen wären Amfetaminmedikamente aus wissenschaftlicher Sicht die erste Wahl. Aufgrund des Wirtschaftlichkeitsgebots muss in Deutschland bei Kassenabrechnung dennoch zunächst mit MPH begonnen werden. Wirkt das erste Medikament nicht ausreichend, ist der Wechsel auf die jeweils andere Stimulanziengruppe der nächste sinnvolle Schritt (etwa 40 bis 50 % derjenigen, die auf das eine nicht ansprechen, sprechen auf das andere an).
Die nachfolgenden Nennungen richten sich alleine nach unserer Auffassung aus wissenschaftlicher Sicht. Zulassungseinschränkungen sind nicht berücksichtigt.
Die nachfolgenden Nennungen richten sich alleine nach unserer Auffassung aus wissenschaftlicher Sicht. Zulassungseinschränkungen sind nicht berücksichtigt.
Grundlage dieser Reihenfolgen ist eine Netzwerk-Metaanalyse aus 133 doppelblinden randomisierten Studien mit 14.346 Kindern und Jugendlichen sowie 10.296 Erwachsenen. Zu beachten ist, dass sie sich ausdrücklich auf die Kurzzeitbehandlung bezieht und dass Studien an Betroffenen mit Komorbiditäten ausgeschlossen wurden (für die auf dieser Seite behandelten Konstellationen gilt sie daher nur eingeschränkt).30 In Kurzzeitstudien verbessern sich Unaufmerksamkeit und Unruhe stärker als die gemessene Lebensqualität.31
2.1.1. Mittel der Wahl bei Kindern und Jugendlichen
Bei Kindern und Jugendlichen ist die aus wissenschaftlicher Sicht hilfreichste* Priorisierung der Medikamente:
* Kassenzulassungen können hiervon abweichen
- (E 1a): Erste Wahl ist Methylphenidat (E 1a)30 (E 1a)32 (E 4)33
- (E 1a): Zweite Wahl sind Amphetaminmedikamente (E 4)34(E 1a)30
- Dritte Wahl ist Atomoxetin. Bei komorbider Angststörung (E 2a)35, komorbidem CDS (SCT) oder starkem ADHS-I kann es erste Wahl sein. Mehr hierzu siehe unter den jeweiligen Komorbiditäten.
- In einer taiwanesischen Registerstudie (256.882 Diagnostizierte, davon 147.210 medikamentiert; 98,2 % erhielten Methylphenidat) wechselten 8,4 % derjenigen, die mit MPH begonnen hatten, später zu Atomoxetin; umgekehrt wechselten 31,3 % der n = 2.716 Kinder, die mit Atomoxetin begonnen hatten, später zu MPH (E 3)36 Atomoxetin wurde in Taiwan erst ab 2007 von der Kasse erstattet und war bis dahin kaum vertreten.
- Etwa 40 % (E 1a)14 bis 50 % der MPH-Nonresponder sprechen auf Atomoxetin an, und etwa 75 % der MPH-Responder sprechen auch auf Atomoxetin an. Atomoxetin kann während der Umstellungsphase zusammen mit MPH verabreicht werden, ohne dass übermäßige Bedenken hinsichtlich unerwünschter Ereignisse, wie z. B. kardiovaskulärer Wirkungen, bestehen (obwohl eine Überwachung von Blutdruck und Herzfrequenz erforderlich ist).(E 4)37 Vor einer Beurteilung von Atomoxetin wird ein Behandlungsversuch von mindestens 6 bis 8 Wochen, eher länger, empfohlen. Die Angaben zu 50 % und 75 % beruhen auf einer einzigen Studie.
- Vierte Wahl ist unserer Auffassung nach Guanfacin (insbesondere bei generischem oder durch MPH oder AMP verursachtem Bluthochdruck oder bei komorbiden Tics), das statistisch betrachtet eine bessere Effektstärke bei geringeren Nebenwirkungen hat als Atomoxetin
- Weitere mögliche Medikamente: siehe Beiträge hierzu
2.1.2. Mittel der Wahl bei Erwachsenen
(E 1a): Bei Erwachsenen ist die aus wissenschaftlicher Sicht hilfreichste* Priorisierung der Medikamente:(E 4)34(E 1a)30
* Kassenzulassungen können hiervon abweichen
-
Erste Wahl sind Amphetaminmedikamente
- Seit März 2024 ist Elvanse in Deutschland bei Erwachsenen auch als Erstbehandlungsmittel indiziert, bei Kindern dagegen weiterhin erst, wenn MPH unzureichend wirkte.(E 4)38
- Ärzte (in Deutschland) müssen sich weiter an das Wirtschaftlichkeitsgebot halten. Da Lisdexamfetamin nicht das günstigste Medikament ist, kann es auf Kassenrezept erst verschrieben werden, wenn die günstigeren Medikamente nicht ausreichend wirksam waren oder nicht annehmbare Nebenwirkungen zeigten.
- NICE: Dextroamfetamin ist 2. Wahl nach Lisdexamfetamin (E 4)31
- Seit März 2024 ist Elvanse in Deutschland bei Erwachsenen auch als Erstbehandlungsmittel indiziert, bei Kindern dagegen weiterhin erst, wenn MPH unzureichend wirkte.(E 4)38
-
Zweite Wahl ist Methylphenidat
-
Dritte Wahl ist Atomoxetin. Bei SCT oder starkem ADHS-I kann es erste Wahl sein.
-
Vierte Wahl ist unserer Auffassung nach Guanfacin (off-label). Die positiven Wirkungsberichte von Guanfacin betreffen vornehmlich Kinder.
- Guanfacin ist bei Erwachsenen off-label
- im hohen Alter Vorsicht wegen erhöhter Sturzgefahr bei schneller Blutdrucksenkung
-
Weitere mögliche Medikamente: siehe die wirkstoffspezifischen Beiträge hierzu
-
Amphetaminmedikamente (z.B. Lisdexamfetamin (Elvanse/Vyvanse), Amphetaminsalze (Adderall), unretardiert (Attentin))
-
wirken bei Erwachsenen meist besser und werden besser vertragen
-
Nonresponder: ca. 20 %
-
ca. 30 % der Erwachsenen, die von MPH auf Elvanse wechseln, wechseln wieder zurück(E 2b)39
-
zu schnelle Eindosierung in zu hohen Schritten erhöht Abbruchrate wegen Nebenwirkungen oder Überdosierung
-
Lisdexamfetamin: Generika können abweichend wirken, auch wenn es pharmakologisch dafür bislang keine Erklärung gibt
-
-
Methylphenidat:
- falls nicht wirksam: mehrere andere MPH-Präparate testen
- verschiedene MPH-Präparate können sehr unterschiedlich wirken
- Wirkunterschiede sind eher individuell als Präparate-typisch
- Nonresponder: ca. 30 %
- zu schnelle Eindosierung in zu hohen Schritten erhöht Abbruchrate wegen Nebenwirkungen oder Überdosierung
2.1.3. Mittel der Wahl bei Senioren
(E 4): In der Schweiz sind Lisdexamfetamin und Methylphenidat bei Erwachsenen ohne Altersbegrenzung zugelassen.(E 4)20(E 4)21
Es wird eine Kontraindikation für Stimulanzien bei Prostatahyperplasie mit Restharnbildung genannt.(E 4)40 Die Fachliteratur erwähnt dies für Stimulanzien als Drogen. Berichte über eine nachteilige Auswirkung bei der Anwendung in Medikamentendosierung konnten wir bislang nicht finden.
2.2. Weitere Faktoren zur Wirkstoffwahl
Bedeutung für Betroffene
Eine eigene Medikationspräferenz ist kein weicher Faktor, sondern ein messbarer. Wer das Medikament bekommt, das er sich wünscht, bricht die Behandlung deutlich seltener ab und profitiert stärker davon. Es ist daher sinnvoll, mitzuteilen, falls ein Präparat nicht vertragen oder ein anderes bevorzugt wird.
Wenn sich ADHS-Symptome vor der Menstruation regelmäßig verschlechtern, lassen sich Stimulanzien an diesen Tagen kurzfristig anpassen, Nichtstimulanzien nicht.
Siehe hierzu auch:
Bei der Wahl des Wirkstoffs sollte weiter berücksichtigt werden:
-
Komorbiditäten
-
Metabolisierungsenzym-Genvarianten, die den Abbau beschleunigen oder verlangsamen
-
weitere eingenommene Medikamente
-
Magensäure
-
mögliche prämenstruelle Verschlechterung der ADHS-Symptome
- betroffene Frauen sollten vorrangig Stimulanzien verwenden, da diese in den betreffenden Tagen auch kurzfristig höher dosiert werden können. Siehe hierzu unten unter Nebenwirkungen bei der Eindosierung.
-
Präferenz der Betroffenen (In Untersuchungen über medizinische und psychotherapeutische Behandlungen allgemein (nicht über ADHS-Medikation) wurde eine Behandlung, die der Präferenz der Betroffenen entsprach, um 38 % (k = 34, n = 5.294) bis 41 % (k = 35) seltener abgebrochen. Das Behandlungsergebnis verbesserte sich dabei nur wenig (Effektstärke 0,18 bis 0,31). In der größten der drei Arbeiten zeigte sich außer auf Abbruchrate und therapeutische Beziehung kein Effekt auf andere Ergebnismaße.4142[^37]
Siehe hierzu auch:
2.3. Trial and Error: Finden des passenden Wirkstoffs braucht Geduld
Bedeutung für Betroffene
Psychiatrische Störungen und andere Erkrankungen des ZNS stellen stets eine besondere Herausforderungen dar, um ein passendes Medikament zu finden.
Etwa 70 bis 80 % der ADHS-Betroffenen sprechen auf ein Stimulans an (unter allen psychiatrischen Behandlungen ein außergewöhnlich hoher Wert). (E 4)3 Ebenso ist die Effektstärke von ADHS-Medikamenten im Vergleich zu anderen Störungsbildern enorm hoch.
Welches Präparat bei einem bestimmten Betroffenen wirkt, lässt sich allerdings nicht vorhersagen. Zwei Präparate mit demselben Wirkstoff können sich bei ein und derselben Person völlig unterschiedlich anfühlen (und bei der nächsten Person genau umgekehrt). Das ist kein Einbildungseffekt und kein Zeichen dafür, dass ADHS-Medikamente bei jemandem grundsätzlich nicht wirken. Es lohnt sich, weitere Präparate zu probieren, bevor man eine Wirkstoffgruppe für sich ausschließen.
Selbst innerhalb einer Wirkstoffklasse (MPH) kann beim einen Betroffenen das eine Präparat untragbare Nebenwirkungen haben, während das andere hervorragend funktioniert und der nächste Betroffene auf die beiden Präparate genau umgekehrt reagiert. Die unterschiedlichen Reaktionen beruhen vermutlich auf den verschiedenen Anflutungs- und Abbauprofilen des Wirkstoffs, die sich bei den einzelnen Präparaten erheblich unterscheiden können.
Deshalb ist auch bei ADHS eine geduldige und kleinstufige Medikamentenanpassung der entscheidende Faktor für die Verbesserung von Symptomatik und Lebensqualität. Wir möchten alle Betroffenen ermutigen, bei nicht zufriedenstellenden Ergebnissen “dran” zu bleiben, und zusammen mit Ihrem Arzt immer neue Präparate und Wirkstoffe auszuprobieren.
“In kontrollierten Studien wird das Medikament ausgewählt, bevor die Probanden rekrutiert werden, und die Dosierung wird durch ein Protokoll festgelegt. In der klinischen Praxis wird die Dosierung durch das individuelle Ansprechen der Probanden bestimmt. Tatsächlich gibt es keinen identifizierten Parameter, der das Molekül, die Dosis, den Zeitpunkt der Einnahme und die Häufigkeit der Einnahme vorhersagt, bei der eine einzelne Person einen optimalen Nutzen aus der Medikation ziehen wird. … In der klinischen Praxis werden die Medikamente der Stimulanzienklasse auf mindestens fünf Arten an die Bedürfnisse und Reaktionen des einzelnen Patienten angepasst: Wirkstoff, Verabreichungssystem, Dosis, Dauer und Häufigkeit.” (E 4) 44
3. Medikamentenwahl nach spezifischen Problemfällen
3.1. Responding
Bedeutung für Betroffene
Etwa ein Drittel der Betroffenen spricht auf Dextroamphetamin besser an, gut ein Viertel auf Methylphenidat, und bei knapp 40 % wirken beide gleich gut. Wenn ein Wirkstoff nicht wirkt, heißt das also nicht, dass der andere ebenfalls versagt.
Wirkt Methylphenidat nicht, ist der nächste Schritt üblicherweise ein Amfetaminmedikament (und umgekehrt). Erst danach kommen Atomoxetin und Guanfacin in Betracht.
Nach einer vergleichenden Übersichtsarbeit zeigten Kinder mit ADHS die beste Symptomverbesserung mit: (E 1a)7
-
Dextroamphetamin: 35,5 %
-
Methylphenidat: 26,2 %
-
mit beiden Wirkstoffen gleich gut: 38,3 %
-
Dextroamphetamin: 35,5 %
-
Methylphenidat: 26,2 %
-
mit beiden Wirkstoffen gleich gut: 38,3 %
3.1.1. MPH-Nonresponder
- Erwachsene: AMP, dann Atomoxetin, dann Guanfacin, dann Bupropion.
- Kinder: AMP, dann Guanfacin, dann Atomoxetin, dann Bupropion.
3.1.2. Amphetaminmedikamente-Nonresponder
- Erwachsene: MPH, dann Atomoxetin, dann Guanfacin, dann Bupropion.
- Kinder: MPH, dann Guanfacin, dann Atomoxetin, dann Bupropion.
3.2. Behandlung spezifischer ADHS-Symptome
3.2.1. Inhibition / Impulskontrollsteuerung
Bedeutung für Betroffene
Wenn starke Impulsivität Ihr belastendstes Symptom ist, ist die Versuchung groß, die Stimulanziendosis so weit zu erhöhen, bis auch sie verschwindet. Davon ist abzuraten: Für die übrigen Symptome läge dann eine Überdosierung vor. Impulsivität wird über einen anderen Botenstoff vermittelt und lässt sich gegebenenfalls gezielt mit einem sehr niedrig dosierten Antidepressivum angehen (das ist etwas anderes als eine Depressionsbehandlung).
Wissenschaftlich: Neuroanatomische Zuordnung der Inhibitionsdefizite
(E 4): Das ADHS-Symptom der mangelnden Inhibition der exekutiven Funktionen wird dopaminerg durch die Basalganglien (Striatum, Putamen) verursacht.(E 4)45 Eine mangelnde Inhibition der Emotionsregulierung wird noradrenerg durch den Hippocampus verursacht.(E 4)45 Daher dürfte ersteres einer dopaminergen Behandlung besser zugänglich sein, während Emotionsregulierung und Affektkontrolle besser noradrenerg zu behandeln sein dürften.
Impulsivität wird zudem serotonerg vermittelt. Ist starke Impulsivität ein herausragendes Symptom des Betroffenen, wäre es fahrlässig, Stimulanzien unbesehen so hoch zu dosieren, dass dieses adäquat beseitigt wird, da damit hinsichtlich der übrigen Symptome überdosiert würde. Bei hervorstechend hoher Impulsivität kann für diese eine Behandlung mit niedrig dosierten SSRI hilfreich sein.
- Serotoninwiederaufnahmehemmer
- deutlich geringer dosiert als bei Verwendung als Antidepressiva
- z.B.:
- Escitalopram 2 bis 4 mg/Tag
- Imipramin 10 mg/Tag
3.2.2. Unaufmerksamkeit / ADHS-I
Bedeutung für Betroffene
Steht Unaufmerksamkeit im Vordergrund und spielt Hyperaktivität kaum eine Rolle, könnten Amfetaminmedikamente günstiger sein als Methylphenidat, weil sie eher antriebssteigernd wirken. Gesichert ist das nicht (die Einordnung stammt überwiegend aus Erfahrungsberichten und einer sehr kleinen Studie). Es ist ein Argument, das im Gespräch erwähnenswert ist, kein feststehender Befund.
Wissenschaftlich: Selegilin beim vorwiegend unaufmerksamen Subtyp
In einer kleinen placebokontrollierten Crossover-Studie an n = 11 Kindern von 6 bis 13 Jahren verbesserte Selegilin die anhaltende Aufmerksamkeit, das Erlernen neuer Informationen, die Hyperaktivität und den Umgang mit Gleichaltrigen, nicht jedoch die Impulsivität. Negative Nebenwirkungen traten nicht auf. Die Autoren halten Selegilin daher vor allem beim vorwiegend unaufmerksamen Subtyp für erwägenswert.(E 2a)46
Amfetaminmedikamente wirken wohl aktivierender als Methylphenidat. Daher sind Amphetamin-Medikamente bei ADHS-I sinnvoller als Methylphenidat.
Es wird auch berichtet, dass ADHS-I-Betroffene bei MPH häufiger Nonresponder seien.
Während MPH eher inhibierend wirkt, und sich damit zur Behandlung von ADHS-HI (mit Hyperaktivität (Kinder) / innerer Anspannung (Erwachsene).) besonders eignet, wirkt D-Amphetamin stärker aktivierend / antriebssteigernd und soll sich daher besser zur Behandlung von ADHS-I eignen (ohne Hyperaktivität (Kinder) / innere Unruhe (Erwachsene).)(E 4)47 Die unterschiedliche Eignung beruht auf verschiedenen Wirkorten. Dexamphetamin aktiviert D2-Rezeptoren im Striatum mit sekundärer Noradrenalinfreisetzung und hebt damit das Arousal, was bei einem unteraktivierten vegetativen Nervensystem, wie es beim unaufmerksamen Typ angenommen wird, hilfreich ist. Methylphenidat erhöht die Dopaminkonzentration dagegen über die Blockade der Wiederaufnahme. Amfetamine steigern zudem Vigilanz und Aufmerksamkeit und verbessern die Geräusch- und Lärmdifferenzierung, was für die Wahrnehmungsfilterung wesentlich ist. Da Wirkungsweisen und Wirkorte verschieden sind, sind Methylphenidat und Dexamphetamin nicht beliebig austauschbar. (E 4)47
Bei peripherer und pulmonalarterieller Hypertonie sowie bei kardiovaskulären Leiden ist Dexamphetamin kontraindiziert. Blutdruck und Puls müssen vor der ersten Verabreichung geprüft werden. (E 4)47
Diesseits sind jedoch etliche ADHS-HI-Betroffene bekannt, denen Amphetaminmedikamente deutlich besser helfen als MPH.
Bei Betroffenen vom ADHS-I-Subtyp, von denen ein signifikanter Teil MPH-Nonresponder sein soll(E 4)48 ist D-Amphetamin daher möglicherweise eine effiziente Alternative zu MPH.
3.2.3. Emotionale Dysregulation
Bedeutung für Betroffene
Schwierigkeiten mit der Gefühlsregulation gehören für viele Betroffene zu den belastendsten Anteilen von ADHS. Emotionale Dysregulation betrifft bis zu zwei Drittel der erwachsenen ADHS-Betroffenen und gilt zunehmend als Kernsymptom (nicht als Begleiterscheinung).
Stimulanzien helfen hier, wirken aber nur während ihrer Wirkzeit. Abends und morgens kann das Problem zurückkehren. Atomoxetin und Guanfacin wirken dagegen über den ganzen Tag und sind hier im Vorteil, wirken dafür schwächer auf die übrigen ADHS-Symptome.
Unserer Erfahrung nach sind Atomoxetin und Guanfacin bei der Behandlung emotionaler Dysregulation gegenüber Stimulanzien im Vorteil. Gerade das sozial sehr beeinträchtigende Symptom der Rejection Sensitivity, die vor allem soziale Beziehungen und Partnerschaften sehr belasten kann, was vor allem außerhalb der Wirkzeit von Stimulanzien zum Tragen kommt, kann durch ganztägig wirkende Nichtstimulanzien deutlich verbessert werden.
Weiter haben Nichtstimulanzien den Nachteil einer schwierigeren Eindosierung (Pegelmedikamente), die Wochen dauern kann, sowie eine deutlich niedrigere Effektstärke auf die übrigen ADHS-Symptome bei zugleich höheren Nebenwirkungen. Insbesondere erreichen sie nicht die durch Stimulanzien erreichbare Steuerung des Antriebs und der Motivation. Daher empfiehlt sich hier eine Kombination von (jeweils niedriger dosierten) Nichtstimulanzien und Stimulanzien. Bei Betroffenen, die zu einer fein abgestuften Dosierung in der Lage sind, wird dies häufig der optimale Weg sein.
Jugendliche unter ADHS-Medikation unterschieden sich in ihrer emotionalen Regulation nicht mehr von Gleichaltrigen ohne ADHS, unbehandelte dagegen deutlich. Bei Erwachsenen verbesserte retardiertes Methylphenidat in einer placebokontrollierten Studie über 24 Wochen auch die emotionalen Symptome. Eine einmalige Gabe verbesserte die Emotionsregulation im Labor nicht. Der Nutzen zeigt sich im Alltag erst über Wochen.
Emotionale Dysregulation ist ein dimensionales Merkmal und nicht ADHS-spezifisch (sie ist auch bei anderen neurologischen Entwicklungsstörungen und bei früh beginnenden affektiven und Angststörungen häufig). Langfristig stellt sie einen Risikofaktor für weitere psychische Erkrankungen dar, etwa für Persönlichkeitsstörungen der Cluster B und C. Bei Erwachsenen mit ADHS betrifft sie bis zu zwei Drittel der Betroffenen.4950 Emotionale Dysregulation betrifft bis zu zwei Drittel der erwachsenen ADHS-Betroffenen und gilt zunehmend als Kernsymptom. Sie geht mit stärkerer funktioneller Beeinträchtigung und mehr psychiatrischen Komorbiditäten einher.50
Emotionale Dysregulation bei ADHS kann mit Stimulanzien oder Atomoxetin behandelt werden. (E 1a)49
Stimulanzien, z.B. (E 1b): Methylphenidat (E 1b)51, verbessern erfahrungsgemäß nicht nur Aufmerksamkeit und verringern Hyperaktivität und Impulsivität, sondern verbessern auch die emotionale Selbstregulierung, was zumindest teilweise Folge der verringerten Impulsivität sein kann.(E 2b)52(E 2b)53(E 2b)54(E 1b)51 In einem 24-wöchigen RCT an n = 363 Erwachsenen mit ADHS verbesserte retardiertes Methylphenidat (bis 60 mg/Tag) nicht nur die kognitiven, sondern auch die emotionalen Symptome deutlicher als Placebo. In zwei Langzeitstudien sprach die emotionale Dysregulation bereits akut auf retardiertes Methylphenidat an und verbesserte sich über sechsmonatige Nachbeobachtungen weiter.54In einer Untersuchung an n = 1.480 vorgescreenten Betroffenen erzielten Erwachsene, die drei Monate lang Psychotherapie beziehungsweise Beratung zusammen mit Methylphenidat erhielten, deutlich bessere Werte bei Impulsivität und emotionaler Labilität als jene mit Psychotherapie plus Placebo. Eine achtwöchige doppelblinde Studie fand für Lithium (bis 1.200 mg/Tag) und Methylphenidat (bis 40 mg/Tag) ähnliche Verbesserungen bei Reizbarkeit, aggressiven Ausbrüchen, Angst und Übererregbarkeit.49
In einer Beobachtungsstudie an N = 297 Jugendlichen (mittleres Alter 15,8 Jahre; davon n = 86 mit ADHS) unterschied sich die emotionale Dysregulation bei den Jugendlichen unter laufender ADHS-Medikation nicht von der bei Jugendlichen ohne ADHS. Unbehandelte Jugendliche mit ADHS zeigten dagegen eine deutlichere emotionale Dysregulation. Auch bei bereits beendeter Medikation blieben Unterschiede zur Gruppe ohne Behandlung erkennbar.(E 2b)55Eine einmalige Stimulanziengabe an Erwachsenen mit ADHS zeigte keine Verbesserung der emotionalen Regulationsfähigkeit.(E 2b)50
Bei Erwachsenen liegen die Effektstärken mit ca. 0,5 für MPH, ca. 0,4 für Atomoxetin etwas niedriger als bei Kindern. Eine direkte Vergleichsstudie beider Wirkstoffe bei Erwachsenen existiert bislang nicht.
Für Alpha-2-Agonisten wie Guanfacin und Clonidin ist die Wirkung auf die emotionale Dysregulation nicht gezielt untersucht.49 Unserer Erfahrung nach sind Atomoxetin und Guanfacin bei der Behandlung emotionaler Dysregulation gegenüber Stimulanzien im Vorteil. Atomoxetin und Guanfacin wirken über den ganzen Tag. Gerade das sozial sehr beeinträchtigende Symptom der Rejection Sensitivity, die vor allem soziale Beziehungen und Partnerschaften sehr belasten kann, was vor allem außerhalb der Wirkzeit von Stimulanzien zum Tragen kommt, kann durch ganztägig wirkende Nichtstimulanzien deutlich verbessert werden. Dafür haben diese Medikamente die Nachteile einer schwierigeren Eindosierung (Pegelmedikamente), die Wochen dauern kann sowie eine deutlich niedrigere Effektstärke auf die übrigen ADHS-Symptome bei zugleich höheren Nebenwirkungen. Insbesondere die durch Stimulanzien erreichbare Steuerung des Antriebs und der Motivation ist durch Nichtstimulanzien nicht erzielbar. Daher empfiehlt sich hier eine Kombination von (jeweils niedriger dosierten) Nichtstimulanzien und Stimulanzien. Bei Betroffenen, die zu einer fein abgestuften Dosierung in der Lage sind, wird dies häufig der optimale Weg sein.
(E 1b): Bei bipolarer Störung und emotionaler Instabilität ist Atomoxetin als Monotherapie gut geeignet. In einer naturalistischen Untersuchung verringerte sich die emotionale Dysregulation unter Atomoxetin ohne Stimmungsstabilisator und unter Methylphenidat nur mit begleitendem Stimmungsstabilisator.(E 2b)56(E 4)57(E 1b)58
Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse fasst die Wirkung der ADHS-Medikamente auf die emotionale Dysregulation bei Erwachsenen zusammen.59
Eine multizentrische randomisierte Studie verglich Atomoxetin und Methylphenidat bei 152 Kindern mit ADHS hinsichtlich ihrer Wirkung auf die emotionale Labilität. In beiden Gruppen verringerte sich die emotionale Labilität deutlich, ohne signifikanten Unterschied zwischen den Wirkstoffen. Dieser Effekt blieb auch nach Herausrechnen der Verbesserung der ADHS-Kernsymptome bestehen. Die emotionale Dysregulation bessert sich also nicht nur als Folge der Symptomverbesserung. Begleitende Kernspinuntersuchungen fanden entsprechende Veränderungen der Verbindung zwischen Amygdala und präfrontalen bzw. cingulären Regionen. Da die Studie keine Placebogruppe hatte, lässt sich der Anteil unspezifischer Effekte nicht abschätzen.60
In einer offenen, dreistufigen Studie über 10 Wochen an n = 30 Kindern und Jugendlichen von 6 bis 18 Jahren mit ADHS und emotionaler Dysregulation sprachen 22 (73,3 %) auf Methylphenidat an (Hedges’ g 2,62). Von den 8 Nonrespondern sprachen in der zweiten Stufe 5 auf Aripiprazol an. Die verbleibenden erhielten in der dritten Stufe die Kombination.(E 4)61
Es handelt sich um eine offene Studie ohne Placebogruppe. Es sind Vorher-Nachher-Werte, deren Effektstärken nicht mit den üblichen placebokontrollierten Effektstärken von etwa 0,8 bis 1,0 vergleichbar sind.
