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Leitfaden AD(H)S-Behandlung

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Leitfaden AD(H)S-Behandlung

Wir erachten die nachfolgend beschriebene Vorgehensweise für grundsätzlich sinnvoll. Dies sind jedoch lediglich Gedanken aus wissenschaftlicher Sicht, die keine therapeutische Handlungsempfehlung im Einzelfall darstellen können.
In jedem Fall muss eine individuell abgestimmte Therapieplanung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten erarbeitet werden.
Unsere Darstellung hier dient lediglich dazu, Betroffenen und deren Familien ärztliche Empfehlungen transparenter zu machen und eine Dialogfähigkeit mit dem behandelnden Arzt und Therapeuten zu fördern.

1. Erster Schritt: Sichere Diagnose

  • Fragebogen UND Tests, Selbstwahrnehmung UND Fremdwahrnehmungsanamnese, Grundschulzeugnisse oder andere Berichte aus Kindergarten und früher Schulzeit
    • Vorsicht: hohes Eigeninteresse an Tests kann zu Ergebnis wie bei Nichtbetroffenen führen (Aufmerksamkeit folgt intrinsischer Steuerung)
  • Familienanamnese
    • genetische Ursachen
    • Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen
    • Bindungsstörungen
    • körperliche oder sexuelle Misshandlung
    • psychische Misshandlung oder niederschwellige psychische Belastung
  • vollständige Differentialdiagnose
    • Mangelerscheinungen ausschließen: Blutbild (Thyroxin (Schilddrüse), Zink, Eisen, Magnesium, B1, B12, B6, D3, Folsäure etc.)
    • akute Stresssituation ausschließen
    • IQ-Test
    • Dominierende Störungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen
      Mehr zum Thema Differentialdiagnostik
  • Komorbiditäten ermitteln

2. Zweiter Schritt: Akutmassnahmen

2.1. Behandlungspriorisierung bei AD(H)S mit Komorbiditäten

  • siehe hierzu unter 5.

2.2. Akute AD(H)S-Symptombeseitigung durch Medikamente

Medikamente bei AD(H)S – Übersicht

  • Von den Betroffenen, denen eine Medikamentierung helfen würde, erhalten lediglich rund 20 bis 25% Medikamente. Von Nichtbetroffenen erhalten weniger als 1% Medikamente, die sie nicht benötigen.1
  • Vor einer Behandlung mit Stimulanzien empfiehlt sich eine kardiovaskuläre Untersuchung.2
2.2.1. Erwachsene: Amphetaminmedikamente vor Methylphenidat (mehrere Präparate testen) vor Atomoxetin vor Guanfacin

Bei Erwachsenen ist die hilfreichste* Priorisierung der Medikamente:34
*Kassenzulassungen können hiervon abweichen

  • Amphetaminmedikamente vor

  • Methylphenidat (mehrere Präparate testen) vor

  • Atomoxetin vor

  • Guanfacin

  • L-Amfetamin (Elvanse)

    • wirkt meist besser und wird besser vertragen
    • Nonresponder: ca. 20 %
    • ca. 30 % der Erwachsenen, die von MPH auf Elvanse wechseln, wechseln wieder zurück5
      • zu schnelle Eindosierung in zu hohen Schrotten erhöht Nonresponderrate
  • Methylphenidat:

    • falls nicht wirksam: mehrere andere MPH-Präparate testen
    • verschiedene MPH-Präparate können sehr unterschiedlich wirken
    • Wirkunterschiede sind eher individuell als präparatetypisch
    • Nonresponder: ca. 30 %
      • zu schnelle Eindosierung in zu hohen Schrotten erhöht Nonresponderrate
2.2.2. Kinder und Jugendliche: Methylphenidat (mehrere Präparate testen) vor Amphetaminmedikamente vor Guanfacin vor Atomoxetin

Bei Kindern und Jugendlichen ist die hilfreichste* Priorisierung der Medikamente:
*Kassenzulassungen können hiervon abweichen

  • Methylphenidat6 vor
  • Amphetaminmedikamenten vor34
  • Guanfacin vor
  • Atomoxetin

Die Hinweise zu Methylphenidat und Amphetaminmedikamenten im vorangegangenen Abschnitt zu Erwachsenen treffen bei Kindern und Jugendlichen ebenso zu.

