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AD(H)S - Prävention und Vorsorge - Was Eltern tun können

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AD(H)S - Prävention und Vorsorge - Was Eltern tun können

AD(H)S wird durch bestimmte genetische Konstellationen oder durch eine frühkindliche Stressbelastung ausgelöst, die bestimmte Genkonstellationen epigenetisch aktiviert. Epigenetik bedeutet, dass z.B. durch (De-)Methylierung von Genen deren Funktion verändert wird. So kann beispielsweise die Produktion eines Neurotransmitters oder die Sensibilität eines Rezeptors dauerhaft erhöht oder verringert werden.

Die genetische Disposition für AD(H)S ist hochgradig vererbbar. Finden sich in der Familie des Kindes Vorfahren mit AD(H)S, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass das Kind ebenfalls eine entsprechende genetische Disposition für AD(H)S hat.

Kinder mit einer genetischen Disposition für AD(H)S sind häufig besonders sensibel.
Die frühkindliche Stressbelastung, die zur Manifestation von AD(H)S erforderlich ist, benötigt daher nicht die Intensität einer psychischer Misshandlung, körperlicher Misshandlung oder sexueller Misshandlung, sondern es kann schon eine relativ milde (aber dauerhafter) Stressbelastung ausreichen.

Die Sensibilität der Kinder mit AD(H)S-Risikogenen bewirkt, dass diese Kinder bei Belastungen, die andere Kinder nicht beeinträchtigten, bereits nachhaltig und dauerhaft geschädigt werden können. Etliche der AD(H)S-Risikogene sind zugleich Chancengene. Werden Kinder mit diesen Genen besonders gefördert, entwickeln sie sich besser als ebenso geförderte Kinde ohne diese Gene.
Mehr hierzu unter Bindungsstil der Eltern zum Kind bei Chance-/Risiko-Genen besonders wichtig.

Dass Präventionsprogramme für Eltern das AD(H)S ihrer betroffenen Kinder positiv beeinflussen kann, ist belegt,1 auch wenn dies nicht allen Kindern hilft, was auch mit unterschiedlicher genetischer Belastung zusammenhängen dürfte.2

Was können Eltern tun, um ihre Kinder vor AD(H)S zu schützen?

Zunächst sollten Eltern verstehen, welchen Einfluss Bindungsstile auf die körperliche und psychische Gesundheit und die Resilienz ihrer Kinder haben. Dies gilt unabhängig von AD(H)S, dort aber besonders: ein negativer Erziehungsstil stellt einen eigenständigen Risikofaktor für AD(H)S dar.3 Sichere Bindung kann insbesondere bei Kindern, die eine gute Fähigkeit zur Regulierung ihrer Verhaltenshemmung haben, AD(H)S vermeiden helfen.45
Positiv formuliert bedeutet dies, zu verstehen, welche Erziehungsstile und Wertmaßstäbe Kinder besonders gut schützen und unterstützen.

Weiter sollten bestimmte Belastungen und der Kontakt mit verschiedenen Stoffen vermieden werden.

1. Bindungsstile

Ein Bindungsstil beschreibt die Art und Weise, wie ein Mensch in sozialen Beziehungen mit seinem Gegenüber umgeht.
Es werden 4 Bindungsstile unterschieden:

  • sicher
  • unsicher-vermeidend
  • unsicher-ambivalent
  • desorganisiert

Eltern geben sehr häufig ihre eigenen Bindungsmuster an ihre Kinder weiter. Mütter zu 75%, Väter zu 65%.6
Wissen über die Bedeutung von Bindungsverhalten könnte die Quote der weitergegebenen unsicheren Bindungen deutlich verringern. Hierzu werden spezielle Kurse angeboten.7

Eine Studie fand bei Menschen mit frühen Traumata je nach dem jetzt bestehenden Bindungsmuster spezifische Stressantworten von Cortisol, ACTH und Oxytocin.8
Vor dem Hintergrund unserer Rechercheergebnisse, dass sich die Cortisolantworten je nach Persönlichkeitstyp unterscheiden und vor der Erkenntnis, dass ein starkes Über- oder Unterangebot von Neurotransmittern und Hormonen eine Down- bzw. Upregulierung von Rezeptorsystemen bewirken kann, ist fraglich, ob die nachfolgend dargestellten bindungsmusterspezifischen Stressantworten so detailliert, eindeutig und stabil zugeordnet werden können, oder ob es sich auch um Durchgangsstadien zu anderen Stressantworten handeln könnte. Gesichert ist jedoch, dass jede Abweichung von einer mittleren endokrinen Stressantwort, unabhängig von ihrer Richtung (überhöht oder abgeflacht), Zeichen einer ungesunden Stressbelastung und eines Ungleichgewichts der Stresssysteme ist.