Eine Studie fand bei erwachsenen stationären ADHS-Patienten mit entsprechend starker emotionaler Dysregulation (Reizbarkeit), dass eine Kombination von MPH mit Stimmungsstabilisatoren wie Lithium, Valproat, einer Kombination von Lithium und Valproat oder einer Kombination von Lithium und Oxcarbazepin hilfreich sein konnte, soweit eine Monotherapie mit Atomoxetin nicht ausreichte.(E 2b)56
Nach unserem Eindruck ist bei moderater emotionaler Dysregulation eine ausreichende Verbesserung durch Stimulanzien möglich. Genügt die Wirkung von Stimulanzien nicht, sind Atomoxetin (oder Guanfacin) hilfreich, die besser auf emotionale Dysregulation wirken, jedoch die typischen ADHS-Symptome weniger gut abdecken.
Im Zweifel ist eine Kombinationsmedikation von Atomoxetin (oder Guanfacin) mit Stimulanzien (jeweils entsprechend niedriger dosiert) hilfreich, da ATX als Ganztagesmedikament dann helfen kann, das Sozialleben auch außerhalb der Wirkzeiten der Stimulanzien (Familienleben am Abend) zu verbessern, während die Stimulanzien tagsüber Antrieb und Aufmerksamkeitssteuerung verbessern. Wir vermuten, dass sich diese Kombinationsmedikationen in der Zukunft als Standardbehandlungen etablieren werden, auch wenn dies nochmals mehr Geduld und Feingefühl bei der Eindosierung erfordert.
3.2.4. Rejection Sensitivity
Bedeutung für Betroffene
Rejection Sensitivity (die überstarke Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung) ist für viele Betroffene das sozial folgenreichste Symptom. Ein Großteil der Betroffenen berichtet, dass Stimulanzien sie deutlich verringert.
Alles, was darüber hinausgeht (Guanfacin und Clonidin, MAO‑Hemmer, Imipramin), beruht auf Erfahrungsberichten einzelner Ärzte, nicht auf kontrollierten Studien. Die hier genannten hohen Guanfacin- und Clonidin-Dosierungen liegen weit über den zugelassenen Höchstmengen. Sie dienen ausdrücklich nicht als Behandlungsvorschlag, sondern stellen dar, was in der Fachwelt diskutiert wird.
3.2.4.1. Methylphenidat
Viele ADHS-Betroffene berichteten, dass Stimulanzien erheblichen und unmittelbaren Einfluss auf ihre Rejection Sensitivity habe. Dabei berichteten 90 % von einem positiven und RS verringernden, 10 % von einem eher erhöhenden Einfluss durch MPH.
Ein ADHS-Betroffener berichtete, dass seine langjährig bestehende intensive Rejection Sensitivity seit der Behandlung mit MPH signifikant zurückgegangen ist. Er berichtete weiter, dass er mehrfach Rückfälle von Rejection Sensitivity feststellen konnte, wenn geeignete Auslöser vorhanden waren und er zugleich die MPH-Medikation auch nur für wenige Stunden vergessen hatte. Die Intensität der RS, die ein abendlicher Streit mit der Freundin (außerhalb der tagsüber bestehenden MPH-Medikation) auslöst, wurde innerhalb von 10 Minuten nach der Einnahme von MPH drastisch verringert.
Wissenschaftlich: Methylphenidat und Misstrauen (offene Vergleichsstudie mit und ohne ODD)
In einer offenen Vergleichsstudie an 60 Kindern und Jugendlichen von 8 bis 18 Jahren (je 30 mit und ohne komorbide oppositionelle Trotzstörung) verringerte eine 12-wöchige Methylphenidat-Behandlung das Gefühl von Misstrauen in beiden Gruppen signifikant (p = 0,0012 bei ADHS mit ODD, p = 0,0273 bei ADHS allein)). Nur bei ADHS mit ODD hing das Ausmaß der Verbesserung mit der Verbesserung der ADHS-Symptome zusammen (Spearman r = 0,48; p = 0,0066).(E 1b)62
3.2.4.2. Guanfacin und Clonidin
Bei einer Rejection Sensitivity sei eine Kombination der Alpha-2-Adrenorezeptor-Agonisten Guanfacin und Clonidin laut einem einzelnen Erfahrungsbericht eines amerikanischen Arztes (Dodson) besonders wirksam. Dieser berichtet, dass bei einer Dosierung von zwischen 0,5 und 7 mg Guanfacin und zwischen 0,1 mg bis 0,5 mg Clonidin jeder dritte Betroffene seine Rejection Sensitivity Symptome verliert. Er berichtet weiter, dass der Einfluss auf die Lebensqualität durch diese Behandlung im Ergebnis größer sei als die Behandlung durch Stimulanzien.(E 4)63
Dodson berichtet weiter von einer Studie der Harvard-Universität, dass eine Anhebung der Dosierung für Guanfacin bis auf 4 mg und für Clonidin bis auf 7-8 mg ein um 40 % höheres Ansprechen bewirke, wobei diese Dosierung jedoch über den empfohlenen Limits liege. Hierbei ergeben sich zudem erhöhte Nebenwirkungen.
1 mg Guanfacin: niedrig. 4 mg Guanfacin: oberes Ende des normalen Bereichs. 7 mg Guanfacin: Grenze des medizinisch vertretbaren. Clonidin 0,1 mg: niedrig, übliche Einstiegsdosis, meist abends. 0,4 bis 0,5 mg pro Tag: hohe Gesamtdosis im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich.
Guanfacin ist als ADHS-Medikament im Vergleich zu Atomoxetin wirksamer, jedenfalls bei Kindern. Für Erwachsene ist es nicht zugelassen.
3.2.4.3. MAO‑A-Wiederaufnahmehemmer
Dodson (E 4)63 beschreibt weiter Erfolge mit MAO‑A‑Wiederaufnahmehemmern, insbesondere mit Parnate (Tranylcypromin), was die bisher übliche Behandlung bei Rejection Sensitivity gewesen sei. MAO‑A‑Wiederaufnahmehemmer seien auch in Bezug auf ADHS‑Symptome erfolgreich eingesetzt worden.
3.2.4.4. Imipramin, Phenelzin
Imipramin und Phenelzin sollen je nach Art der weiteren Symptomlage jeweils besser geeignet sein (als Valproat), Rejection Sensitivity zu bekämpfen.(E 2b)64.
Imipramin ist bei ADHS ein denkbares Ergänzungsmedikament zu Stimulanzien. Es sollte jedoch die gegenseitige Wirkungsverstärkung von Imipramin und Methylphenidat beachtet werden.
3.2.4.5. Valproat bei Borderline
Valproat (250 mg bis 500 mg) verbesserte bei 50 % von Borderline-Betroffenen moderat die Symptome der Reizbarkeit, Wut, Angst, Rejection Sensitivity und Impulsivität. Die Ergebnisse variierten von Betroffenem zu Betroffenem sehr.(E 4)65
3.2.5. Antriebsschwäche
Bedeutung für Betroffene
Bei ausgeprägter Antriebsschwäche gelten Amfetaminmedikamente als erste Wahl. Bupropion kann unterstützen (aber Vorsicht: Bei ADHS mit Hyperaktivität kann es die Symptomatik verschlechtern).
- Amphetaminmedikamente
- bei AMP-Nonresponding: MPH
Ergänzend:
Bupropion kann bei einer Antriebsschwäche unterstützend wirken. Umgekehrt kann Bupropion bei ADHS-HI und ADHS-C zur Dekompensation führen.
- Amphetaminmedikamente
- bei AMP-Nonresponding: MPH
Ergänzend:
Bupropion kann bei einer Antriebsschwäche unterstützend wirken. Umgekehrt kann Bupropion bei ADHS-HI und ADHS-C zur Dekompensation führen.
3.2.6. Starke Symptomatik frühmorgens und/oder abends
Bedeutung für Betroffene
Wenn die Symptome vor allem früh morgens oder abends belasten (also außerhalb der Wirkzeit von Stimulanzien), kann dies durch ein zusätzliches Nichtstimulans verbessert werden, da diese den ganzen Tag abdecken. Das ist einer der häufigsten Gründe für eine Kombinationsbehandlung.(E 4)66
Hier kommen vornehmlich Atomoxetin und Guanfacin (letzteres für Erwachsene off-label) in Betracht, nachrangig hierzu auch Bupropion
Siehe hierzu unter Eindosierung von Medikamenten bei ADHS
3.3. Medikamentenwahl bei Komorbiditäten zu ADHS
3.3.1. Angststörung komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Stimulanzien verstärken normalerweise keine Ängste. Dies ist gut untersucht. Metaanalysen zeigen im Gegenteil, dass Angstsymptome unter Stimulanzien eher zurückgehen.
Bei einer Minderheit können Ängste dennoch zunehmen. Das passiert häufiger bei Amfetaminmedikamenten als bei Methylphenidat und vor allem bei zu hoher Dosis. Ein Absetzen ist dann meist nicht nötig (häufig genügt eine Dosisanpassung). Hier sollte der Arzt angesprochen werden, anstatt eigenständig abzusetzen.
3.3.1.1. Angststörungen allgemein komorbid zu ADHS
3.3.1.1.1. Stimulanzien
Manche Ärzte haben Vorbehalte gegen eine Stimulanzienbehandlung bei Kindern mit ADHS und komorbider Angststörung, da „Angstzustände und Nervosität“ von großen Arzneimittel-Informationsdatenbanken wie Micromedex, Lexicomp (heute UpToDate Lexidrug) und UpToDate als häufige Nebenwirkung von Stimulanzien genannt werden.(E 1a)67.
Die meisten ADHS-Betroffenen profitieren jedoch von einer Stimulanzienbehandlung auch in Bezug auf komorbide Angstsymptome.(E 1a)67 Betroffene mit ADHS und komorbider Angst- oder Impulskontrollstörung sprechen in Bezug auf ADHS-Symptome ebenso gut auf Stimulanzien an wie Betroffene ohne diese Komorbiditäten. (E 1a)14
Eine Meta-Analyse von k = 23 Studien an n = 2.959 Kindern mit ADHS fand unter Stimulanzien ein signifikant geringeres Risiko für Angstsymptome als unter Placebo (relatives Risiko 0,86; 95-%-KI 0,77 bis 0,95).(E 1a)68
Unretardierte Methylphenidat-Derivate verringerten Angstzustände stärker als Placebo (RR 0,85 für MPH-Derivate, RR 0,83 für kurz wirksame Präparate). Amphetamin-Derivate unterschieden sich nicht von Placebo.(E 1a)68
Bei einer Minderheit von ADHS-Betroffenen können Stimulanzien Angstzustände dennoch verschlimmern. (E 1a): Dies tritt häufiger bei Amphetaminmedikamenten als bei Methylphenidat auf und am ehesten dann, wenn die empfohlenen Tageshöchstdosen überschritten werden.(E 1a)67 Zu beachten ist dabei: In der oben genannten Meta-Analyse selbst waren höhere Dosen mit weniger, nicht mit mehr Angst verbunden.(E 1a)68 Angstsymptome können durch Stimulanzien gleichwohl verstärkt werden, da Angst und Stimmung durch die dopaminerge Aktivität des ventromedialen präfrontalen Kortex in Verbindung mit dem limbischen System reguliert werden.(E 4)69
Wir kennen aus dem Forum Berichte von Depressions- oder Angst-Symptomen als Nebenwirkung bei der Eindosierung von Amphetaminmedikamenten. Derartige Berichte sind zwar eher selten, jedoch sollten sie ernst genommen werden. In diesen Fällen ist im ersten Schritt ein Wechsel des Wirkstoffes anzudenken.
Stimulanzien können daher bei Kindern mit ADHS und komorbider Angststörung verwendet werden. Selbst bei Auftreten von Angstzustände ist ein Absetzen der Stimulanzien nur selten erforderlich.(E 1a)67
Wissenschaftlich: Proteomanalyse zu Lisdexamfetamin und Angstsymptomen
Eine Computersimulation der von Lisdexamfetamin beeinflussten Proteine (mitverfasst vom Hersteller) sagte einen günstigen Effekt auch bei Angstzuständen voraus. Klinische Daten hierzu liegen nicht vor. (E 2b) 70
Laut Fachinformation ist Elvanse in der Schweiz bei komorbider Angststörungen nicht (mehr) kontraindiziert. Dextroamphetamin (Attentin) sei bei Angststörungen in der Schweiz weiter kontraindiziert, MPH bei ausgeprägter Angst und Spannungszuständen.(E 4)20(E 4)21
3.3.1.1.2. Nichtstimulanzien
25 bis 35 % der Kinder mit ADHS haben eine komorbide Angststörung. (E 1b)71
(E 1a): Atomoxetin kann helfen, komorbide Angstsymptome bei Kindern und Jugendlichen zu verringern.(E 1a)72(E 1b)71(E 1b)73 Den stärksten Beleg liefert eine doppelblinde placebokontrollierte Studie an 176 Kindern von 8 bis 17 Jahren mit ADHS und einer Angststörung: Über 12 Wochen verringerte Atomoxetin sowohl die ADHS- als auch die Angstsymptome signifikant. (E 1b)71 Ein systematischer Review kam zum selben Ergebnis, stützt sich aber nur auf vier Studien. (E 1a)72 (E 1b)73 Der angstlösende Effekt war dabei bei tatsächlich vorhandener Angststörung größer als bei ADHS allein. Die mittlere Atomoxetin-Dosis lag in den eingeschlossenen Studien bei 1,3 bis 1,5 mg/kg/Tag. (E 1a)72
(E 1a): Es wurde von positiven Effekten von Atomoxetin auf komorbide Angststörungen berichtet.(E 4)74 Atomoxetin soll dabei in Bezug auf Angst eine Effektstärke von 0,5 aufweisen.(E 1a)14
(E 1b): Die Verbesserung der Angstsymptomatik durch Atomoxetin war etwas größer als die durch MPH, allerdings erst ab der vierten Behandlungswoche. In den ersten Wochen fand sich kein Unterschied.(E 1b)75(E 4)76Ein direkter Vergleich mit Methylphenidat in einer offenen Studie mit n = 60 Kindern ergab bei Angst ebenfalls einen Vorteil für Atomoxetin.35
(E4): Guanfacin sei in der Schweiz bei komorbider Angststörung nicht kontraindiziert. Atomoxetin sei in der Schweiz bei Patienten mit ausgeprägten Angstzuständen, die ein Risiko für suizidales Verhalten aufweisen, kontraindiziert. (E 4): Vermutlich bezieht sich diese Information auf die schweizerische Rechtslage.(E 4)20(E 4)21
3.3.1.1.3. Kombinationsmedikation
Eine offene Studie ohne Kontrollgruppe untersuchte an 29 Erwachsenen mit ADHS und komorbider generalisierter Angststörung die ergänzende Gabe von Atomoxetin zu einem SSRI oder SNRI. Alle Probanden hatten auf achtwöchige Behandlungsversuche mit SSRI oder SNRI nur teilweise angesprochen. Unter der Kombination verbesserten sich sowohl die ADHS- als auch die Angstsymptome. (E 4)77
Komorbide Angststörung wurde von einem Review als Indikation für eine Komedikation von Stimulantien mit Guanfacin (extended release) genannt.(E 4)66
Vorteilhafte klinische Erfahrungen bei ADHS und leichter bis mittlerer komorbider Angststörung wurden berichten Krause & Krause von:
- Stimulanzien plus Venlafaxin 18,75 bis 150 mg/Tag (E 4)78
- Stimulanzien plus Duloxetin 30 mg/Tag (E 4)78
- Stimulanzien plus Fluoxetin 10 bis 20 mg/Tag (E 4)78
Ein Einzelfallbericht schildert eine 15-jährige ADHS-Betroffene, bei der Atomoxetin (bis 60 mg/Tag über 2 Monate) ohne jede Wirkung blieb und Methylphenidat (bis 72 mg/Tag) nur mäßig wirkte, dabei aber eine ausgeprägte Dysphorie und Angst auslöste, die auch durch Dosisreduktion nicht besser wurde. Ein Behandlungsversuch mit ergänzendem Clonidin musste wegen symptomatischer Bradykardie und Präsynkope abgebrochen werden. Ergänzend gegebenes Vortioxetin (10 mg/Tag) verringerte die Angst deutlich (HAM-A von 38 auf 14) und verbesserte zudem die kognitive Leistung. Die Kombination wurde gut vertragen und nach 10 Monaten noch beibehalten.(E 4)79
Es wurde berichtet, dass CBD bei Angstbetroffenen half, die Dosierung der anxiolytischen Medikamente zu verringern.
3.3.1.2. Komorbide Sozialphobie bei ADHS
Es wurde von positiven Effekten von Atomoxetin auf komorbide soziale Ängste berichtet.(E 4)74
3.3.2. Depression komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Bei ADHS mit komorbider Depression ist die Reihenfolge der Behandlung entscheidend. Meist wird zuerst das ADHS behandelt. Bei vielen Betroffenen bessert sich die depressive Verstimmung dann von selbst, weil ein erheblicher Teil davon Folge der unbehandelten ADHS-Belastung ist.
Erst wenn die Depression bestehen bleibt, kommt eine zusätzliche antidepressive Behandlung in Betracht. Die Kombination von ADHS-Medikamenten und Antidepressiva ist grundsätzlich möglich und üblich. Welche Kombination im Einzelfall passt, hängt davon ab, welche Beschwerden überwiegen.
Eine bestehende Depression ist jedenfalls kein Grund, auf eine ADHS-Behandlung zu verzichten.
Da Stimulanzien antriebssteigernd wirken, kann dies eine bestehende suizidale Tendenz freisetzen, die bisher aufgrund einer bestehenden Depression nicht ausgeführt wurde. Stimulanzien sollten daher bei (auch verdeckter) schwerer Depression nur unter besonderer Vorsicht eingesetzt werden.
(E 2b): Eine Studie fand keine erhöhte Suizidneigung bei MPH, wenn innerhalb der Gruppe der mit MPH behandelten Betroffenen die Zeiten von Einnahme und Nichteinnahme verglichen wurden.(E 2b)22 Weitere Studien berichten eine Verringerung des Suizidrisikos bei dauerhafter MPH-Einnahme.(E 3)80
Dysthymie/Dysphorie im Sinne einer dauerhaft (seit Jahren) bestehenden leichten Depression (Verstimmung, insbesondere bei Inaktivität) ist nur selten eine komorbide Depression, sondern regelmäßig eine originäre ADHS-Symptomatik. Bei Dysthymie / Dysphorie ist nach diesseitiger Auffassung eine ADHS-orientierte Medikation gerade mit aktivierenden Mitteln angezeigt (Bupropion, Amphetaminmedikamente).Bei einer komorbiden leichten bis mittleren Depression (unserer Auffassung nach ggf. auch bei einer schweren Depression bei ausgeschlossenem Risiko suizidaler Tendenzen), sollte zuerst das ADHS behandelt werden. In Anbetracht der schnellen Wirksamkeit von Stimulanzien kann dann beobachtet werden, ob durch die Beseitigung der ADHS-Problematik der die Depression treibende Stressor entfällt. Dies ist recht häufig der Fall.
- Eine komorbide Depression ist häufig eine Folge des unbehandelten ADHS. Bei rund einem Drittel aller behandlungsresistenten Depressionen findet sich ein zuvor nicht diagnostiziertes ADHS. ADHS-Medikamente wirken sehr viel schneller (15 Minuten bis 1 Stunde) als Antidepressiva (zu 2 Wochen und mehr), auch wenn die richtige Feineinstellung auf ADHS-Stimulanzien oft Monate benötigen kann
- MPH hat keinen Steady State, Lisdexamfetamin einen Steady State von 5 Tagen (bei Langsamverstoffwechslern noch länger)
- Stimulanzien haben deutlich weniger Nebenwirkungen als Antidepressiva. Stimulanzien müssen nicht ausdosiert werden, sondern können sofort abgesetzt werden.
In der Folge können Präparate und Wirkstoffe sofort gewechselt werden - Stimulanzien haben nur in sehr seltenen Ausnahmefällen Absetznebenwirkungen, während AD sehr viel häufiger Absetznebenwirkungen haben, die in manchen Fällen sehr stark werden können (insbesondere bei Venlafaxin, bis hin zur Klinikreife)
- Stimulanzien weisen eine sehr viel größere Effektstärke auf (MPH 0,9 bis 1,1, Lisdexamfetamin bis 1,5, jeweils in Bezug auf ADHS) als Antidepressiva (im Schnitt 0,3, dabei Venlafaxin mit dem besten Wert von 0,49 auf Depression).
3.3.2.1. Stimulanzien-Monotherapie als erster Schritt bei komorbider Depression und ADHS
Bei ADHS-Betroffenen mit komorbider Depression fand sich während der Zeit einer ADHS-Medikation ein um 20 % niedrigeres Depressionsrisiko als in der unmedikamentierten Zeit. Das 3-Jahres-Langzeitrisiko einer Depression verringerte sich um 43 %.(E 2b)81
Eine Behandlung erwachsener ADHS-Betroffener mit MPH verbesserte zugleich eine bestehende depressive Symptomatik, wenn auch nicht vollständig bis auf das Niveau der gesunden Kontrollen.(E 4)82
(E 1b): Amphetaminmedikamente eignen sich ((noch) besser als MPH) zur Mitbehandlung komorbider Dysphorie oder Depression(E 4)83(E 1b)84. Dies könnte möglicherweise an der spürbaren serotonergen Wirkung liegen. (E 4)85
Für Lisdexamfetamin als Zusatz zu einem Antidepressivum liegen bei leichter Restdepression mit fortbestehender Beeinträchtigung der Exekutivfunktionen positive Befunde vor. Größere Phase-3-Studien konnten sie allerdings nicht bestätigen.84 Amfetaminsalze wirken über MAO-Hemmung und Transmitterfreisetzung auch serotonerg. Dieselbe Eigenschaft erhöht bei gleichzeitiger Gabe mehrerer serotonerger Medikamente das Risiko eines Serotoninsyndroms.85 Ein Vorteil von Amfetaminmedikamenten gegenüber Methylphenidat bei komorbider Depression ist bislang nicht durch Vergleichsstudien belegt.
Eine kleine pharmakologische Studie fand, dass Atomoxetin den Noradrenalintransporter ähnlich stark hemmt wie Venlafaxin in höherer Dosis. Einzelne Teilnehmende zeigten dabei auch eine Besserung der Depression. Für einen Wirksamkeitsvergleich war die Studie nicht ausgelegt.86
(E 4): In Foren berichten etliche Betroffene von einer signifikanten antidepressiven Wirkung von Amfetaminmedikamenten, die sie von MPH nicht kennen.(E 4)87 dAMP sei im Vergleich zu MPH aktivierender und daher bei ADHS-I bevorzugt zu empfehlen, was aufgrund des häufig internalisierenden Charakters von Depression hier entsprechend helfen dürfte.(E 4)88
Wissenschaftlich: Proteomanalyse zu Lisdexamfetamin und Angstsymptomen
Eine Computersimulation der von Lisdexamfetamin beeinflussten Proteine (mitverfasst vom Hersteller) sagte einen günstigen Effekt auch bei Depressionssymptomen voraus. Klinische Daten hierzu liegen nicht vor. (E 2b) 70
Mittlere oder schwere Depressionen können durch Stimulanzien verstärkt werden, da Angst und Stimmungen durch die dopaminerge Aktivität des ventromedialen PFC in Verbindung mit dem limbischen System reguliert wird.(E 4)69
Wir kennen aus dem Forum Berichte von Depressions- oder Angst-Symptomen als Nebenwirkung bei der Eindosierung von Amphetaminmedikamenten. Derartige Berichte sind zwar eher selten, jedoch sollten sie ernst genommen werden. In diesen Fällen ist im ersten Schritt ein Wechsel des Wirkstoffes anzudenken.
Lisdexamfetamin (Elvanse) sei in der Schweiz bei komorbider schwerer Depression nicht (mehr) kontraindiziert. (E 4): Dextroamphetamin und MPH seien in der Schweiz bei schwerer Depression weiter kontraindiziert.(E 4)20(E 4)21 Ob sich dies nur auf die Schweiz oder auch auf Deutschland beziehe, ist nicht erkennbar.
Weder Stimulanzien noch Nichtstimulanzien waren mit einem erhöhten Risiko vollendeter Suizide verbunden. Das gilt für die Gesamtgruppe wie auch getrennt für die Altersgruppen von 12 bis 24 und 25 bis 49 Jahren und für Betroffene mit ärztlich gestellter ADHS-Diagnose. Auch die Dauer der Einnahme spielte keine Rolle. Im Vergleich zu einer reinen Stimulanzieneinnahme ergab sich für Nichtstimulanzien allein ein Chancenverhältnis von 1,27 (95-%-KI 0,62 bis 2,63), für die Kombination beider von 1,01 (0,33 bis 3,08) und für eine ADHS-Konsultation ohne Medikation von 0,94 (0,69 bis 1,28) (alle nicht signifikant).(E 3)89 Eine Kohortenstudie derselben Arbeitsgruppe fand, dass Behandlungsphasen mit Stimulanzien mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit und weniger unabsichtlichen Verletzungen verbunden waren. Nichtstimulanzien verringerten die Verletzungen, nicht aber die Sterblichkeit.90
3.3.2.2. Atomoxetin als Monotherapie
Ob Atomoxetin bei Depression wirksam ist, ist umstritten. (E 1a): Während die Mehrheit der Stimmen dies verneint (E 1a)26(E 4)91(E 1b)92, fand eine Studie eine Verbesserung der Depressionssymptome durch Atomoxetin, die der von Paroxetin und Venlafaxin entsprach (E 1a)86.
In einer placebokontrollierten Studie an 142 Jugendlichen mit ADHS und Major Depression verbesserten sich die ADHS-Symptome deutlich stärker als unter Placebo, die Depressionswerte dagegen nicht. Atomoxetin wirkte damit auf das ADHS, nicht aber auf die Depression.92
In einer offenen Vorstudie an Jugendlichen mit nichtsuizidalem selbstverletzendem Verhalten und klinischem oder subklinischem ADHS verbesserte ergänzend gegebenes Atomoxetin nach 12 Wochen sowohl das selbstverletzende Verhalten (p = 0,007) als auch die Depressionswerte (CDRS p < 0,001; CDI p = 0,031). Von 27 aufgenommenen Jugendlichen beendeten 23 die Behandlung (22 Mädchen, 1 Junge. Mittlere Enddosis 58,3 ± 13,7 mg).(E 1a)93In der Untergruppe mit vollem ADHS verbesserten sich sowohl die Depressionswerte (p = 0,017) als auch das selbstverletzende Verhalten (p = 0,034). Bei subklinischem ADHS verbesserten sich nur die Depressionswerte (p = 0,006), während sich bei Selbstverletzung lediglich ein Trend zeigte (p = 0,083).93
(E 4): Atomoxetin sei in der Schweiz bei Patienten mit schwerer Depression (unklar, ob nur bei denen, die ein Risiko für suizidales Verhalten aufweisen) kontraindiziert.(E 4)20(E 4)21
Eine Auswertung von Spontanmeldungen an die US-Arzneimittelbehörde fand für Atomoxetin ein auffälliges Meldesignal für suizidales und selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS, für Methylphenidat dagegen ein gegenläufiges. (E 3)94 Solche Meldeanalysen können mangels Nenner kein Risiko schätzen. Der seit 2005 bestehende Warnhinweis zu Atomoxetin erhöht die Meldebereitschaft.