2.2.3. Eindosierungsgrundsätze

Bei der Eindosierung werden unserer Erfahrung nach besonders viele Fehler gemacht. die nicht nur eine optimale Wirkung, sondern häufig genug überhaupt eine Wirkung verhindern. Daher sollten die Eindosierungshinweise ganz besonders dringend beachtet werden,
Siehe hierzu ausführlich unter Eindosierung von Medikamenten bei AD(H)S

Die wichtigsten Themen sind:

  • Laaaangsam Eindosieren
    • niedrige Einstiegsdosis (2,5 mg unretardiertes MPH / Einzeldosis oder Äquivalent bei anderen Medikamenten)
    • mindestens 5 Tage / Dosisstufe
    • Aufdosierungsschritte max. 2,5 mg unret. MPH / Einzeldosis
    • Auswirkung langsamer Eindosierung:
      • vermindert Nebenwirkungen
      • verhindert Überspringen der passenden Dosis
    • Eindosierungshilfetabelle führen
  • Nonresponder-Behandlung
  • Ganztagesabdeckung ist Pflicht
    • AD(H)S endet nicht nach der Schule
      • eine Behandlung sollte nicht nur eine Schulfähigkeit herstellen
      • Hausaufgaben, Sozialleben und Familienleben leiden unter AD(H)S ganz erheblich
    • unretardiertes MPH wirkt 2,5 - 3,5 Stunden / Einzeldosis
      • 4 bis 5 Einzeldosen
      • auf Dauer und insb. bei Kindern kaum umsetzbar
      • zum Eindosieren ist unretardiertes MPH dennoch vorteilhaft, da am feinsten regulierbar
    • halbtagesretardiertes MPH wirkt 5 - 6 Stunden / Einzeldosis
      • 2 Dosen + ggf unretardiertes MPH zur Restabdeckung
      • Zweite Dosis idR 50% bis 75% der ersten Dosis
    • ganztagesretardiertes MPH wirkt 10 - 12 Stunden
    • Attentin (unretardiertes AMP) wirkt 5 - 6 Stunden
      • 2 Dosen und ggf. unretardiertes MPH zur Restabdeckung
      • Zweite Dosis idR 50% bis 75% der ersten Dosis
    • L-Amfetamin (Elvanse / Vyvanse) wirkt ca. 10 - 12 Stunden
      • 1 Dosis und ggf. unretardiertes MPH zur Restabdeckung
    • Guanfacin
      • Spiegelmedikament, 1 x täglich
    • Atomoxetin
      • Spiegelmedikament, 1 x täglich
  • Kombinationsmedikation für Feineinstellung / bei schwierigen Fällen
    • insbesondere:
      • 50% ATX zur Ganztagesbehandlung der emotionalen Dysregulation
      • 50% MPH oder AMP, da meist bessere Wirkung auf Antrieb / Konzentration
  • Reboundbehandlung
    • Rebound besonders häufig bei MPH
    • Abhilfe:
      • Zweite Dosis so rechtzeitig nehmen, dass diese einsetzt, bevor erste Dosis in Rebound ausläuft
      • unretardiertes MPH kurz vor Ende der letzen Dosis
        • 1/4 bis 1/3 dessen, was einer Behandlungsdosis am Tage entspräche
        • Beispiel: 20 mg halbtagesretardiertes MPH entspricht 2 x 10 mg unretardiertes MPH. Hier also 2,5 bis 3,5 mg unretardiertes MPH 30 min vor Ende der letzten retardierten Dosis.
2.2.4. Effektstärken verschiedener Medikamente
  • Effektstärke bei optimaler Einstellung:
    • Amphetaminmedikamente: 1,1-1,5
    • Methylphenidat: 1,0-1,3
    • Guanfacin: 0,8
    • Atomoxetin: 0,65
2.2.5. Ziele einer optimalen Medikamenteneinstellung
  • Erfahrung ermöglichen, wie Leben ohne AD(H)S sein und sich anfühlen kann (ermöglicht Betroffenen intrinsische Zieldefiniton für nichtmedikamentöse Therapie)
  • Therapiefähigkeit herstellen (Aufmerksamkeit und Konzentration auf für das Erlernen funktionalerer Handlungsweisen erforderliches Maß bringen)
    • Erhöhung der Therapierbarkeit durch dopaminerge AD(H)S-Medikamente, da Dopamin die Neuroplastizität erhöht bzw. wiederherstellt7
    • Bei AD(H)S sind Wachstumshormone verringert, die für Neuroplastizität (Lernen) erforderlich sind. Stimulanzien erhöhen die Spiegel von Wachstumshormonen.
  • Ziel ist nicht, alle AD(H)S-Symptome vollständig zu beseitigen.
    • AD(H)S-Betroffene unterscheiden sich von Nichtbetroffenen nur durch die Anzahl der häufig auftretenden Symptome. Nichtbetroffene haben ebenfalls einige Symptome häufig.
    • Einzelne herausstechende Symptome sollten möglichst singuläre behandelt werden (z.B. Impulsivität mit geringsten Dosen SSRI) anstatt diese mit AD(H)S-Medikamenten miterledigen zu wollen, da dadurch zu starker breiter Eingriff

