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Augen und Sehvermögen bei ADHS

Augen und Sehvermögen bei ADHS

Autor: Ulrich Brennecke
Review: Dr. med. AnnChristin Roeber (Mai 2026)

Hinweis zur Evidenzkennzeichnung: In diesem Themenfeld existiert bislang keine einzige randomisierte kontrollierte Studie zur Frage, ob ADHS und Sehstörungen zusammenhängen. Die mit (E 1a) gekennzeichneten Arbeiten sind Metaanalysen und systematische Übersichten über Beobachtungsstudien, nicht über RCTs. Sie stehen damit zwar an der Spitze der hier verfügbaren Evidenz, erreichen aber nicht die Aussagesicherheit einer Metaanalyse über RCTs.

Menschen mit ADHS haben häufiger Auffälligkeiten an den Augen und beim Sehen als Menschen ohne ADHS. Dieser Beitrag trägt zusammen, was die Forschung dazu gefunden hat, wie sicher diese Befunde sind und was sie im Alltag bedeuten.

(E 2b): ADHS geht mit einem veränderten Dopaminsystem einher. Dopamin ist ein Botenstoff, der im Gehirn wirkt. Er wirkt aber auch in der Netzhaut des Auges. Dort steuert er unter anderem, wie das Auge auf Licht reagiert, wie es zwischen Tag und Nacht umschaltet und wie es in der Kindheit wächst. Das ist der wichtigste Grund, weshalb ein Zusammenhang zwischen ADHS und dem Sehen überhaupt plausibel ist.

(E 1a): Bei ADHS finden sich gehäuft:

  • Schwierigkeiten, das Gesehene zu ordnen und zu deuten, etwa Dinge wiederzuerkennen oder sich räumlich zu orientieren
  • Probleme, beide Augen beim Blick in die Nähe zusammenzuführen (Konvergenzinsuffizienz). Das macht längeres Lesen anstrengend
  • ein schwächeres räumliches Sehen (Tiefenwahrnehmung)
  • Schielen und latentes Schielen (die Augen weichen nur dann ab, wenn die Kontrolle nachlässt)
  • Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) und Weitsichtigkeit
  • Augenbewegungen, die etwas langsamer, ungenauer und schwankender ausfallen
  • eine langsamere oder ungenauere Scharfstellung auf die Nähe (Akkommodation)
  • eine anders reagierende Pupille
  • kleine Unterschiede an Sehnervenkopf und Netzhautgefäßen, die man nur mit Spezialgeräten sieht

(E 1a): Die bislang größte Auswertung von 35 Studien mit über drei Millionen Teilnehmern fand, dass ADHS mit Problemen der Sehfunktion einhergeht, nicht aber mit strukturellen Veränderungen des Auges. Die Dicke der Nervenfaserschicht der Netzhaut ist unauffällig. Bei der Brillenstärke insgesamt zeigt sich kein Unterschied. Ob Kurzsichtigkeit bei ADHS häufiger ist, ist offen. Ein deutscher Datensatz fand den Zusammenhang zwar zunächst, nach Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren war er aber nicht mehr nachweisbar.

(Einschätzung ADxS): Die meisten gut abgesicherten Befunde bedeuten ein Risiko, das um etwa 20 % bis 90 % erhöht ist. Das ist deutlich, aber es heißt nicht, dass die Mehrheit der Betroffenen ein Augenproblem hat. Sehr hohe Prozentzahlen in diesem Text (etwa +950 %) stammen fast immer aus kleinen Einzelstudien mit wenigen Teilnehmern und sind entsprechend unsicher.

Was Ursache ist und was Folge, ist ungeklärt

(Einschätzung ADxS): Für die Ursachen wären drei Erklärungen denkbar und schließen einander nicht aus:

  • Augenprobleme verstärken ADHS-Symptome. Wer beim Lesen unscharf sieht oder Doppelbilder unterdrücken muss, wirkt schnell unkonzentriert
  • ADHS verstärkt Augenprobleme, etwa über das Dopaminsystem oder über wenig Zeit im Tageslicht
  • beides hat eine gemeinsame Ursache in der frühen Hirnentwicklung

(E 3): Hinzu kommt ein Messproblem: Viele Sehtests verlangen Geduld und anhaltende Aufmerksamkeit. Ein Kind mit ADHS kann bei solchen Tests schlechter abschneiden, ohne dass das Auge selbst schlechter wäre.

(E 2a): Unter Stimulanzien verbesserten sich in einer Studie Sehschärfe und Gesichtsfeld, eine andere Studie fand keine Verbesserung. Unter ADHS-Medikation war das Risiko für Kurzsichtigkeit geringer und die Pupille etwas weiter. Eine Untersuchung nach sechs Monaten Methylphenidat fand kleine Veränderungen an der Hornhaut. Die Autoren empfehlen deshalb bei langer Einnahme regelmäßige augenärztliche Kontrollen.

(Einschätzung ADxS):

  • Eine augenärztliche oder orthoptische Untersuchung lohnt sich, besonders wenn Lesen anstrengt, Buchstaben verschwimmen oder springen, die Augen bei Naharbeit schnell müde werden oder Kopfschmerzen auftreten

  • Der Augenarzt sollte wissen, dass ADHS vorliegt.

  • Es sollte auch das beidäugige Sehen geprüft werden (Konvergenz, Stereosehen, latentes Schielen). Ein normaler Sehtest beim Optiker erfasst das nicht.

  • Wird etwas gefunden, ist eine Behandlung sinnvoll und kann das Lesen erleichtern. Sie ersetzt aber keine ADHS-Behandlung. ADHS ist keine Augenerkrankung

  • Umgekehrt gilt: Ein unauffälliger Augenbefund spricht nicht gegen ADHS

  • (E 2b): ADHS ist von einem beeinträchtigten Dopaminsystem mit verringertem extrazellulärem Dopamin gekennzeichnet. Dopamin ist auch am visuellen System beteiligt.(E 2b)1(E 2b)2(E 2b)3(E 2b)4(E 2b)5
  • (E 1a): In einer Untersuchung von 42 Kindern mit ADHS und 50 Kontrollen erreichten 83 % der ADHS-Gruppe ohne Medikation einen Visus über 0,8, gegenüber 98 % der Kontrollen (p = 0,032).(E 3)6 Die bislang umfangreichste Metaanalyse (k = 35 Studien, N = 3.250.905) fand bei ADHS ein um 94 % erhöhtes Risiko für nicht spezifizierte Sehprobleme (OR = 1,94) und kam zu dem Schluss, dass ADHS mit einer Reihe funktioneller Sehprobleme einhergeht, nicht aber mit strukturellen Veränderungen des Auges.(E 1a)7
  • (E 3): Junge Erwachsene mit ADHS (n = 30 vs. 30 Kontrollen) berichteten in vier von acht Bereichen eines Sehfunktions-Fragebogens signifikant mehr Alltagsprobleme: visuelle Suche, visuelle Verarbeitungsgeschwindigkeit, peripheres Sehen und Tiefenwahrnehmung. Im Selbstbericht zur Farbwahrnehmung fand sich dagegen kein Unterschied. Im objektiven Farbtest (Farnsworth-Munsell 100 Hue) machte die ADHS-Gruppe nur im blauen Spektrum mehr Fehler. Der Gesamttest über alle Spektren war nicht signifikant.(E 3)8 Ein selektives Blau-Defizit wurde auch bei Kindern mit ADHS berichtet.(E 3)9
  • (E 2a): ADHS-Medikation verbesserte die Auffälligkeiten im Gesichtsfeld und die Sehschärfe bei Kindern mit ADHS.(E 2a)10 Eine andere Studie fand keine signifikanten Verbesserungen.(E 3)6 In einer kleinen Studie verbesserte eine operative Behandlung des Schielens bei 7 von 8 Betroffenen die ADHS-Symptomatik im Elternreport.(E 4)11
  • Eine kleine Studie konnte anhand von Augenbewegungs-Tracking ADHS-Betroffene recht gut von Nichtbetroffenen unterscheiden.(E 3)12

(Einschätzung ADxS): Es ist denkbar, dass Augenprobleme die ADHS-Symptome mitverursachen oder verschlimmern können, ebenso wie dass ADHS Augenprobleme mitverursachen oder verschlimmern kann.