Nach einer anderen Studie erhöhten weder Stimulanzien noch Stimulanzien statistisch signifikant das Risiko von Suiziden. (E 2b): Die Tendenz war bei Nichtstimulanzien jedoch erhöht, bei Stimulanzien auch diese nicht.(E 3)89
Eine Kohortenstudie an n = 279.315 Kindern und Jugendlichen fand demgegenüber kein erhöhtes Risiko für Suizide oder Suizidversuche unter Atomoxetin gegenüber Stimulanzien, egal ob ATX als Erstlinien- oder Zweitlinienmedikament eingesetzt wurde. (E 2b)95
Weitere Studien berichten eine Verringerung des Suizidrisikos bei dauerhafter Methylphenidat-Einnahme.2296
3.3.2.3. Guanfacin bei ADHS mit komorbider Depression
(E 4): Guanfacin ist in der Schweiz bei komorbider Depression nicht kontraindiziert.(E 4)20(E 4)21
3.3.2.4. Bupropion
Bupropion wirkt antidepressiv und wird zur Raucherentwöhnung eingesetzt. Bei ADHS ist Bupropion nach unserer Einschätzung ein Reservemittel (etwa 5. Wahl). Für ADHS ist Bupropion in Deutschland nicht zugelassen (Off-Label). Zu beachten ist, dass Bupropion die Krampfschwelle senkt und bei bestehenden oder früheren Krampfanfällen, bei Bulimie oder Anorexia nervosa (auch in der Vorgeschichte) sowie bei bipolarer Störung in der Vorgeschichte kontraindiziert ist.[NEU1]
Bei Probanden mit einem hohen polygenen Risikoscore (PGS) für ADHS war das Risiko suizidaler Gedanken unter SSRI um 66 % höher als unter Bupropion; SNRI und SSRI erhöhten das Risiko in gleichem Maße. Bei niedrigem PGS betrug der Unterschied zwischen SSRI und Bupropion nur 6 %. Es handelt sich um einen Preprint (medRxiv), der noch kein Peer-Review durchlaufen hat. Die Ergebnisse sind daher vorläufig.(E 2b)97
Beim Vergleich von SSRI und SNRI zeigte sich ein Geschlechtsunterschied: Bei Männern war das Risiko suizidaler Gedanken unter SSRI gegenüber SNRI um 31 % erhöht (Hazard Ratio 1,31; 95-%-KI 1,04 bis 1,65), bei den übrigen Geschlechtern nicht (0,86; 0,70 bis 1,05; p für Interaktion 0,01).(E 2b)97
3.3.2.5. Kombinationsmedikation bei komorbider Depression und ADHS
3.3.2.5.1. Atomoxetin und Fluoxetin
Eine doppelblinde Studie an 173 Kindern und Jugendlichen mit ADHS und komorbiden Symptomen von Depression oder Angst verglich die Kombinationsbehandlung von Atomoxetin plus Fluoxetin gegenüber Atomoxetin plus Placebo. In beiden Gruppen verbesserten sich ADHS-, Depressions- und Angstsymptome deutlich. Die Kombination brachte gegenüber der Atomoxetin-Monotherapie keinen Zusatznutzen und wurde gut vertragen. Der Blutdruck bei der Kombinationstherapie war etwas stärker erhöht als bei der Monotherapie. Da alle Teilnehmenden Atomoxetin erhielten und ein reiner Placebo-Arm fehlte, lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten, ob die Besserung von Angst und Depression auf Atomoxetin zurückgeht. (E 1b)73
3.3.2.5.2. Atomoxetin und Sertralin
Eine Post-hoc-Genotypanalyse an Erwachsenen mit Depression (nicht mit ADHS) fand Hinweise auf eine besondere Wirkung von Atomoxetin zusätzlich zu Sertralin beim 5-HTTLPR-Genotyp s/s. Unter der Kombination erreichten 81,8 % der s/s-Träger eine Remission gegenüber 32,7 % der übrigen Genotypen. Sertralin allein zeigte keinen Genotypunterschied. Die Autoren bezeichnen ihre Schlüsse selbst als spekulativ. (E 1b)98
3.3.2.5.3. SSRI und MPH bei komorbider Depression zu ADHS
Eine Studie problematisiert, dass SSRI (wie z.B. Fluoxetin) eine mäßige suchtbedingte Genregulation von MPH im Striatum von Ratten verstärken, und damit eine Abhängigkeit von Methylphenidat verstärken könnten. (E 2b): Bei Vilazodon sei dies schwächer ausgeprägt.(E 2b)99Vilazodon verstärkte die durch MPH ausgelöste Bewegungsaktivität der Tiere. Der schwächende Effekt wurde durch Blockade der 5-HT1A-Rezeptoren aufgehoben.(E 2b)99
3.3.2.5.4. Escitalopram und MPH bei komorbider Depression zu ADHS
Klinische Daten zur Suchtgefährdung unter SSRI plus Methylphenidat beim Menschen liegen nicht vor. Eine Kohortenstudie an Jugendlichen fand für die Kombination von Methylphenidat und einem SSRI in 13 untersuchten Endpunkten kein erhöhtes Risiko. (E 2b)100
Im Vergleich der Wirkstoffe war das Risiko, eine Tic-Störung neu zu entwickeln, unter Fluoxetin deutlich niedriger als unter Escitalopram (Hazard Ratio 0,43; 95-%-KI 0,25 bis 0,71); in allen anderen Endpunkten unterschieden sich die beiden nicht.(E 2b)100
Wenn bei ADHS mit Depression ein SSRI zu Methylphenidat hinzukommt, ist daher Fluoxetin gegenüber Escitalopram vorzuziehen, sofern das Tic-Risiko eine Rolle spielt.
3.3.2.5.5. Fluoxetin und MPH bei komorbider Depression und ADHS
Positive Erfahrungen wurden berichtet von Stimulanzien plus Fluoxetin 10 bis 20 mg/Tag bei komorbider leichter bis mittelschwerer Depression(E 4)78
Eine offene Studie ohne Kontrollgruppe an n = 32 Kindern und Jugendlichen mit ADHS und komorbider Depression, bei denen MPH allein keine ausreichende Verbesserung der ADHS-Symptome zeigte, fand durch augmentierend gegebenes Fluoxetin bei fast allen Probanden deutliche Verbesserungen der ADHS-Symptomatik. Bei 40 % der Probanden genügte dazu bereits eine zusätzliche Gabe von unter 20 mg Fluoxetin. Erhöhte Nebenwirkungen zeigten sich bei langsamer Aufdosierung des Fluoxetins nicht. Bei einem Probanden verschlechterte sich der Zustand nach 12 Wochen.(E 2b)101 Eine weitere Studie fand für Fluoxetin keine erhöhten Nebenwirkungen bei einer MPH-Medikation bei ADHS und ein deutlich geringeres Risiko im Vergleich zu Escitalopram bei komorbiden TIC-Störungen.(E 2b)100
Eine kombinierte Gabe von MPH und Fluoxetin über vier Wochen im Trinkwasser verringerte bei jugendlichen Ratten angst- und depressionsähnliche Verhaltensweisen deutlich stärker als eines der beiden Medikamente allein und erhöhte zugleich die allgemeine Aktivität. Fluoxetin allein zeigte in diesen Tests keinen Effekt. Unter Fluoxetin allein und unter der Kombination nahmen Futteraufnahme und Körpergewicht ab.(E 2b)102
Dies widerspricht den Ergebnissen von103 nicht. Hier wurde am Ende der vierwöchigen Gabe gemessen, dort 24 Stunden und zwei Monate nach Behandlungsende.102103
Fluoxetin soll das einzige SSRI mit einer antriebssteigernden Wirkung sein. Als Monotherapie scheint es zur Behandlung von ADHS nicht geeignet. *⇒ [Fluoxetin bei ADHS](/de/page/220/fluoxetin-bei-adhs
Eine gemeinsame Gabe von MPH und Fluoxetin an jugendliche Ratten über 15 Tage bewirkte noch zwei Monate später, im Erwachsenenalter, eine erhöhte Sensitivität auf Belohnungsreize (sowohl auf Zucker als auch auf Kokain) und zugleich eine erhöhte Ängstlichkeit und Stressempfindlichkeit. Als Ursache fanden die Autoren eine langfristige Veränderung des ERK-Signalwegs im VTA. Wurde dieser Signalweg gezielt blockiert, verschwand der Effekt im Verhaltenstest.(E 2b)103 Es wurden jedoch gesunde männliche Tiere und keine ADHS-Modelltiere getestet.
Eine kombinierte orale Gabe von MPH und Fluoxetin über vier Wochen an jugendlichen Ratten verringerte die D2R-Bindung um rund 45 bis 52 %, was weder MPH noch Fluoxetin allein bewirkten; die D1R-Bindung blieb unverändert. Betroffen waren:(E 2b)104
- dorsales Caudate Putamen (51,5 %)
- dorsolaterales Caudate Putamen (50,4 %)
- Nucleus Accumbens Core (44,8 %)
- ventrales Caudate-Putamen (47,7 %)
- ventromediales Caudate-Putamen (49,1 %)
Die D2R-Aktivität, insbesondere in den betroffenen Regionen, hat eine Schlüsselrolle beim Lernen und Gedächtnis sowie beim Erlernen von Suchtverhalten. Bei kokainabhängigen Menschen war die Verfügbarkeit von D2-Rezeptoren im Striatum gegenüber gesunden Kontrollpersonen um 15 bis 17 % verringert, und zwar gleichmäßig über alle Teilbereiche (limbisch 15,2 %, assoziativ 15,0 %, sensomotorisch 17,1 %; PET-Untersuchung an je 17 Personen). Ein Zusammenhang zwischen der D2-Verfügbarkeit und dem tatsächlichen Kokainkonsumverhalten ließ sich in dieser Untersuchung allerdings nicht nachweisen.(E 2b)105
3.3.2.5.6. Selegilin und Lisdexamfetamin bei komorbider Depression
(E 4): Ein Fallbericht schildert eine erfolgreiche Komedikation von transdermalem Selegilin und Lisdexamfetamin (Elvanse) bei einer Major Depression mit komorbidem ADHS; die Autoren betonen, diese Kombination solle nur mit Vorsicht und unter laufender Kontrolle von Puls und Blutdruck eingesetzt werden.(E 4)106 Eine Übersichtsarbeit zur Komedikation von Stimulanzien und MAO-Hemmern fand keine dokumentierten Blutdruckkrisen, wenn das Stimulans vorsichtig hinzugefügt wurde.(E 4)107
Somit kann auch eine Kombinationsmedikation von Selegilin mit Stimulanzien bei ADHS in Betracht gezogen werden.
3.3.2.5.7. Duloxetin und Stimulanzien bei komorbider Depression
Positive Erfahrungen wurden berichtet von Stimulanzien plus Duloxetin 30 mg/Tag bei leichter bis mittelschwerer Depression(E 4)78
3.3.2.5.8. Venlafaxin und Stimulanzien bei komorbider Depression
Positive Erfahrungen wurden berichtet von Stimulanzien plus Venlafaxin 18,75 bis 150 mg/Tag bei leichter bis mittelschwerer Depression(E 4)78
Wir kennen viele Berichte von massiven Absetzerscheinungen bei Venlafaxin. Das Absetzen gelang zuweilen gar nicht oder dauerte ein halbes Jahr, bei zugleich massiven Nebenwirkungen. Vor diesem Hintergrund sollte Venlafaxin als eines der letzten letztes Antidepressivum in Betracht gezogen werden.
3.3.2.5.9. MAO-Hemmer und Stimulanzien bei komorbider Depression
Stimulanzien werden von erfahrenen Behandlern in Einzelfällen mit MAO-Hemmern kombiniert. Eine Übersichtsarbeit fand in der Literatur von 1962 bis 2003 keine dokumentierten Fälle hypertensiver Krisen oder Todesfälle, wenn das Stimulans vorsichtig zu einem bereits bestehenden MAO-Hemmer hinzugefügt wurde. Zu beachten ist gleichwohl: Die Fachinformationen benennen die Kombination weiterhin als Gegenanzeige, und eine ältere Einzelfallbericht Literatur108beschreibt einen Todesfall. Die Kombination gehört daher in erfahrene Hände und erfordert eine engmaschige Kontrolle von Blutdruck und Puls.(E 4)107
Die Sicherheitsanforderung ist, dass MAO-Hemmer vor einer Stimulanzieneinnahme 14 Tage abgesetzt sein müssen.
3.3.2.5.10. Lamotrigin bei ADHS mit komorbider Depression
Siehe hierzu unter Lamotrigin bei ADHS
3.3.2.5.11. Komorbide Depressionen mit speziellen Ausprägungen
3.3.2.5.12. Komorbide Depression mit Konzentrations- und Antriebsstörungen
Bei komorbider Depression mit Konzentrations- und Antriebsstörungen soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
3.3.2.5.13. Komorbide Depression mit starker Antriebsstörung
Bei komorbider Depression mit ausgeprägten Antriebsstörungen soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
- Bupropion 150 bis 300 mg(E 4)109
3.3.2.5.14. Komorbide Depression mit Zwangsanteilen
Bei komorbider Depression mit zwanghafter Persönlichkeitsstruktur soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
- Sertralin 50 bis 100 mg(E 4)109
3.3.2.5.15. Komorbide Depression mit Gereiztheit
Bei komorbider gereizter Depression soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
- Moclobemid 75 bis 150 mg(E 4)109
3.3.2.5.16. Komorbide Depression mit Reizoffenheit
Bei komorbider Depression mit starker Reizoffenheit soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
3.3.3. Bipolar komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Bei einer bipolaren Störung gilt, dass zuerst die Stimmung stabilisiert sein muss, damit dann ADHS behandelt werden kann. Unter dieser Bedingung erhöhen ADHS-Medikamente das Risiko für manische Episoden nach heutigem Kenntnisstand nicht.
Entscheidend ist, dass der Stimmungsstabilisator antimanisch wirksam ist (Lithium, Valproat oder ein Antipsychotikum). Lamotrigin zählt in diesem Sinne nicht dazu. 110 Eine ADHS-Behandlung ohne begleitende Stimmungsstabilisierung ist bei bipolarer Störung nicht ratsam.
Methylphenidat und gemischte Amphetaminsalze seien die vielversprechendsten Optionen für die Behandlung von Bipolarer Störung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Die Datenlage zu Atomoxetin, Viloxazin, Modafinil, Armodafinil ist begrenzt. Ebenso gilt dies für Lisdexamfetamin (das einzige Stimulans, das für die Behandlung von ADHS vermarktet wird und zugleich als Add-on-Strategie für behandlungsresistente bipolare Depressionen untersucht wurde). Der Einsatz dieser Wirkstoffe ist daher vorsichtig und individualisiert zu bewerten. ADHS-Medikamente zeigen ein günstiges Sicherheitsprofil ohne erhöhtes Risiko für manische Episoden, insbesondere wenn sie mit Stimmungsstabilisatoren kombiniert werden.(E 4)111
In einem Fachkommentar werden Methylphenidat und gemischte Amfetaminsalze als die vielversprechendsten Optionen bezeichnet. Die zugrunde liegende Evidenz gilt dabei ausdrücklich als vorläufig.111“
Diskutiert wird zudem die Bedeutung von Varianten des DAT- und des COMT-Gens für das Zusammenspiel von ADHS und bipolarer Störung.111 Mehr hierzu unter COMT-Genpolymorphismus in Abschnitt 4.3.
MPH zusammen mit einem Stimmungsstabilisator erhöht das Risiko eines manischen Wechsels oder psychotischer Symptome nicht. Sind Stimulanzien unwirksam oder werden diese schlecht vertragen, scheint Atomoxetin eine Option zu sein.(E 1a)110
Eine behandlungsbedingte Manie trat unter Atomoxetin bei 0,0 %, unter Placebo bei 1,5 % der Jugendlichen auf.92
Stimulanzien können bei Kindern und Jugendlichen komorbider mit bipolarer Störung sicher eingesetzt werden, wenn die manischen/hypomanischen Symptome wirksam mit einem Stimmungsstabilisator behandelt werden.(E 1a)67
Wissenschaftlich: Metaanalyse zum Manierisiko von Stimulanzien bei bipolarer Störung
Eine Meta-Analyse von k = 5 quantitativ auswertbaren Studien mit N = 1.653 Datensätzen aus k = 27 Studien fand für Stimulanzien bei bipolarer Störung im Vergleich zu Placebo keinen Anstieg der Werte auf der Young Mania Rating Scale bei Patienten in euthymem oder depressivem Zustand (SMD minus 0,17; 95-%-KI minus 0,40 bis plus 0,06, also nicht signifikant). Die Studienergebnisse waren in hohem Maße heterogen (I² = 80 %), und eine qualitative Synthese der Studien zeigte ein begrenztes Risiko für medikamenteninduzierte manische Symptome.(E 1a)112
Eine schwedische Registerstudie fand, dass Methylphenidat ohne begleitenden Stimmungsstabilisator mit einem erhöhten Manierisiko verbunden war, mit Stimmungsstabilisator dagegen nicht. Das unterstreicht, wie wichtig die begleitende Stimmungsstabilisierung ist.113
Bei bipolarer Störung und starken Affektschwankungen soll hilfreich sein:
- Lamotrigin(E 4)109
- mehr hierzu unter Lamotrigin bei ADHS
- ggf. Carbamazepin oder Valproat
Bei komorbider bipolarer Störung mit gereizter Depression wurden gute Erfahrungen berichtet von
Wissenschaftlich: Proteomanalyse zu Lisdexamfetamin und Angstsymptomen
Eine Computersimulation der von Lisdexamfetamin beeinflussten Proteine (mitverfasst vom Hersteller) sagte einen günstigen Effekt auch bei bipolarer Störung voraus. Klinische Daten hierzu liegen nicht vor. (E 2b) 70
(E 4): Stimulanzien sollten auch bei stabil eingestellter bipolarer Störung nur mit Vorsicht gegeben werden:(E 4)20(E 4)21
Lisdexamfetamin (Elvanse) und MPH sind in der Schweiz bei (akuter) Manie kontraindiziert.
Dexamfetamin ist bei schweren oder episodischen (Typ I) bipolaren affektiven Störungen (die nicht gut kontrolliert sind), kontraindiziert. Guanfacin und Atomoxetin sind bei bipolaren Störungen nicht kontraindiziert.
3.3.4. Stimmungsschwankungen komorbid zu ADHS
Bei starken und häufigen Stimmungsschwankungen sollen hilfreich sein:
- Venlafaxin retard 18,75 bis 150 mg(E 4)109
- Carbamazepin
- Valproat
- Lamotrigin
- mehr hierzu unter Lamotrigin bei ADHS
3.3.5. Borderline komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Eine sehr große schwedische Untersuchung an n = 22.601 Menschen mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung (Borderline) in Schweden zeigte, dass bei Borderline ADHS-Medikamente die einzige Medikamentengruppe waren, die das Risiko für Suizidversuche und vollendete Suizide verringerte. Antidepressiva, Antipsychotika, Stimmungsstabilisatoren und Benzodiazepine taten dies nicht.(E 2b)114
Dies ist bei komorbider Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS ein starkes Argument, eine ADHS-Behandlung anzusprechen.
Die Auswertung erfolgte als Within-Individual-Analyse, bei der jede Person ihre eigene Kontrolle ist. Die Nachbeobachtung umfasste 16 Jahre bei durchschnittlich 6,9 Jahren pro Person.114
Die Autoren folgern daraus, dass ADHS-Medikamente bei Borderline-Betroffenen mit ADHS-Symptomen und suizidalem Verhalten die vorzuziehende Wahl sein sollten.114
Bei komorbidem Borderline soll hilfreich sein:
Valproat (250 mg bis 500 mg) verbesserte bei 50 % der Borderline-Betroffenen moderat die Symptome der Reizbarkeit, Wut, Angst, Rejection Sensitivity und Impulsivität. Die Ergebnisse variierten von Betroffenem zu Betroffenem sehr.(E 4)65
3.3.6. Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) komorbid zu ADHS
DMDD ist durch eine dauerhafte starke Reizbarkeit und hohe Impulsivität gekennzeichnet. ADHS tritt häufig komorbid auf.
Eine offene Studie an n = 24 Kindern und Jugendlichen von 7 bis 17 Jahren mit komorbider Störung der Stimmungsregulation (DMDD) und ADHS fand über 6 Wochen eine positive Wirkung einer Kombinationstherapie von Aripiprazol und Methylphenidat auf Reizbarkeit, externalisierende Symptome, Depression, Angst, Aufmerksamkeit, soziale Probleme und die Schwankung der Reaktionszeit. Die Effektstärken für Reizbarkeit, oppositionelle Symptome und Unaufmerksamkeit waren ähnlich hoch (Cohens d = 1,26; 1,11 und 1,40). Die Kombination wurde gut vertragen.(E 4)115
Kinder mit DMDD und komorbidem ADHS zeigen gegenüber Kindern mit ADHS allein eine stärkere Reizbarkeit, mehr störendes Verhalten, mehr Angst- und depressive Symptome sowie mehr soziale Probleme.115
3.3.7. Reizbarkeit bei ADHS
Ein RCT an n = 19 Kindern und Jugendlichen von 7 bis 17 Jahren mit ADHS und Reizbarkeit fand, dass zusätzlich zu Methylphenidat gegebenes Dextromethorphan (30 mg/Tag in den ersten 2 Wochen, danach 60 mg/Tag) die Reizbarkeit stärker verringerte als Placebo. Der Vorteil war in Woche 2 am größten (Differenz −5,50 Punkte auf dem Affective Reactivity Index; 95-%-KI −8,13 bis −2,87) und nahm bis Woche 8 ab (−2,77; −5,29 bis −0,24).(E 1b)116
Dextromethorphan ist ein Hustenmittel und für diese Anwendung nicht zugelassen. Aus einer Studie mit 19 Kindern folgt keine Behandlungsempfehlung.
3.3.8. Aggression komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Aggressives Verhalten bessert sich häufig schon dann, wenn das ADHS selbst gut behandelt ist, und zwar in ähnlichem Ausmaß wie die Kernsymptome. Eine Behandlung mit Stimulanzien verstärkt Aggression nicht.
Reicht das nicht aus, wird als nächster Schritt eine Verhaltenstherapie hinzugenommen. Erst danach (als dritte Stufe) kommt ein zusätzliches Antipsychotikum in Betracht.
Ein Vorteil gegenüber den Einzelbehandlungen ist nicht belegt, und die Hoffnung, ein Stimulans könne die Gewichtszunahme unter Antipsychotika abfedern, trägt nicht.
Wichtig: Diese Befunde gelten für Aggression bei bestehendem ADHS. Ohne ADHS wirken Stimulanzien auf Aggression nicht in gleicher Weise.
Komorbide Aggression oder oppositionelles Verhalten wurde von einem Review als Indikation für eine Komedikation von Stimulanzien und Nichtstimulanzien (Alpha-2-Agonisten oder Atomoxetin) genannt.(E 4)66
Mehrere atypische Antipsychotika, insbesondere Risperidon, verbesserten Aggressionen wirksam. Einige Studien zeigten (entgegen der Warnung der FDA, wonach Stimulanzien Aggressionen verschlimmern könnten), dass Stimulanzien ebenso wie Antipsychotika Aggressionen, speziell bei hyperaktiven Kindern, wirksam verbesserten.(E 4)117
Die zugrunde liegende Übersichtsarbeit weist allerdings darauf hin, dass Stimulanzien und Antipsychotika gegenläufige Wirkmechanismen haben und Wechselwirkungen zwischen beiden Substanzklassen ernst zu nehmen sind.117
Stimulanzien, die das ADHS verbessern, verbessern häufig auch Aggression und störendes Verhalten aus komorbider oppositioneller Trotzstörung, Verhaltensstörung, Störung der Stimmungsregulation oder ASS.(E 1a)67 In einer randomisierten kontrollierten Studie mit schneller Titration von Stimulanzien an n = 175 Kindern von 6 bis 12 Jahren mit ADHS und einer komorbiden Störung des Sozialverhaltens erreichten knapp 64 % der Probanden eine Remission der Aggressionssymptome (R-MOAS-Score < 18) nach durchschnittlich 75 Tagen. Die mittlere Dosis lag bei 42 mg/Tag (in unretardierten Methylphenidat-Äquivalenten) beziehungsweise rund 1,2 mg/kg/Tag.(E 1a)118
(E 1a): Eine Kombinationsbehandlung mit (niedrig dosierten) Antipsychotika und Psychostimulanzien kann insbesondere bei komorbider Aggressivität hilfreich sein, wenn eine Monotherapie mit Stimulanzien und eine Kombination von Stimulanzien mit verhaltenstherapeutischen Interventionen zur Behandlung von Aggressionen nicht ausreichend waren.(E 1a)119 Eine Überlegenheit gegenüber einer Monotherapie mit Antipsychotika oder Stimulanzien ist nicht belegt. Die zugrunde liegenden Studien waren kurz, teils unverblindet, nur selten placebokontrolliert und es erfolgte kein Vergleich mit verhaltenstherapeutischen Interventionen. Die Hoffnung, ein Stimulans könne die Gewichtszunahme und andere Stoffwechselfolgen von Antipsychotika abfedern, trägt nicht. Stimulanzien verringerten die metabolischen Nebenwirkungen von Antipsychotika nicht wesentlich. (E 1a)119
Verschiedene Expertengremien kamen zu dem Ergebnis, dass bei zu ADHS komorbider Aggression (nicht: aus Stimulanzien folgende Aggression), die durch Stimulanzien nicht ausreichend verbessert wird, eine gleichzeitige Einnahme von vorsichtig eindosierten atypischen Antipsychotika angezeigt sei.(E 4)120(E 4)121 Die ältere Konsensuskonferenz kam ausdrücklich auf Anfrage von Johnson & Johnson als Sponsor zustande.
Molindon ist ein atypisches/konventionelles Antipsychotikum, das in den USA als IR zur Behandlung von Schizophrenie zugelassen ist (Markenname: Moban).
In Bezug auf komorbide oppositionelle Aggression wurde Molindon mit verlängerter Wirkstofffreisetzung (SPN-810) untersucht. (E 1b): In einer placebokontrollierten Phase-2b-Studie an 121 Kindern von 6 bis 12 Jahren verbesserte sich die Aggression unter niedriger und mittlerer Dosis, nicht aber unter hoher Dosis.(E 1b)122 Nebenwirkungen waren Kopfschmerzen (10,0 %), Sedierung (8,9 %) und erhöhter Appetit (7,8 %).(E 1b)122 Eine offene Vorstudie an 78 Kindern prüfte vorrangig die Verträglichkeit.(E 1b)123
(E 4): Das Entwicklungsprogramm wurde nach den Phase-III-Studien wegen fehlender Wirksamkeit eingestellt.(E 4)124(E 4)125
(E 2b): Zur reproduktionstoxikologischen Bewertung: Eine Herstellerstudie bewertete Molindon als unbedenklich.(E 2b)126 Ein Fachkommentar widersprach dieser Schlussfolgerung,(E 4)127 worauf die Autoren eine geringe, aber statistisch signifikant verringerte postnatale Überlebensrate der Jungtiere einräumten.(E 4)128
(E 2b): In In-vitro-Untersuchungen ist SPN-810M ein starker Antagonist für die Dopaminrezeptoren D2S und D2L und den Serotoninrezeptor 5-HT2B.(E 2b)129(E 4)130
Zur Komedikation von Antipsychotika und Psychostimulanzien siehe auch oben unter Gewichtsverlust.
Bipolare Störungen, intermittierende explosive Störungen und früh einsetzende Psychosen ohne komorbides ADHS zeigen auf Stimulanzien häufiger eine behandlungsbedingte Manie, eine Psychose oder ihr explosives Verhaltens kann aggressiver werden. Stimulanzien sind daher nur bei bestehendem ADHS hilfreich, um Aggressionen zu verringern.(E 1a)67
3.3.9. Oppositionelles Trotzverhalten komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Hier ist eine Unterscheidung wichtig, die häufig untergeht: Atomoxetin verbessert bei komorbidem Trotzverhalten die ADHS-Symptome genauso zuverlässig wie ohne (auf die trotzigen Symptome selbst wirkt es dagegen kaum). Erwarten Sie also nicht, dass die Medikation das Trotzverhalten löst.
Was hilft: Stimulanzien wirken auch auf aggressives und oppositionelles Verhalten. Guanfacin wirkt ebenfalls, sowohl allein als auch zusätzlich zu einem Stimulans (letzteres wurde gezielt bei Kindern untersucht, bei denen das Stimulans allein nicht ausreichte).