Die 4 Bindungsstile beschreiben eine stufenweise tiefergehende und gravierendere Störung der Bindungsfähigkeit. Jede von einem sicheren Bindungsstil abweichende Stufe ist ein Risikoelement für psychische Störungen wie z.B. AD(H)S. Je weiter der Bindungsstil von einer sicheren Bindung entfernt ist, desto größer ist das Risiko.
Ein desorganisiertes Bindungsverhalten ist ein besonders starkes Risikoelement einer AD(H)S.9. Bindungsstörungen von Kindern in den ersten Lebensjahren führen bei entsprechender genetischer Disposition zu der auch für AD(H)S typischen Aktivierung des DRD4-Gens.10

1.1. Sicherer Bindungsstil (B-Bindung)

Der sichere Bindungsstil wird auch autonome Bindung genannt.

  • Prävalenz in Deutschland: ca. 60%11
  • Elterliche Feinfühligkeit
    • prompte Wahrnehmung der kindlichen Signale
    • richtige Interpretation der kindlichen Signale
    • angemessene und zeitnahe Reaktion hierauf
  • Kindern mit sicherer Bindung zeigen
    • Verhalten
      • große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson
        • Vertrauen, dass die Bindungsperson das Kind nicht im Stich lässt oder falsch reagiert
        • Bindungsperson = sicherer Hafen
      • in Trennungssituation
        • Kinder weinen
        • zeigen ihre negativen Gefühle deutlich
        • akzeptieren teilweise Trost einer fremden Frau (zum Test gehörende Helferin)
      • bei Rückkehr der Bindungsperson
        • Kind zeigt Freude
        • Kind sucht Nähe und Kontakt
        • wendet sich kurz danach wieder anderen Dingen zu
    • korrelierende Charaktertraits
      • positive Korrelation mit12
        • Novelty seeking
        • Reward dependence
          • Tendenz, deutlich auf Belohnungssignale zu reagieren, insbesondere auf verbale Signale sozialer Anerkennung, sozialer Unterstützung und Stimmung.
        • Cooperativeness
          • Kooperationsbereitschaft, Hilfsbereitschaft
          • Soziale Akzeptanz, Empathie, Mitgefühl
        • Self-transcendence
          • Fähigkeit zum Dialog und zur Begegnung mit anderen
      • negative Korrelation mit 12
        • Harm avoidance
          • Temperament der Schadensvermeidung:
            • macht sich Sorgen vor Erwartung anderer
            • fürchtet Unsicherheit
            • schüchtern gegenüber Fremden
            • schnell ermüdet.
      • Ein sicherer Bindungsstil ist am wenigsten von Rejection Sensitivity betroffen, ein unsicher-vermeidender (dismissing) Bindungsstil zeigte mehr und ein unsicher-ambivalenter (preoccupied) Bindungsstil zeigte die meisten AD(H)S-Symptome13
    • Stress wird angemessen gezeigt
      • Eingewöhnung in Krippe dauert mitunter 3 Wochen, was indes gesund ist6
  • Erwachsene mit sicherer Bindung:
    • können im Interview frei und in einem kohärenten Sprachfluss über ihre Erlebnisse von Bindung, Verlust und Trauer mit ihren Eltern und wichtigen Bezugspersonen sprechen.14
    • Reaktion sicher gebundener Mutter auf soziale Interaktion mit Kind:
      • erhöhter Oxytocinspiegel15
      • stärkere Aktivierung der Belohnungsregionen des Gehirns15
        • Nucleus accumbens (ventrales Striatum)
        • Hypothalamus
        • Hypophyse
    • Reaktion auf akuten Stress (TSST)16
      • relativ geringer subjektiver Stress
      • moderate Reaktion der HPA-Achse (ACTH und Cortisol)
      • hohe Oxytocinreaktion