1. Visuoperzeptive Probleme bei ADHS (+ 950 %)

Bedeutung für Betroffene
Visuoperzeptive Probleme bedeuten, dass die Augen normal sehen, aber das Gehirn Schwierigkeiten hat, das Gesehene zu ordnen. Betroffene erkennen Dinge oder Gesichter schlechter wieder, verlieren die Orientierung in Räumen, schätzen Bewegungen schlecht ein oder können in einer unübersichtlichen Szene nicht mehrere Dinge gleichzeitig erfassen (etwa ein Gesicht in einer Menschenmenge finden). Das kommt bei ADHS deutlich häufiger vor. Das hat nichts mit Intelligenz oder mit der Sehschärfe zu tun. Es kann auch bei bester Sehschärfe auftreten und ist kein Zeichen von Ungeschicklichkeit, sondern ein beschreibbares Wahrnehmungsmuster.

Eine Studie fand bei 21 % der Kinder mit ADHS visuoperzeptive Probleme, bei Nichtbetroffenen dagegen nur bei 2 %.(E 3)6

  • Die Angabe beruht auf 9 von 42 Kindern mit ADHS gegenüber 1 von 50 Kontrollkindern (p < 0,007). Erfasst wurde sie über eine strukturierte Anamnese mit Kind und Eltern anhand von 12 Fragen zu fünf Bereichen (Wiedererkennen, Orientierung, Tiefenwahrnehmung, Bewegungswahrnehmung, Simultanwahrnehmung), nicht über einen Leistungstest. Am häufigsten betroffen waren Simultanwahrnehmung, Orientierung und Bewegungswahrnehmung (je n = 5), gefolgt von Tiefenwahrnehmung und Wiedererkennen (je n = 4).(E 3)6
  • (Einschätzung ADxS): Die Prozentangabe in der Überschrift ist wegen der Basis von nur einem Kontrollfall instabil: Ein einziger zusätzlicher Fall in der Kontrollgruppe würde das Verhältnis halbieren.

2. Konvergenzinsuffizienz und ADHS (+ 200 % bis + 400 %)

Bedeutung für Betroffene

Beim Blick auf etwas Nahes müssen sich beide Augen leicht nach innen drehen, damit ein einziges scharfes Bild entsteht. Gelingt das nicht gut genug, spricht man von Konvergenzinsuffizienz. Man sieht dann meist trotzdem noch einfach, aber nur, weil die Augenmuskeln dauerhaft gegensteuern. Das kostet Kraft.

Typische Anzeichen: Nach 10 bis 20 Minuten Lesen verschwimmt der Text, die Zeilen springen, die Augen brennen, es treten Kopfschmerzen im Stirnbereich auf, man verliert die Zeile oder liest lieber gar nicht. Manche schließen beim Lesen unbewusst ein Auge oder halten das Buch sehr nah oder sehr weit entfernt.

Das ist im Alltag leicht mit Konzentrationsproblemen zu verwechseln, und beides verstärkt sich gegenseitig.

Eine Konvergenzinsuffizienz lässt sich orthoptisch messen und in vielen Fällen mit Übungen oder einer Prismenbrille behandeln. Wenn Lesen für jemanden auffällig anstrengend ist, lohnt sich eine gezielte Untersuchung des beidäugigen Sehens. Ein normaler Sehtest prüft das nicht.

Augenkonvergenzbewegungen sind gegensinnige (disjugierte) Augenbewegungen. Konvergenz bezeichnet die einwärts gerichtete Vergenz beim Blick in die Nähe. Konvergenzinsuffizienz ist eine binokulare Funktionsstörung, keine reine Augenbewegungsstörung.

Eine Metaanalyse von 35 Studien mit N = 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS ein fünffaches Risiko für einen reduzierten Nahkonvergenzpunkt (OR = 5,02).(E 1a)7

Studien fanden bei Kindern mit ADHS eine Konvergenzinsuffizienz 4 mal so häufig (24 % vs. 6 %) (E 3)6 bzw. 3 Mal so häufig wie bei Nichtbetroffenen (E 4)13.
In einer Studie entstand der Unterschied allerdings fast vollständig über die leistungsbezogene Subskala (Konzentrationsverlust, langsames Lesen, Vergessen des Gelesenen; 2,8 vs. 2,2, p < 0,0001), während die augenbezogene Subskala sich nicht unterschied (Doppelbilder, Augenschmerz, Kopfschmerz); 1,9 vs. 1,8, p = 0,31). Ein Teil des scheinbar höheren CI-Leidensdrucks bei ADHS ist damit möglicherweise die ADHS selbst, gemessen mit einem Augen-Fragebogen.(E 2b)14

Eine weitere Studie fand signifikante Auffälligkeiten bei ADHS-Betroffenen in der Modulation der Augenvergenzantwort während Aufmerksamkeitsaufgaben. Die diagnostische Testgenauigkeit betrug 79 %.(E 3)15

(Einschätzung ADxS): Wie häufig eine Konvergenzinsuffizienz bei ADHS gefunden wird, hängt stark davon ab, welche diagnostischen Kriterien angelegt werden.

  • (E 3): Es fanden sich signifikante Unterschiede bei positiver und negativer Fusionsvergenz (PFV und NFV).
  • Die PFV-Bruch-/Erholungswerte für die ADHS- und die Kontrollgruppe betrugen 18,9/16,2∆ bzw. 26,9/22,1∆.
  • Die NFV-Bruch-/Erholungswerte für die ADHS- und die Kontrollgruppe betrugen 15,7/13∆ bzw. 19,3/15,9∆.
  • Bei Nutzung der drei Anzeichen für einen zurückgesetzten Nahkonvergenzpunkt (NPC), einer verminderten PFV und einer Exophorie, die in der Nähe um 4∆ größer ist als in der Ferne, war die Prävalenz von Konvergenzinsuffizienz bei ADHS und Kontrollgruppe gleich (p = 0,34). Wurden nur zwei Anzeichen für die Konvergenzinsuffizienz-Diagnose berücksichtigt (zurückgesetzter NPC und verminderte PFV), war die Konvergenzinsuffizienz-Prävalenz in der ADHS-Gruppe signifikant höher (p < 0,01).(E 3)16

3. Stereoakuität (stereoskopisches Sehen, Tiefenwahrnehmung) bei ADHS (+ 333 %)

Bedeutung für Betroffene

Räumliches Sehen entsteht dadurch, dass beide Augen ein leicht unterschiedliches Bild liefern und das Gehirn daraus die Tiefe berechnet. Ist diese Fähigkeit schwächer, schätzt man Entfernungen ungenauer ein. Im Alltag zeigt sich das beim Einschenken, beim Greifen nach Gegenständen, beim Ballsport, beim Treppensteigen oder beim Einparken.