2.3. Viele weitere kleine Behandlungsschritte

Die hier genannten Punkte sollten bei einer AD(H)S-Behandlung stets beachtet werden, da sie meist einen weiteren hilfreichen Beitrag leisten können, ohne nennenswerte Nebenwirkungen aufzuweisen. Die Punkte stellen keine Alternativen dar, sondern sollten allesamt berücksichtigt werden.
Ihre Effektstärke ist allerdings (selbst in Kombination aller Möglichkeiten) erheblich geringer als die oben genannten einschlägigen Medikamente. Wäre es anders, wären die Berichte ober eine erfolgreiche Behandlung ohne die einschlägigen Medikamente Legende. Einsteiger in dieses Thema können sich in Betroffenenforen informieren, wie z.B. im AD(H)S-Forum von ADxS.org

  • Vitamine und Mineralstoffe
    Blutwerte bestimmen und auf obere Grenzwerte oder darüber eindosieren. Mehr hierzu unter* ⇒ Vitamine, Mineralstoffe, Nahrungsergänzungsmittel bei AD(H)S*
    • Vitamin D3
      • Oktober bis Mai in Deutschland unerlässlich
      • bei AD(H)S sehr wichtig, bei Depression unerlässlich. Eine Verordnung serotonerger oder noradrenerger Antidepressiva (die unseres Erachtens ganz erheblich stärkere Nebenwirkungen haben als AD(H)S-Medikamente) ohne vorherigen Check des D3-Spiegels ist unserer Ansicht nach ein Kunstfehler (außer bei schwerer Depression)
    • Zink
    • Magnesium
    • Eisen
    • B12
    • B 6
  • Omega-3/Omega-6-Fettsäuren
  • Schlafprobleme
    • offensiv behandeln
    • Benzodiazepine und SSRI meiden. Ggf. Trimipramin, Amitriptylin oder Trazodon (jeweils niedrig dosiert)
    • Melatonin (unretardiertes, insb. bei AD(H)S sehr hilfreich)
    • Lichttherapie
    • Mehr hierzu unter Schlafprobleme bei AD(H)S
  • medikamentöse Behandlung von leichten verbleibenden Komorbiditäten möglichst erst nach Analyse der Auswirkung der AD(H)S-Medikamente einleiten (idR nach ca. 6 Monaten)
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten austesten und ausschließen
  • Allergien austesten und ausschließen
  • Chronische niederschwellige Entzündungen austesten und behandeln (sehr schwierig)
  • Viel Sport und Bewegung8
    • Ausdauersport hat eine erhebliche Effektstärke bei der Verringerung der Symptomatik von AD(H)S (und anderen psychischen Problemen wie z.B. Depression)
      • Effektstärke von Kraftsport ist dagegen geringer
    • Sportart muss Spaß machen, damit sie nachhaltig ausgeübt wird
    • Ausdauersport
      • erhöht Stressresistenz, fährt Stresssysteme herunter (für 24 - 48 Stunden)
      • Effektstärke im Optimalfall (z.B. 5 x 1 Stunde / Woche) bis zu 0,7
    • Mehr hierzu unter Schlafprobleme bei AD(H)S;
  • Gesunde Ernährung
    • Zucker vermeiden9
    • schlechte Fette vermeiden (gesättigte Fettsäuren, Transfette; z.B. Frittierfett)8
    • reichlich antioxidative Lebensmittel (Gemüse, Obst)8
      • hilft, antioxidativen Stress abzubauen