1.2. Unsicher-vermeidender Bindungsstil (A-Bindung)

Auch unsicher-distanziert genannt. Englisch: Dismissive

  • Deutschland: ca. 20 – 25%6
  • Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung:
    • Zuversicht in Verfügbarkeit der Bindungsperson fehlt
      • fehlendes Vertrauen, dass die Bindungsperson Kind nicht im Stich lässt oder falsch reagiert
      • Erwartungshaltung: eigene Wünsche / Bedürfnisse werden auf Ablehnung stoßen
    • Verhalten:
      • Beziehungsvermeidung, um die unangenehme Erfahrung des zurückgewiesen werdens zu vermeiden oder kontrollieren zu können
      • in Trennungssituation:
        • Kinder zeigen ihre negativen Gefühle nicht
        • weinen nicht
        • scheinen nach außen hin unbeeindruckt
          • keine ängstlichen Anzeichen
          • keine ärgerlichen Anzeichen
          • spielen weiter
        • suchen Trost bei fremder Frau (zum Test gehörende Helferin) deutlicher als sicher gebundene Kinder
        • neurophysiologische Stressreaktionen
          • Cortisolspiegel situationsbedingt erhöht
          • Cortisolstressantwort höher als bei sicher gebundenen Kindern
          • beschleunigter Herzschlag
      • bei Rückkehr der Bindungsperson:
        • Bindungsperson wird ignoriert
        • Kind zeigt keine Freude
        • suchen Nähe eher zu fremder Frau (zum Test gehörende Helferin) als zu eigener Bindungsperson
      • höhere Verletzlichkeit für psychische Störungen6
      • Stress wird nicht gezeigt
        • Eingewöhnung in Kindergarten / Krippe geht viel zu schnell (mitunter in 3 Tagen)6
    • korrelierende Charaktertraits:
      • negative Korrelation mit12
        • Novelty seeking
  • Erwachsene mit unsicher-vermeidender Bindung:
    • Reaktion unsicher-vermeidend gebundener Mutter auf soziale Interaktion mit Kind bewirkt
      • nicht erhöhter Oxytocinspiegel15
      • stärkere Aktivierung der Inselrinde im Großhirn15
    • weisen zwischenmenschlichen Beziehungen und emotionalen Bindungen wenig Bedeutung zu. Sie schildern die Beziehung zu ihren Eltern sehr idealisiert, ohne dies durch konkrete Erlebnisse verdeutlichen zu können.14
    • Stärkere AD(H)S-Symptomatik als ein sicherer Bindungsstil, geringere AD(H)S-Symptomatik als ein unsicher-verstrickter (preoccupied) Bindungsstil13
    • Reaktion auf akuten Stress (TSST):16
      • moderater subjektiv empfundener Stress
      • erhöhte Reaktion der HPA-Achse (Cortisol und ACTH)
      • moderate Oxytocinreaktion
      • erhöhte Stressreaktion bei sozialen Konflikten,17 die je nach Stressphänotyp unterschiedlich ausfällt18

1.3. Unsicher-ambivalenter Bindungsstil (C-Bindung)

Auch unsicher-verstrickter Bindungsstil genannt.

  • Deutschland: ca. 10 – 15%6
  • Bindungsperson reagiert für Kind nicht zuverlässig, nachvollziehbar und vorhersagbar
    • Häufiger Wechsel zwischen feinfühligem und abweisendem Verhalten
    • Verhalten der Bindungsperson kann nur erschwert vorausgesagt werden
    • Kind muss sich stets um Bindung Sorgen machen
    • Kind evaluiert ständig Stimmung der Bindungsperson, um Reaktionen vorherzusehen
  • Wirkung:
    • Neugierverhalten und Erkundungsverhalten eingeschränkt
    • in Trennungssituation:
      • Kinder reagieren ängstlich
        • fürchten ungewohnte Situation
      • zeigen extreme Belastung
      • fremde Frau (Testhelferin) wird genau so gefürchtet wir Raum an sich
      • Stress schon bevor Bindungsperson geht
        da kein positiver Ausgang der unbekannten Situation erwartet wird
  • korrelierende Charaktertraits:
    • positive Korrelation mit12
      • harm avoidance
      • novelty seeking
    • negative Korrelation mit12
      • self-directedness
  • Erwachsene mit unsicher-ambivalenter Bindung:
    • zeigen im Interview durch eine langatmige, oft widersprüchliche Geschichte und Beschreibung ihrer vielfältigen Beziehungen, wie emotional verstrickt sie etwa mit ihren Eltern und anderen Beziehungspersonen bis zum Erwachsenenalter noch sind.14
  • Stärkere AD(H)S-Symptomatik als ein unsicher-ambivalenter Bindungsstil, sehr viel stärkere AD(H)S-Symptomatik als ein sicherer Bindungsstil.13
  • Reaktion auf akuten Stress (TSST):16
    • moderates Maß an subjektive empfundenem Stress
    • moderate HPA-Reaktion (Cortisol, ACTH)
    • relativ niedrige Oxytocinreaktion

1.4. Desorganisierter / desorientierter Bindungsstil (D-Bindung)

Auch ambivalent-vermeidend (A-/C-Bindungsstil) oder instabil-vermeidend genannt.