Wenn Atomoxetin eingesetzt wird und nicht ausreichend wirkt, kann die Dosis der Grund sein: Bei zusätzlichem Trotzverhalten war erst die höhere Dosis wirksam.
Eine Metaanalyse von k = 28 Studien fand, dass Stimulanzien aggressives Verhalten bei ADHS ähnlich gut verbesserten wie die ADHS-Kernsymptome selbst (mittlere Effektstärke 0,84 für offene und 0,69 für verdeckte Aggression). Bei zusätzlich bestehender Störung des Sozialverhaltens fiel die Wirkung auf offene Aggression geringer aus. (E 1a): Mädchen sprachen ebenso gut an wie Jungen. Die Dosis hing nicht mit der Effektstärke zusammen, wohl aber die Behandlungsdauer.(E 1a)131
Bei komorbider ODD waren hilfreich
- MPH6132
- Ein RCT an 282 Kindern von 6 bis 12 Jahren über 28 Tage fand, dass einmal täglich gegebenes OROS-Methylphenidat die ADHS-Kernsymptome ebenso wirksam verringerte wie dreimal täglich gegebenes unretardiertes Methylphenidat (beide deutlich stärker als Placebo).132
- AMP14
- Komedikation von Stimulanzien und Nichtstimulanzien (Alpha-2-Agonisten oder Atomoxetin)
- Komorbide Aggression oder oppositionelles Verhalten wurde von einem Review als Indikation für eine Komedikation von Stimulanzien und Nichtstimulanzien (Alpha-2-Agonisten oder Atomoxetin) genannt.(E 4)66
- Atomoxetin
- (E 1a): Atomoxetin verbessert bei komorbidem oppositionellem Trotzverhalten (ODD) die ADHS-Symptome zuverlässig (ebenso gut wie bei ADHS ohne ODD).(E 1a)133 Auf die oppositionellen Symptome selbst wirkt es dagegen kaum: Eine Studie fand nur eine Effektstärke von 0,39, wobei höhere Dosen nötig waren als bei ADHS ohne Komorbidität(E 1b)134, zwei weitere Studien fanden keine signifikante Wirkung auf die ODD-Symptomatik.(E 1b)135(E 1a)14
- Bei ADHS mit ODD zeigte sich in einer Studie eine Verbesserung erst bei 1,8 mg/kg/Tag, während ohne ODD bereits 1,2 mg/kg/Tag genügten.134
- Eine Metaanalyse fand demgegenüber keinen Unterschied im Ansprechen zwischen Kindern mit und ohne ODD.133 Ein Behandlungsversuch ist unserer Ansicht nach gleichwohl sinnvoll, weil sich die oppositionellen Symptome häufig mit der ADHS-Symptomatik zurückbilden.
- Eine weitere Studie fand eine Wirkung von Atomoxetin auf die oppositionellen Symptome in Woche 2 und 5, nicht mehr in Woche 8, sowie eine durchgehende Verbesserung der ADHS-Symptomatik.136
- Umgekehrt verschlechtert eine komorbide ODD die ADHS-Rückfallprognose nicht: Von 416 Kindern und Jugendlichen, deren ADHS-Symptome unter offener Atomoxetin-Behandlung remittiert waren, erlitten 17 % der Kinder mit ODD einen Rückfall gegenüber 26 % der Kinder ohne ODD (relatives Risiko 0,67; 95-%-KI 0,42 bis 1,06).137
- Guanfacin
- (E 1b): Guanfacin zeigte positive Wirkung auf oppositionelles Verhalten bei Kindern mit ADHS als Monotherapie (E 1b)138 ebenso wie ergänzend zu einem Stimulans (E 1b)139. Untersucht wurde retardiertes Guanfacin (1 bis 4 mg/Tag) gezielt bei Kindern und Jugendlichen von 6 bis 17 Jahren, bei denen das Stimulans allein nicht ausreichend wirkte. Die oppositionellen Symptome verbesserten sich gegenüber Placebo signifikant.139
- In einer doppelblinden RCT-Studie an 217 Kindern von 6 bis 12 Jahren (138 Guanfacin, 79 Placebo) über 9 Wochen sank der Wert der oppositionellen Conners-Subskala unter retardiertem Guanfacin (1 bis 4 mg/Tag) um 10,9 Punkte gegenüber 6,8 Punkten unter Placebo (p < 0,001; Effektstärke 0,59).138 Bemerkenswert ist, dass etwa 62 % der Verbesserung auch unter Placebo eintraten. Bei elternbeurteilten Verhaltenssymptomen ist der Placeboeffekt groß. Ergebnisse aus Studien ohne Kontrollgruppe sind daher zurückhaltend zu bewerten.138
(E 1b): Bei komorbidem ODD und ADHS erwies sich eine Kombinationsbehandlung mit Risperidon und MPH als hilfreich(E 1b)140, ebenso bei komorbider Verhaltensstörung (CD).(E 3)141 In derselben Studie nahmen unter Risperidon jedoch Gewicht und Taillenumfang sowie der Prolaktinspiegel zu, was alarmierende Nebenwirkungen darstellt.(E 1b)140 Ein erhöhter Prolaktinspiegel kann bei Kindern und Jugendlichen zu Brustwachstum, Milchfluss und zum Ausbleiben der Regelblutung führen. Dies kann im Jugendalter besonders belastend sein, weil Körperbild und Selbstwert eng zusammenhängen.140
Es handelt sich um eine retrospektive Auswertung von 44 Fällen. Bei über 60 % verringerte die Kombination die Symptome von ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Schlafstörungen und Angst. Bei 70 % zeigte sich ein ausgleichender Effekt auf die Gewichtszunahme und bei 50 % auf den Appetit. In 3 Fällen trat eine Tachykardie auf, in einem Fall eine Dyskinesie, die nach Absetzen zurückging.(E 3)141
Ein systematischer Review fand dagegen, dass ein Stimulans die Stoffwechselfolgen von Antipsychotika nicht wesentlich verringert.119
Effektstärke verschiedener Medikamente auf ODD im Vergleich zu Placebo:(E 1a)142
- 0,84 Stimulanzien im Lehrerurteil (k = 8, hohe Evidenz)
- 0,55 Stimulanzien im Elternurteil (k = 9, hohe Evidenz)
- 0,43 Guanfacin retardiert (k = 2, n = 678, mittlere Evidenz)
- 0,33 Atomoxetin (k = 15, n = 1.907, hohe Evidenz)
- Wirkung auf ODD unabhängig davon, ob ODD-Diagnose vorlag
- 0,27 Clonidin (k = 3, n = 283, sehr niedrige Evidenz)
3.3.10. Verhaltensstörung / Conduct disorder (CD) komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Die Datenlage ist hier deutlich dünner als bei den vorigen Abschnitten. Die Empfehlungen beruhen überwiegend auf Übersichtsarbeiten, nicht auf eigenen Studien.
Kombinationen aus Methylphenidat und einem Antipsychotikum werden in Deutschland durchaus häufig verordnet. Bei den betroffenen Kindern handelt es sich dabei ganz überwiegend um schwer belastete Fälle. Ein großer Teil war im Jahr zuvor in stationärer Behandlung. Es ist demnach keine Routinebehandlung.
(E 1b): Bei komorbider Verhaltensstörung (Conduct disorder) soll Atomoxetin nach einer Übersichtsarbeit hilfreich sein.(E 4)143 (E 1b): Placebokontrollierte Studien fanden bei komorbidem oppositionellem Trotzverhalten allerdings keine Wirkung von Atomoxetin auf die oppositionellen Symptome selbst.(E 1b)134(E 1b)135 Für die Verhaltensstörung liegen entsprechende Studien nicht vor.
Verhaltensstörung (Conduct disorder) wird daneben häufig behandelt mit:(E 4)143
- Antipsychotika
- Antidepressiva wie Imipramin, Desipramin, SSRI
- Lithium
Eine Studie fand bei Kindern und Jugendlichen, die in den Jahren 2005 bis 2013 eine Medikation mit Methylphenidat begannen, 67.595 Kinder, die eine Kombinationstherapie von MPH und Antipsychotika erhielten. Darunter war eine Kombination mit
- Risperidon (72 %)
- Pipamperon (15 %)
- Tiaprid (8 %)
Ein Viertel der Nutzer einer Kombinationstherapie von MPH und Antipsychotika bekam diese nur einmalig verschrieben.
In einer deutschen Auswertung von Abrechnungsdaten zu 67.595 Kindern und Jugendlichen mit ADHS, die eine MPH-Behandlung begannen, erhielten innerhalb von 9 Jahren über 6 % zusätzlich ein Antipsychotikum. Am häufigsten wurde MPH mit Risperidon (72 %), Pipamperon (15 %) und Tiaprid (8 %) kombiniert. Die Anwendung der Kombinationen von MPH mit Risperidon und Tiaprid war häufig angemessen (über 72 %), die Kombination von MPH mit Pipamperon dagegen nur selten (15 %).(E 3)144 Als angemessen gewertet wurde eine Kombination, wenn für das Antipsychotikum eine passende zugelassene Indikation oder eine Leitlinienempfehlung dokumentiert war. Über die Eignung im Einzelfall sagt das nichts.144
Im Jahr vor der ersten Kombinationstherapie waren 33 % (Risperidon), 43 % (Pipamperon) und 19 % (Tiaprid) der Kinder psychiatrisch stationär behandelt worden. Störungen des Sozialverhaltens waren bei der Risperidon-Kombination häufig, Tic-Störungen bei der Tiaprid-Kombination. Die Autoren fordern, ADHS-Leitlinien sollten Algorithmen für den Einsatz von Antipsychotika festlegen.144
3.3.11. ASS komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Bis zu 85 % der Menschen mit Autismus haben ADHS, und 15 % der Menschen mit ADHS haben eine Autismus-Spektrum-Störung. Bei intellektuell leistungsfähigen Autisten wird ADHS stark unterdiagnostiziert.145“
Bei einer zusätzlich zu einem ADHS bestehenden Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gelten drei Besonderheiten:
ADHS-Medikation niedriger dosieren.
Empfohlen werden etwa 0,3 mg/kg/Tag als Start- und 0,5 mg/kg/Tag als Zieldosis für Methylphenidat - deutlich weniger als sonst üblich. Bei Amfetaminmedikamenten gilt höchstens die halbe altersübliche Höchstdosis.
Mit mehr Nebenwirkungen rechnen.
Stimulanzien wirken bei ASS schwächer und werden schlechter vertragen als ohne ASS. In einer Studie brachen 18 % die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab, gegenüber 1,4 % bei Kindern ohne ASS. Berichtet werden unter anderem verstärkte stereotype Verhaltensweisen.
Guanfacin gesondert erwägen.
Es ist die einzige der drei Substanzen, die bei ASS kaum an Wirksamkeit einbüßt, bei allerdings schlechterer Verträglichkeit.
Eine längere Behandlungsdauer ging mit besseren Ergebnissen einher. Ein früher Behandlungsabbruch sollte daher vermieden werden.
Die Angaben zur Häufigkeit eines komorbiden ADHS bei ASS schwanken erheblich (24 bis 83 %). Im Mittel ist etwa die Hälfte der ASS-Betroffenen betroffen.(E 1a)67
Medikation bei Autismus-Spektrum-Störung und komorbidem ADHS:
-
Es wird häufig von einer erhöhten Empfindlichkeit auf Medikamente allgemein, auch in Bezug auf ADHS-Medikamente, bzw. einem verringerten Dosisbedarf berichtet. Teils sind die benötigten Dosen extrem gering.(E 1a)67 Andere Stimmen berichten von gleichen Dosen für ADHS-Medikamente bei komorbidem ASS (E 4)146, unter Berufung auf Hyman et al. (2020 147, dem klinischen Bericht der American Academy of Pediatrics zu ASS, deren Aussage sich allerdings nicht mit den dort wiedergegebenen Studien deckt. Die dort genannten Studien berichten auffällig niedrige Dosierungen, bei zugleich erhöhtem Nebenwirkungsrisiko).
-
Stimulanzien
-
Stimulanzien verschlechtern bei ASS oppositionelles oder repetitives Verhalten offenbar nicht und wirken bei Kindern ohne Intelligenzminderung besser. Häufigste Nebenwirkungen sind Appetitminderung und Schlafstörungen. Berichtet werden außerdem Reizbarkeit, sozialer Rückzug und depressive Verstimmung.67
-
In einer Querschnittsbefragung von n = 68 Kindern mit ASS, die Stimulanzien erhielten, berichteten die Betroffenen bzw. ihre Eltern (in % der Patienten):(E 3)148
-
Unruhe:
- 47,4 % verbessert (insbesondere bei später diagnostizierten Kindern)
- 28,1 % verschlechtert (insbesondere durch retardiertes MPH)
-
Konzentration:
- 56,1 % verbessert
- 15,8 verschlechtert
-
Schlaf
- 8,8 % verbessert
- 17,5 % verschlechtert
-
Sprache
- 86 % unverändert
- 12,25 % verschlechtert
- 1,75 % verbessert
-
andere Verhaltensänderungen
- 50,9 % unverändert
- 45,6 % negative Veränderungen
- 3,5 % positive Veränderungen
- Weibliches Geschlecht korrelierte signifikant mit anderen negativen Verhaltensänderungen
- Eine längere Behandlungsdauer ging mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Verbesserung von Unruhe, Konzentration und weiteren Verhaltensmerkmalen einher, was gegen einen frühen Abbruch spricht
-
-
-
MPH:
- 49 % Responder unter n = 72 Kindern von 5 bis 14 Jahren
- Effektstärken 0,20 bis 0,54 je nach Dosis und Beurteiler
- Bei 18 % Behandlungsabbruch wegen Nebenwirkungen (in der MTA-Studie an Kindern mit ADHS ohne ASS waren es nur 1,4 %, bei einer Responderquote von 69 %).(E 1b)149
- Startdosis sollte sehr niedrig sein, z.B. 2,5 mg unretardiertes MPH je Einzeldosis; im nächsten Schritt dann 2,5 mg unretardiertes MPH 2 x je Tag; danach langsam weiter hochdosieren in 2,5 mg- bis 5 mg-Schritten alle 5 bis 7 Tage. (Leitlinienvorschlag von Behandlern eines einzelnen Spezialzentrums, im Expertenkonsens erarbeitet. Keine offizielle Leitlinie). (E 4)150
- Diese Studie berichtet sogar von Fällen mit 2,5 mg retardiertem MPH als Tagesdosis
- Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse aus 25 randomisierten kontrollierten Studien an unter 25-Jährigen mit ASS bestätigt Methylphenidat als Erstlinienoption: Es verringerte die Hyperaktivität deutlich (SMD 0,63 im Elternurteil, 0,81 im Lehrerurteil) und die Unaufmerksamkeit schwächer (SMD 0,36 im Elternurteil, 0,30 im Lehrerurteil).151
- 49 % Responder unter n = 72 Kindern von 5 bis 14 Jahren
-
Für einen Teil der Betroffenen mit ASS und ADHS werden Alpha-2-Agonisten als besser geeignet angesehen als Stimulanzien. Bei komorbider Angst wurden dort Buspiron und Mirtazapin vor SSRI empfohlen, bei komorbider Depression Duloxetin, Mirtazapin, Bupropion und Vortioxetin vor SSRI, bei Reizbarkeit je nach Schweregrad Guanfacin, Risperidon oder Aripiprazol. (E 4)150
- Eine andere Studie an n = 14 Vorschulkindern mit ADHS und komorbidem ASS oder anderen Entwicklungsstörungen startete mit 1,25 mg MPH b.i.d. und erlaubte max. 10 mg b.i.d.(E 1b)152 Bei der Hälfte von ihnen traten Nebenwirkungen auf, darunter verstärkte Stereotypien, Bauchschmerzen, Schlafprobleme und emotionale Instabilität.
- Niedrige Eindosierung unter sorgfältiger Überwachung (z.B. 0,3 mg/kg/Tag) mit niedrigen Zieldosen (z.B. 0,5 mg/kg/Tag)(E 4)147
- Die im Text behauptete gleich hohe Dosierung wie bei Kindern mit ADHS ohne ASS findet sich in der dafür angegebenen Quelle nicht. Die dort genannten Studien benennen auffällig niedrige Dosierungen.
- Empfindlichere Nebenwirkungsreaktionen auf Stimulanzien möglich, insbesondere Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit(E 4)147
- wirksam in Bezug auf Hyperaktivitäts-, Unaufmerksamkeits- und Reizbarkeitssymptome, weniger Nebenwirkungen als ATX(E 1a)153
- schlechtere Wirkung und schlechteres Nebenwirkungsniveau als bei ADHS ohne ASS. Gleiche Wirkung auf Hyperaktivität bei ASS wie bei Kindern ohne ASS. Einordnung stammt aus der Meinungsübersicht einer Autorin, die als Prüfärztin für mehrere Hersteller tätig war. (E 4)154
- Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse aus k = 25 randomisierten kontrollierten Studien an unter 25-Jährigen mit ASS fand für Guanfacin kleine bis große Effekte, bei niedriger bis sehr niedriger Evidenz.151
-
schlechtere Wirkung auf Hyperaktivität bei intellektueller Beeinträchtigung(E 4)145
-
Guanfacin büßt bei ASS als einzige der drei Substanzen kaum Wirksamkeit ein, bei allerdings schlechterer Verträglichkeit154145
-
Lisdexamfetamin:
-
Amfetaminsalze:
- Passende Tagesdosen werden berichtet (E 4)150
- 2,5 mg bis 40 mg unretardiert
- 5 mg bis 60 mg retardiert
- Passende Tagesdosen werden berichtet (E 4)150
-
Atomoxetin:
- Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse aus k = 25 randomisierten kontrollierten Studien an unter 25-Jährigen mit ASS fand für Atomoxetin verbesserte Unaufmerksamkeit (SMD 0,54 in der Elternbewertung, 95 %-KI = -0,98, -0,09, und SMD 0,38 in der Lehrerbewertung , 95 % KI = -0,75, -0,01) und Hyperaktivität (SMD 0,49 in der Elternbewertung, 95 % KI = -0,76, -0,23 und SMD 0,43 in der Lehrerbewertung, 95 % KI = -0,92, 0,06), bei bislang erst niedriger bis sehr niedriger Evidenz.151
-
(E 4): schlechtere Wirkung auf ADHS-Symptome bei gleichem Verträglichkeitsniveau (E 4)145(E 4)154
-
bescheidene Wirkung auf Hyperaktivität und Unaufmerksamkeitssymptome bei relativ gutartigem Nebenwirkungsprofil; häufigere Behandlungsabbrüche aufgrund von höheren Nebenwirkungen als bei MPH (E 1a)153
-
Guanfacin:
- Startdosis unretardiert 0,5 mg/Tag, 0,5-mg-Titrationsschritte (E 4)150
- Startdosis retardiert 1 mg/Tag, 1-mg-Titrationsschritte (E 4)150
- gleiche Wirkung auf Hyperaktivität bei ASS wie bei Kontrollen (E 4)154
- gleiche Wirkung auf Hyperaktivität bei intellektueller Beeinträchtigung, bei schlechterer Verträglichkeit (E 4)145
-
Amitriptylin:
- in einer Dosierung von etwa 1 mg/kg/Tag bei vorsichtiger Anwendung Wirksamkeit bei (E 4)154
- Schlaf, Angst, Impulsivität und ADHS, repetitives Verhalten und Enuresis
- in einer Dosierung von etwa 1 mg/kg/Tag bei vorsichtiger Anwendung Wirksamkeit bei (E 4)154
Bei autistischen Zügen (subklinisches ASS)
Reine ASS-Medikation:
In den USA sind nur Risperidon und Aripiprazol von der FDA zur ASS-Behandlung zugelassen (E 4)154
- Risperidon
- Hyperaktivität/Impulsivität bei Autismus oder mentaler Retardierung kann durch Stimulanzien wie durch Risperidon verbessert werden. Risperidon ist nicht allgemein für die Behandlung von ADHS zugelassen, könnte jedoch bei komorbidem Autismus in Betracht gezogen werden. Aufgrund des Potenzials für verstärkte Nebenwirkungen ist eine vorsichtige Dosierung für diese Symptomkombinationen erforderlich.(E 1a)26
- (E 2b): bei Schizophrenie: 2 mg empfohlene Startdosis, 2 mg geringste bereits wirksame Dosis, 8 mg empfohlene Höchstdosis, 20 mg zugelassene Höchstdosis.(E 4)155 6 mg besetzten die D2-Rezeptoren schon zu 75 % bis 80 %.(E 2b)156(E 2b)157 Bei empfindlichen Patienten (CYP23D6-Langsamverstoffwechslern) reichen dafür bereits noch niedrigere Dosen. 60 bis 70 % Rezeptorbesetzung werden in der medikamentösen Therapie angestrebt. Höhere Dosen erhöhen vornehmlich die Nebenwirkungen. Ab 80 % treten extrapyramidale Symptome auf und es entsteht eine Supersensitivität.(E 4)155 EPS und Supersensitivität sind allgemeine Nebenwirkungsrisiken und dürften daher auf ASS übertragbar sein.
- Citalopram und Fluoxetin (SSRI):
- schlechte Verträglichkeit und mangelnde Wirksamkeit bei repetitiven Verhaltensweisen (E 4)154
- Oxytocin:
- zeigte keine Wirksamkeit (E 4)154
- Amitriptylin und Loxapin:
- vielversprechend (E 4)154
- Loxapin:
- in einer Dosierung von 5 bis 10 mg täglich in PET ähnlich wie atypisches Antipsychotikum, möglicherweise ohne Gewichts-Nebenwirkungen (E 4)154
Memantin erwies sich bei ASS wie auch bei ADHS als hilfreich. Mehr hierzu unter Memantin bei ADHS.
3.3.12. Komorbide starke Reizoffenheit / erhöhte Sensibilität
Bedeutung für Betroffene
Bei ausgeprägter Reizoffenheit werden verschiedene Wirkstoffe eingesetzt. Die Angaben stammen überwiegend aus Praxisleitfäden, nicht aus Studien.
Ein Sicherheitshinweis zum hier genannten Vitamin B6: Die in der zugrunde liegenden Studie verwendeten 100 mg pro Tag liegen weit über der Menge, die in Europa als unbedenklich gilt (die europäische Behörde hat den Grenzwert 2023 auf 12 mg pro Tag für Erwachsene gesenkt). Dauerhaft hohe B6-Dosen können Nervenschäden verursachen. Solche Dosierungen sollten nie in Eigenregie eingenommen werden.
Bei komorbider starker Reizoffenheit soll erfahrungsgemäß hilfreich sein:
-
Aripiprazol (off-label) Startdosis 2,5 mg, bis 10 mg (E 4)109
-
Vitamin B6
- Eine Studie berichtet von einer Verringerung von sensory over-responsivity (SOR durch hochdosiertes Vitamin B6 (100 mg/Tag)).(E 2b)158
- Die in dieser Studie eingesetzten 100 mg/Tag entsprechen zwar dem oberen Grenzwert für die Tagesaufnahme in den USA, 100 mg/Tag liegen jedoch weit oberhalb der in Europa als unbedenklich angesehenen Zufuhrmenge. Die EFSA hat den tolerierbaren oberen Aufnahmewert (Tolerable Upper Intake Level, UL) für Erwachsene 2023 von 25 mg auf 12 mg/Tag gesenkt.159 Das BfR hat diese Bewertung 2024 übernommen.160 Eine Einnahme von 100 mg/Tag sollte daher allenfalls zeitlich eng befristet und nur unter ärztlicher Begleitung erfolgen. Von einer Selbstmedikation ist dringend abzuraten, da eine B6-Vergiftung zu Neuropathien führen kann, die mit Einschränkungen der sensorischen Empfindsamkeit einhergehen können.(E 4)161 Unserer Ansicht nach sollte zunächst durch weitere Studien sichergestellt werden, dass die Studie nicht etwa lediglich Nebenwirkungen von Neuropathie gemessen hat.
- Eine Studie berichtet von einer Verringerung von sensory over-responsivity (SOR durch hochdosiertes Vitamin B6 (100 mg/Tag)).(E 2b)158
3.3.13. Tic-Störungen komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Die frühere Auffassung, Stimulanzien seien bei Tics kontraindiziert, gilt nicht mehr. Große Auswertungen zeigen, dass Tics unter Stimulanzien nicht häufiger auftraten als unter Placebo (5,7 % gegenüber 6,5 %), und weder Wirkstoff noch Dosis darauf Einfluss hatten.
Falls zu Behandlungsbeginn Tics auftreten oder sich verstärken, verschwinden sie bei gleichbleibender Dosis meist nach etwa vier Wochen wieder. Daher sollte dann die Dosis beibehalten und die Zeit abgewartet werden. Manchmal hilft auch eine geringfügige Dosisreduktion.
Wenn Tics und ADHS gemeinsam behandelt werden sollen, sind Guanfacin und Clonidin besonders geeignet. Sie wirken auf Tics gerade dann gut, wenn zugleich ein ADHS besteht.
Tourette hat eine geschätzte Prävalenz von 0,52 % und tritt bei Jungen viermal häufiger auf als bei Mädchen. (E 4)162 Jeder zweite Jugendliche mit Tourette leidet unter ADHS.(E 3)163
Für folgende Medikamente wurden positive Wirkungen auf Tics/Tourette beschrieben:
- Stimulanzien
- Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS und Tic-Störungen oder Tourette können Stimulanzien eine wirksame Behandlung darstellen. (E 1a): In der Regel werden Tics oder Tourette dadurch nicht verschlimmert, auch wenn es Einzelfälle gibt, bei denen dies anders ist.(E 1a)164(E 1a)67
- Methylphenidat (Evidenz: niedrig) (E 1a)164
- Dextroamphetamin (E 1a)164
- Da Dextroamphetamin in hohen Dosen Tics bei manchen Kindern (zunächst) verschlimmern kann, sollte Methylphenidat bevorzugt werden.(E 1a)67 (E 1a)164
- Eine Computersimulation der von Lisdexamfetamin beeinflussten Proteine (mitverfasst vom Hersteller) sagte einen günstigen Effekt auch bei Tic-Störungen voraus. Klinische Daten hierzu liegen nicht vor. (E 2b) 70
- Guanfacin (E 4)165(E 1a)166
- gute Wirkung
- Evidenz: sehr niedrig (E 1a)164
- Für Ticstörungen ohne komorbides ADHS wirkten Alpha-2-Agonisten wie Guanfacin und Clonidin auf die Tics nur schwach und nicht signifikant (SMD 0,15; 95-%-KI −0,06 bis 0,36), bei Ticstörungen mit komorbidem ADHS dagegen deutlich (SMD 0,68; 95-%-KI 0,36 bis 1,01; p < 0,001)
- gute Wirkung bei komorbiden Ticstörungen (E 1a)164
- Clonidin
- wirkte in einer Studie an 154 Kindern mit Tic-Störung und komorbidem ADHS (je 77 pro Gruppe) besser als MPH plus Haloperidol (bei der klinischen Wirksamkeit, bei motorischen und vokalen Tics und beim YGTSS-Gesamtwert (jeweils p < 0,05) sowie beim Sicherheitsprofil). (E 1b)168 Haloperidol ist ein hochpotentes typisches Antipsychotikum, das bei Tics heute nicht mehr erste Wahl ist. Ein Vergleich gegen Guanfacin oder gegen Methylphenidat allein wäre aussagekräftiger.