Man ist deswegen nicht blind für Tiefe. Das Gehirn nutzt zusätzlich andere Hinweise, etwa Größe, Verdeckung und Schatten. Es strengt nur mehr an und ist fehleranfälliger.

Ein Test für räumliches Sehen verlangt Geduld und genaues Hinschauen. Ein Teil der schlechteren Ergebnisse bei ADHS könnte auf die Aufmerksamkeit zurückgehen und nicht auf die Augen. Das gilt es bei der Untersuchung anzusprechen.

Stereoakuität bezeichnet die feinste Querdisparität, die binokular noch als Tiefenunterschied wahrgenommen werden kann. Sie wird in Bogensekunden angegeben.

(E 3): Mehrere Untersuchungen berichten eine beeinträchtigte Stereoakuität bei Kindern mit ADHS.(E 3)17 Die Stereoakuität (Tiefenwahrnehmung) war bei 26 % der Kinder mit ADHS beeinträchtigt, gegenüber 6 % der Nichtbetroffenen.(E 3)6 Es ist möglich, dass dieser hohe Prozentsatz auf mangelnde Aufmerksamkeit zurückzuführen war.(E 3)6

4. Strabismus / Heterophorie (Schielen / latentes Schielen) bei ADHS (+ 93 % bis + 300 %)

Bedeutung für Betroffene

Beim Schielen (Strabismus) weicht ein Auge sichtbar von der Blickrichtung ab. Beim latenten Schielen (Heterophorie) besteht die Abweichung nur im Verborgenen: Das Gehirn hält die Augen normalerweise gerade, bei Müdigkeit, Stress oder langer Naharbeit rutscht die Kontrolle jedoch weg. Latentes Schielen ist deutlich häufiger als sichtbares Schielen und wird oft übersehen, weil man äußerlich nichts erkennt.

(E 1a): Der Zusammenhang mit ADHS besteht in beide Richtungen: Bei ADHS findet sich häufiger Schielen, und bei Kindern mit Schielen findet sich häufiger ADHS. Die Risikoerhöhung ist in den großen, gut kontrollierten Studien moderat (etwa 14 % bis 100 %), nicht dramatisch.

(Einschätzung ADxS): Wenn bei einem Kind Schielen festgestellt wird, sollte man aufmerksam prüfen, ob zusätzlich Aufmerksamkeitsprobleme bestehen. Umgekehrt lohnt bei ADHS die Frage nach latentem Schielen. Behandeln lässt sich beides, häufig mit Brille, Prismen oder orthoptischem Training, seltener mit einer Operation.

Eine Studie fand bei Kindern mit ADHS

  • mehr Strabismus (Schielen) (17 % bis 24 % gegenüber 6 % bei Nichtbetroffenen)(E 3)6
  • mehr Heterophorie (latentes Schielen) (27 % gegenüber 10 % bei Nichtbetroffenen)(E 3)6

(E 2b): Eine populationsbasierte Fall-Kontroll-Auswertung südkoreanischer Abrechnungsdaten (n = 327.076 Strabismus-Fälle, 1:1 gematcht) fand bei Strabismus ein um 14 % erhöhtes ADHS-Risiko (adjustierte OR 1,14, 95 % KI 1,10 bis 1,17).(E 3)18 Eine weitere Kohortenstudie fand ein verdoppeltes ADHS-Risiko bei Strabismus convergens (Innenschielen, Esotropie) und ein um 44 % erhöhtes ADHS-Risiko bei Strabismus divergens (Außenschielen, Exotropie: Ein oder beide Augen weichen von der Nase weg nach außen ab).(E 2b)19

Eine Veranlagung zu Strabismus soll das Risiko für ADHS kausal erhöhen.(E 2b)20

  • Wissenschaftlich: Effektstärken aus Metaanalysen, Registerdaten und KiGGS
  • Strabismus korrelierte mit einem um 92 % erhöhten Risiko mentaler Störungen. Exotropie korrelierte mit einem Risiko mentaler Störungen von +44 % bis +170 % (Metastudie, N = 683.942).(E 1a)21
  • Eine Metaanalyse von 35 Studien mit N = 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS ein um 93 % erhöhtes Risiko für Strabismus (OR = 1,93) sowie ein um 79 % erhöhtes Risiko für Hyperopie (OR = 1,79).(E 1a)22
  • Eine Auswertung der KiGGS-Studie (N = 13.488) fand Strabismus bei 8,2 % der ADHS-betroffenen Kinder gegenüber 4,2 % der Nichtbetroffenen (OR 2,04).(E 3)23
  • ADHS und Hyperopie, Myopie, Astigmatismus und Strabismus sagten sich gegenseitig voraus.(E 2b)24

5. Astigmatismus bei ADHS (+ 79 % bis + 300 %)

Bedeutung für Betroffene

Astigmatismus (Hornhautverkrümmung, umgangssprachlich Stabsichtigkeit) bedeutet, dass die Hornhaut nicht gleichmäßig rund gekrümmt ist. Punkte werden dadurch zu kurzen Strichen verzogen, in jeder Entfernung. Das Bild wird nicht einfach unscharf, sondern leicht verzerrt.

Kleinere Werte fallen im Alltag kaum auf, weil das Gehirn nachschärft. Das kostet aber Anstrengung und äußert sich als Augenmüdigkeit, Kopfschmerz und Zusammenkneifen der Augen.

(E 1a): Astigmatismus ist bei ADHS häufiger und gehört zu den Befunden, die sich am einfachsten beheben lassen: Eine passende Brille genügt in der Regel.

Astigmatismuskorrektur ist einer der lohnendsten Gründe für eine augenärztliche Kontrolle. Wichtig ist eine Messung mit Augentropfen zur Pupillenerweiterung (Zykloplegie), weil sonst gerade bei Kindern Werte übersehen werden.

Eine Studie fand bei 24 % der Kinder mit ADHS einen Astigmatismus, bei Nichtbetroffenen dagegen nur bei 6 %.(E 3)6

Eine Metaanalyse von 35 Studien mit 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS ein um 79 % erhöhtes Risiko für Astigmatismus (OR 1,79).(E 1a)7

Eine Auswertung der KiGGS-Studie (N = 13.488) fand Astigmatismus bei 10,9 % der ADHS-betroffenen Kinder gegenüber 6,2 % der Nichtbetroffenen (rechnerisch OR 1,75, angegeben OR 1,84).(E 3)23

ADHS und Hyperopie, Myopie, Astigmatismus und Strabismus sagten sich gegenseitig voraus.(E 2b)24

6. Augenbewegungen und ADHS

Bedeutung für Betroffene

Die Augen stehen fast nie still. Sie springen mehrmals pro Sekunde von Punkt zu Punkt (Sakkaden) und halten dazwischen kurz an. Beim Lesen ist das der Motor, der die Zeile entlangführt.
(E 1a): Bei ADHS laufen diese Sprünge im Mittel etwas langsamer, ungenauer und vor allem unregelmäßiger ab. Auch das Stillhalten des Blicks auf einem Punkt gelingt schlechter.

(Einschätzung ADxS): Das erklärt gut bekannte Alltagserfahrungen: sich beim Lesen verlieren, Zeilen doppelt lesen oder überspringen, beim Abschreiben ständig die Stelle suchen.
Das ist keine Muskelschwäche der Augen. Dieselben Hirnbereiche, die Aufmerksamkeit und Impulskontrolle steuern, steuern auch die Augenbewegungen. Die Augen zeigen also im Wesentlichen das, was ohnehin das Kernthema bei ADHS ist, nur sehr genau messbar.
Deshalb wird untersucht, ob sich Augenbewegungen als objektives Diagnosehilfsmittel eignen. Das ist bislang Forschung und keine anerkannte Diagnostik.
Praktisch hilfreich sind bereits einfache Dinge: eine Zeilenschablone oder der Finger als Zeilenführung, größere Schrift und kürzere Leseabschnitte mit Pausen.