3. Dritter Schritt: Therapiemaßnahmen

3.1. Psychotherapie zur Reduzierung der Symptome

Hier kommt es nur unwesentlich darauf an, welche Therapieform gewählt wird (Ausnahme: achtsamkeitsbasierte Therapien sind besser geeignet als kognitive Therapien, tiefenpsychologische Therapien nutzen nur etwas bei aufzuarbeitenden unschönen Erlebnissen oder Erfahrungen und Psychoanalyse ist bei AD(H)S grundsätzlich ungeeignet). Sehr viel wichtiger ist, dass der Patient sich mit dem Therapeuten sehr wohl und bei ihm sehr gut aufgehoben und angenommen fühlt. Das bedeutet keineswegs eine Kuscheltherapie, bei der der Therapeut dem Patienten nur sagen würde, was dieser hören wollte, sondern die positive Annahme und die Vertrauensbasis, welche die unabdingbaren Grundlagen für einen Therapieerfolg darstellen. Ohne diese Mindestvoraussetzungen wird die beste Therapieform und die größte Erfahrung des Behandelnden nutzlos sein. Daher ist hier sehr viel Geduld bei der Auswahl des passenden Therapeuten erforderlich.
Wichtig ist weiter, dass es nicht um eine einzelne therapeutische Maßnahme geht, sondern dass so lange und so viele therapeutische Maßnahmen erfolgen, bis ein zufriedenstellender Zustand erreicht wurde.

Bei allen Therapiemaßnahmen muss sichergestellt sein, dass der Therapeut alle behandlungsrelevanten AD(H)S-Symptome kennt. Oft genug unterliegen Ärzte und Therapeuten auch heute noch dem fatalen Irrtum, AD(H)S sei auf die diagnoserelevanten Symptome von DSM oder ICD beschränkt. Therapeuten, die die über DSM / ICD hinausgehenden originären Symptome von AD(H)S nicht als solche akzeptieren wollen, sollten gemieden werden. Es besteht sonst die konkrete Gefahr, dass dem Betroffenen die Verantwortung für Verhaltensweisen zugewiesen wird, die in Wirklichkeit aus AD(H)S selbst stammen. So etwas kann statt einer Verbesserung eine weitere Verschlechterung für den Betroffenen bewirken.