- Evidenz niedrig.(E 1a)164
- Kombination von Stimulanzien und Guanfacin
- Komorbide Tic-Störungen wurden von einem Review als Indikation für eine Komedikation von Stimulantien mit Alpha-2-Agonisten genannt.(E 4)66
- Barkley berichtet in einem Vortrag von Vorteilen einer Kombination von Stimulanzien und Guanfacin (welches bei komorbiden Tics hilfreich sei), um der durch Stimulanzien verursachten Dämpfung des limbischen Systems und der damit einhergehenden verringerten Emotionswahrnehmung zu begegnen.(E 4)169
- Atomoxetin (E 4)165(E 1b)24
- (Evidenz: niedrig) (E 1a)164
- In einem RCT an n = 117 Kindern und Jugendlichen von 7 bis 17 Jahren mit ADHS und Tourette verringerte Atomoxetin (0,5 bis 1,5 mg/kg/Tag) über 18 Wochen die Tic-Schwere signifikant stärker als Placebo (Yale Global Tic Severity Scale). Auch die ADHS-Symptome verbesserten sich. Im Selbstbericht der Kinder war der Unterschied allerdings nicht signifikant. Appetitminderung, Übelkeit, Pulsanstieg und Gewichtsabnahme waren häufiger. Mehrere Autoren arbeiten beim Hersteller von Atomoxetin.24
- In der übergeordneten Studie an Kindern mit ADHS und chronischen Tic-Störungen allgemein erreichte der Effekt auf die Tics knapp keine Signifikanz (YGTSS −5,5 ± 6,9 unter Atomoxetin gegenüber −3,0 ± 8,7 unter Placebo; p = 0,063). Gesichert ist damit vor allem, dass Atomoxetin die Tics nicht verschlechtert.170
- Selegilin
- Eine Studie fand eine gute Verbesserung der ADHS-Symptomatik durch Selegilin bei Kindern mit ADHS und komorbider Ticstörung über einen Testzeitraum von mehr als 6 Monaten. Nur 2 der 29 Probanden berichteten eine Verschlimmerung der Tics. Die Nebenwirkungen waren gering.(E 4)171
Eine offene Studie ohne Kontrollgruppe an 29 Kindern mit ADHS und komorbider Tic-Störung, die auf herkömmliche Behandlungen nicht mehr angesprochen hatten, fand über durchschnittlich 6,7 Monate bei 26 von 29 (90 %) eine klinisch bedeutsame Verbesserung der ADHS-Symptomatik bei einer mittleren Tagesdosis von 8,1 mg. Nur 2 der 29 Probanden berichteten eine Verschlimmerung der Tics. (E 4)171 Eine spätere doppelblinde, placebokontrollierte Cross-over-Studie an 24 Kindern mit ADHS und komorbidem Tourette fand dagegen keinen statistisch signifikanten Vorteil auf die ADHS-Symptomatik (p = 0,50) und auf die Tics nur einen Trend (p = 0,06). Von 24 Teilnehmenden beendeten lediglich 15 die Studie.(E 1b)172Deprenyl (Evidenz: sehr niedrig) (E 1a)164
- Eine Studie fand eine gute Verbesserung der ADHS-Symptomatik durch Selegilin bei Kindern mit ADHS und komorbider Ticstörung über einen Testzeitraum von mehr als 6 Monaten. Nur 2 der 29 Probanden berichteten eine Verschlimmerung der Tics. Die Nebenwirkungen waren gering.(E 4)171
- Antipsychotika wirkten unabhängig davon auf die Tics (SMD 0,58; 95-%-KI 0,36 bis 0,80). Bei Ticstörungen ohne ADHS weisen Antipsychotika daher die höhere Effektstärke auf. Eine längere Behandlungsdauer war bei Alpha-2-Agonisten mit einer größeren Effektstärke verbunden. (E 1a)166
- Desipramin (Evidenz: sehr niedrig) (E 1a)164
Eine Meta-Analyse von k = 22 placebokontrollierten Studien mit n = 2.385 Kindern mit ADHS fand dagegen kein erhöhtes Risiko für neu auftretende oder sich verschlechternde Tics durch Stimulanzien: Solche Tics wurden unter Stimulanzien bei 5,7 % und unter Placebo bei 6,5 % der Kinder berichtet (Risikoverhältnis 0,99; 95-%-KI 0,78 bis 1,27). Weder Wirkstoffart noch Dosis, Behandlungsdauer oder Alter beeinflussten dieses Ergebnis. Die Autoren empfehlen ausdrücklich, Kinder, bei denen eine Tic-Verschlechterung berichtet wird, erneut auf Stimulanzien einzustellen, da der zeitliche Zusammenhang meist zufällig ist. (E 1a)173Wie immer empfiehlt sich eine langsame und kleinstufige Eindosierung, auch wenn diese mehr Geduld benötigt.
Krause & Krause berichten, dass sich bei einer Monotherapie mit Stimulanzien komorbide Tics zunächst verschlechtern können. Dies gebe sich jedoch bei gleichbleibender Dosierung meist wieder nach etwa vier Wochen. Wer unter einer neu begonnenen Stimulanzienbehandlung Tics bemerkt, sollte daher nicht sofort absetzen, sondern die Dosis beibehalten und diesen Zeitraum abwarten. Bisweilen lässt bereits eine geringfügige Dosisreduktion die Tics verschwinden. (E 4)23 Bei starkem ADHS und einer Historie einer Tic-Verschlechterung durch Stimulanzien ist es möglich, dass das Stimulans die Tics bei der erneuten Verabreichung nicht verschlimmert.(E 1a)173Früher wurde bei Jugendlichen mit Tourette oder chronischen Tic-Störungen von Stimulanzien abgeraten (E 4)162, da in Fallberichten aus den 1970er Jahren bei Kindern, die wegen ADHS mit einem Stimulans behandelt wurden, Tics berichtet worden waren (insbesondere von motorischen Tics, z.B. Augenblinzeln, Naserümpfen, Lecken mit den Lippen).(E 4)162
3.3.14. Zwangsstörung komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Zu ADHS mit komorbider Zwangsstörung gibt es kaum belastbare Daten. Die hier genannten Befunde stammen aus einem Tierversuch und einem Bericht über zwei Kinder.
Die Kinder erhielten neben den Medikamenten eine kognitive Verhaltenstherapie. Bei Zwangsstörungen ist die Verhaltenstherapie die Erstlinienbehandlung. Der Erfolg ist also nicht der Medikation allein zuzuschreiben.
Wissenschaftlich: Atomoxetin und zwanghaftes Verhalten im Tiermodell
Atomoxetin verringerte bei Ratten impulsives Verhalten. Auf zwanghaftes Verhalten wirkte es dagegen uneinheitlich (je nach Testmodell verringernd oder ohne Effekt).(E 2b)174 Belastbare Humandaten zu Atomoxetin bei komorbider Zwangsstörung liegen uns nicht vor.
Ein Bericht über 2 Kinder mit Zwang und ADHS (9 und 10 Jahre) deutete eine positive Wirkung einer Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie, Sertralin und Guanfacin an.(E 4)175 Kognitive Verhaltenstherapie ist bei Zwangsstörungen die Erstlinienbehandlung.
Positive Erfahrungen bei komorbider Zwangsstörung wurden berichtet mit Sertralin 50 bis 100 mg/Tag.(E 4)78
3.3.15. Schizophrenie und Psychose komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Der Beginn einer Methylphenidat-Behandlung erhöhte das Risiko psychotischer Ereignisse nicht, selbst wenn bereits eine Psychose in der Vorgeschichte bestand.
Bei bestehender Erkrankung aus dem Schizophrenie-Spektrum senkte eine Stimulanzienbehandlung in Kombination mit einem Antipsychotikum die Zahl psychosebedingter Klinikaufnahmen deutlich. Entscheidend ist also, dass die antipsychotische Behandlung fortgeführt wird.
Falls doch psychotische Symptome unter einem Stimulans auftreten. Bildeten sich diese bei 92 % der Betroffenen nach dem Absetzen zurück, ohne dass ein Antipsychotikum nötig war. Die Häufigkeit liegt insgesamt bei etwa 1 von 660 Behandelten.
Eine retrospektive Kohortenstudie an n = 2.219 Menschen mit einer Erkrankung des Schizophrenie-Spektrums, die zusätzlich zu ihrer Antipsychotikabehandlung Methylphenidat (71,6 %), Amfetamine (15,3 %) oder Atomoxetin (13,1 %) begannen, fand ein um zwei Drittel verringertes Risiko einer psychosebedingten Krankenhauseinweisung in den 12 Monaten danach gegenüber dem Jahr davor (bereinigte Hazard Ratio 0,36; 95-%-KI 0,24 bis 0,54; p < 0,0001).(E 2b)176 Die Autoren folgern, dass MPH, AMP und Atomoxetin bei Betroffenen mit psychotischen Störungen sicherer sein dürften als allgemein angenommen, sofern sie gleichzeitig mit einem Antipsychotikum gegeben werden.
Eine schwedische Kohortenstudie fand bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen keinen Hinweis darauf, dass der Beginn einer Methylphenidat-Behandlung das Risiko psychotischer Ereignisse erhöht, auch nicht, bei einer Psychose in der Vorgeschichte. Die Autoren halten dies ausdrücklich für eine Entwarnung und stellen die verbreitete Praxis infrage, Methylphenidat bei einer Psychose in der Vorgeschichte zu meiden oder einzuschränken.(E 2b)177Eine ältere, methodisch schwächere, Untersuchung hatte dagegen ein erhöhtes Risiko psychotischer Störungen und Halluzinationen unter Methylphenidat berichtet.178
Eine große Langzeitstudie (n = 131.476) untersuchte die Gesamtzahl der Krankenhausaufenthalte, Sterbefälle und Krankenhausaufenthalte aufgrund von Psychosen, somatischen Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei der Einnahme von ADHS-Medikamenten durch Menschen mit schizophrenen Störungen. Die Verwendung von ADHS-Medikamenten (insbesondere Lisdexamfetamin in allen Dosierungen und langwirksames Methylphenidat in niedrigen bis mittleren Dosierungen) war sicherer als allgemein angenommen.(E 2b)25 Gemessen wurde dabei die Krankenhausaufnahme jeglicher Ursache oder der Tod, nicht das Auftreten psychotischer Symptome. Bei niedrigen und mittleren Methylphenidat-Dosen war das Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität verringert (45 bis unter 75 mg/Tag: aHR 0,77 [0,61 bis 0,96]; 75 bis unter 95 mg/Tag: aHR 0,76 [0,60 bis 0,97]). Erhöht war das Risiko nur bei hohen Dosen ab 95 mg/Tag (aHR 1,08 [1,03 bis 1,14]): (E 2b)25
- Lisdexamfetamin
- Verringertes Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität aller Ursachen (minus 11 %; aHR = 0,89, 95 % KI = 0,84 bis 0,94)
- Verringertes Risiko für somatische Krankenhausaufenthalte (minus 30 %; aHR = 0,70 [0,58 bis 0,84])
- Hinweise auf U-förmige Zusammenhänge zwischen den verwendeten Dosen und dem Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität aller Ursachen sowie Psychosen- Methylphenidat
- leicht erhöhtes Risiko (+ 4 %; aHR = 1,04 [1,01 bis 1,08])
- Erhöhtes Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität aller Ursachen bei Methylphenidat nur bei Dosen von ≥ 95 mg/Tag (+ 8 %; aHR 1,08 [1,03 bis 1,14])
- erhöhtes Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität, wenn keine gleichzeitige Einnahme eines Antipsychotikums erfolgte (+ 6 %; aHR = 1,06 [1,01 bis 1,12])
- Hinweise auf U-förmige Zusammenhänge zwischen den verwendeten Dosen und dem Risiko für Krankenhausaufenthalte/Mortalität aller Ursachen sowie Psychosen
- Eine kleine Sicherheitsstudie des damaligen Herstellers (Shire) an n = 31 Erwachsenen mit stabiler Schizophrenie unter laufender Antipsychotikabehandlung prüfte aufsteigende Lisdexamfetamin-Dosen von 50 bis 250 mg/Tag über jeweils 5 Tage. Es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen und keine psychotischen Symptome auf; unerwünschte Ereignisse insgesamt waren jedoch häufig, und der Puls stieg um bis zu 21 Schläge pro Minute. Aus dieser Studie folgt keine Empfehlung für solche Dosierungen. 250 mg entsprechen dem 3,5-fachen der zugelassenen Tageshöchstdosis. Die Teilnehmer hatten kein diagnostiziertes ADHS, und jede Dosisstufe wurde nur 5 Tage lang gegeben.(E 1b)179Es handelt sich um eine herstellerfinanzierte Phase-1-artige Dosiseskalation, keine Behandlungsstudie.
- Atomoxetin
- verringerten Risiko (nur) für Krankenhausaufenthalte aufgrund von Psychosen (minus 13 %; aHR = 0,87 [0,78 bis 0,98])
- ADHS-Polytherapie
- erhöhtes Risiko (nur) für somatische Krankenhausaufenthalte (+ 37 %; aHR = 1,37 [1,07 bis 1,74])
- alle ADHS-Medikationen
- keine weiteren statistisch signifikanten Zusammenhänge
- kein Einfluss auf kardiovaskuläre Krankenhausaufenthalte
Als Risikofaktoren für eine durch Stimulanzien ausgelöste Psychose werden genannt:(E 1a)67
- im Kindesalter beginnende Schizophrenie
- bipolare Störungen
- andere psychiatrische Erkrankungen mit psychotischen Merkmalen in der Kindheit
Durch Stimulantien ausgelöste psychotische Symptome verschwinden nach Absetzen des Stimulans bei 92 % der Patienten ohne Erforderlichkeit einer antipsychotischen Behandlung. (E 1a)67In einer Auswertung von 337.919 Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 13 bis 25 Jahren trat eine Psychoseepisode bei 0,21 % der mit Amfetamin und bei 0,10 % der mit Methylphenidat Behandelten auf (Hazard Ratio 1,65; 95-%-KI 1,31 bis 2,09), im Median 128 Tage nach Behandlungsbeginn (insgesamt etwa 1 von 660 Behandelten).180
Eine Psychose unter Stimulanzien ist selten, kann für Betroffene und Angehörige aber sehr belastend sein. Angesichts der belegten Wirksamkeit von Stimulanzien spricht dies nicht gegen ihren Einsatz, sondern für eine aufmerksame Begleitung, insbesondere in den ersten Behandlungsmonaten.180
Bei komorbiden psychotischen Symptomen soll erfahrungsgemäß hilfreich sein, wobei ADHS-Betroffene schnell extrapyramidale Symptome entwickeln sollen:
- Quetiapin, Amisulprid, auch unterhalb der üblichen Dosierung(E 4)109
- Quetiapin, Aripiprazol, Amisulprid(E 4)78
3.3.16. Substanzmissbrauch / Sucht komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Eine Suchterkrankung ist kein Grund, auf eine ADHS-Behandlung zu verzichten. Im Gegenteil: Sucht ist ein red flag, das zu einer Prüfung auf ein bestehendes ADHS führen sollte.
Stimulanzien erhöhen das Suchtrisiko nicht. In einer sehr großen Untersuchung lag der Suchtmittelkonsum während der Stimulanzienmedikation um 31 bis 35 % niedriger als in den unmedikamentierten Zeiten. Der Effekt hielt auch noch zwei Jahre nach Behandlungsphasen an.
Lang wirksame Medikamente werden ausdrücklich empfohlen, um das Missbrauchspotenzial gering zu halten.
Bei früherer Amfetamin- oder Kokainabhängigkeit ist besondere Sorgfalt angebracht. Atomoxetin und Guanfacin sind dann eine Überlegung wert.
Alkoholkonsum während einer Methylphenidateinnahme ist schlecht verträglich.
Gesichert ist vor allem, dass eine ADHS-Behandlung eine bestehende Suchterkrankung nicht verschlechtert. Dass sie die Sucht selbst behandelt, ist schwächer belegt.
Der lange Abschnitt zu N-Acetylcystein betrifft überwiegend Tierversuche. Bei Menschen sind die Ergebnisse uneinheitlich. Die beiden größten und längsten Studien zur Raucherentwöhnung fielen negativ aus. Die Verträglichkeit ist dagegen gut.
(E 1a): Stimulanzien erhöhen bei ADHS das Suchtrisiko nicht (E 1a)181(E 4)182, weder in Bezug auf den nichtmedizinischen Gebrauch von Stimulanzien (E 2b)183 noch in Bezug auf stimulierende Medikamente (E 4)182. ADHS-Betroffene vergessen häufig genug die Einnahme ihrer Medikamente, was bei einem Suchtdruck nicht passieren würde.
Gesichert ist damit vor allem, dass eine ADHS-Medikation eine bestehende Suchtstörung nicht verschlechtert.
Die Wirksamkeit einer ADHS-Medikation bei gleichzeitiger Suchtstörung konnte eine ältere Meta-Analyse dagegen nicht nachweisen, sobald nur die kontrollierten Studien betrachtet wurden.(E 1a)181
Eine prospektive, national repräsentative Untersuchung an 11.905 US-Schülerinnen und Schülern ab dem 18. Lebensjahr über sechs Jahre fand keine Erhöhung des späteren nichtmedizinischen Stimulanzienkonsums, weder gegenüber Betroffenen, die nur Nichtstimulanzien einnahmen, noch gegenüber der Allgemeinbevölkerung.(E 2b)183
Stimulanzien können darüber hinaus selbst in der Behandlung von Suchterkrankungen eingesetzt werden. Am wirksamsten ist dabei ein ganzheitlicher Ansatz aus medikamentöser und nichtmedikamentöser Behandlung.(E 4)182
(E 1a): Stimulanzien verringern bei ADHS vielmehr das Sucht- und Rückfallrisiko während der Einnahme deutlich.(E 4)91 Eine große Studie auf Basis der US-Versicherungsdaten von 2.993.887 Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS-Diagnose von 2005 bis 2014 fand, dass der Suchtmittelkonsum während der Medikation mit Stimulanzien bei Männern um 35 % und bei Frauen um 31 % niedriger war als unmedikamentiert. Zwei Jahre nach Medikationsperioden waren die Risiken für suchtbezogene Ereignisse bei Männern um 19 % (OR 0,81; 0,78 bis 0,85) und bei Frauen um 14 % (OR 0,86; 0,82 bis 0,91) verringert. (E 2b)96
MPH verringerte das Eintreten einer späteren Sucht signifikant (Metaanalyse, k = 6, n = 1.014).(E 1a)184 Das Risiko einer späteren Sucht, sei es durch Alkohol oder andere Substanzen, verringerte sich um das 1,9-fache.(E 4)185
(E 4): Methylphenidat wird als mögliche Behandlungsoption bei Suchtstörungen diskutiert. Ob alle Suchtformen gleichermaßen profitieren, ist offen.(E 4)186 Bei einem 33-jährigen Mann mit Methamphetamin-Konsumstörung und erst spät erkanntem ADHS verbesserten sich unter LDX 40 mg Konzentration und Gedankenordnung, das Verlangen nach Stimulanzien nahm deutlich ab, und die Drogenfreiheit wurde über Urinkontrollen bestätigt.(E 4)187
Eine kleine Phase-2-Studie an 16 Methamfetaminabhängigen prüfte primär die Verträglichkeit von Lisdexamfetamin in Dosen bis 250 mg/Tag (weit über einer Medikamentendosis).(E 4)188 Die nachfolgende randomisierte placebokontrollierte Studie derselben Arbeitsgruppe (LiMA) zeigte, dass retardierte Amfetaminsalze das Rückfallrisiko bei ehemaligen Kokainabhängigen deutlich verringerten (OR 5,85 bis 11,87). Eine durchgehende Abstinenz in den letzten drei (von 13) Wochen erreichten (bei begleitender kognitiver Verhaltenstherapie):(E 1b)189
- 30,2 % unter 80 mg/Tag
- 17,5 % unter 60 mg/Tag
- 7,0 % unter Placebo
Auf die ADHS-Symptome wirkte dabei die niedrigere Dosis besser (75,0 % gegenüber 58,1 % Responder), auf die Kokainabstinenz die höhere. 60 und 80 mg liegen deutlich über den bei ADHS üblichen Dosen.
Eine einjährige MPH-Behandlung von n = 37 Erwachsenen mit ADHS bewirkte in einer naturalistischen prospektiven Beobachtung ohne Kontrollgruppe:(E 2b)190
- Internetabhängigkeit verringert
- Kaufsucht verringert
- Esssucht verringert
- Sexsucht verringert
Der Anteil der Betroffenen mit mindestens einer komorbiden Verhaltenssucht sank von 51,4 % auf 35,1 % (bei dieser Stichprobengröße statistisch nicht signifikant; χ² = 3,00; p = 0,083).190
ADHS-Betroffene mit komorbider Kokainsucht zeigten bei Behandlung mit Stimulanzien eine erhebliche Verringerung des Suchtverhaltens, entsprechend dem Rückgang der ADHS-Symptome.(E 2b)191 Die Autoren ordnen dies der Selbstmedikationshypothese zu. Kokainkonsum kann bei unbehandeltem ADHS teilweise ein Selbstbehandlungsversuch sein, weshalb eine wirksame ADHS-Behandlung den Konsum verringert. Für die Kokainkonsumstörung selbst gibt es bislang keine wirksame Pharmakotherapie. Stimulanzien gelten hier als vielversprechend.
Missbrauch und Fehlgebrauch von Methylphenidat bei Betroffenen mit psychiatrischer Erkrankung und Suchtstörung gibt es dennoch. Empfohlen werden daher retardierte Zubereitungen, enge Verordnungskontrollen und die Einbindung in ein Gesamtbehandlungskonzept.(E 1a)192(E 1a)193
Eine Pilotstudie zur Behandlung mit retardierten gemischten Amfetaminsalzen bei n = 28 ADHS-Betroffenen mit komorbider Cannabissucht führte bei 15 % zu einem Absetzen des Cannabis, gegenüber 0 % unter Placebo. (E 1b)194
Dies deckt sich mit den Erfahrungen aus dem ADHS-Forum von ADxS.org. Es berichten sehr viel mehr Betroffene, dass ihr Verlangen nach Alkohol oder Nikotin seit der Stimulanzienmedikaton deutlich gesunken ist, während gegenteilige Berichte eher Einzelfallcharakter haben.
Dennoch sollte bei ADHS-Betroffenen mit einer vorbestehenden akuten oder früheren Sucht (Abhängigkeit) nach Amfetaminen oder Kokain berücksichtigt werden, dass der Erhalt von ähnlich wirkenden Medikamenten einen Trigger auslösen könnte, zu versuchen, diese wieder als Droge zu missbrauchen.Bei anderen akuten oder früheren Suchtarten (Alkohol, THC ohne Amphetaminsucht) sollte sich kaum eine Triggerwirkung ergeben.
Vereinzelter Amfetaminmissbrauch (Wochenendkonsum) in der Vergangenheit dürfte ebenfalls kein Risiko darstellen und bei ADHS-Betroffenen auch bei Wiederholung eher Zeichen einer Selbstbehandlung sein.Zudem sollte berücksichtigt werden, dass es auf jedem Discoklo und hinter jedem Bahnhof billigere und einfacher zu erhaltende Substanzen gibt, die erheblich mehr Rauschwirkung erzeugen. Das Risiko eines Missbrauchs von ADHS-Medikamenten ist unserer Auffassung nach eher theoretisch. In Anbetracht der Bedeutung für die Behandlung der Betroffenen bezweifeln wir, dass die Restriktionen gesellschaftspolitisch betrachtet in der Gesamtbilanz sinnvoll sind.
Die Gemeinsame Suchtkommission der Deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und Verbände fasst ihre Best-Practice-Empfehlungen zu Kindern und Jugendlichen 2025 zusammen: “Trotz dieser Bedenken wird der Einsatz von Stimulanzien bei Patienten mit komorbider ADHS und SUD grundsätzlich empfohlen, auch wenn in jedem Einzelfall eine sorgfältige Abwägung notwendig ist, da die Vorteile einer frühzeitigen gleichzeitigen Behandlung überwiegen. Zudem sind eine sorgfältige Überwachung und therapeutisches Monitoring unerlässlich.” … “Die Kommission empfiehlt, Jugendliche und ihre Bezugspersonen über die schützende Wirkung einer Stimulanzienbehandlung auf die weitere Suchtentwicklung aufzuklären (und darüber, dass eine Nichtbehandlung selbst ein Risiko darstellt). Als Kriterien werden anhaltende Abstinenz, strukturelle Nachreifung sowie schulisch-berufliche und soziale Integration genannt. Erforderlich ist eine fortlaufende Kontrolle der Abstinenz durch Urinuntersuchungen.” (E 4)195
Auch bei schwangeren Frauen mit Opioidkonsumstörung war eine verordnete Psychostimulanzienbehandlung mit einer besseren Aufnahme und Beibehaltung der Suchtbehandlung verbunden. 196Während bei akutem komorbidem Amphetamin-Substanzmissbrauch Atomoxetin aufgrund der geringeren Missbrauchsgefahr als vorteilhaft genannt wird, zeigten Betroffene mit ADHS und einer in Behandlung befindlichen Opioidabhängigkeit (Opioide sind dopaminerge Drogen) eine größere Behandlungstreue zur Opioid-Ersatzbehandlung (Buprenorphin). Diejenigen, die Stimulanzien erhielten, brachen die Buprenorphin-Behandlung zu 33 % seltener ab. Dies spricht für eine Stimulanzienbehandlung auch bei einer früheren Sucht nach dopaminergen Drogen. Psychostimulanzien waren zudem mit geringeren Chancen einer opioidbezogenen Krankenhausaufnahme verbunden (je mehr Verordnungen, desto weniger Krankenhausaufnahmen). Dies war auch bei Betroffenen mit weiteren Substanzkonsumstörungen so. Nach den Autoren überwog der Nutzen von Psychostimulanzien bei Opioidkonsumstörung und ADHS die Risiken.(E 2b)197
Ein früherer Substanzmissbrauch ist normalerweise keine Kontraindikation für Stimulanzien.(E 4)57
Amfetaminmedikamente sind heute als Prodrug erhältlich (Lisdexamfetamin). Dies bedeutet, dass sie in einer Form vorliegen, in der sie bei missbräuchlicher Verwendung (missbräuchliche Einnahme in massiver Überdosierung durch die Nase oder intravenös) schlicht unwirksam sind, weil sie in einer Wirkstoffverbindung vorliegen, erst während im Blut über viele Stunden, ganz langsam, zum Medikamentenwirkstoff verstoffwechselt werden und daher kein Drogen-High auslösen können, sondern nur die heilsame Wirkung eines flach an- und absteigenden funktionalen Dopaminspiegels bewerkstelligen können.
Daberkow et al. (E 2b)198 zeigen in dieser Grafik unter D den langsamen Dopamin-Anstieg (Medikament) bei 1 mg/kg AMP und den schnellen Anstieg (Droge) bei 10 mg/kg AMP. Die Spiegelentwicklung bei 1 mg/kg AMP entspricht den Kurven, wie sie auch von Amfetaminmedikamenten bekannt ist.
Lange galt Amfetamin als Ausnahme unter den suchterzeugenden Stoffen, weil es die normale Dopaminübertragung stören sollte. Tatsächlich verstärkt es in therapeutischen Dosen die phasischen Dopaminsignale (was besser zu seiner therapeutischen Wirkung passt. Die Werte stammen aus Messungen an Ratten. Die dort verwendeten Dosen in mg/kg sind nicht unmittelbar auf den Menschen übertragbar. (E 2b)198“
Wissenschaftlich: Missbrauchspotenzial von Lisdexamfetamin (pharmakologische Prüfungen)
(E 1b): Lisdexamfetamin (Elvanse) in Medikamentendosen bewirkt auch bei verordnungswidriger intranasaler (schnupfen)(E 1b)199 oder intravenöser (spritzen)(E 1b)200 Einnahme gleichartige D-Amp-Spiegel wie bei oraler Einnahme. Die Wirkung war ungefähr gleich, bei leicht erhöhten Nebenwirkungen. Es ergab sich keine Rauschwirkung.