Eine experimentelle Studie (n = 16) berichtet von signifikanten Abweichungen von Augenbewegungen bei ADHS, die mittels Elektrookulographie (EOG) ermittelt wurden.(E 3)25

Eine große Studie fand eine Korrelation zwischen vorzeitigen vorausschauenden Augenbewegungen und Unaufmerksamkeit, nicht aber zwischen Richtungsfehlern und ADHS-Symptomen.(E 2b)26

6.1. Sakkaden

Verschiedene Studien fanden mittels des Gap/Overlap-Tests bei Kindern mit ADHS langsamere und variablere sakkadische Reaktionszeiten. Eine Studie konnte diesen Biomarker durch Warnsignale während des Tests eliminieren.(E 2b)27

Eine Metastudie fand Hinweise, dass Kinder mit ADHS:(E 1a)28

  • mehr Richtungsfehler bei einer Antisakkade-Aufgabe machten
  • bei okulomotorischen Aufgaben langsamer waren und schlechtere Leistungen erbrachten
  • Augenbewegungen weniger präzise ausführten

(E 2b): Sakkadische Augenbewegungen (Blicksprünge) werden stark durch Faktoren wie Aufmerksamkeit und Inhibition beeinflusst.(E 2b)29(E 2b)30
(Einschätzung ADxS): Da bei ADHS Aufmerksamkeit und Inhibition beeinträchtigt sind, erscheint es plausibel, dass die sakkadischen Augenbewegungen bei ADHS Auffälligkeiten aufweisen.

Willkürliche Augenbewegungen werden durch den dlPFC gesteuert: Die willkürliche Steuerung von Augenbewegungen ist eng mit Aufmerksamkeitslenkung verbunden. Der dlPFC beherbergt zugleich das Arbeitsgedächtnis, das bei ADHS typischerweise beeinträchtigt ist.
ADHS-Betroffene zeigten bei Blickverfolgungsaufgaben eine erhöhte Sakkadenlatenz und -intensität sowie eine kürzere Fixationszeit.(E 3)31

Die Abweichungen der sakkadischen Augenbewegungen bei ADHS sollen durch ein Computertraining verbesserbar sein.(E 2a)32

  • Im Antisakkade-Task fanden sich verlängerte Latenzen bei ADHS sowie noch stärker bei Schizophrenie, weiter bei bipolarer Störung und mit kleineren und weniger robusten Effektgrößen bei Zwangsstörung. Es scheinen Defizite in der inhibitorischen Kontrolle bei der Antisakkade-Aufgabe bei allen psychischen Störungen zu bestehen, insbesondere bei den Fehlerraten.(E 1a)33
  • Eine schnellere visuelle Orientierung durch kürzere sakkadische Reaktionszeiten (SRT) wurde bei Baseline-Versuchen im Vergleich zu Overlap-Versuchen, bei Gesichtern im Vergleich zu Nicht-Gesichtsreizen und (deutlicher bei Kindern ohne ADHS und/oder Autismus) bei multimodalen im Vergleich zu unimodalen Reizen festgestellt. Es fand sich eine lineare negative Korrelation zwischen der präsakkadischen Pupillengröße und den SRTs bei Kindern mit ASS ohne ADHS, sowie eine quadratische Korrelation bei Kindern mit ADHS ohne ASS, bei denen die SRTs langsamer waren, wenn die intraindividuelle präsakkadische Pupillengröße am kleinsten oder größten war.(E 3)34
  • Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und komorbidem ADHS zeigten eine mangelhafte Reaktionsvorbereitung, die zu einer reduzierten visuellen Fixation auf Aufgabenhinweise und einer größeren Variabilität der Sakkadenreaktionen (also Sakkadenreaktionszeit und Spitzengeschwindigkeit) führte. Sakkadische Defizite scheinen bei Borderline wie bei ADHS mit komorbidem Borderline nicht auf eine Unfähigkeit zur Ausführung von Antisakkaden, sondern eher auf eine unzureichende Vorbereitung auf die bevorstehende Aufgabe zurückzuführen zu sein. Dies könnte aus einer abnormen Signalübertragung in kortikalen Bereichen wie den frontalen Augenfeldern, dem posterioren parietalen Kortex und dem ACC resultieren.(E 3)35

6.2. Pupillengeschwindigkeit

Eine Studie fand bei Kindern mit ADHS signifikant höhere Pupillengeschwindigkeitswerte, die positiv mit den RNFL-Messungen ihrer rechten Augen korrelierten.(E 3)36

6.3. Pupillendurchmesser, Pupillenunruhe

Bedeutung für Betroffene

Die Pupille verändert sich nicht nur mit dem Licht. Sie wird auch weiter, wenn man sich anstrengt, aufmerksam ist oder etwas Überraschendes passiert. Sie ist damit ein Fenster auf den Wachheits- und Anspannungszustand des Gehirns, gesteuert unter anderem über den Botenstoff Noradrenalin.
(E 3): Bei ADHS reagiert die Pupille im Mittel gedämpfter. Sie weitet sich bei anstrengenden Aufgaben weniger stark und schwankt in Ruhe weniger.

(Einschätzung ADxS): Das passt zu der Vorstellung, dass das Aktivierungssystem bei ADHS anders eingestellt ist, also nicht durchgängig zu wenig aktiv, aber nicht optimal an die jeweilige Anforderung angepasst.
Die Pupillengröße hat im Alltag keine Konsequenz. Man bemerkt davon nichts, und es gibt keinen Test beim Augenarzt, der daraus eine ADHS-Diagnose ableiten könnte. Interessant ist es als Forschungsansatz für objektive Messverfahren.
(E 3): Eine praktische Nebenwirkung gibt es: ADHS-Medikamente machen die Pupille etwas weiter. Das kann die Blendempfindlichkeit erhöhen, etwa beim Autofahren in der Dämmerung. Eine Sonnenbrille hilft.

(E 3): Bei Erwachsenen mit ADHS fand sich

  • eine verringerte Leistung der Pupillenoszillationen bei Passivität mit minimaler Ablenkung ebenso wie bei Ruhebedingung ohne Ablenkung. Dies ist ein Zeichen einer allgemein verringerten katecholaminergen Aktivität, die unabhängig von der Sehaufgabe oder der laufenden kognitiven Anstrengung ist.(E 3)37
  • eine verringerte Pupillenerweiterung bei einer Aufgabe mit anhaltender visueller Aufmerksamkeit(E 3)38

(Einschätzung ADxS): Die sehr restriktive Datenveröffentlichung der Autoren könnte ein Hinweis auf eine potenzielle diagnostische Nutzbarkeit sein.
ADHS-Medikation vergrößerte den Pupillendurchmesser signifikant (3,91 mm vs. 3,58 mm, p = 0,017).(E 3)39

Messungen der Pupillendurchmesser zeigen Abweichungen im noradrenergen System bei ADHS.

Mehr hierzu unter Tonisches und Phasisches Noradrenalin bei ADHS im Beitrag Noradrenalin.