Geeignete Therapiearten können unter anderem sein:

  • Achtsamkeitsbasierte (Verhaltens-)Therapie (MBCT) zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung, um Selbstkontrolle über die Symptome zu verbessern und Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) sowie Stressabbautechniken zu erlernen und zu trainieren (z.B. 8-Wochen-Intensivkurse MBCT + MBSR)
    Insbesondere bei ADHS sollte der Teufelskreis der Erholungsunfähigkeit durchbrochen werden, der den Dauerbetrieb der HPA-Achse mit aufrecht erhält.
  • Neurofeedback zur langfristigen Verbesserung der Eigensteuerung (6 Monate bis 2 Jahre)
    • SMR-Training zur Verbesserung der Impulskontrolle und gegen Schlafprobleme
    • Theta-Beta-Training zur Verbesserung der Regulierung der Aktivierung
    • SCT-Training zur Verringerung von Überaktivierung oder Erhöhung der Unteraktivierung
    • besonders empfehlenswert scheint eine Kombination aus Theta-Beta-Training oder Z-Score-Training und SCP-Training zu sein (gleichzeitig oder nacheinander)
  • ggf. Kognitive Verhaltenstherapie bei Selbstwertproblemen, Sozialverhaltensproblemen. Hierbei Rejection Sensitivity: Angst vor Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom beachten. Cortisolerger Stress entsteht insbesondere bei subjektiv Selbstwert-bedrohenden Situationen.
  • ggf. tiefenpsychologische Therapie zur Behandlung schwerwiegender Erfahrungen / Erlebnisse
  • ggf. Traumatherapie (EMDR) bei traumatischen Erfahrungen
  • bei Kindern bis 6 oder 10 Jahren: elternzentrierte Therapie; kindbezogene Therapie wirkungslos.

3.2. Umfeldinterventionen

  • Stressoren eliminieren
  • Optimale Gestaltung des Arbeits- und Lernumfelds, z.B.
    • überflüssige Reize eliminieren
    • ausreichendes Arousal ermöglichen
  • Gespräche mit Beziehungspersonen, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen
    • ggf. systemische Therapie (Familientherapie, Elterntherapie) um eingefahrene Problemmuster zu verändern
  • Lebens- und Berufsausrichtung auf Dinge, die wirklich interessieren

3.3. Psychoedukation

  • Wissen über die Ursachen, Zusammenhänge, Auswirkungen und Einflussmöglichkeiten erwerben
    • Bücher über AD(H)S lesen (mehrere)
    • Youtube-Videos von Fachleuten (Vorträge)
    • Vorträge besuchen (z.B. von ADHS Deutschland e.V.)
    • Selbsthilfegruppen besuchen, bevorzugt, wenn von fachlich versierter Person geleitet (zu finden z.B. bei ADHS Deutschland e.V.)

3.4. Gruppenerfahrung mit anderen Betroffenen

  • Bereits eine AD(H)S-Diagnose geht mit der Erkenntnis einher, anders zu sein als andere, im negativen wie im positiven Sinne. Diese Erkenntnis ist oft mit großen Hoffnungen auf Verbesserung der Lebenssituation verbunden.10
  • Die Erfahrung, dass andere Menschen gleiches durchlebt haben oder durchleben, bewirkt für AD(H)S-Betroffenen häufig eine erstaunliche Erleichterung
    • Gefühl des nach-Hause-kommens unter Gleichgesinnten
    • Selbstwertstärkung
    • Erfahrungsaustausch
    • Bereitschaft, sich des Themas anzunehmen

4. Vierter Schritt: Komorbiditäten- und Medikamentenreview

4.1. Komorbiditäten

  • nach 9 bis 12 Monaten der AD(H)S-Behandlung Fortbestand von Komorbiditäten prüfen
  • ggf. medikamentöse spezifische Behandlung (Wechselwirkungen beachten, z.B. Vorsicht bei SSRI)
  • ggf. spezifische AD(H)S Medikamente wählen, die auf komorbide Störungen ebenfalls positiv wirken
    • Atomoxetin wirkt noradrenerg und dopaminerg auf PFC und Striatum, Stimulanzien noradrenerg und dopaminerg nur auf Striatum.
      Atomoxetin bei AD(H)S Bei starkem ADS oder SCT soll Atomoxetin vorteilhaft sein.