  • Deutschland: ca. 5 – 10%6
  • Bindungsperson reagiert für Kind völlig unberechenbar
    • zugleich Bedrohung und Bindungsperson
    • Double-Bind für Kind nicht auflösbar
    • z.B. traumatisierte Bindungspersonen
      • Traumareaktionen (Angst der Bindungsperson) für Kinder nicht erklärbar
  • Kinder mit desorganisierter Bindung:
    • Verhalten:
      • in Trennungssituation
        • Kinder reagieren unerwartet und unvorhersehbar
        • kein klares Verhaltensmuster
          Auftreten können, je nach Kind:
          • Stereotypien
            • im Kreis drehen
          • Bewegungsauffälligkeiten
            • unvollendete / unvollständige Bewegungsmuster
            • einfrieren der Bewegungen / der Gesichtsmimik für 30 Sekunden oder länger
          • Angstreaktionen
            • ängstlicher Gesichtsausdruck
            • hochgezogene Schultern, eingezogener Kopf
            • eingefrorene Bewegungen
          • Schreien nach Bindungsperson
          • Mischung der Strategien des A- und C- Typs
          • zeigen extreme Belastung
        • fremde Frau (Testhelferin) wird genau so gefürchtet wir Raum an sich
        • Stress schon bevor Bindungsperson geht
          da kein positiver Ausgang der unbekannten Situation erwartet wird
      • bei Rückkehr der Bindungsperson
        • Bindungsperson kann ignoriert werden, obwohl bei Trennung nach ihr geschrien wurde
  • Erwachsene mit desorganisierter Bindung
    • wenn sie über unverarbeitete Verluste und Missbrauchserfahrungen berichten, sprechen sie teilweise unzusammenhängend, desorganisiert, haben Gedankenabbrüche, verwechseln Realität und Fantasie. Es können dissoziative Zustände auftreten, wie Pseudo-Absenzen. Blick- und Fühlkontakt mit Gesprächspartner geht für Sekunden bis Minuten verloren. Dieser inkohärente Sprachstil, der immer bei Thematisierung des unverarbeiteten Traumas auftritt (Misshandlung, Missbrauch, Gewalt, Verlust, Unfall, Naturkatastrophe) sei Ausdruck einer desorganisierten Repräsentation der unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen und könnte auch als PTSD betrachtet werden.14
    • Häufigere Entwicklung von Borderline in Adoleszenz19
    • Reaktion auf akuten Stress (TSST)16
      • hohe subjektive Stressempfindung
      • abgeflachte Reaktion der HPA-Achse (ACTH und Cortisol)
      • mittlerer Oxytocinreaktion

1.5. Weitere Untersuchungen zu Elternverhalten und kindlichen Reaktionen

Ein nicht unterstützender (kalt, desinteressiert, abweisend) Elternstil auf negative Emotionen der Kinder bewirkte bei diesen eine abgeflachte Cortisolstressantwort und erhöhte negative Emotionen.20

1.6. Bindungsstile und AD(H)S

Eine Studie berichtet von 29% sicherer und 71% unsicherer Bindung bei Jungen mit AD(H)S, wobei der unsicher-ambivalente Bindungsstil überwiege. Es wurden 2,3 traumatische Lebensereignisse genannt.21 Eine weitere Untersuchung fand ebenfalls eine starke Korrelation zwischen unsicherem Bindungsstil und AD(H)S.22 Eine andere Studie fand bei Kindern mit AD(H)S mehr ambivalente und desorganisierte Bindungsrepräsentationen. Vermeidender Bindungsstil war nicht häufiger. Die Ergebnisse waren unabhängig von komorbider ODD, dem Bildungsstand der Eltern, der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung oder der wahrgenommenen elterlichen Kompetenz.23
Eine andere Untersuchung fand keinen Zusammenhang, stützte sich indes auf Selbstreports der Betroffenen.24 Ob Kinder die Sicherheit ihrer Bindung zu ihren Eltern selbst angemessen einschätzen können, ist unserer Ansicht nach fraglich. Kinder dürften (während der Kindheit) hierfür noch keinen Vergleichsmaßstab haben. Anders wäre es nicht erklärbar, dass Kinder selbst zu misshandelnden Eltern eine – wenn auch dysfunktionale – Bindung aufbauen. Die psychischen Verletzungen einer unsicheren Bindung entstehen nach unserer Auffassung gerade aus der Dissonanz einer subjektiv wahrgenommenen zu der objektiv bestehenden Bindung. Ist einem Menschen bewusst, dass die Bezugsperson mit ihren Wertmaßstäben unrecht hat, sind Verletzungen durch diese Bezugsperson weniger schädlich.