  • Pupillenunruhe korreliert in hohem Maße zwischen den beiden Augen. Dies deutet auf eine Steuerungsquelle auf der Ebene des Edinger-Westphal-Komplexes im Mittelhirn hin, die für beide Iriden gemeinsam wirkt.(E 3)37 Der Edinger-Westphal-Komplex ist der wichtigste parasympathische präganglionäre motorische Knotenpunkt für den Pupillenschließmuskel und über verschiedene Bahnen mit dem katecholaminergen Netzwerk verbunden, unter anderem dem Locus coeruleus. Die noradrenerge Aktivität des Locus coeruleus beeinflusst den Pupillendurchmesser signifikant.
  • Der Locus coeruleus ist die maßgebliche Noradrenalinquelle des Gehirns und beeinflusst die neuronale Dopaminfunktion und die dopaminergen Rezeptoren stark.(E 3)37 Bisher sind keine direkten neurologischen Projektionen zwischen dem Locus coeruleus und dem Edinger-Westphal-Komplex bekannt. Möglicherweise besteht eine indirekte Verbindung über zwischengeschaltete Schaltkreise. Daneben wird der Edinger-Westphal-Komplex von Neokortex und Hypothalamus moduliert. Aufmerksamkeit beeinflusst die Basisspannung des Pupillenerweiterungsmuskels über den Pupillensympathikus. Dies könnte den biomechanischen Push-Pull-Mechanismus des Schließmuskel-Pupillenerweiterungsmuskelsystems verstärken und die Empfindlichkeit und das Ausmaß der Pupillenschwingungen erhöhen.(E 3)37
  • (E 2b): Tonische und phasische Noradrenalinfeuerung lässt sich anhand des Pupillendurchmessers erkennen. Dabei entspricht die basale Größe des Pupillendurchmessers der tonischen Noradrenalinfeuerung und eine Veränderung des Pupillendurchmessers einer phasischen noradrenergen Aktivität. Eine phasische Pupillenerweiterung korrelierte mit korrekten Antworten, eine tonische Pupillenerweiterung mit Perioden von geringem Belohnungswert.(E 2b)40(E 3)41 Eine Zunahme des Pupillen-Grundliniendurchmessers korrelierte mit einer Abnahme des Aufgabennutzens und einer Loslösung von der Aufgabe (Exploration), eine Verringerung des Grundliniendurchmessers bei Zunahme der durch die Aufgabe hervorgerufenen Dilatation korrelierte mit dem Engagement bei der Aufgabe (Exploitation).(E 2b)42
  • Eine Pupillenerweiterung ist ein physiologischer Index für erhöhtes Arousal und noradrenerge Aktivität des Locus coeruleus.(E 2b)27 Der Pupillendurchmesser im Ruhezustand spiegelt auch die Konnektivität zwischen frontoparietalen, striatalen und thalamischen Gehirnregionen wider.(E 2b)43
  • Pupillenerweiterungsamplituden auf relativ unerwartete räumliche Zielreize zeigten:(E 3)44* bei ADHS kürzere Pupillenerweiterungs-Latenzen im Vergleich zu ASS, ASS + ADHS und Kontrollen.* bei ASS und ASS + ADHS langsamere Orientierungsreaktionen als Kontrollen sowie höhere Pupillenerweiterungs-Amplituden im Vergleich zu ADHS und Kontrollen.

6.4. Blickinstabilität

Bedeutung für Betroffene

(E 3): Wer einen Punkt fixiert, hält den Blick nie ganz ruhig. Bei ADHS wandert der Blick dabei stärker als bei Nichtbetroffenen. Das passiert auch dann, wenn es ringsum gar nichts zu sehen gibt, was ablenken könnte. Die Unruhe kommt also nicht von außen, sondern von innen.

(Einschätzung ADxS): Das erklärt, warum ein reizarmer Arbeitsplatz zwar hilft, aber nicht alles löst. Ein aufgeräumter Schreibtisch nimmt äußere Ablenkung weg, die innere Unruhe bleibt.

Eine Messung der Fixationsstabilität anhand der Fläche der bivariaten Konturellipse (BCEA) als kontinuierlichem Index der Blickstreuung während der Aufgabe ergab bei Kindern mit ADHS einen signifikant höheren BCEA-Wert, was ihre erhöhte Blickinstabilität widerspiegelt. Die Beeinträchtigung der Blickfixierung blieb auch ohne visuelle Ablenkungen bestehen, was auf eine intrinsische Aufmerksamkeitsstörung bei ADHS hindeutet.(E 3)45

7. Gesichtsfeldverschiebungen

Bedeutung für Betroffene

(E 3): Hier geht es darum, wie oft jemand in einer Situation den Kopf oder den Blick schwenkt, also den Ausschnitt der Welt wechselt, den er gerade sieht. In einer Studie mit virtueller Realität zeigte sich: Je ungenauer die Kinder eine Aufgabe lösten, desto häufiger wechselten sie den Blickausschnitt. Diese Blickwechsel hingen nicht mit der Schwere der ADHS-Symptome zusammen, sondern mit der aktuellen Leistung.

(Einschätzung ADxS): Das spricht dafür, dass der Blick eher die momentane Überforderung anzeigt als eine feste Eigenschaft zu sein. Konkret ableiten lässt sich daraus für den Alltag noch nichts. Es handelt sich um einen einzelnen Forschungsbefund.

Eine andere Studie fand, dass bei Kindern Gesichtsfeldverschiebungen die Beziehung zwischen Hyperaktivität/Impulsivität einerseits und Problemen der Aufmerksamkeitsfokussierung und der Informationsaufnahme moderierten. Mit Abnahme der Genauigkeit der Leistung nahmen die Gesichtsfeldverschiebungen zu, auch wenn diese Korrelation nicht den Schweregrad der Symptome spiegelte.(E 3)46

8. Makuladicke bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

Die Makula ist die Stelle des schärfsten Sehens in der Netzhaut. Ihre Dicke lässt sich mit einem schmerzlosen Scan messen.

(E 4): Eine sehr kleine Studie fand hier bei ADHS eine Abweichung und stellte die Überlegung an, dass sich darin Unterschiede im Gehirn spiegeln könnten. Da Netzhaut und Gehirn entwicklungsgeschichtlich zusammengehören, ist das keine abwegige Idee.

(Einschätzung ADxS): Es handelt sich ausdrücklich um eine Hypothese aus einer Pilotstudie. Größere Auswertungen haben strukturelle Netzhautveränderungen bei ADHS bisher nicht bestätigt. Für die Praxis ist der Befund derzeit bedeutungslos.

Eine kleine Untersuchung hypothetisiert, dass eine erhöhte Dicke der Makula bei Kindern mit ADHS das erhöhte Verhältnis der Dicke des rechten Frontallappens zu der des parietalen Cortex bei ADHS repräsentieren könnte.(E 4)47

9. Akkommodation bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

Akkommodation ist das Scharfstellen des Auges auf unterschiedliche Entfernungen, vergleichbar mit dem Autofokus einer Kamera. Beim Blick vom Fenster zurück aufs Buch muss das Auge umstellen.
(E 1a): Bei ADHS stellt dieser Autofokus im Mittel etwas ungenauer scharf und bleibt beim Blick in die Nähe leicht hinterher.

(Einschätzung ADxS): Der Effekt ist klein und den meisten nicht bewusst. Er kann aber dazu beitragen, dass Naharbeit anstrengt und die Aufmerksamkeit beim Lesen schneller abreißt.
(E 3): Die Befunde sind nicht einheitlich. Eine Studie fand keinen Unterschied zu Kontrollen. Ein Effekt der ADHS-Medikation auf die Scharfstellung zeigte sich nicht.

(Einschätzung ADxS): Wenn Naharbeit für jemanden anstrengend ist, lohnt es sich, die Akkommodation zusammen mit der Konvergenz prüfen zu lassen. Beides hängt eng zusammen und wird zusammen untersucht.