    • Problematik von Serotoninwiederaufnahmehemmern bei ADS beachten.
      Anmerkungen zu Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRI) bei AD(H)S

    • bei AD(H)S mit bipolarer Störung:
      Ob AD(H)S-Medikamente (insbesondere bei Bipolar 1) stimmungsdestabilisierend wirken können, ist umstritten. Dagegen: Barkley11
      Es wird empfohlen, zunächst die Bipolare Störung zu behandeln und danach AD(H)S zu therapieren (siehe oben).

4.2. Medikamentenüberprüfung

  • Nach Abschluss der nichtmedikamentösen Therapiemaßnahmen (regelmäßig, z.B. jährlich) überprüfen, ob Medikation noch erforderlich ist
    • ggf. Anpassung
    • ggf. Reduzierung
    • ggf. Beendigung
  • Regelmäßiger körperlicher Checkup bei Medikamentengabe
  • Dosierung: zu versuchen, durch die Medikation alle AD(H)S-Symptome zu beseitigen, wäre ein Kunstfehler. Nichtbetroffene haben 9 von 32 Symptomen (der Gesamtsymptomliste ⇒ Symptomgesamtliste nach Erscheinungsformen) häufig, Betroffene haben 26 von 32 Symptome häufig. Zu versuchen, auch die “gesunden” 9 Symptome völlig zu eliminieren würde zwangsläufig in eine Überdosierung führen.

Wir haben auf medikamentöse und therapeutische Maßnahmen hin erstaunliche Veränderungen von Betroffenen miterleben dürfen, wobei sich teils schon innerhalb eines Jahres die Lebensqualität immens verbesserte.
Besonders beeindruckend waren die Veränderungen bei denjenigen Betroffenen, die mit Geduld und Konsequenz jede Möglichkeit wahrgenommen haben, die sich zur Verbesserung anbot. Bei kaum einem Betroffenen erwiesen sich alle wahrgenommenen Therapieformen als nützlich. Erfolgreich waren nach unserer Wahrnehmung insbesondere diejenigen Betroffenen, die nicht von einzelnen Maßnahmen einen bestimmten Erfolg erwarteten, sondern die konsequent so lange eine Maßnahme nach der anderen ausprobierten, bis ein zufriedenstellender Zustand erreicht ist. War eine therapeutische Maßnahme abgeschlossen, erfolgte die nächste, aber immer nur so viel auf einmal, wie es gut zu bewältigen war.

5. Behandlungspriorisierung bei Komorbiditäten

5.1. Priorisierung nach Schwere des Störungsbilds

5.1.1. Komorbidität schwerwiegender als AD(H)S

  • primäre Behandlung der Komorbidität
  • z.B. schwere Depression, Bipolar 1,1213 Sucht, Psychose, schweren Ängsten
  • bei Depression, Angst und Sucht zugleich unter paralleler Behandlung des meist ursächlichen AD(H)S.14
  • Bei komorbider Angst mit AD(H)S ist möglicherweise ein spezielle Behandlung erforderlich.14

5.1.2. AD(H)S schwerer als Komorbidität

  • primäre Behandlung der AD(H)S als führende Störung.12
  • Mildere emotionale Dysregulation, Stimmungsschwankungen, leichte Impulsivität oder Aggressivität, leichte Angststörungen oder Dysphorie (insbesondere Dysphorie bei Inaktivität) werden durch AD(H)S-Behandlung verbessert.151316

5.1.3. AD(H)S und Komorbidität gleich schwerer

Im Zweifel würden wir die AD(H)S-Behandlung vorziehen.
Eine Behandlung von AD(H)S kann die Symptome von Komorbiditäten deutlich verringern – bis hin zu deren Beseitigung.17
Auch eine Berücksichtigung der Nebenwirkungen der Medikamente, so dass die nebenwirkungsärmste Behandliung vorgezogen wird, dürfte unserer Auffassung nach meist zu einer Priorisierung der AD(H)S-Behandlung führen.