Es bestehen statistisch signifikante, wenn auch im Maß geringe Zusammenhänge zwischen kindlichen Bindungsstilen und Speichel-Cortisolreaktionen auf akuten Stress im Erwachsenenalter25262728 sowie zwischen Bindungsverhalten im Erwachsenenalter und Speichel-Cortisolreaktionen in Beziehungskonfliktsituationen.2928

Nach der Bindungstheorie werden Impulsivität, Unruhe, negative Aufmerksamkeitssuche, Hyperaktivität und geringere Konzentration als Verteidigungsreaktionen eines Kindes mit einer unsicheren Bindung dargestellt.
Mütter von Kindern mit AD(H)S wurden als dargestellt als30

  • direktiver
  • abweisender
  • weniger belohnend
  • intrusiver (angemessene Selbstregulation der Erregungszustände wird erschwert)
  • Neigung, die Aktionen des Kindes zu unterbrechen
  • rigide Grenzen in familiären Interaktionen
  • unklare Grenzen in familiären Interaktionen
  • verführerisches oder grenzüberschreitendes Verhalten

2. Erziehungsziele und Wertmaßstäbe

Das erste und wichtigste Kriterium ist: Wärme.
Das zweite und genau so wichtige Kriterium ist: Sicherheit.
Das dritte Kriterium ist: Klarheit. Klarheit im Sinne von voraussehbarer Konsequenz, von verständlichen, sinnvollen, nachvollziehbaren Regeln, die zudem konsequent gelten – für das Kind genauso wie für die Eltern.
Das vierte Kriterium ist: Respekt.

2.1. Wärme

Unbedingte und stets spürbare Wärme.
Wärme ist für das Kind als immer bestehende, auch bei Fehlverhalten spürbare Zuneigung für das innere Wesen des Kindes wahrnehmbar.
Je mehr elterliche Wärme 5-jährige erhielten, desto geringer war ihr AD(H)S-Risiko mit 9 Jahren.31

Ein Beispiel ist, ein Kind zu trösten, wenn es ihm nicht gut geht – selbst dann, wenn es ihm z.B. deshalb nicht gut geht, weil es erkältet ist, weil es gestern die Mahnung ignoriert hat, eine Jacke anzuziehen.

2.2. Sicherheit

Sicherheit ist ein Ergebnis: Das Kind hat die absolute Gewissheit, dass es mit all seinen Facetten (ob diese den Eltern gefallen oder nicht) angenommen und akzeptiert ist. Dies bedeutet nicht, dass das Kind alles tun und lassen dürfte, was ihm gerade in den Sinn kommt. Eltern haben die Aufgabe, Kindern Werte zu vermitteln. Diese Vermittlung von Werten, Maßstäben, Verhaltensweisen muss richtigerweise allerdings so so erfolgen, dass dem Kind gleichzeitig vermittelt wird, dass seine Wahrnehmung richtig ist, das es nicht “falsch” fühlt oder wahrnimmt und dass die Werte gelten.

Ein Kind, das sich sicher fühlt, hat keine Scheu, seine Emotionen zu zeigen – es weiss, dass es mit seinen Emotionen angenommen wird. Ein sicher gebundenes Kind wird eine deutlich längere Zeit zur Kindergarteneingewöhnung benötigen als ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind, das vermeintlich pflegeleicht bereits nach wenigen Tagen im Kindergarten zurecht kommt. Vermeintlich deshalb, weil die Stressreaktion bei allen Kindern gleich ist – nur zeigt das unsicher-vermeidend gebundene Kind diese nicht.

2.3. Klarheit

Klarheit ist eine für das Kind die berechenbare, vorhersehbare und nachvollziehbare (plausible, also niemals willkürliche) Maßstabssetzung. Regeln dürfen nie willkürlich sein. Regeln müssen auch für den gelten, der sie setzt. Das meint nicht Insbettgehzeiten, das meint Werte. 100% ist dabei nicht gefordert. Ausnahmen sind menschlich – aber sie müssen plausibel begründet sein und sie müssen so selten sein, dass die grundsätzliche Geltung der Regeln eindeutig ist. Es darf keine Unsicherheit aus scheinbarer Willkür entstehen.
Die Geltung von Regeln darf nicht von der Tagesform oder Laune der Bezugsperson abhängen.