Akkommodation bezeichnet die Fähigkeit des Auges, Objekte in unterschiedlicher Entfernung zu fokussieren und scharfzustellen.Kinder mit ADHS zeigten eine reduzierte Akkommodationsreaktion, die nicht durch den Akkommodationsreiz beeinflusst wurde. Es gab keinen deutlichen Effekt der Medikation bei ADHS auf die Akkommodationsgenauigkeit.(E 3)48

Eine andere Studie fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS keine Unterschiede gegenüber Kontrollen in Bezug auf Sehschärfe, Refraktion oder Akkommodationsfähigkeit.(E 3)16

  • Eine Metaanalyse von 35 Studien mit 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS ein erhöhtes Risiko für erhöhte Verzögerung (Hedge’s g = 0,63 [KI: 0,30 bis 0,96]) und Variabilität (Hedge’s g = 0,40 [KI: 0,17 bis 0,64]) der akkommodativen Reaktion.(E 1a)7
  • ADHS-Betroffene zeigten im Vergleich zu Kontrollen:(E 3)49
    • eine signifikant höhere Akkommodationsverzögerung (+0,30 ± 0,17 D vs. +0,18 ± 0,23 D)
    • eine höhere Akkommodationsamplitude (13,15 ± 1,73 vs. 12,07 ± 1,60)
    • eine höhere Prävalenz von Nahheterophorie
    • dabei gab es keine Unterschiede zwischen medikamentierten und nicht medikamentierten Betroffenen
    • Männer zeigten eine höhere Nahheterophorie als Frauen
    • Männer zeigten signifikant mehr Phorien im Nahbereich

10. Morphologische Veränderungen der Sehnerven bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

(E 3): Mit einer Aufnahme des Augenhintergrunds lassen sich der Sehnervenkopf und die Netzhautgefäße vermessen. Bei Kindern mit ADHS fielen diese Strukturen im Mittel etwas kleiner aus, und die Netzhautgefäße verliefen etwas weniger geschlängelt.
(Einschätzung ADxS): Es handelt sich um kleine Unterschiede im Gruppendurchschnitt, nicht um eine Erkrankung. Niemand sieht deswegen schlechter, und es entsteht daraus kein Schaden.

(E 3): Die Autoren deuten den Befund als Spur einer frühen Entwicklungsbesonderheit von Nerven- und Gefäßgewebe.
(Einschätzung ADxS): Weil sich das Auge in der Embryonalzeit aus dem Gehirn heraus entwickelt, kann die Netzhaut solche frühen Spuren sichtbar machen, die man dem Gehirn selbst nicht ansieht. Der Befund ist also für das Verständnis von ADHS interessant, nicht für eine Augengesundheit.

Eine Studie fand bei Kindern mit ADHS häufiger kleinere Sehnerven, kleinere neuroretinale Randbereiche oder eine verringerte Tortuosität der Netzhautarterien.(E 3)6

Kinder mit ADHS zeigten im Vergleich zu einer gesunden Referenzgruppe signifikant kleinere Papillenflächen, neuroretinale Randsäume und Exkavationen sowie eine verringerte Schlängelung (Tortuosität) der Netzhautarterien und -venen. Die Autoren werten dies als Hinweis auf eine frühe Entwicklungsstörung neuronaler und vaskulärer Strukturen des ZNS. Bei 7 von 9 Kindern mit visuo-kognitiven Problemen fand sich mindestens eine Fundusauffälligkeit.(E 3)6

11. DRD4-7R und Sehvermögen bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

(E 2b): DRD4 ist ein Gen für einen Andockstellen-Typ des Dopamins. Eine bestimmte Variante dieses Gens (7R) gehört zu den am besten belegten genetischen Risikofaktoren für ADHS. Sie ist zugleich in der Netzhaut aktiv.

(Einschätzung ADxS): Das ist der bislang direkteste Hinweis darauf, dass ADHS und Sehprobleme tatsächlich eine gemeinsame biologische Wurzel haben könnten und nicht nur zufällig zusammen auftreten. Dasselbe Gen wirkt an beiden Orten.
Daraus folgt bislang nichts Praktisches. Es gibt keinen sinnvollen Gentest hierzu, denn die Variante kommt auch bei vielen Menschen ohne ADHS vor und sagt für den Einzelfall nichts aus.

Die DRD4 7R-Variante ist eines der stärksten Einzelgenrisiken für ADHS. Siehe hierzu unter Kandidatengene bei ADHS im Kapitel Entstehung.

  • (E 2b): Der D4-Dopaminrezeptor (Gen: DRD4) wird in der Netzhaut exprimiert und moduliert dort die Signalverarbeitung der Photorezeptoren, unter anderem über den Second Messenger cAMP.(E 2b)50 Die Drd4-Transkription folgt einem ausgeprägten zirkadianen Muster.(E 2b)5
  • DRD4-7R korreliert mit einer geringeren Fähigkeit, den lichtsensitiven Second Messenger zyklisches Adenosinmonophosphat (cAMP) bei Beleuchtung zu reduzieren.(E 2b)51
  • Daneben fanden sich Hinweise auf eine mögliche Korrelation von DRD4-7R mit einer höheren Tagesmüdigkeit(E 3)52, was eine Folge der Wippe zwischen Dopamin und Melatonin sein könnte.

12. Refraktive Fehler (Fehlsichtigkeit) und ADHS

Bedeutung für Betroffene

Refraktive Fehler sind die klassischen Brillenwerte: Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit, Hornhautverkrümmung.

(E 1a): Das Gesamtbild ist zwiespältig. Einzelne Studien fanden bei Kindern mit ADHS sehr viel Fehlsichtigkeit, die große Zusammenschau von 35 Studien fand bei den Brillenwerten insgesamt jedoch keinen Unterschied. Klarer ist die Lage bei einzelnen Formen: Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmung sind bei ADHS häufiger, Kurzsichtigkeit ist unsicher.
(Einschätzung ADxS): Eine unerkannte Fehlsichtigkeit macht Naharbeit anstrengend und lässt Kinder unkonzentriert wirken. Das gilt unabhängig davon, ob sie bei ADHS häufiger ist. Weil Kinder eine schleichende Verschlechterung selbst kaum bemerken und nicht darüber klagen, ist eine regelmäßige Kontrolle sinnvoll (mit Augentropfen zur Pupillenerweiterung, weil sonst gerade Weitsichtigkeit übersehen wird).