Depression bei AD(H)S kann beispielsweise auch durch die Intensität unerfreulicher Konflikte bestimmt sein, die durch AD(H)S-Symptome mitverursacht werden.18

5.2. Behandlungsleitfäden bei spezifischen Komorbiditäten

5.2.1. AD(H)S und Depression:

  • Unterschied Dysphorie / schwere Depression bei AD(H)S beachten
    Depression und Dysphorie bei AD(H)S
  • Stets D3-Blutspiegel und Schilddrüsenhormone prüfen vor Antidepressivagabe bei mittlerer oder leichter Depression
  • Zusammenfassung des Texas Kinder-Medikationsalgorithmus bei ADHS und MDD nach Burleson Daviss (2018) Moodiness in ADHD – A Clinicians Guide, S. 99 (modifiziert)192021
    • Beeinträchtigung durch ADHS schlimmer als durch MDD:
      • Beginn einer Stimulanzien-Monotherapie gemäß ADHS-Algorithmus.
        • Wenn daraufhin:
        • ADHS, aber nicht Depression anspricht:
          SSRI zur Behandlung der Depression hinzufügen
        • ADHS und die Depression gleich bleiben:
          Wechsel zu einer neuen Stimulanzienklasse
          • von MPH zu AMP oder von AMP zu MPH
            • Amphetaminmedikamente haben, anders als MPH, zugleich leicht antidepressive Wirkung und sind daher bei komorbider Depression gegenüber MPH im Vorteil.. Amphetaminmedikamente bei AD(H)S
          • wenn MPH und AMP erfolglos:
            • Wechsel zu Guanfacin
          • wenn Guanfacin ebenfalls erfolglos:
            • Wechsel zu Atomoxetin
        • ADHS und/oder Depression verschlimmern:
          Wechsel zu SSRI2223
    • Beeinträchtigung durch MDD schlimmer als durch ADHS22 oder Suizidgedanken/suizidales Verhalten20:
      • Beginn einer SSRI-Monotherapie22
        • Wenn daraufhin
          • Depression, aber nicht die ADHS anspricht:
            Stimulanzien zur Behandlung der ADHS hinzufügen
          • Depression gleich bleibt oder sich verschlimmert:
            Wechsel auf anderes SSRI
        • Wenn daraufhin
          • Depression, aber nicht ADHS anspricht:
            Stimulanz hinzufügen, um ADHS zu behandeln.
          • Depression gleich bleibt oder sich verschlimmert:
            Wechsel auf Nicht-SSRI-Antidepressivum, z.B.
            • Bupropion12
            • Wenn Bupropion erfolglos:
              Nortriptylin, Desipramin oder Venlafaxin12

5.2.2. AD(H)S und Sucht

  • Sucht oder Alkoholmissbrauch sollten zunächst stabilisiert werden, können aber gleichzeitig mit AD(H)S behandelt werden.15 Insbesondere besteht keine Veranlassung mehr, Suchtbetroffenen Stimulanzien als AD(H)S-Medikamente vorzuenthalten und diese alleine mit dem deutlich schlechter wirksamen und erheblich nebenwirkungsstärkeren Atomoxetin zu behandeln.3

  1. Massuti, Moreira-Maia, Campani, Sônego, Amaro, Akutagava-Martins, Tessari, Polanczyk, Cortese, Rohde (2021): Assessing undertreatment and overtreatment/misuse of ADHD medications in children and adolescents across continents: A systematic review and meta-analysis. Neurosci Biobehav Rev. 2021 Jun 3;128:64-73. doi: 10.1016/j.neubiorev.2021.06.001. PMID: 34089763. REVIEW

  2. Picarzo, Malfaz, Hernández, Marcos, Soria, García, Sombrero, Rotés, Sarquella-Brugada (2019): [Recommendations of the Spanish Society of Paediatric Cardiology and Congenital Heart Disease as regards the use of drugs in attention deficit hyperactivity disorder in children and adolescents with a known heart disease, as well as in the general paediatric population: Position statement by the Spanish Paediatric Association]. [Article in Spanish] An Pediatr (Barc). 2019 Oct 29. pii: S1695-4033(19)30274-7. doi: 10.1016/j.anpedi.2019.09.002.