Die Ansage, dass es um Acht ins Bett geht, darf nicht je nach Lust und Laune des Elternteils mal hart durchgefochten und mal völlig ignoriert werden. Es geht nicht um die Minute, es geht ums Prinzip. Ein Elternteil, der mal 5 Minuten nach der Zeit ein Donnerwetter loslässt und mal (ohne besonderen Grund) eine dreiviertel Stunde nach der Zeit zum ersten Mal auf die Uhr schaut, verliert damit das Recht, die Einhaltung der Regel vom Kind zu fordern. Natürlich besteht das Erziehungsrecht weiter. Doch wenn etwas nicht wichtig genug ist, dass es auch eingehalten werden muss, wenn der Elternteil keine Lust dazu hat, dann wird “es” aus der Sicht des Kindes (berechtigterweise) als nicht so wichtig eingestuft, dass die Nichteinhaltung tatsächlich Gefahren heraufbeschwört. Letztendlich zerstört der Erziehungsberechtigte damit das Vertrauen des Kindes in die gesetzten Werte – das Kind wird orientierunglos.

Klare Regeln sind auch bei bestehender AD(H)S ein hilfreicher Erziehungsstil.32

2.4. Respekt

Respekt ist ein anerkennen, dass das Kind, auch wenn es noch nicht einmal sprechen kann, eigene Bedürfnisse und Werte hat, die subjektiv berechtigt sind. Sie sind subjektiv berechtigt, selbst wenn sie dem erziehenden Elternteil widerstreben.

Subjektiv berechtigt heißt naturgemäß nicht, dass sie auch objektiv angemessen sind.

Respekt bedeutet daher nicht, Werte des Kindes über die eigenen zu stellen oder diese anzuerkennen, wenn sie nicht angemessen sind. Respekt beutet, die eigenen Werte des Kindes, (selbst wenn sie “falsch” sind), nicht abzuwerten, sondern dem Kind sanft, warm, geduldig und gleichzeitig konsequent zu vermitteln, was der richtige Maßstab ist.
Es gilt dabei, die Wahrnehmung des Kindes als gegeben (und nicht als böse) zu akzeptieren um ihm mit souveräner Gelassenheit die “besseren” Werte zu vermitteln.

Wenn das Kind “falsch” ist, ist das in den allermeisten Fällen das Ergebnis vom Umgang der Erwachsenen mit ihnen. Wer Kindern böses unterstellt, läuft wahrscheinlich mit der Grundeinstellung durch die Welt, dass alle Menschen böse sind.

Beispiel:
Es ist Zeit ins Bett zu gehen. Die Ansage an ein noch spielendes Kind “Es ist jetzt Acht, Du gehst jetzt ins Bett”, ohne jede Vorwarnung oder Ankündigung, ohne dass das Kind sich auf die gewünschte oder geforderte Handlung innerlich einstellen kann, ist respektlos. Stellen Sie sich vor: Sie sitzen zufrieden im Wohnzimmer und lesen Ihre Lieblingszeitung. Plötzlich kommt Ihr Partner ins Zimmer und sagt: “Bitte bring den Müll raus, jetzt, sofort. Nein, nicht nach dem Artikel – jetzt!!!!” Wie würden Sie sich fühlen, wenn kein besonderer Grund erkennbar wäre? Zu Recht: respektlos behandelt. Sie haben ganz selbstverständlich das gute Recht, den Zeitungsartikel, den Sie gerade lesen, wenigstens zu Ende zu lesen.

Noch viel mehr empfindet das ein Kind so, das ja noch viel weniger Zeit- und Planungsgefühl hat als Erwachsene.