Eine Studie stellte bei 83 % der untersuchten Kinder mit ADHS refraktive Fehler fest.(E 4)53Eine Metaanalyse von 35 Studien mit 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS keine Häufung von Refraktionsfehlern (Hedge’s g = 0,08 [KI: -0,26 bis 0,42]).(E 1a)7
Eine Studie fand bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS keine Unterschiede gegenüber Kontrollen in Bezug auf Sehschärfe, Refraktion oder Akkommodationsfähigkeit.(E 3)16

Innerhalb der ADHS-Gruppe war die Prävalenz von Ametropie (refraktive Fehlsichtigkeit) unter Zykloplegie bei unmedikamentierten Betroffenen signifikant höher als bei medikamentierten (69,6 % vs. 37,5 %, χ² = 7,32, p = 0,026). Es handelt sich um eine Subgruppenanalyse einer Querschnittsstudie (N = 100). Ein kausaler Medikationseffekt lässt sich daraus nicht ableiten.(E 3)39

  • (E 4): Eine Dysfunktion des retinalen Dopamins könnte das neuroentwicklungsbedingte Wachstum des Auges beeinflussen, was zu refraktiven Fehlern führt. Dies könnte die Häufigkeit refraktiver Fehler bei ADHS mit erklären.(E 4)53(E 4)54
  • (Einschätzung ADxS): Es verdichten sich die Hinweise, dass die weltweit zunehmende Kurzsichtigkeit dopaminerg vermittelt wird und mit einem Mangel an erlebtem Tageslicht zusammenhängt.
  • Von 1981(1982 zu 2002/2003 haben sich die Outdooraktivitäten von 1 Stunde 40 Minuten je Woche auf 50 Minuten je Woche halbiert. Sport verringerte sich von 4:04 auf 2:59 Stunden/Woche(E 3)55

12.1. Weitsichtigkeit (Hyperopie, Hypermetropie) (+ 67 %)

Bedeutung für Betroffene

Weitsichtigkeit heißt nicht, dass man in der Ferne besonders gut sieht. Sie heißt, dass das Auge dauerhaft nachscharfstellen muss, und zwar in der Nähe besonders stark. Bei Kindern gelingt das lange Zeit mühelos, weshalb der klassische Sehtest oft unauffällig bleibt.
(Einschätzung ADxS): Die Sehschärfe stimmt dann zwar, aber die Anstrengung ist ständig da. Das äußert sich als Unlust zu lesen, schnelles Ermüden bei Hausaufgaben, Kopfschmerzen am Nachmittag oder als Konzentrationsproblem, das keines ist.

(E 1a): Weitsichtigkeit gehört zu den Befunden, die bei ADHS am besten abgesichert häufiger sind.
(Einschätzung ADxS): Weitsichtigkeit ist mit einer Brille gut zu beheben. Entscheidend ist, dass die Messung mit erweiterter Pupille erfolgt, weil sie sonst nicht erkennbar ist.

Eine Auswertung der KiGGS-Studie (N = 13.488) fand Weitsichtigkeit bei 13,0 % der ADHS-betroffenen Kinder gegenüber 8,2 % der Nichtbetroffenen (OR 1,67).(E 3)23

ADHS und Hyperopie, Myopie, Astigmatismus und Strabismus sagten sich gegenseitig voraus.(E 2b)24

12.2. Kurzsichtigkeit (Myopie) (+ 29 %)

Bedeutung für Betroffene

(E 1a): Ob Kurzsichtigkeit bei ADHS häufiger ist, ist die unklarste Frage in diesem Kapitel. Einzelne große Datensätze finden einen leichten Zusammenhang, andere Auswertungen finden ihn nicht mehr, sobald andere Einflussfaktoren berücksichtigt werden.
(E 2b): Bemerkenswert ist, dass unter ADHS-Medikation das Risiko für Kurzsichtigkeit deutlich geringer war als bei unbehandelten Betroffenen. Der vermutete Grund ist, dass Dopamin in der Netzhaut das Längenwachstum des Auges bremst.
(Einschätzung ADxS): Das ist ein Nebenbefund aus Abrechnungsdaten und kein Grund, Medikamente wegen der Augen zu nehmen oder nicht zu nehmen.

(E 2b): Was gesichert und für alle relevant ist: Tageslicht schützt vor Kurzsichtigkeit. Kinder, die täglich Zeit draußen verbringen, werden seltener kurzsichtig.
(Einschätzung ADxS): Das ist unabhängig von ADHS eine der wenigen wirklich gut belegten Empfehlungen zur Augengesundheit und lässt sich leicht umsetzen.

(E 1a): Die Befundlage zur Kurzsichtigkeit ist uneinheitlich.

  • Eine taiwanesische Registerkohorte (Daten 2009 bis 2020) fand bei unbehandelten ADHS-Betroffenen ein um 22 % erhöhtes Myopierisiko gegenüber Nicht-Betroffenen (aHR 1,22, 95 % KI 1,21 bis 1,24).(E 2b)56
  • In der KiGGS-Auswertung (N = 13.488) war Myopie bei ADHS-betroffenen Kindern zunächst häufiger (16,2 % vs. 13,1 %, OR 1,29). Nach Adjustierung für weitere ADHS-Risikofaktoren war dieser Zusammenhang jedoch nicht mehr signifikant, anders als bei Hyperopie, Astigmatismus und Strabismus.(E 3)57
  • Eine Metaanalyse von 35 Studien fand für Refraktionsfehler insgesamt keinen Unterschied (Hedge’s g = 0,08 [KI -0,26 bis 0,42]).(E 1a)7

Gegenüber unbehandelten ADHS-Betroffenen war das Myopierisiko unter ADHS-Medikation um 39 % verringert (aHR 0,61, 95 % KI 0,59 bis 0,62). Unter zwei Wirkstoffen war es stärker verringert (aHR 0,28) als unter einem (aHR 0,50).(E 2b)56

ADHS und Hyperopie, Myopie, Astigmatismus und Strabismus sagten sich gegenseitig voraus.(E 2b)24

(E 2b): Ein Mangel an hellem Tageslicht (draußen) erhöht das Risiko von Kurzsichtigkeit (Myopie). Die Zunahme von Kurzsichtigkeit durch Tageslichtmangel wird durch Dopamin vermittelt.(E 4)58(E 2b)59 Die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut hemmt das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit.(E 2b)56

13. Visuomotorik korreliert mit Inhibition und kognitiver Flexibilität

Bedeutung für Betroffene

Visuomotorik ist das Zusammenspiel von Sehen und Bewegen, also etwa die Auge-Hand-Koordination beim Schreiben, Fangen oder Ausschneiden.

(E 3): Kinder, denen flüssige, vom Blick geführte Bewegungen schwerfallen, haben auch häufiger Mühe, Ablenkendes auszublenden. Und wer motorisch schlecht umschalten kann, kann auch gedanklich schlecht umschalten.
(Einschätzung ADxS): Das erklärt, warum motorische Ungeschicklichkeit und Konzentrationsprobleme bei ADHS oft gemeinsam auftreten. Es sind nicht zwei getrennte Baustellen, sondern zwei Seiten derselben Steuerungsfähigkeit.
Wenn ein Kind ungeschickt wirkt und schlecht schreibt, ist das kein Zeichen von Faulheit und auch nicht unabhängig von der ADHS zu betrachten. Ergotherapie kann hier sinnvoll ansetzen.

Visuomotorik ist die Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat und umfasst unter anderem die Auge-Hand-Koordination.

  • Wissenschaftlich: Korrelationsmuster zwischen visuomotorischen und kognitiven Maßen
  • Eine Studie berichtet:(E 3)60
  • Visuomotorische Flüssigkeit korrelierte signifikant mit kognitiver Inhibition. Die Fähigkeit, visuell geführte, kontinuierliche Bewegungen fließend auszuführen, korreliert mit der Fähigkeit, die Auswirkungen von ablenkenden Informationen zu hemmen.
  • Die visuomotorische Flexibilität korrelierte signifikant mit kognitiver Flexibilität. Die Fähigkeit, visuelle Informationen spontan zu nutzen, um motorische Reaktionen flexibel zu verändern, korreliert mit der Fähigkeit, kognitiv von einer Geisteshaltung in eine andere zu wechseln.

14. Netzhautablösung, Netzhautbrüche

Bedeutung für Betroffene

(E 2b): Bei Menschen mit Netzhautablösungen oder Netzhautrissen findet sich etwas häufiger ADHS. Die Erhöhung ist mit 19 % gering.