Eine Studie verglich das Missbrauchspotenzial von oralen Einzeldosen von Lisdexamfetamin (LDX) 50, 100 und 150 mg (letzteres entspricht 41,6 mg Dextroamfetamin), 40 mg d-Amfetamin und 200 mg Diethylpropion bei 36 Personen mit früherem Stimulanzienmissbrauch. Bei der Messung der Missbrauchsanfälligkeit mittels der Drug Rating Questionnaire-Subject Liking Scale zeigte Lisdexamfetamin bei 50 mg und 100 mg keine signifikante Erhöhung im Vergleich zu Placebo (2,1), bei 150 mg jedoch eine signifikante Erhöhung (6,1). Dextroamfetamin (DAmp) und Diethylpropion zeigten mit 4,0 bzw. 4,5 signifikant erhöhte Werte. Die Probanden bevorzugten 40 mg DAmp gegenüber 100 mg LDX, während 150 mg LDX und 40 mg DAmp gleichauf lagen.(E 1b)201 Die maximale reguläre Tagesdosis von Lisdexamfetamin liegt bei 70 mg.
Bei akutem THC‑ oder Alkohol-Substanzmissbrauch ohne akute Amphetamin-Sucht halten wir das Risiko, dass ein Betroffener versucht, verschriebene Stimulanzien als Droge zu missbrauchen, für sehr gering. Bei einem Entzug von dopaminergen Drogen kann eine Stimulanziengabe helfen, die Entzugssymptome abzumildern und dem Rückfall vorzubeugen.
(E 4): Lisdexamfetamin (Elvanse), Guanfacin und Atomoxetin sind in der Schweiz bei akutem Alkohol- oder Drogenmissbrauch nicht kontraindiziert.(E 4)202(E 4)203(E 4)204
(E 4): Dexamphetamin und Methylphenidat sind in der Schweiz bei akutem Alkohol- oder Drogenmissbrauch kontraindiziert.(E 4)20(E 4)21
Eine Untersuchung berichtet, dass Faktoren wie Beginn und Unterbrechungen einer Medikamenteneinnahme bei ADHS Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer späteren Sucht haben könnten.(E 3)205 Dabei ist allerdings zu beachten, dass Sucht in den USA epidemische Ausmaße hat (jeder 13. US-Amerikaner hat eine Suchtdiagnose), was insbesondere auf unpassende Schmerzmittelverschreibungen (Opioide) zurückzuführen ist, wie sie in Europa nie erfolgten. Inwieweit die Untersuchung auf Verhältnisse außerhalb der USA und insbesondere in Europa übertragbar sein könnte, ist unklar.
Wissenschaftlich: N-Acetylcystein bei Suchterkrankungen (Tierversuche und Humanstudien)
Die Datenlage zu N-Acetylcystein beruht überwiegend auf Tierstudien. Die wenigen Humanstudien sind klein und in ihren Ergebnissen uneinheitlich. Ein Nutzen bei ADHS selbst ist nicht untersucht. Ein großer Teil der Arbeiten stammt aus der Arbeitsgruppe um Peter Kalivas, die das Glutamat-Modell der Sucht begründet hat.
(E 1b): N-Acetylcystein (ACC, NAC), das häufig bei Erkältungskrankheiten eingesetzt wird, verringerte das drogensuchende Verhalten bei heroinsüchtigen Ratten.(E 2b)206(E 2b)207 Gleiches wurde in Bezug auf Kokainsucht beobachtet (E 2b)208(E 2b)209(E 2b)210(E 1b)211(E 2b)212, wobei bei Menschen mit Kokainsucht höhere Dosen NAC (2.400 und 3.600 mg/Tag) mit einer höheren Behandlungstreue verbunden waren (E 4)213.
Ein Review fand NAC besonders geeignet zur Vermeidung von Rückfällen bei bereits abstinenten Probanden.(E 1a)214
(E 2b): NAC stellt die durch langfristigen Kokainkonsum gestörte Glutamat-Homöostase wieder her, indem es den Cystin-Glutamat-Austauscher in Gliazellen und den herabregulierten Transporter GLT-1 normalisiert. In Tierversuchen hielt die Hemmung des Suchverhaltens bis zu 40 Tage nach der letzten Gabe an. (E 2b)206(E 2b)208
In einer offenen, randomisierten Crossover-Studie an 8 Kokainabhängigen und 14 gesunden Kontrollpersonen war der Glutamatspiegel im dorsalen anterioren cingulären Kortex ohne Medikation bei den Kokainabhängigen erhöht. Eine einmalige Gabe von 2.400 mg NAC senkte ihn in dieser Gruppe, während er bei den gesunden Kontrollpersonen unverändert blieb. (E 1b): Höhere Glutamat-Ausgangswerte gingen mit höherer Impulsivität einher.(E 1b)215 Abnormale Glutamat-Spiegel korrelieren mit Rückfällen bei Kokainsucht.(E 1b)215 Der Glutamat-Befund selbst bestätigte sich in weiteren Untersuchungen. Eine daraus abgeleitete klinische Wirksamkeit ließ sich in einer methodisch stärkeren, doppelblinden und placebokontrollierten Folgestudie derselben Arbeitsgruppe jedoch nicht nachweisen.216
(E 1b): NAC verringerte in mehreren Studien auch das Craving nach METH. (E 1b)217 Auswertbar waren dort allerdings nur 23 Personen, das Verlangen wurde mit einem Fragebogen für Kokain erhoben, und alle Teilnehmenden erhielten zusätzlich eine standardisierte Verhaltensbehandlung nach dem Matrix-Modell.(E 1b)217. Die Gegenstudie war größer und länger angelegt (2.400 mg/Tag über 12 Wochen an drei Standorten) und fand keine Wirkung.(E 1b)218.
Ein Review zu NAC bei Substanzkonsumstörungen kam zu gemischten Ergebnissen. Die Ergebnisse randomisierter Studien fielen uneinheitlich aus. Das Craving bei Cannabis und Nikotin war durch NAC reduziert. NAC hat ein günstiges Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil.(E 4)219
Eine Übersicht über NAC bei psychiatrischen Erkrankungen fasst die Lage bei Suchterkrankungen so zusammen. Von den kleinen randomisierten Studien zeigt die Mehrzahl keine signifikante Verbesserung gegenüber Placebo. Zu Alkohol- und Opioidkonsumstörungen liegt bislang keine Studie vor, die NAC direkt untersucht. Bei Kokain verringerte NAC das Craving in randomisierten Studien nicht, wohl aber (dosisabhängig) in einer Untergruppe bereits abstinenter Betroffener. Bei Methamfetamin und Tabak sind die Ergebnisse widersprüchlich, wobei die jeweils größten Studien negativ ausfielen. Die Verträglichkeit von NAC ist durchweg gut. Bislang reiche für keine Erkrankung die Evidenz für eine klinische Empfehlung von NAC aus.220 Der Hauptautor hält ein Patent zu NAC im Pharmabereich. Der Negativbefund ist umso höher zu bewerten.
Ein multizentrisches RCT an n = 302 behandlungssuchenden Erwachsenen von 18 bis 50 Jahren fand keine Verringerung des Cannabiskonsums durch 2 x 1.200 mg NAC/Tag über 12 Wochen.(E 1b)221 Etliche der Autoren bezogen Zuwendungen von Pharmaunternehmen. Bei Jugendlichen war ein früherer Befund dagegen positiv gewesen: In einer achtwöchigen doppelblinden, placebokontrollierten Studie an 116 behandlungssuchenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 15 bis 21 Jahren mit Cannabisabhängigkeit verdoppelte 2 × 1.200 mg NAC/Tag die Chance auf negative Cannabinoid-Urintests mehr als (Odds Ratio 2,4; 95-%-KI 1,1–5,2; p = 0,029). 40,9 % der Urintests in der NAC-Gruppe waren negativ gegenüber 27,2 % unter Placebo. Alle Teilnehmenden erhielten zusätzlich ein Belohnungsprogramm und eine kurze wöchentliche Beratung. Vier Wochen nach Behandlungsende war der Unterschied nicht mehr signifikant.222Eine dritte Studie derselben Arbeitsgruppe prüfte NAC 2025 erneut bei Jugendlichen, diesmal ohne das begleitende Belohnungsprogramm der beiden Vorgängerstudien. An 192 Jugendlichen von 14 bis 21 Jahren zeigte sich über 12 Wochen kein Unterschied zu Placebo (relatives Risiko 0,93; 95-%-KI 0,53–1,64). Damit hat sich auch der ursprünglich positive Befund bei Jugendlichen nicht bestätigt. Er könnte auf das Zusammenwirken mit dem Belohnungsprogramm zurückzuführen sein.223 Der Verlauf dieser drei Studien ist für die NAC-Forschung (leider) typisch. Auf einen vielversprechenden Erstbefund folgten größere Wiederholungsstudien, die ihn nicht bestätigen konnten. Dasselbe Muster zeigt sich beim Craving (Metaanalyse 2017 positiv, Metaanalyse 2024 negativ) und beim Glutamat-Mechanismus (bei Kokain nachweisbar, bei Nikotin nicht).
(E 2b): Eine Studie fand verringerte Rückfallquoten auf Nikotin bei Ratten(E 2b)224, eine andere nur bei männlichen Ratten, nicht bei Weibchen.(E 2b)225 Nur eine dauerhafte Gabe von NAC, nicht eine vorübergehende Gabe, verringerte das Rückfallrisiko auf Nikotin bei Ratten.(E 2b)226 Auch beim Menschen wirken Medikamente zur Raucherentwöhnung bei Frauen offenbar schlechter als bei Männern, vermutlich durch Wechselwirkungen mit den weiblichen Geschlechtshormonen. (E 2b)225
In den beiden größten und längsten Studien zeigte NAC keine Wirkung auf die Raucherentwöhnung. Die positiven Befunde stammen aus kürzeren oder kleineren Untersuchungen. Bei 4 Wochen Laufzeit und 90 Teilnehmenden ist die Aussagekraft begrenzt, da bei Raucherentwöhnungsstudien üblicherweise die Abstinenz nach sechs Monaten gemessen wird:
- In einem RCT an 90 männlichen Rauchern (2 x 1.200 mg NAC/Tag über 4 Wochen) waren nach Behandlungsende 37,7 % abstinent, gegenüber 6,6 % unter Placebo (Odds Ratio 5,66; 95-%-KI 1,78 bis 17,9; p = 0,02). (E 1b): Das Craving war signifikant verringert.(E 1b)227
- In einer Pilotstudie an n = 34 Betroffenen mit therapieresistenter Tabakabhängigkeit verdoppelten 3 g NAC/Tag über 12 Wochen, jeweils zusätzlich zu einer Gruppenverhaltenstherapie, die Entzugsquote (47,1 % gegenüber 21,4 %).(E 1b)228
- In einem RCT an n = 114 erwachsenen täglichen Rauchern mit 2 x 1.200 mg/Tag über 8 Wochen war NAC unwirksam (E 1b)229
- In einer kleinen doppelblinden Pilotstudie an n = 22 starken Rauchern mit 3).600 mg/Tag über 3,5 Tage war NAC unwirksam. Craving (p = 0,23) und Entzugssymptome (p = 0,07, nur Trend) unterschieden sich nicht signifikant. Nur die erste Zigarette nach der Abstinenzphase wurde unter NAC als weniger belohnend erlebt (p = 0,04).(E 1b)230
- Ein RCT an n = 94 Rauchern mit 1,8 g NAC/Tag über 16 Wochen und Nachbeobachtung bis Woche 42 fand ebenfalls keine signifikante Wirkung.(E 1b)231 (Studie stammt von der australischen Arbeitsgruppe um Michael Berk, die NAC seit Jahren erforscht)
Die Studienlage zu NAC ist nach Geschlecht ungleich verteilt: Mehrere Untersuchungen schlossen nur männliche Teilnehmer beziehungsweise Tiere ein, und dort, wo beide Geschlechter untersucht wurden, zeigte sich die Wirkung teils nur bei männlichen Tieren. Auf Frauen sind die Ergebnisse daher nur eingeschränkt übertragbar.225227
(E 2b): NAC verringerte die Rückfallgefahr auf Alkohol bei Mäusen(E 2b)232 und Ratten(E 2b)224(E 2b)233(E 2b)234(E 2b)235. (E 2b): NAC verhinderte stressinduzierte Alkoholrückfälle bei Ratten.(E 2b)236 Alkohol erhöhte bei Zebrafischen oxidativen Stress(E 2b)237, NAC verringerte diesen(E 2b)238(E 2b)239.
Alkohol und Nikotin teilen nach diesen Arbeiten gemeinsame Mechanismen (oxidativen Stress und Neuroinflammation). Daher erscheint eine gemeinsame Behandlung beider Abhängigkeiten denkbar.234
Bei bereits alkoholabhängigen Ratten (nach zehn Wochen intermittierender Alkoholdampfexposition) zeigte sich der Effekt nicht in gleicher Weise wie bei Ratten mit Binge-Trinkverhalten.235
Bei Zebrafischen verringerte NAC Alkoholkater, Entzugserscheinungen und chronischen Stress mit Ängstlichkeit und oxidativem Schaden Zebrafischen. (E 2b)240(E 2b)241
In einer Laborstudie an 9 Menschen mit Alkoholkonsumstörung veränderte NAC (1,2 und 2,4 g/Tag über fünf Tage) weder die Alkoholselbstverabreichung noch die subjektiven, kognitiven oder körperlichen Alkoholwirkungen. Die günstigen Tierbefunde ließen sich damit beim Menschen nicht bestätigen.242
(E 4): NAC war gut verträglich(E 4)219, auch bei 3.600 mg / Tag(E 4)213. Bei 2 x 1.200 mg / Tag fanden sich keine schwerwiegenden Nebenwirkungen. (E 1b): Die häufigsten unerwünschten Ereignisse waren leichte gastrointestinale Wirkungen (28,9 %) und Arthralgie (2,2 %; Gelenkschmerzen ohne Entzündung).(E 1b)243 NAC zeigte keine erhöhten Nebenwirkungen bei gleichzeitigem Alkoholkonsum.(E 1b)242
Diese Verträglichkeitsangaben stammen aus einer vierwöchigen Studie an 90 Probanden. Eine Langzeitverträglichkeit lässt sich daraus nicht ableiten.243
Wissenschaftlich: Acetylsalicylsäure bei Suchterkrankungen (Tierversuche und Humanstudien
Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) verringerte den Alkoholkonsum bei Ratten mit chronischem Alkoholkonsum sowie die Rückfallquote. (E 2b): Eine Kombination von NAC und ASS war besonders wirksam. N-Acetylcystein allein (40 mg/kg/Tag oral) oder Acetylsalicylsäure allein (15 mg/kg/Tag oral) verringerten den chronischen Alkoholkonsum jeweils um 50 bis 55 %, die Kombination um 65 bis 75 %.[^ (E 2b)244(E 2b)245 Chronischer Alkoholkonsum wie erneuter Konsum nach Entzug verringerte die kortikalen Glutamattransporter-GLT-1 um 50 %. ACC erhöhte GLT-1 auf den Normalwert. NAC beeinflusste die GLT-1-Spiegel nicht, aktiviert jedoch möglicherweise den Cystin/Glutamat-Transporter xCT und hemmte das Rückfallrisisko präsynaptisch.
NAC und ASS gemeinsam verringerten die Nikotinrückfallquote bei Ratten um 85 %.246
NAC und ASS wirken auf verschiedenen Wegen: N-Acetylcystein über das Nrf2-ARE-System gegen oxidativen Stress, Acetylsalicylsäure gegen die Neuroinflammation. Da sich beide Vorgänge gegenseitig verstärken, ergänzen sich die Substanzen.244
Diese Befunde stammen ausschließlich aus Rattenstudien einer einzigen Arbeitsgruppe. Daten am Menschen liegen nicht vor. Eine dauerhafte Einnahme von Acetylsalicylsäure ist nicht harmlos (sie erhöht insbesondere das Risiko für Magen-Darm-Blutungen). Von einer Selbstmedikation ist abzuraten
Nikotin verringerte die GLT-1- und xCT-Genexpression im PFC. NAC behob beides, ACC nur die GLT-1-Genexpression. Sulfasalazin, ein xCT-Transporter-Wiederaufnahmehemmer, verhinderte die hemmende Wirkung von NAC auf die chronische Nikotinaufnahme. Der xCT-Transporter ist die Hauptquelle für extrazelluläres Glutamat.
Eine Metaanalyse (k = 7, n = 245) fand eine hohe Effektstärke von 0,94 (Hedges’ g; 95-%-KI 0,55 bis 1,33) für NAC auf die Verringerung des Cravings in SUD.247 Eine Effektstärke von 0,94 aus sieben kleinen Studien ist mit Vorsicht zu lesen.
Eine neuere Metaanalyse aus 2024 konnte diesen Vorteil gegenüber Placebo allerdings nicht bestätigen.248
3.3.17. Esstörungen komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Hier kommt es auf die Art der Essstörung an:
Binge Eating: Lisdexamfetamin ist in den USA dafür zugelassen und verringert Häufigkeit und Schwere der Essanfälle. Bei Kindern und Jugendlichen ist es dafür nicht untersucht.
Bulimie: Eine Behandlung ist denkbar, wenn Erbrechen oder Abführmittelgebrauch selten sind und die Blutwerte stabil sind. Die Datenlage ist dünn und beruht überwiegend auf Fallberichten. Nebenwirkungen können häufig sein.
Anorexie: Hier sollten Stimulanzien vermieden werden. Sie unterdrücken den Appetit zusätzlich, fördern weiteren Gewichtsverlust und können bei stark unterernährten Menschen das Herz belasten. Ist die Anorexie abgeklungen, ist eine ADHS-Behandlung unter engmaschiger Beobachtung von Gewicht und Essverhalten möglich.
3.3.17.1. Binge Eating komorbid zu ADHS
Wissenschaftlich: Proteomanalyse zu Lisdexamfetamin und Angstsymptomen
Eine Computersimulation der von Lisdexamfetamin beeinflussten Proteine (mitverfasst vom Hersteller) sagte einen günstigen Effekt auch bei Binge Eating voraus. (E 2b) 70
In den USA ist Elvanse zur Behandlung von Binge Eating Disorder (BED) bei Erwachsenen zugelassen.
Bei 50 bis 70 mg täglich über 11 Wochen verringerte es den Schweregrad und die Häufigkeit der Essanfälle.(E 1a)67
Lisdexamfetamin wurde bei Kindern und Jugendlichen mit BED nicht systematisch untersucht; eine retrospektive Übersichtsarbeit (n = 25; 12 bis 19 Jahre) deutet jedoch auf einen gewissen Nutzen bei selbstberichteten Essanfallssymptomen hin. In den Leitlinien zur Behandlung von Essstörungen finden sich derzeit keine spezifischen Empfehlungen für Lisdexamfetamin bei Kindern und Jugendlichen mit BED, da es an belastbaren Daten fehlt. In der klinischen Praxis kann Lisdexamfetamin bei Jugendlichen mit mittelschwerer bis schwerer BED und gleichzeitigem ADHS ohne klinisch bedeutsame kardiale Vorgeschichte ergänzend zu einer anderen unterstützenden Essstörungsbehandlung (z. B. kognitiver Verhaltenstherapie) erwogen werden.249
3.3.17.2. Bulimie nervosa komorbid zu ADHS
Ein systematischer Review zu Stimulanzien bei Bulimie und Anorexie (überwiegend Fallberichte und kleine offene Studien) berichtete mehrheitlich günstige Effekte auf das Essverhalten. Die Evidenz ist jedoch nicht ausreichend. Es werden häufige Nebenwirkungen berichtet (Gewichtsverlust, Appetitminderung, Tachykardie).(E 1a)250 Zudem bestehen Sicherheitsbedenken, weil Daten zum Einsatz bei Kindern und Jugendlichen mit Bulimie fehlen.(E 1a)67
Bei Kindern und Jugendlichen mit Bulimie wurde in Bezug auf Stimulanzien berichtet:
- kardiovaskuläre Komplikationen im Zusammenhang mit Dehydrierung und Elektrolyt-Ungleichgewichten als Folge von Purging
- selbst herbeigeführtes Erbrechen und Missbrauch von Abführmitteln- orthostasebedingte Tachykardie und erhöhter Blutdruck bei der Einnahme von Stimulanzien
Eine Behandlung mit Stimulanzien gegen ADHS-Symptome bei komorbider Bulimie ist denkbar, wenn:(E 1a)67
- Purging-Verhalten gering/sehr selten ist
- Laborwerte und Hydratationsstatus stabil sind.
3.3.17.3. Anorexie nervosa komorbid zu ADHS
Bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexie nervosa sollten Stimulanzien vermieden werden. Es bestehen verschiedene Risiken:(E 4)251
-
zusätzliche Appetitunterdrückung
-
zusätzlicher Gewichtsverlust
-
Verschlimmerung des restriktiven Essverhaltens
-
Erhöhung kardiovaskulärer Risiken einschließlich Kardiomyopathie (z. B. Hypertrophie) bei stark unterernährten Kindern
Eine Fallserie an n = 6 ambulant behandelten Betroffenen fand unter Stimulanzien zwar Appetitminderung und Gewichtsverlust, jedoch keine Verschlechterung der Essstörungssymptomatik. Berichtet wurden eine subjektive Besserung der ADHS-Symptome, eine Abschwächung der negativen Auswirkungen des ADHS auf die Essstörung sowie subjektive Verbesserungen von Angst, Depression und Suizidalität. Die Autoren halten den gut überwachten Einsatz von Stimulanzien bei dieser Gruppe für vertretbar, bis größere Studien vorliegen.252
Bei abgeklungener Anorexie kann eine Behandlung von ADHS-Symptomen mit Stimulanzien unter erhöhter Beobachtung von Appetit, Gewicht und Essverhalten erwogen werden.(E 1a)67
Ein Einzelfallbericht schildert eine Frau mit Neurofibromatose Typ 1, die mit Anfang 30 eine Anorexia nervosa entwickelte. Nach erfolgreicher Psychotherapie der Anorexie (aktueller BMI 20,5 kg/m²) wurde zusätzlich ein ADHS diagnostiziert und erfolgreich mit Dexamfetamin behandelt. Das Körpergewicht blieb unbeeinträchtigt.(E 4)253
3.3.18. Adipositas
Bedeutung für Betroffene
Unter Lisdexamfetamin nahmen Kinder und Jugendliche mit Übergewicht im Verlauf von zwei Jahren messbar ab.
In Deutschland ist Lisdexamfetamin ausschließlich zur ADHS-Behandlung zugelassen, nicht zur Gewichtsreduktion. Die Gewichtsabnahme ist eine Begleitwirkung, kein ADHS-Behandlungsziel.
Atomoxetin ist entgegen einer verbreiteten Angabe nicht zur Behandlung von Adipositas zugelassen.
Stimulanzien sind dafür bekannt, den Appetit zu verringern.
In einer retrospektiven Auswertung von Krankenakten von n = 330 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren (mittleres Alter 10 Jahre) sank zwei Jahre nach Behandlungsbeginn von ADHS mit Lisdexamfetamin:(E 3)254
- bei schwerer Adipositas der BMI-Z-Score um -0,41, der BMI-Prozentsatz des 95. Perzentils um -11,2 %
- bei leichter bis mittelschwerer Adipositas der BMI-Z-Score um -0,44 und der BMI-Prozentsatz des 95. Perzentils um -11,1 %
- bei leichter bis mittelschwerer Adipositas und Übergewicht zeigten jüngere Kinder von 4 bis 10 Jahren eine stärkere Verringerung ihres BMI
Eine Verringerung des BMI-Z-Scores um 0,20 bis 0,25 gilt als klinisch bedeutsam und entspricht etwa 5 % Gewichtsverlust. Die gefundenen Werte liegen damit im klinisch relevanten Bereich.
3.3.19. Chronische Schmerzen komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Chronische Schmerzen treten bei ADHS häufiger auf. Dass ADHS-Medikamente auch die Schmerzen lindern können, ist bislang nur in einzelnen Fallberichten beschrieben (kontrollierte Studien fehlen, und die Berichte stammen überwiegend aus einer einzigen Arbeitsgruppe). Als Hoffnung tragfähig, als Behandlungserwartung noch nicht.
Chronische Schmerzen sind eine bei ADHS überhäufige Komorbidität.
Wissenschaftlich: Sphingomyelin/Ceramid-Verhältnis bei Schmerzen des unteren Rückens
Eine Studie berichtet über ein erhöhtes Sphingomyelin/Ceramid-Verhältnis bei Patienten mit Schmerzen des unteren Rückens255 (welche ebenfalls dem typischen Formenkreis von ADHS zugehören). Die saure Sphingomyelinase (ASM, Sphingomyelin-Phosphodiesterase 1, codiert durch das ADHS-Kandidatengen SMPD1) baut Sphingomyelin zu Ceramid ab. Wenn Sphingomyelin hoch und Ceramid niedrig ist, deutet dies auf schwaches S-ASM hin. Vor diesem Hintergrund könnten FIASMA (ASM-Hemmer) wie z.B. Amitriptylin nachteilig sein und das Risiko von Muskelverspannungen erhöhen. Ob dieser Gedanke für ADHS tragend ist, bleibt abzuwarten.
Mehr zu Chronischen Schmerzen bei ADHS unter Chronische Schmerzen / Muskelspannung bei ADHS im Kapitel Symptome sowie unter Chronische Schmerzen und Muskelspannung bei ADHS - Neurophysiologische Korrelate
Es werden verschiedene Medikationsmöglichkeiten bei chronischen Schmerzen bei ADHS diskutiert. Die Evidenz ist insgesamt sehr schwach.
31,8 % der Patienten mit verschiedenartigen chronischen Schmerzen, die an einen Psychiater in einer Schmerzklinik überwiesen wurden, wurden mit ADHS diagnostiziert. 21 davon erhielten ADHS-Medikamente (Methylphenidat und/oder Atomoxetin). Bei 20 der 21 (95,5 %) verbesserten sich die ADHS-Symptome. Bei 14 von 21 (66,7 %) verbesserten sich zugleich ihre Schmerzsymptome, im Schnitt um 4,6 Punkte (64,7 %) der Pain Numerical Rating Scale (NRS). Unter den 7 medikamentierten Patienten mit anhaltenden chronischen unspezifischen Schmerzen des unteren Rückens verbesserten sich bei allen 7 (100 %) die Schmerzsymptome, im Schnitt um 4,3 Punkte (65,3 %) der NRS.256
- Methylphenidat
- Atomoxetin
- (E 4): Mehrere Einzelfallberichte erwähnen, dass Atomoxetin bei einer ADHS-Betroffenen auch chronische Schmerzen verringerte. Kontrollierte Studien hierzu liegen bislang nicht vor.(E 4)262(E 4)263(E 4)264
- Atomoxetin konnte die Schmerzempfindlichkeit bei 6-OHDA-Mäusen (einem ADHS-Tiermodell) verringern (E 4)265
- Guanfacin
- Amfetaminmedikamente
- Antipsychotika
- Trizyklische Antidepressiva
- TZA waren lange Zeit die wichtigsten Medikamente zur Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen, zeigen jedoch hohe Nebenwirkungen.267 TZA wurden früher auch zur Behandlung von ADHS verwendet (insbesondere Imipramin).
- Entiepileptika
- Antiepileptika wie Gabapentin, Carbamazepin und Lamotrigin sind ebenfalls bei chronischen neuropathischen Schmerzen hilfreich.267
- Gabapentin
- Gabapentin ist aufgrund der massiven Absetznebenwirkungen, die dem Entzug von Opioiden oder Alkohol nahe sind, und die oft genug einen Klinikaufenthalt erfordern, allenfalls als Mittel letzter Wahl und unter besonderer Aufklärung über die damit verbundenen Probleme zu empfehlen.
- Das ADHS-Tiermodell der SHR zeigt ein gestörtes noradrenerges Schmerzhemmungssystem. Bei SHR war Gabapentin bei neuropathischen Schmerzen aufgrund segmentaler Spinalnervenligatur wirkungslos, bei Wistar linderten Gabapenti die neuropathischen Schmerzen. 271
- Duloxetin
- Das ADHS-Tiermodell der SHR zeigt ein gestörtes noradrenerges Schmerzhemmungssystem. Bei SHR und Wistar-Ratten war Duloxetin bei neuropathischen Schmerzen aufgrund segmentaler Spinalnervenligatur hilfreich war.271 Anders als Gabapentin erhöht Duloxetin das spinale Noradrenalin unabhängig von einer Aktivierung des Locus coeruleus. Demnach könnten Noradrenalinwiederaufnahmehemmer bei chronischen Schmerzen bei ADHS hilfreich sein.