Es kostet nichts, das Kind 20 Minuten vor der Bettzeit zu informieren: “In 20 Minuten ist es Acht”. Und zehn Minuten vorher nochmals: “In zehn Minuten geht es ins Bett”. Ein souveräner Erwachsener, der seinem Kind vor allem Gutes zutraut, wird um Acht die dritte Ansage machen, etwas klarer vielleicht, und fünf nach Acht die vierte, noch deutlichere oder bereits strenge (gegebenenfalls sogar zehn nach Acht die fünfte und letzte, aber das ist Erziehungsstilfrage.) Ein kluger Elternteil hat die ein oder zwei Überziehungen bereits eingeplant. Diese werden nicht immer benötigt werden, und wenn doch einmal, vermeiden sie auf simpelste Art und Weise eine Menge belastenden Streit. Nicht nur für das Kind, auch für die Eltern.
Wichtig ist für das Kind ist: es kann sich darauf einstellen. Es wird darin respektiert, dass es gerade genau so versunken in etwas sein kann und darf wie ein Erwachsener in seinen Zeitungsartikel oder etwas anderes. Wichtig ist weiter, dass es auf eine solche Ansage eine (freundlich und warm aber klar gelebte) Konsequenz gibt, nämlich dass es rund um die angesagte Uhrzeit ins Bett geht.
Ein Elternteil, der sich ärgert, wenn ein Kinde auf eine solche Ansage einige Minuten nach Acht noch nicht auf dem Weg ins Bett ist, sollte sich selbst fragen: wie sicher bin ich mir selbst? Habe ich Angst, nicht respektiert zu werden?

Kinder können schnell gut unterscheiden, dass es weiche und harte Zeiten gibt – dass also der Bus nicht wartet, wenn man zu spät kommt, während die Zahnbürste fünf Minuten später immer noch im Bad steht.

Aber warum soll man einem Kind immer wieder ansagen, dass es um Acht ins Bett gehen muss, es weiß das doch?
Kinder haben kein so gutes Zeitgefühl wie Erwachsene. Umgekehrt gilt genauso: der Elternteil weiß ja auch schon eine Viertelstunde vorher, das es gleich Acht sein wird. Und es ist die Aufgabe der Eltern, ihren Kindern liebevoll den richtigen Weg zu weisen, nicht die Aufgabe des Kindes, die Erziehungsmaßgaben der Eltern vorwegzunehmen und perfekt zu adaptieren.

Ein anderes Beispiel ist, bei Fehlverhalten des Kindes das Fehlverhalten zu kritisieren, nicht aber das Kind insgesamt. Wer etwas falsch macht, braucht die Rückmeldung, dass das Verhalten nicht in Ordnung ist. Wer bei einem Fehlverhalten den gesamten Menschen in Frage stellt, verhält sich respektlos.

Respekt beinhaltet unter anderem die Einräumung von (möglichst eigenverantwortlichen) Handlungsspielräumen. Dies ist auch bei AD(H)S hilfreich.32

Positives Vorleben des gewünschten Verhaltens (Role model) ist einerseits eine ganz natürliches Muster, Kindern ein gewünschtes Verhalten zu vermitteln. Zugleich vermittelt es eine Form von Respekt, indem dem Kind gezeigt wird, dass das, was von ihm gewünscht wird, auch selbst erbracht wird. Positives Vorleben ist zugleich eine hilfreiche Verhaltensweise bei der Erziehung von AD(H)S-betroffenen Kindern.32

2.4. Positive Verstärkung anstelle von Strafen

Strafen sind grundsätzlich wesentlich ungeeigneter, ein zu erlernendes Verhalten zu vertiefen als positive Verstärkung. Dies gilt auch bei AD(H)S.32

3. Auswahl von Kindergarten / Krippe

Die Auswahl des richtigen Kindergartens ist von ganz besonderer Bedeutung. Sie ist um Dimensionen wichtiger als später einmal die Auswahl der “richtigen” Schule, bei der jedoch ebenfalls die Grundschule wichtiger ist als die darauf folgende.

Bei der Auswahl sollte weniger auf besondere Erziehungsinhalte Wert gelegt werden, sondern viel (und zwar sehr viel) mehr darauf, wie der Umgang der Erzieher mit den Kindern ist. Wissensvermittlung erhält frühestens ab dem Schulalter eine Bedeutung. Im Kleinkindalter ist eine emotional warme und zugewandte Erziehung um Dimensionen wichtiger. Sie schafft die Sicherheit, mit der die Kinder in späteren Jahren ihre Fähigkeiten selbst entwickeln können, um dann Wissen aufnehmen zu können.