  3. Kooij, Bijlenga, Salerno, Jaeschke, Bitter, Balázs, Thome, Dom, Kasper, Filipe, Stes, Mohr, Leppämäki, Brugué, Bobes, Mccarthy, Richarte, Philipsen, Pehlivanidis, Niemela, Styr, Semerci, Bolea-Alamanac, Edvinsson, Baeyens, Wynchank, Sobanski, Philipsen, McNicholas, Caci, Mihailescu, Manor, Dobrescu, Krause, Fayyad, Ramos-Quiroga, Foeken, Rad, Adamou, Ohlmeier, Fitzgerald, Gill, Lensing, Mukaddes, Brudkiewicz, Gustafsson, Tania, Oswald, Carpentier, De Rossi, Delorme, Simoska, Pallanti, Young, Bejerot, Lehtonen, Kustow, Müller-Sedgwick, Hirvikoski, Pironti, Ginsberg, Félegeházy, Garcia-Portilla, Asherson (2018): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD, European Psychiatrie, European Psychiatry 56 (2019) 14–34, http://dx.doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.11.001, Seite 22, 7.4.1.

  4. Cortese, Adamo, Del Giovane, Mohr-Jensen, Hayes, Carucci, Atkinson, Tessari, Banaschewski, Coghill, Hollis, Simonoff, Zuddas, Barbui, Purgato, Steinhausen, Shokraneh, Xia, Cipriani (2018): Comparative efficacy and tolerability of medications for attention-deficit hyperactivity disorder in children, adolescents, and adults: a systematic review and network meta-analysis. Lancet Psychiatry. 2018 Sep;5(9):727-738. doi: 10.1016/S2215-0366(18)30269-4.

  5. Aussage eines Arztes in 10/2020, ca. 1,5 Jahre nach Zulassung von Elvanse adult

  6. Schonwald, Chan, Nyp (2019): Not Really “The Same Thing”. J Dev Behav Pediatr. 2019 Dec 3. doi: 10.1097/DBP.0000000000000756.

  7. Scheidtmann (2010): Bedeutung der Neuropharmakologie für die Neuroreha – Wirkung von Medikamenten auf Motivation und Lernen; neuroreha 2010; 2-2: 80-85; DOI: 10.1055/s-0030-1254343

  8. Loewen, Maximova, Ekwaru, Asbridge, Ohinmaa, Veugelers (2020): Adherence to lifestyle recommendations and ADHD: A population-based study of children aged 10-11 years. Psychosom Med. 2020 Feb 13. doi: 10.1097/PSY.0000000000000787. PMID: 32058459. n=3.436

  9. Loewen, Maximova, Ekwaru, Asbridge, Ohinmaa, Veugelers (2020): Adherence to lifestyle recommendations and ADHD: A population-based study of children aged 10-11 years. Psychosom Med. 2020 Feb 13. doi: 10.1097/PSY.0000000000000787. PMID: 32058459. n = 3.436

  10. Frondelius, Ranjbar, Danielsson (2019): Adolescents’ experiences of being diagnosed with attention deficit hyperactivity disorder: a phenomenological study conducted in Sweden. BMJ Open. 2019 Aug 26;9(8):e031570. doi: 10.1136/bmjopen-2019-031570.

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Diese Seite wurde am 02.04.2022 zuletzt aktualisiert.