- Baclofen
- Baclofen ist ein Muskelrelaxcanz und soll bei ausgewählten Betroffenen hilfreich sein können.267
- Mexiletin
- Mexiletin ist ein Klasse-Ib-Antiarrhythmikum, das heute vornehmlich zur Behandlung von Muskelsteifigkeit (Myotonie) bei Erwachsenen mit nicht-dystrophen myotonischen Erkrankungen verwendet wird.** Mexiletin soll bei ausgewählten Betroffenen hilfreich sein können.267
3.3.20. Erhöhte Muskelspannung komorbid zu ADHS
Nach Stray sei die motorische Desinhibition und der erhöhte Muskeltonus bei ADHS unmittelbar mit der Dysregulation des Dopamin- und Noradrenalinsystems assoziiert.272
Dazu passt, dass bei ADHS der erhöhte Muskeltonus durch Methylphenidat reduziert werden kann273und dass der Noradrenalinwiederaufnahmehemmer Orphenadrin (Norflex®) als Skelettmuskelrelaxans dient. Noradrenalinwiederaufnahmehemmer werden auch als ADHS-Medikation eingesetzt (Atomoxetin, Viloxazin).
Nach unserem Eindruck wird im ADxS-Forum bei Lisdexamfetamin häufiger eine erhöhte Muskelspannung berichtet. Ein Betroffener berichtete massivste Nackenverspannungen durch Lisdexamfetamin, die trotz intensiver Psychiotherapie unerträglich waren. Ein Wechsel zu Methylphenidat verbesserte die Nackenverspannungen erheblich. Ein erneuter Wechsel und Rückwechsel bestätigte LDX als Auslöser der Nackenssteifigkeit.
(E 1a): In Bezug auf Fibromyalgie, die häufig mit einer stark erhöhten Muskelspannung verbunden ist, wird von einer hilfreichen Behandlung mit sehr niedrig dosiertem Naltrexon berichtet (0,5 bis 4,5 mg anstelle der üblichen 150 mg). Die Behandlung soll nahezu nebenwirkungsfrei sein.274 (E 1a)275(E 1a)276(E 1a)277(E 1a)278 Naltrexon ist ein langwirksamer kompetitiver Opioid-Antagonist, auch zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit angewendet wird. Ein Betroffener berichtete uns, dass das niedrig dosierte Naltrexon zugleich gegen die ebenfalls bestehende ADHS-Symptomatik helfe.
Paracetamol wurde wiederholt als Behandlungsoption genannt.
Magnesium sei ebenfalls hilfreich.
Myotonolytika (z.B. Methocarbamol, Tolperison, Tetrazepam, Flupirtin, Tizanidin, Baclofen, Pridinol, Eperison oder Methocarbamol) wirken muskelentspannend über eine Hemmung der polysynaptischen Reflexleitung im Rückenmark und in subkortikalen Zentren. Sie sind für eine langfristige Nutzung indes weniger geeignet und haben erhebliche Nebenwirkungen. Tizanidin und Cyclobenzaprin wirken sedierend und können bei zugleich bestehenden Schlafproblemen helfen.279 Methocarbamol und Metaxalon sind etwas weniger sedierend, jedoch wohl auch schwächer wirksam. Schwindel und Schläfrigkeit wird von allen Myotonolytika berichtet.
Mehr zu erhöhter Muskelspannung bei ADHS unter Chronische Schmerzen / Muskelspannung bei ADHS im Kapitel Symptome sowie unter Chronische Schmerzen und Muskelspannung bei ADHS - Neurophysiologische Korrelate
3.3.21. Enuresis komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Atomoxetin erhöhte die Zahl der trockenen Nächte bei Kindern mit Enuresis, von denen nur etwa 43 % zusätzlich ein ADHS hatten, um das Anderthalbfache. Zur alleinigen Behandlung des Einnässens genügt das nicht.
Das früher häufig angewendete Imipramin gilt heute als nachrangig, weil es bei Überdosierung das Herz erheblich schädigen kann, was bei Kindern mit ADHS und hoher Impulsivität besonders ins Gewicht fällt.
Duloxetin linderte in einem Einzelfall komorbide Enuresis (Bettnässen), stimulanzieninduzierte Dysphorie und eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten bei einem Jugendlichen mit ADHS. Einzelheiten wie Dosis oder Beobachtungsdauer wurden nicht berichtet, jedoch sollen 20 bis 35 % der Teilnehmenden klinischer Studien unzureichend ansprechen, teils wegen dosislimitierender Nebenwirkungen.(E 4)280
Atomoxetin erhöhte in einer placebokontrollierten Studie die Zahl der trockenen Nächte etwa um das Anderthalbfache. Dieser Effekt reicht für eine Behandlung der Enuresis allein jedoch nicht aus.(E 1b)281
Bei komorbidem Einnässen(Enuresis) wurde (2009) auch Imipramin empfohlen.(E 4)282 Trizyklische Antidepressiva wie Imipramin gelten bei Enuresis aufgrund der ausgeprägten Kardiotoxizität bei Überdosierung (was bei Kindern mit ADHS und erhöhter Impulsivität besonders ins Gewicht fällt) heute nur noch als nachrangige Option.
3.3.22. Schlafprobleme und ADHS
Bedeutung für Betroffene
Einerseits schlafen viele Betroffene bei Stimulanzieneinnahme tagsüber besser, weil das nächtliche Gedankenkreisen nachlässt. Bei einem kleineren Teil hilft sogar eine niedrige Dosis unretardiertes Methylphenidat am Abend beim Einschlafen.
Andererseits können Stimulanzien den Schlaf stören. Meist ist das eine Nebenwirkung der Eindosierung, die nach einigen Wochen verschwindet, oder eine Folge zu später Einnahme bzw. zu langer Wirkdauer. In diesem Fall lohnt sich die Prüfung von Einnahmezeitpunkt und Präparat.
Melatonin wird bei ADHS häufig als Einschlafhilfe verordnet.
ADHS-Betroffene leiden häufig an Schlafproblemen. Stimulanzien können Schlafprobleme verbessern. Viele Betroffene berichten, dass sie seit der Einnahme von Stimulanzien einen deutlich verbesserten Schlaf haben. Bei manchen Betroffenen (wir schätzen ca. 5 bis 10 %) können geringe Dosen (1/4 bis 1/3 einer Tageseinzeldosis) unretardiertes MPH auch das Einschlafen verbessern.
Stimulanzien können aber auch Schlafprobleme verursachen. Meist handelt es sich um Eindosierungsnebenwirkungen, die innerhalb der ersten Wochen wieder verschwinden. Manchmal handelt es sich um eine Folge einer zu späten Einnahme oder einer zu langen Wirkdauer der Medikamente aufgrund eines verlangsamten Abbaus. Zu letzterem siehe unter Wirkung und Wirkdauer von ADHS-Medikamenten
Zur Behandlung von Schlafproblemen bei ADHS siehe den ausführlichen Beitrag Schlafprobleme bei ADHS - Behandlung
3.3.22.1. Melatonin bei Schlafproblemen
Ausführlich zu Melatonin als Medikament zur Behandlung von Schlafproblemen bei ADHS unter Melatonin bei ADHS
3.3.22.2. Guanfacin (insb. abends)
Eine Betroffene berichtete uns gute Erfahrungen mit einer Einnahme von Guanfacin ca. 5 Stunden vor dem Schlafengehen. Müdigkeit ist eine häufige Nebenwirkung von Guanfacin. Guanfacin ist ein Pegelmedikament und wirkt fast den ganzen Tag, sodass auch am nächsten Tag noch eine positive Wirkung auf die ADHS-Symptome vorliegen sollte.
3.3.22.3. Amitriptylin
Amitryptilin in einer Dosierung von etwa 1 mg/kg/Tag bei vorsichtiger Anwendung zeigte Verbesserung von Schlaf, Angst, Impulsivität und ADHS, repetitivem Verhalten und Enuresis.(E 4)154
Wie bei allen serotonergen Antidepressiva sind Absetznebenwirkungen zu beachten und ein Ausschleichen zu empfehlen.
3.3.22.4. Trazodon
Bei komorbidem Schlafstörungen, insbesondere bei zudem komorbider Angststörung und Depression, soll Trazodon erfahrungsgemäß hilfreich sein.
(E 4): Trazodon wirkt dosisabhängig unterschiedlich. In niedriger Dosis (bis etwa 50 mg) wirkt es praktisch selektiv auf die 5-HT2A-Rezeptoren und nicht auf die Serotonintransporter. Die Halbwertszeit von 5 bis höchstens 9 Stunden ist dem Nachtschlaf angemessen, weshalb sich Betroffene am Morgen erholt fühlen. Anders als Mirtazapin beeinträchtigt Trazodon weder die Sexualfunktionen noch erhöht es das Körpergewicht.78 Startdosis 25 mg, selten über 100 mg(E 4)78(E 4)109
3.3.23. Bruxismus (Zähneknirschen) bei ADHS
Bedeutung für Betroffene
ADHS-Medikamente können Zähneknirschen verstärken.
Bei Zähneknirschen ist ein Hinweis an Ihren Arzt sinnvoll. Eine etablierte Behandlung ist damit nicht verbunden.
Dass Buspiron dagegen hilft, ist bislang nur in Einzelfällen beschrieben
ADHS-Medikamente können Bruxismus verstärken.
Eine Case-Study berichtet eine positive Wirkung von Buspiron auf einen durch Atomoxetin verursachten Bruxismus.(E 4)283 Es ist erst der zweite berichtete Fall überhaupt.
3.3.24. CDS / SCT (Cognitive disengagement syndrome, Sluggish cognitive tempo)
Bedeutung für Betroffene
Wenn verlangsamtes Denken, Tagträumen und geistiges Abdriften im Vordergrund stehen, könnte Methylphenidat schwächer wirken als sonst. Gesichert ist das nicht. Die Erfahrung stammt aus einer einzelnen Studie, und der Zusammenhang zeigte sich nur für den verlangsamt-schläfrigen Anteil, nicht für das Tagträumen.
Atomoxetin verbesserte diese Symptome, wobei die Besserung nur teilweise unabhängig von der allgemeinen Aufmerksamkeitsverbesserung war.
In einer Untersuchung verbesserte Atomoxetin bei CDS / SCT 7 von 9 Symptomen des Kiddie-Sluggish Cognitive Tempo Interview (K-SCT) signifikant. Die Symptomverbesserung bei SCT war dabei nur teilweise unabhängig von der Verbesserung der ADHS-Unaufmerksamkeitssymptome.(E 1b)284 Mehrere Autoren waren bzw. sind bei Eli Lilly beschäftigt, dem Hersteller von Atomoxetin.
SCT-Symptome könnten ein Hinweis auf ein schwächeres Ansprechen auf Methylphenidat sein. Die Subtypen ADHS-HI und ADHS-I unterscheiden sich dagegen in der MPH-Respondingrate nicht. Dieser Zusammenhang zeigte sich allerdings nur für den verlangsamt-schläfrigen Anteil des CDS, nicht für das Tagträumen. (E 1b)285
3.3.25. Histaminintoleranz / Mastzellaktivierungssyndrom
Bedeutung für Betroffene
Nach den bisherigen Untersuchungen spricht nichts dagegen, ADHS-Medikamente bei Histaminunverträglichkeit einzusetzen. Sie erhöhen Histamin offenbar nur im Gehirn und beeinträchtigen den Histaminabbau im Körper nicht. Ein therapeutischer Nutzen bei Histaminintoleranz ist damit allerdings nicht belegt, und alle diese Befunde stammen aus Tier- und Zellversuchen.
Praktisch bedeutsamer sind die Hilfsstoffe: Laktose, Sorbit, Fruktose und andere Zusätze unterscheiden sich von Präparat zu Präparat. Die folgenden Listen geben den Stand von 2021 wieder und sind teilweise überholt. Maßgeblich ist immer Abschnitt 6.1 der aktuellen Fachinformation Ihres Präparats, der die sonstigen Bestandteile vollständig auflistet. Apotheken können dies klären.
Da ADHS-Medikamente und insbesondere Stimulanzien Histamin nur im Gehirn erhöhen, im Körper aber verringern, sollten sie bei Histaminunverträglichkeit (die peripher im Darm und nicht zentral wirkt) tendenziell vorteilhaft sein.
Ein erfahrener ADHS-Arzt berichtete, bei einer vierstelligen Anzahl von ADHS-Patienten nie Histaminprobleme durch ADHS-Medikamente beibeachtet zu haben.
Im ADxS-Forum wurden immer wieder Fälle von (möglicherweise histaminergen) allergischen Reaktionen durch ADHS-Medikamente berichtet. Eine ADHS-Betroffene mit Histaminintoleranz berichtete, dass sie AMP und retardiertes MPH gar nicht vertrug, unretardiertes MPH in geringen Dosen jedoch tolerieren konnte.
Eine andere ADHS-Betroffene berichtete, dass sie ihre durch ADHS-Medikamente verursachte Histaminintoleranzreaktionen mit einer morgendlichen Einnahme von Cetirizin gut in den Griff bekommen habe.
Die meisten gängigen ADHS-Medikamente scheinen Histamin lediglich im Gehirn zu erhöhen. Für Methylphenidat und Atomoxetin liegen dazu bislang zwei Rattenstudien vor. Die übrigen Befunde betreffen Methamphetamin und Modafinil, die in Deutschland nicht zur Behandlung von ADHS zugelassen sind:
- (E 2b): Atomoxetin erhöhte extrazelluläres Histamin im PFC von Ratten(E 2b)286(E 2b)287 Histamin spielt im Gehirn eine Schlüsselrolle für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis. Möglicherweise trägt die verstärkte Histaminfreisetzung zur Wirksamkeit von Methylphenidat und Atomoxetin bei ADHS bei.(E 2b)287
- Methylphenidat erhöhte extrazelluläres Histamin im PFC von Ratten(E 2b)287
- (E 2b): Methamfetamin erhöhte Histamin im Hypothalamus von Ratten(E 2b)288(E 2b)289
- Modafinil erhöhte Histamin im Hypothalamus von Ratten(E 2b)290
Peripher könnten Stimulanzien dagegen den Histaminabbau fördern, indem sie die Diaminoxidase (DAO) erhöhen.
- Methylphenidat hemmte die Diaminoxidase nicht und neigte in Zellversuchen dazu, ihre Aktivität zu erhöhen.291
- Lisdexamfetamin bewirkte in Caco-2-Zellen eine starke Hochregulierung der DAO-mRNA-Spiegel, was den peripheren Histaminabbau erhöht(E 2b)291 (E 2b): Viloxazin scheint an den Histaminrezeptoren H1 und H2 keine oder eine allenfalls schwache kompetitive Hemmung auszuüben (< 25 %).(E 4)292(E 2b)293 Die Befunde zur Transmitterwirkung stammen aus Rattenversuchen.
Unabhängig davon können Beistoffe auch peripher histaminerhöhend wirken.
Die folgenden Angaben zu Hilfsstoffen entsprechen dem Stand von 2021 und stammen aus einem Blogbeitrag. Hilfsstoffe können sich ändern. Maßgeblich ist stets Abschnitt 6.1 der aktuellen Fachinformation des jeweiligen Präparats.
Winkler berichtete in Bezug auf die Beistoffe, dass:(E 4)294
- unter den AMP-Präparaten Attentin bei Histaminintoleranz weniger nachteilig sein soll als Lisdexamfetamin
- unter den MPH-Präparaten Medikinet unretardiert und Kinecteen bei Histaminintoleranz weniger nachteilig sein sollen als Ritalin unretardiert, Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin LA, Ritalin adult und Concerta
- unter den ATX-Präparaten Agakalin bei Histaminintoleranz weniger nachteilig sein soll als Strattera
Eine Liste weiterer Medikamente, die Histamin erhöhend wirkt, findet sich bei Histaminintioleranz.ch: Medikamentenliste (deutsch, englisch, französisch).
3.3.26. Glutenunverträglichkeit
Bedeutung für Betroffene
Bei Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit kommt es auf die Hilfsstoffe an, nicht auf den Wirkstoff. Die folgenden Angaben stammen aus einem Blogbeitrag von 2021 (E 4)294 und können überholt sein. Verlässlich ist nur Abschnitt 6.1 der aktuellen Fachinformation Ihres Präparats, die jede Apotheke einsehen kann.
Beistoffe in Medikamenten können Gluten enthalten.
Winkler berichtet, dass in Bezug auf die Beistoffe Medikinet unretardiert, Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin LA, Ritalin adult, Concerta, Kinecteen, Elvanse, Attentin, Strattera und Agakalin unbedenklich seien, während Ritalin unretardiert bei einer Glutenintoleranz problematisch sei.(E 4)294
3.3.27. Laktoseunverträglichkeit
Beistoffe in Medikamenten können Laktose enthalten.
Winkler berichtet, dass in Bezug auf die Beistoffe Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin LA, Ritalin adult, Elvanse, Attentin, Strattera und Agakalin unbedenklich seien, während Ritalin unretardiert, Medikinet unretardiert, Concerta und Kinecteen bei einer Laktoseintoleranz problematisch seien.(E 4)294
3.3.28. Fructoseunverträglichkeit
Beistoffe in Medikamenten können Fructose enthalten.
Winkler berichtet, dass in Bezug auf die Beistoffe Ritalin unretardiert, Medikinet unretardiert, Elvanse, Strattera und Agakalin unbedenklich seien, während Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin LA, Ritalin adult, Concerta, Kinecteen und Attentin bei einer Fructoseintoleranz problematisch seien.(E 4)294 Concerta und Kinecteen sollen inzwischen Saccharose- und Fruktosefrei sein (Mai 2025).
3.3.29. Sorbitunverträglichkeit
Beistoffe in Medikamenten können Sorbit enthalten.
Winkler berichtet, dass in Bezug auf die Beistoffe Ritalin unretardiert, Medikinet unretardiert, Medikinet retard, Medikinet adult, Ritalin LA, Ritalin adult, Concerta, Kinecteen, Elvanse, Strattera und Agakalin unbedenklich seien, während Attentin bei einer Sorbitintoleranz problematisch sei.(E 4)294
3.3.30. Down-Syndrom
Bedeutung für Betroffene
Beim Down-Syndrom tritt ADHS deutlich häufiger auf. Guanfacin half etwa der Hälfte der behandelten Kinder. Nebenwirkungen (vor allem Tagesmüdigkeit) waren bei etwa vier von zehn dokumentiert. Diese Zahlen stammen aus einer Auswertung von 21 Krankenakten, nicht aus einer geplanten Studie.
Widhtig: Lassen Sie prüfen, ob eine schlafbezogene Atmungsstörung vorliegt. Beim Down-Syndrom ist sie wegen der geringeren Muskelspannung häufig. Schlafbezogene Atmungsstörungen können ADHS-ähnliche Symptome auslösen oder verstärken. Schlafbezogene Atmungsstörungen sind gut behandelbar und werden leicht übersehen.
Downsyndrom geht mit einer deutlich erhöhten ADHS-Prävalenz einher.
Eine retrospektive Auswertung von Krankenakten von n = 21 Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom und ADHS berichtete bei Guanfacin eine Responderquote von 48 %. Bei 43 % (95-%-KI 24 bis 63 %) waren Nebenwirkungen dokumentiert, meist Tagesmüdigkeit (7 von 21) und Verstopfung (2 von 21).(E 3)295Die Nebenwirkungen waren dabei lediglich in den Behandlungsnotizen dokumentiert, nicht systematisch erfragt. Die tatsächliche Häufigkeit dürfte daher höher liegen.
Bei Down-Syndrom und komorbidem ADHS halten wir eine Prüfung auf schlafbezogene Atmungsstörungen für hilfreich, da diese häufig ADHS-Symptome auslösen können und beim Down-Syndrom aufgrund der verringerten Muskelspannung häufig auftreten. Mehr hierzu unter Schlafbezogene Atmungsstörungen (SBAS, SDB, SRBD) im Beitrag Krankheiten als ADHS-Risikofaktoren im Abschnitt Umweltfaktoren als Ursache von ADHS im Kapitel Entstehung
3.3.31. Bluthochdruck komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
ADHS-Medikamente erhöhen Blutdruck und Puls leicht. Die Größenordnung: etwa 3 bis 4 mmHg beim Blutdruck und 3 bis 6 Schläge pro Minute beim Puls, bei Atomoxetin etwas stärker als bei Methylphenidat.
Bei langjähriger Einnahme fand sich ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck. Für Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche, Durchblutungsstörungen des Herzens sowie Thrombosen und Schlaganfälle fand sich dagegen kein erhöhtes Risiko.
Blutdruck und Puls sollten bei jeder ADHS-Medikation kontrolliert werden (auch bei Nichtstimulanzien). Die verbreitete Annahme, Atomoxetin oder Viloxazin seien in dieser Hinsicht günstiger als Stimulanzien, ließ sich nicht bestätigen.
Guanfacin senkt Blutdruck und Puls und kann daher bei gleichzeitigem Bluthochdruck eine sinnvolle Wahl sein.
Eine Behandlung mit α-2-Agonisten (Clonidin, Guanfacin) kann bei Bluthochdruck angezeigt sein.
Clonidin-IR wirkt dabei noch stärker hypotensiv (Blutdruck senkend) und bradykard (Puls senkend) als Clonidin-XR und Guanfacin-XR.(E 1a)296
Alpha-2-Agonisten verringerten als Monotherapie die ADHS-Gesamtsymptomatik mit einer SMD von −0,59 gegenüber Placebo.296
Guanfacin-XR verlängerte die QTc.(E 1a)296
MPH wirkt weniger blutdrucksteigernd als Atomoxetin:
- Atomoxetin bewirkt im Schnitt einen Anstieg des Pulses um 6,4 Schläge, Concerta um 3 Schläge, Plazebo um 0,3 Schläge.(E 1b)297
- Der systolische Blutdruck nimmt bei Atomoxetin im Schnitt um 3,7 zu, bei Concerta um 2,4, bei Plazebo um 1,3.(E 1b)297 Diese Unterschiede waren gegenüber Placebo allerdings nicht statistisch signifikant
- Der diastolische Blutdruck nimmt bei Atomoxetin im Schnitt um 3,8 zu, bei Concerta um 3,1, bei Plazebo um 0,4.(E 1b)297
Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie mit 14 Jahren Nachbeobachtung untersuchte die Risiken bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch langfristige ADHS-Medikamenteneinnahme. Aus 278.027 Menschen mit ADHS wurden 10.388 Personen mit neu aufgetretener Herz-Kreislauf-Erkrankung und 51.672 Kontrollpersonen ausgewertet (zusammen n = 62.060). Angegeben sind bereinigte Chancenverhältnisse (aOR) im Vergleich zu keiner Einnahme:(E 3)298
- für Bluthochdruck
- um 72 % erhöhtes Risiko bei Einnahme für 3 bis 5 Jahre (aOR 1,72; 95-%-KI 1,51 bis 1,97)
- um 80 % erhöhtes Risiko bei Einnahme für mehr als 5 Jahre (aOR 1,80; 95-%-KI 1,55 bis 2,08)
- für arterielle Erkrankungen
- um 65 % erhöhtes Risiko bei Einnahme für 3 bis 5 Jahre (aOR 1,65; 95-%-KI 1,11 bis 2,45)
- um 49 % erhöhtes Risiko bei Einnahme für mehr als 5 Jahre (statistisch nicht signifikant; aOR 1,49; 95-%-KI 0,96 bis 2,32)
Je zusätzlichem Anwendungsjahr stieg das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt um 4 % (aOR 1,04; 1,03 bis 1,05). Für Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, ischämische Herzerkrankung sowie thromboembolische und zerebrovaskuläre Ereignisse fand sich kein signifikant erhöhtes Risiko.298“
Amphetamine, Atomoxetin, Lisdexamfetamin, Methylphenidat und Viloxazin erhöhen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die hämodynamischen Werte. Der mittlerer Anstieg gegenüber Placebo betrug (Abnahme durch Guanfacin und jeweils niedrigster und höchster Wert des Anstiegs) (Metastudie, k = 103, n = 13.315 Kinder und Jugendliche, n = 9.387 Erwachsene):(E 1a)299
- Kinder und Jugendliche:
- systolischer Blutdruck
- Guanfacin: - 2,83
- Atomoxetin: 1,07
- Methylphenidat: 1,81
- diastolischer Blutdruck
- Guanfacin: - 2,08
- Amphetamine: 1,93
- Methylphenidat; 2,42
- Puls
- Guanfacin: - 4,06
- Viloxazin: 2,79
- Atomoxetin: 5,58
- systolischer Blutdruck
- Erwachsene
- systolischer Blutdruck
- Guanfacin: - 10,1
- Methylphenidat: 1,66
- Amphetamine; 2,3
- diastolischer Blutdruck
- Guanfacin: - 7,73
- Methylphenidat: 1,6
- Lisdexamfetamin: 3,07
- Puls
- Guanfacin: - 6,83
- Methylphenidat: 4,37
- Viloxazin: 5,8
- systolischer Blutdruck
Die Werte stammen aus einer Netzwerk-Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien. Einzelne Wirkstoffe wurden dabei teils indirekt über gemeinsame Vergleichsgruppen miteinander verglichen.
Blutdruck und Puls sollten bei jeder medikamentösen ADHS-Behandlung überwacht werden, nicht nur bei Stimulanzien. Ein kardiovaskulärer Vorteil der Nichtstimulanzien gegenüber Stimulanzien ließ sich nicht nachweisen.299
3.3.32. Herzprobleme komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Die Zahlen in diesem Abschnitt klingen alarmierender, als sie sind. „Um 63 % erhöht“ bezieht sich auf ein an sich seltenes Ereignis. Die absolute Zahl bleibt niedrig.
Das Risiko für Herzstillstand und für eindeutig definierte Herzrhythmusstörungen war nicht erhöht. Erhöht waren überwiegend leichtere Ereignisse.
Sinnvoll bleibt eine kardiologische Einschätzung vor Behandlungsbeginn und danach eine regelmäßige Kontrolle von Blutdruck und Puls.
Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie mit 14 Jahren Nachbeobachtung untersuchte die Risiken bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch langfristige ADHS-Medikamenteneinnahme. Aus 278.027 Menschen mit ADHS wurden 10.388 Personen mit neu aufgetretener Herz-Kreislauf-Erkrankung und 51.672 Kontrollpersonen ausgewertet (zusammen N = 62.060). Angegeben sind bereinigte Chancenverhältnisse (aOR) im Vergleich zu keiner Einnahme:(E 3)298
- keine Risikoerhöhung für Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, ischämische Herzerkrankungen, thromboembolische Erkrankungen oder zerebrovaskuläre Erkrankungen
- für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- um 20 % erhöhtes Risiko durch Einnahme von Methylphenidat für 3 bis 5 Jahre
- um 19 % erhöhtes Risiko durch Einnahme von Methylphenidat für mehr als 5 Jahre
- um 23 % erhöhtes Risiko durch Einnahme von Lisdexamfetamin für 2 bis 3 Jahre
- um 17 % erhöhtes Risiko durch Einnahme von Lisdexamfetamin für mehr als 3 Jahre
- um 7 % erhöhtes Risiko durch Einnahme von Atomoxetin im ersten Jahr
Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie über 13 Jahre mit n = 112.605 Betroffenen (57,9 % weiblich) und n = 563.024 nach Alter, Geschlecht und Region zugeordneten Kontrollen im Alter von 5 bis 30 Jahren (Median 20 Jahre) fand, dass ADHS-Medikamente das Risiko kardialer Ereignisse erhöhten (bereinigtes Chancenverhältnis über alle Ereignisse aOR 1,63; 95-%-KI 1,47 bis 1,81):(E 3)300
- um 63 % für kardiale Ereignisse insgesamt
- um 166 % für unbestimmte Arrhythmien
- um 10 % bei Langzeitmedikation im Vergleich zu Kurzzeitmedikation
Das Risiko für Herzstillstände und definierte Arrhythmien war unverändert.