Das beste Erziehungskonzept, das engagierteste Entwicklungsziel nützt nichts, wenn es den Kindern kognitiv kalt beigebracht wird. Eine gute Kinderkrippe, ein guter Kindergarten lässt sich recht einfach daran erkennen, dass die Kinder sich dort entspannt bewegen und wohl fühlen, dass dort viel gekuschelt, geschmust und geherzt wird. Wunderbar erhellend hierzu: Becker-Stoll: “Sofort abmelden!” Wann schadet die Fremdbetreuung dem Kind? Was zeichnet einen feinfühligen Erzieher aus?“.33

4. Vermeidung von Belastungen und Giften

4.1. Stress und Angst während Schwangerschaft vermeiden

Während der Schwangerschaft und Stillzeit sollten Mütter vermeiden:

  • Stress
    • der bei länger anhaltendem Stress der Mutter dauerhaft erhöhte Spiegel von Cortisol (und anderer Stresshormone) schädigt die Stresssysteme des Ungeborenen dauerhaft
    • anhaltende Ängste, Depressionen und andere psychische Belastungen der Mutter bewirken solche Stresszustände

Ebenso ist ist chronischer Stress für Kleinkinder bis 3 Jahre extrem schädlich. Ein weiteres besonders vulnerables Alter ist die mittlere Jugend (ca. 13 bis 15 Jahre).

Mehr hierzu unter Pränatale Stressoren als AD(H)S-Umwelt-Ursachen im Abschnitt Umweltfaktoren als Ursache von AD(H)S im Kapitel Entstehung.

4.2. Gifte während der Schwangerschaft vermeiden

Weiterhin sollten sie unbedingt vermeiden, mit folgenden Stoffen in Kontakt zu kommen:

  • Alkohol
  • Nikotin
  • andere Drogen
  • risikobehaftete Medikamente
    z.B.
    • Paracetamol
    • Benzodiazepine
    • β-2-Adrenalin-Rezeptor-Agonisten
    • Cortisol (z.B. als Medikament)
  • Bisphenol A (BPA)
    • BPA wird immer noch in vielen Produkten des täglichen Gebrauchs verwendet, z.B.:
      Plastikflaschen, Plastikspielzeug, Thermopapier, Konservendosenauskleidung, Bodenbeschichtungen aus Epoxidharz und vielem mehr
    • BPA wirkt wie ein Hormon und schädigt die HPA-Achse des Ungeborenen, Neugeborenen und Kindes
    • bereits geringste Mengen tragen bei zur Entstehung von Diabetes mellitus, Fettleibigkeit, Schilddrüsenstörungen, Entwicklungsstörungen, Unfruchtbarkeit etc.
  • Blei
  • Chlorpyrifos (Pflanzenschutzmittel)

Diese Liste ist erst im Entstehen begriffen und noch sehr unvollständig.

Mehr hierzu unter Pränatale Stressoren als AD(H)S-Umwelt-Ursachen im Abschnitt Umweltfaktoren als Ursache von AD(H)S im Kapitel Entstehung.

5. Vermeidung und Abbau von Stress

Haustiere (insbesondere mittelgroße und große Hunde) sind therapeutisch wirksam und unterstützen die Vermeidung von Stress und den Stressabbau und helfen bei der Automatisierung von Regeln (Füttern, Pflegen, Gassi gehen). Dies gilt auch bei der Erziehung von Kindern mit AD(H)S.32

6. Sonstiges

6.1. Stillen statt Flaschenfütterung

Mehrere Berichte weiten darauf hin, dass längeres Stillen von Säuglingen das Risiko von SAD(H)DS und anderen Störungsbildern verringert.

Mehr hierzu unter Flaschenfütterung erhöht, stillen verringert AD(H)S-Risiko im Beitrag Umweltfaktoren als Ursache von AD(H)S im Kapitel Entstehung.

6.2. Vitamin D2 und D3 der Mutter in der Schwangerschaft

Ein gutes Vitamin D2- und D3-Niveau der Mutter bis zur Geburt hat präventiven Charakter in Bezug auf AD(H)S.34

Viel Tageslicht, das Vitamin D3-Bildung bewirkt, scheint bei Kindern einer AD(H)S entgegenwirken zu können.
Eine Untersuchung belegt, dass AD(H)S in den USA vor allem im dunkleren Osten auftritt, während der hellere Westen geringere AD(H)S-Raten hat.35

6.3. Gabe von Probiotika in den ersten Lebensmonaten?

Eine einzelne Studie fand, dass von 75 Kindern, die von 0 bis 6 Monaten ein Probiotikum (Lactobacillus rhamnosus GG, ATCC 53103) erhielten, im Alter bis 13 Jahren keines AD(H)S oder ASS entwickelte, während in der Placebogruppe 17% eine AD(H)S oder ASS-Diagnose nach ICD 10 erhielten.36
Auch wenn dieser Bericht sehr optimistisch stimmt, sollte er (wie stets in der Wissenschaft) erst als belastbar betrachtet werden, wenn er mehrfach repliziert wurde. Bis sollte die Behandlung als experimentell betrachtet werden.


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