Leider bezog die Studie keine ADHS-Fälle ohne Medikation ein, sodass offen bleibt, wie stark der Einfluss von ADHS und wie stark der Einfluss der ADHS-Medikation war.
Eine Untersuchung mittels Mendelscher Randomisierung (einem Verfahren, das aus genetischen Daten auf Ursächlichkeit schließt) fand, dass ADHS selbst Risikofaktoren für kardiovaskuläre Probleme erhöht: Körpermassenindex, Taillenumfang, Körperfettanteil und das Risiko für Typ-2-Diabetes. (E 2b)301 Ein wesentlicher Teil dieses Zusammenhangs verläuft dabei über ein niedrigeres Bildungsniveau. Die vaskulären Risiken sind also nicht allein biologisch bedingt.
3.3.33. Epilepsie komorbid zu ADHS
Bedeutung für Betroffene
Eine Epilepsie schließt eine ADHS-Behandlung nicht aus (Methylphenidat gilt als geeignetste Wahl). Zwei Bedingungen sind wichtig: Die Anfälle sollten gut eingestellt sein, bevor die Stimulanzienbehandlung begonnen wird, und die Dosis sollte nicht unnötig hoch gewählt werden. Bei höheren Dosen ist ein erhöhtes Anfallsrisiko nicht auszuschließen. Die zugrunde liegende Evidenz ist von geringer Sicherheit.
Zu Amfetaminmedikamenten und Atomoxetin bei Epilepsie fehlen belastbare Daten weitgehend.
Manche Epilepsiemedikamente verschlechtern die ADHS-Symptomatik (etwa Valproat, Topiramat, Phenobarbital), andere verbessern sie (Lamotrigin, Carbamazepin, Lacosamid). Nichtkonvulsive Anfälle (sogenannte Absencen) können wie Unaufmerksamkeit aussehen. Beides sollte auseinandergehalten werden.
(E 1a): Methylphenidat scheint bei Epilepsie die beste Option zur Behandlung von ADHS zu sein. Insgesamt war retardiertes MPH nicht mit einer bedeutsamen Verschlechterung der Epilepsie verbunden. Höhere Dosen könnten jedoch mit einem erhöhten Anfallsrisiko einhergehen. Die zugrunde liegende Evidenz ist von geringer Sicherheit.(E 4)302(E 1a)303
Neben MPH ist auch eine Gabe von AMP oder Atomoxetin mit geringem Risiko möglich.(E 4)304
ADHS tritt bei bis zu 40 % der Menschen mit Epilepsie auf. (E 1a)303 Anders als bei ADHS ohne Epilepsie sind Jungen dabei nicht häufiger betroffen als Mädchen. (E 1a)305 Zu beachten ist außerdem, dass nichtkonvulsive Anfälle (Absencen) wie Unaufmerksamkeit aussehen können (bei Epilepsie und Aufmerksamkeitsproblemen ist beides voneinander abzugrenzen). (E 4) 304
Die Krampfneigung sollte gut behandelt sein, bevor eine Stimulanziengabe erfolgt.(E 1a)67
Epilepsie-Medikamente selbst können die Symptome von ADHS verschlechtern oder verbessern.
Eine Verschlechterung der ADHS-Symptome wurde für folgende Epilepsie-Medikamente berichtet:(E 1a)67- (E 1a): Valproat (hohe Evidenz einer Verschlechterung der Aufmerksamkeit)(E 4)306(E 1a)305- Phenobarbital
-
Phenytoin
-
Topiramat- Zonisamid
-
Perampanel
-
Ethosuximid
Eine Verbesserung der ADHS-Symptome wurde für folgende Epilepsie-Medikamente berichtet:(E 1a)67
- Lacosamid
- Carbamazepin
- Lamotrigin
- mehr hierzu unter Lamotrigin bei ADHS
Ob ADHS-Symptome verbessert oder verschlechtert werden, ist offen für:(E 1a)67
- Levetiracetam(E 4)306
3.3.34. Dissoziative Zustände komorbid zu ADHS
(E 4): Es wurden positive Wirkungen von retardiertem MPH auf dissoziative Zustände bei komorbidem ADHS in mehreren Einzelfällen berichtet.(E 4)307 Eine Fallstudie berichtet von einer hilfreichen Wirkung von gemischten Amphetaminsalzen.(E 4)308Für dissoziative Störungen selbst ist bislang kein Medikament zugelassen oder spezifisch wirksam. In den beschriebenen Fällen wurde die ADHS-Medikation wegen des begleitenden ADHS gegeben. Die Besserung der dissoziativen Symptome war eine Beobachtung am Einzelfall und keine belegte Behandlungsoption.307308“
3.3.35. Raynaud
Bedeutung für Betroffene
ADHS-Medikamente können ein Raynaud-Syndrom auslösen oder verstärken (weiß oder blau anlaufende, schmerzende Finger bei Kälte). Es ist selten, kann in Einzelfällen aber schwere Folgen haben. Im Winter sollte auf entsprechende Anzeichen geachtet und diese mit dem Arzt besprochen werden.
Häufig helfen eine Dosisreduktion oder ein Wirkstoffwechsel. Uns sind zudem Fälle bekannt, in denen paralleler Koffeinkonsum der Auslöser war und das Weglassen von Koffein genügte.
Dass Guanfacin in den Auswertungen nicht auftaucht, gewährleistet nicht, dass es sicherer wäre. Es bedeutet nur, dass dazu keine Meldungen vorliegen.
(E 3): ADHS-Medikamente können Raynaud auslösen oder verschlimmern. Die Datenlage beruht auf lediglich 61 beschriebenen Fällen. Kontrollierte Studien liegen nicht vor. (E 4)309 Amfetaminmedikamente scheinen häufiger betroffen zu sein als Methylphenidat und Atomoxetin; Guanfacin wurde nicht genannt.(E 3)310 Es wurde berichtet, dass eine Dosisreduzierung oder ein Wechsel des Wirkstoffs helfen konnte. Es sind jedoch auch (sehr selten) Fälle von schwerwiegenden Folgen genannt. Raynaud wurde bei Atomoxetin seltener beobachtet als bei Stimulanzien.
Wegen der Möglichkeit schwerer Folgen (wenn auch in seltenen Fällen) wird eine regelmäßige Beobachtung auf Anzeichen eines Raynaud-Syndroms empfohlen, insbesondere bei Kälteexposition.309
Guanfacin wurde in dieser Auswertung nicht genannt. Da es sich um eine Datenbank freiwilliger Nebenwirkungsmeldungen handelt, folgt daraus jedoch nicht, dass Guanfacin sicherer wäre.310
Uns sind Fälle bekannt, in denen Raynaud bei ADHS-Medikamenteneinnahme durch parallelen Koffeinkonsum ausgelöst wurde und durch das Weglassen des Koffeins verschwand.
3.3.36. Geistige Behinderung
Bedeutung für Betroffene
Bei geistiger Behinderung ist die Empfindlichkeit gegenüber Nebenwirkungen erhöht. Meist wird niedriger dosiert. Erschwerend kommt hinzu, dass Betroffene Nebenwirkungen oft schlechter mitteilen können. Angehörige und Betreuende sollten daher gezielt auf Veränderungen von Schlaf, Appetit und Stimmung achten und diese dem Arzt mitteilen.
Bei geistiger Behinderung wird häufig eine niedrigere Medikamentendosierung benötigt, bzw. besteht eine höhere Empfindlichkeit auf Nebenwirkungen
Zudem können Betroffene Nebenwirkungen oft schlechter kommunizieren.67
Die Clonidin-Gesamtdosis, der Grad der Intelligenzminderung, die Begleitmedikation und die Komorbiditäten sagten die Funktionsverbesserung nach zwei Monaten voraus. Die Verbesserung hielt nach einem Jahr weiter an.311
4. Medikamentenwahl unter weiteren Konditionen
4.1. Hochbegabung
Hochbegabte sollen auf Amphetaminmedikamente besser ansprechen als auf MPH (Castello et al. 1992, zitiert nach Arnold 2000).(E 4)7
Hochbegabung ist keine Komorbidität.
4.2. EEG: Alpha- und Beta- und Theta-Werte erhöht
- Atomoxetin ungeeignet
Wissenschaftlich: EEG-Muster als möglicher Prädiktor des Atomoxetin-Ansprechens
Eine Studie untersuchte die EEG-Struktur von Atomoxetin-Respondern und -Nonrespondern. Danach wirkt Atomoxetin bei denjenigen besser, die eine erhöhte Alpha- und Delta-Power in frontalen und temporalen Bereichen haben und bei denen gleichzeitig keine Abweichungen im Beta- und Theta-Band auftreten. Atomoxetin-Nonresponder weisen dagegen eine verringerte absolute Power in allen EEG-Frequenzen oder eine erhöhte Alpha und gleichzeitig erhöhte Beta-Power auf. Atomoxetin bewirkte langfristig eine Normalisierung der überhöhten Alpha- und Delta-Werte, während diese bei Nonrespondern unverändert blieben. Bei gleichzeitig erhöhten Alpha-, Beta- und Theta-Werten erschien Atomoxetin ungeeignet.(E 2b)312
Bei erhöhter Alpha- und Delta-Power frontal und temporal und unveränderter Power im Beta- und Theta-Band soll Atomoxetin nicht ungeeignet sein. Dies trifft keine Aussage, ob Amphetaminmedikamente, MPH und Guanfacin aufgrund der höheren Effektstärke nicht vorzuziehen sind.
4.3. COMT Met-158-Met
Beim Vorliegen eines COMT Met-158-met Polymorphismus sollen Amfetaminmedikamente ungeeignet sein.
Wissenschaftlich: COMT-Genpolymorphismus und präfrontale Effizienz
Bei Trägern des COMT Val-158-Met-Genpolymorphismus erhöhte Amfetamin die Effizienz der präfrontalen Kortexfunktion bei Probanden mit vermutlich geringem Dopaminspiegel im PFC. Bei Trägern des COMT Met-158-Met-Polymorphismus hatte Amphetamin dagegen keinen Effekt auf die kortikale Effizienz bei niedriger bis moderater Arbeitsgedächtnislast und verursachte eine Verschlechterung bei hoher Arbeitsgedächtnislast. Individuen mit dem Met-158-Met-Polymorphismus scheinen ein erhöhtes Risiko für eine nachteilige Reaktion auf Amphetamin zu haben.(E 2b)313
Stand Januar 2026 kostete eine Genanalyse des COMT-Gens in Deutschland etwas mehr als 100 EUR.
4.4. Schwangerschaft
Bedeutung für Betroffene
Große Registerstudien mit hunderttausenden Schwangerschaften fanden kein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen des Kindes durch Methylphenidat, Amfetaminmedikamente oder Atomoxetin. Verglichen wurde dabei mit Frauen, die die Medikation vor der Schwangerschaft absetzten (das schließt aus, dass die Ergebnisse auf das ADHS selbst zurückgehen).
Für Methylphenidat wurde ein leichter Anstieg von Herzfehlbildungen beschrieben, in absoluten Zahlen von etwa 10 auf 13 von 1.000 Geburten (statistisch nicht gesichert). Für Stimulanzien fand sich ein leicht erhöhtes Präeklampsierisiko. Zu den langfristigen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung liegen kaum Daten vor.
Die im Abschnitt genannten Risiken für Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht stammen aus Untersuchungen zu illegalem Amfetamin- und Methamfetaminkonsum, also aus deutlich höheren Dosen als bei Medikamenteneinnahme. Sie sind auf verordnete Medikamente nicht übertragbar.
Die Entscheidung ist eine Abwägung im Einzelfall. Ein unbehandeltes ADHS ist in der Schwangerschaft ebenfalls kein neutraler Zustand für Mutter und Kind.
(E 2b): Studien am Menschen zeigten für die Einnahme von ADHS-Medikamenten während der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen oder neurologische Entwicklungsstörungen des Nachwuchses. (E 2b)314 Für Stimulanzien fand sich ein leicht erhöhtes Präeklampsierisiko (bereinigtes Risikoverhältnis 1,29; 95-%-KI 1,11 bis 1,49), während Atomoxetin als Vergleichssubstanz mit keinem der untersuchten Risiken verbunden war. (E 2b) 315
Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie über 7 Jahre an n = 2.257 Kinder, die während der Schwangerschaft ADHS-Medikamenten ausgesetzt waren, fand kein erhöhtes Risiko für langfristige neurologische Entwicklungsstörungen durch AMP, MPH oder ATX.(E 2b)316 Die Auswertung erfolgte getrennt nach Methylphenidat, Amfetaminmedikamenten und Atomoxetin. Für keinen der Wirkstoffe fand sich ein erhöhtes Risiko.
Verglichen wurden dabei Kinder von Müttern, die die Medikation in der Schwangerschaft fortführten, mit Kindern von Müttern, die sie vor der Schwangerschaft absetzten. Dieser Vergleich schließt aus, dass die Ergebnisse auf das ADHS der Mutter statt auf die Medikation zurückgehen.314316
Es fand sich jedoch bei Schwangerschaftsmedikamenteneinnahme
-
für MPH
- ein geringer Anstieg von Herzfehlbildungen(E 2b)317
-
ein geringer Anstieg von Herzfehlbildungen (in absoluten Zahlen von etwa 10 auf etwa 13 von 1).000 Geburten. Der Unterschied war statistisch nicht gesichert (bereinigtes relatives Risiko 1,11; 95-%-KI 0,91 bis 1,35)
-
für Amfetamine
Wissenschaftlich: Plazentagängigkeit (pharmakokinetische Daten und Tierversuche)
Methylphenidat, Amfetaminmedikamente und Atomoxetin überwinden die Plazenta (für Methylphenidat und Amfetamin in Mäusestudien belegt, für Atomoxetin über pharmakokinetische Daten). (E 4)319(E 4)320(E 2b)321(E 2b)322(E 4)323
Die Wirkstoffe treten zwar über, erreichen im fötalen Gewebe aber deutlich niedrigere Konzentrationen als im mütterlichen. (E 2b)321(E 2b)322
Eine geburtsmedizinische Leitlinie zum Umgang mit ADHS in Schwangerschaft und Wochenbett empfiehlt eine individuelle Behandlungsplanung, Psychoedukation, Selbstmanagement beziehungsweise Coaching und Psychotherapie sowie (bei entsprechendem Bedarf) die Fortführung der Medikation. Etwa 3 % der erwachsenen Frauen haben eine ADHS-Diagnose. Die Symptome verschlechtern sich im perinatalen Zeitraum häufig. (E 4)319
Zu den langfristigen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung liegen für die meisten dieser Wirkstoffe praktisch keine Daten vor. Bupropion erscheint in der Schwangerschaft sicher. Zu Atomoxetin, Guanfacin und Clonidin sind die Daten spärlich. Befunde zu Kindern methamphetaminkonsumierender Frauen lassen sich nicht auf verordnete Amfetaminmedikamente übertragen. (E 4)320
Die Fachinformationen zu Elvanse empfehlen stillenden Frauen, keine Amfetaminmedikamente einzunehmen.(E 4)324
(E 4): MPH, AMP als ADHS-Medikamente, Bupropion als Antidepressivum oder Guanfacin als Blutdrucksenker in der Schwangerschaft erhöhten die Rate schwerwiegender angeborener Anomalien nicht.(E 4)325(E 4)319
MPH erhöhte das Risiko kardiovaskulärer Probleme beim Kind von 1,07 % auf 1,7 % (+ 59 % bei niedrigem absolutem Risiko).(E 4)319
Zu Atomoxetin und Guanfacin in der Schwangerschaft gibt es nur sehr wenige Daten.(E 4)325
(E 4): Clonidin als Blutdrucksenker in der Schwangerschaft zeigte keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.(E 4)325(E 4)319Die meisten ADHS-Medikamente werden in die Muttermilch ausgeschieden, aber die Konzentrationen im Blut des Säuglings sind, mit Ausnahme von Clonidin und Amfetaminen, sehr gering.
Stillen unter Einnahme von Clonidin und Amfetaminen ist daher kontraindiziert.(E 4)325
(E 1a): Methylphenidat und Atomoxetin veränderten das durch ADHS ohnehin erhöhte Risiko einer Fehlgeburt nicht (dänische Kohortenstudie mit n = 989.932 Schwangerschaften; der Zusammenhang ließ sich zumindest teilweise durch Confounding by indication erklären).(E 2b)326 Auch eine Metaanalyse aus 10 Studien mit insgesamt 16,5 Millionen Schwangeren, darunter 30.830 mit Exposition gegenüber Methylphenidat oder Atomoxetin, fand kein relevant erhöhtes Risiko angeborener Fehlbildungen (+ 14 %, nicht signifikant). (E 1a)327
In derselben dänischen Kohortenstudie war eine Einnahme von MPH oder ATX mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für einen Apgar-Wert unter 10 verbunden (aRR 2,06; 95-%-KI 1,11 bis 3,82), während Kinder von Frauen mit ADHS, die diese Medikamente in der Schwangerschaft nicht einnahmen, kein erhöhtes Risiko hatten (aRR 0,99; 95-%-KI 0,48 bis 2,05).(E 2b)328 Einzuordnen ist das so: Die Studie definierte „niedrig“ bereits als Apgar-Wert unter 10, obwohl ein Apgar-Wert von 9 klinisch unauffällig ist, und der Auswertung lagen nur sehr wenige Ereignisse zugrunde. Die praktische Bedeutung dieses Befundes ist daher gering.
Methylphenidat soll während Schwangerschaft relativ sicher sein.(E 1a)329
4.5. Stillzeit
Bedeutung für Betroffene
Eine ältere Übersichtsarbeit bezeichnet Stillen unter Amfetaminen als kontraindiziert. Die aktuellen Datenblätter der amerikanischen Arzneimittel-Stilldatenbank (Stand 2025) bewerten das differenzierter. In therapeutischer Dosierung halten Fachleute das Stillen für vertretbar, sofern der Säugling auf Reizbarkeit, Schlafstörungen und Trinkschwierigkeiten beobachtet wird. Abgeraten wird von hohen Dosen und bei aktivem Substanzmissbrauch.
Amfetamine gehen in die Muttermilch über, und hohe Dosen können die Milchbildung beeinträchtigen, besonders, solange die Stillbeziehung noch nicht gefestigt ist. Zu den langfristigen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung fehlen Daten.
Die Medikation sollte nicht eigenmächtig abgesetzt und es sollte nicht vorschnell abgestillt werden. Die Entscheidung ist im Einzelfall zu treffen.
Amphetamine gehen in die Muttermilch über.(E 4)330
Am 10. und 42. Tag nach der Entbindung waren die Amphetaminspiegel in der Muttermilch 3- bzw. 7-mal höher als im mütterlichen Plasma. Auch im Urin des Säuglings ließ sich Amphetamin nachweisen. (E 4): Hohe Dosen von Amphetaminen können die Milchproduktion beeinträchtigen.(E 4)331(E 4)332 Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass Amfetamine auch mittels CYP2D6 abgebaut werden, und Neugeborene in den ersten 3 Lebensmonaten kaum über CYP2D6 abbauen können, sollten Amfetaminmedikamente in der Schwangerschaft und in den ersten 3 Lebensmonaten eines gestillten Säuglings nicht verwendet werden. Die American Academy of Pediatrics (AAP) rät von Amphetaminmedikamenten in der Stillzeit ab.(E 4)333
Die meisten ADHS-Medikamente werden in die Muttermilch ausgeschieden. Die Konzentrationen im Blut des Säuglings sind mit Ausnahme von Clonidin und Amfetaminen sehr gering. Bei hohen Dosen von Amfetaminmedikamenten und bei aktivem Missbrauch wird vom Stillen abgeraten. In therapeutischer Dosierung halten Fachleute das Stillen unter Amfetaminen dagegen für vertretbar, sofern der Säugling auf Reizbarkeit, Schlaflosigkeit und Trinkschwierigkeiten beobachtet wird. Die Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung sind nicht gut untersucht.325331332“
Hohe Dosen können die Milchproduktion beeinträchtigen (besonders, solange die Stillbeziehung noch nicht gefestigt ist).331332
Während Methylphenidat in der Stillzeit relativ sicher sei, seien Amphetamine und Lisdexamfetamin aufgrund einer möglichen Anreicherung im Kind während der Stillzeit kontraindiziert.(E 1a)329
4.6. Hohes Alter, Senioren
Bedeutung für Betroffene
Ein Alter über 65 ist kein Ausschlussgrund für eine ADHS-Medikation. Dass die Zulassungsstudien nur bis zum 65. Lebensjahr reichen, begründet für sich genommen keinen Off-Label-Use.
Der Puls steigt auch bei älteren Menschen an, und Guanfacin kann durch die Blutdrucksenkung die Sturzgefahr erhöhen. Empfohlen wird eine niedrigere Anfangsdosis und eine langsamere Steigerung als bei Jüngeren.
Eine Behandlung mit Stimulanzien ist auch bis ins hohe Alter zulässig.
Alle Zulassungsstudien für Stimulanzien decken lediglich die Altersspanne bis zum 65. Lebensjahr ab. Das Fehlen von Studien über eine bestimmte Altersgrenze hinaus begründet nicht automatisch einen Off-Label-Use.
Folgerichtig sind den einschlägigen Berufsverbänden keine Regressverfahren von Kassen wegen einer Verschreibung nach dem 65. Lebensjahr bekannt.
Eine pauschale Verweigerung von Stimulanzien ab einer bestimmten Altersgrenze (insbesondere unterhalb des 65. Lebensjahres) ohne individuellen konkreten Anlass dürfte ein ärztlicher Haftungsfall sein.
Eine Studie fand für Stimulanzien bei ADHS einen kurzfristigen Anstieg kardiovaskulärer Probleme. Eine langfristige Anwendung war problemlos möglich.(E 2b)334Für diese Studie gibt es ein Erratum, das die korrigeirte Werte jedoch nicht nennt.335
Eine pharmakokinetische Untersuchung an 47 gesunden älteren Erwachsenen ohne ADHS fand nach einmaliger Gabe von Lisdexamfetamin einen Pulsanstieg, aber keinen Blutdruckanstieg. Die Clearance nahm mit dem Alter nur leicht ab. Gleichwohl empfiehlt sich bei Senioren eine niedrigere und langsamere Eindosierung.336
Eine weitere Studie fand (im Schnitt) einen Pulsanstieg, aber keinen Blutdruckanstieg und ansonsten keine Nachteile für die Anwendung von Stimulanzien bei Senioren. Die Clearance von AMP war etwas verringert,(E 1b)336 sodass sich eine niedrigere und langsamere Eindosierung empfiehlt.
4.7. Hitzestress
Bedeutung für Betroffene
Bei großer Hitze summieren sich die Kreislaufwirkungen von Methylphenidat und Wärmebelastung (der Puls steigt zusätzlich um etwa 5 bis 15 Schläge pro Minute). An heißen Tagen sollte besonders auf ausreichendes Trinken geachtet und starke körperliche Belastung in der Mittagshitze vermieden werden.
Die zugrunde liegende Untersuchung betraf gesunde Männer ohne ADHS unter experimenteller Überwärmung. Auf die Wirkung bei ADHS-Betroffenen lässt sich daraus nur eingeschränkt schließen.
Bei passivem Hitzestress war Methylphenidat in einer Untersuchung an 12 gesunden Männern ohne ADHS nicht in der Lage, die hitzebedingte Verschlechterung der kognitiven Leistung auszugleichen; es erhöhte lediglich die Herzfrequenz um etwa 5 bis 15 Schläge pro Minute.(E 1b)337
Bei Hitze summieren sich die kreislaufwirksamen Effekte von Methylphenidat und Wärmebelastung. Auf ADHS-Betroffene sind die Ergebnisse nur eingeschränkt übertragbar, da gesunde Männer ohne ADHS untersucht wurden.[^288
5. Unterschiedliche Wirkungsweisen von ADHS-Medikamenten
Bedeutung für Betroffene
Dieser Abschnitt erklärt, warum die Medikamente unterschiedlich wirken: Sie binden in verschiedenem Ausmaß an die Transporter für Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, und sie tun das in verschiedenen Hirnregionen unterschiedlich stark.
Dass zwei Präparate bei einem Betroffenen völlig verschieden wirken können, hat eine biologische Grundlage. Es liegt nicht an Einbildung und nicht an falscher Einnahme.
Die Zahlenwerte in den folgenden Tabellen stammen überwiegend aus Tierversuchen und aus einer Übersichtsarbeit. Sie sind Anhaltspunkte, keine Messwerte für den einzelnen Menschen.
5.1. Bindungsaffinität von MPH, AMP, ATX an DAT / NET / SERT
Wissenschaftlich: Bindungsaffinität an die Monoamintransporter
Die Wirkstoffe Methylphenidat (MPH), d-Amphetamin (d-AMP), l-Amphetamin (l-AMP) und Atomoxetin (ATX) binden mit unterschiedlicher Affinität an Dopamintransporter (DAT), Noradrenalintransporter (NET) und Serotonintransporter (SERT). Die Bindung bewirkt eine Hemmung der Aktivität der jeweiligen Transporter. Die Wirkungen sind hirnregion- und wirkstoffspezifisch. Es gibt nicht einen einheitlichen Wert je Wirkstoff, sondern regionenabhängige Effekte. Das erklärt, warum in der Literatur unterschiedliche Zahlen genannt werden. Die folgenden Werte stammen aus einer Übersichtsarbeit. Die jeweiligen Ursprungsarbeiten und Tierarten sind dort nachzuschlagen. (E 4)338
| Bindungsaffinität: stärker bei kleinerer Zahl (KD = Ki) | DAT | NET | SERT |
|---|---|---|---|
| MPH | 34 - 200 | 339 | > 10.000 |
5.2. Wirkung von MPH, AMP, ATX auf Dopamin / Noradrenalin je Gehirnregion
Die Wirkstoffe Methylphenidat (MPH), d-Amphetamin (AMP) und Atomoxetin (ATX) verändern extrazelluläres Dopamin (DA) und Noradrenalin (NE) in verschiedenen Gehirnregionen unterschiedlich stark. Tabelle basierend auf Madras (E 4)338, modifiziert.
| PFC | Striatum | Nucleus accumbens | Cortex okzipital | Hypothalamus lateral | Hippocampus dorsal | Cerebellum | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| MPH | DA + NE (+) | DA + NE +/- 0 | DA + NE +/- 0 | ||||
| AMP | DA + NE + | DA + NE +/- 0 | DA + NE +/- 0 | ||||
| ATX | DA + NE + | DA +/- 0 NE +/- 0 | DA +/- 0 NE +/- 0 | DA +/- 0 NE + (Ratte) | DA +/- 0 NE + (Ratte) | DA +/- 0 NE + (Ratte) | DA +/- 0 NE + (Ratte) |
Hinweis: der NET bindet Dopamin im PFC etwas besser als Noradrenalin, der DAT bindet Dopamin sehr viel besser als Noradrenalin.
Gleichwohl erhöht Atomoxetin Dopamin nur im PFC und nicht überall, wo es an den NET bindet, sodass hier eine spezieller Wirkmechanismus vorzuliegen scheint.
6. Wirkdauer verschiedener ADHS-Medikamente
Die tatsächliche Wirkdauer ist nach unserer Erfahrung in der Regel niedriger als angegeben. Besonders deutlich ist dies bei Elvanse.
Siehe hierzu unter Medikamentenwirkdauer bei ADHS
7. Zulassungsstatus ADHS-Medikamente
Dieser Abschnitt wurde in einen eigenen Beitrag verschoben: Zulassungsstatus von ADHS-Medikamenten
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