(Einschätzung ADxS): Netzhautablösungen sind selten, und eine leichte Risikoerhöhung bei einem seltenen Ereignis bleibt ein sehr kleines Risiko. Ein Zusammenhang lässt sich auch anders erklären, etwa über Kurzsichtigkeit oder über eine höhere Rate an Kopfverletzungen.
Wichtig: Plötzliche Lichtblitze, ein Schwarm neuer schwarzer Punkte oder ein Schatten, der von einer Seite ins Blickfeld wandert, sind Alarmzeichen für eine Netzhautablösung, die noch am selben Tag vom Augenarzt oder der augenärztlichen Notfallklinik geprüft werden müssen.

(E 4): Daneben wird diskutiert, ob Störungen der Netzhaut die bei ADHS häufigen Verschiebungen des Tag-Nacht-Rhythmus mit verursachen könnten. Das ist eine Hypothese, keine gesicherte Erkenntnis.

Netzhautablösungen und -brüche waren mit einem um 19 % erhöhten ADHS-Risiko verbunden.(E 2b)61

Es wird erörtert, ob Störungen der Netzhaut die bei ADHS häufigen Verschiebungen des Chronorhythmus verursachen könnten und ob diese eine wesentliche Ursache von ADHS sein könnten.(E 4)62

15. Retina zur ADHS-Diagnostik

Bedeutung für Betroffene

(E 3): Es wird erforscht, ob sich ADHS an einem Foto des Augenhintergrunds erkennen lässt. Ein Computerprogramm, das mit vielen solchen Bildern trainiert wurde, konnte zwischen Kindern mit und ohne ADHS erstaunlich gut unterscheiden.

(Einschätzung ADxS): Das klingt nach einem einfachen objektiven Test, ist aber leider noch nicht praktisch nutzbar. Ob es bei ganz anderen Kindern in einer normalen Praxis (in der es noch viel mehr Störungsbilder als nur ADHS gibt) ebenso gut funktioniert, ist offen. Ohne maschinelles Lernen ist die Unterscheidung deutlich schwächer.

Die Diagnose von ADHS erfolgt weiterhin über Anamnese, Fragebögen und klinisches Gespräch. Bei einem kostenpflichtigen Augenscan als ADHS-Test ist Skepsis angebracht.

(E 3): Mittels maschinellen Lernens ließ sich aus Bildern der Retina ADHS sehr gut unterscheiden. Erreicht wurden AUROC-Werte von 0,955 bis 0,969.(E 3)63 Mittels maschineller Lernens anhand von Elektroretinogramm-Kurven wurde die Unterscheidung von ASS und Kontrollen untersucht. Die Klassifikationsgüte war mit einer Balanced Accuracy von 0,66 gering.(E 3)64

Vergleichswerte ohne maschinelles Lernen und RNFL-Metaanalyse

  • Eine Studie ohne maschinelles Lernen fand eine AUC von 0,6 bis 0,7, um ADHS anhand einer verdünnten Retina zu erkennen.(E 3)65
  • Eine Metaanalyse von 35 Studien mit 3.250.905 Teilnehmern fand bei ADHS dagegen keine Veränderung der Dicke der retinalen Nervenfaserschicht (Hedge’s g = -0,19 [KI: -0,41 bis 0,02]).(E 1a)7

16. Bindehautentzündung (Konjunktivitis)

Bedeutung für Betroffene

(E 1a): Bindehautentzündungen (rote, juckende, tränende Augen) kommen bei ADHS etwas häufiger vor. Der Zusammenhang ist schwach und in den methodisch besten Studien nicht mehr statistisch abgesichert.

(Einschätzung ADxS): Naheliegende Erklärungen sind einfach: häufigeres Augenreiben, mehr Allergien, weniger konsequente Hygiene.

(E 1a): ADHS korreliert mit einem erhöhten Risiko für Bindehautentzündung:

  • 1,69-faches Risiko (statistisch signifikant) über alle Studien (Übersichtsarbeit, k = 3 Metastudien, N = 41.908, n = 9.564)(E 1a)66
  • 1,41-faches Risiko (statistisch nicht signifikant) bei Begrenzung auf Goldstandardstudien (Übersichtsarbeit, k = 2 Metastudien, N = 4.193, n = 1.065)(E 1a)66

17. Stimulanzien und Augenparameter

Bedeutung für Betroffene

(E 2a): Nach sechs Monaten Methylphenidat fanden sich in einer Untersuchung kleine Veränderungen an der Hornhaut (der klaren Vorderseite des Auges) sowie ein etwas höherer Augeninnendruck. Der Druck blieb dabei innerhalb des normalen Bereichs.
(Einschätzung ADxS): Was das langfristig bedeutet, ist offen. Es handelt sich um Messwerte, nicht um eine Erkrankung. Kein Betroffener hat dadurch schlechter gesehen. Es ist kein Grund, eine wirksame Behandlung abzusetzen.

(E 2a): Es ist aber ein guter Grund für eine augenärztliche Kontrolle vor Beginn und dann in größeren Abständen während einer Langzeitbehandlung. Die Autoren der Studie empfehlen das ausdrücklich.
(Einschätzung ADxS): Wenn Sie ohnehin zur Kontrolle gehen, erwähnen Sie die Medikation. Bekannter und harmloser ist die weitere Pupille unter Stimulanzien. Sie kann die Blendempfindlichkeit erhöhen.

Die Autoren empfehlen bei Langzeiteinnahme von Stimulanzien eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle.(E 2a)67

  • Wissenschaftlich: Spekularmikroskopische und topographische Messwerte nach 6 Monaten MPH
  • Eine prospektive Beobachtungsstudie mit 100 unbehandelten Kindern mit ADHS und 100 alters- und geschlechtsgematchten gesunden Kontrollen fand bei den Kindern mit ADHS nach 6 Monaten MPH mittels Spekularmikroskopie und Hornhauttopographie:(E 2a)67
  • Endothelzelldichte signifikant verringert, mit signifikanter schwacher Korrelation mit Unaufmerksamkeit
  • durchschnittliche Zellfläche signifikant erhöht
  • Standardabweichung der Zellfläche signifikant erhöht
  • Variationskoeffizient der Zellfläche signifikant erhöht
  • Hexagonalitätsindex verändert
  • zentrale Hornhautdicke signifikant erhöht, mit signifikanter schwacher Korrelation mit Unaufmerksamkeit
  • Augeninnendruck signifikant erhöht, aber innerhalb der normalen physiologischen Grenzen

18. Unveränderte Augenparameter

Bedeutung für Betroffene

(E 3): Ebenso wichtig wie die Auffälligkeiten ist, was bei ADHS unauffällig ist. Die Länge des Augapfels, die Form der Hornhaut und die vordere Augenkammer unterscheiden sich nicht von Nichtbetroffenen.
(Einschätzung ADxS): ADHS geht mit Besonderheiten der Sehfunktion einher, nicht mit einem anders gebauten Auge.

(E 2b): Interessant ist ein Befund aus einer genetischen Analyse: Eine ADHS-Veranlagung geht offenbar mit einem etwas geringeren Risiko für den Grünen Star (Glaukom) einher, dafür mit einem leicht erhöhten Risiko für Hornhautentzündungen und Hornhautgeschwüre.
(Einschätzung ADxS): Letzteres passt zu häufigerem Augenreiben und zu weniger sorgfältigem Umgang mit Kontaktlinsen. Wer Kontaktlinsen trägt, sollte auf Hygiene und Tragedauer achten.

  • Achsenlänge unverändert (E 3)39
  • Parameter der Hornhauttopografie unverändert (E 3)39
  • Eigenschaften der Vorderkammer unverändert (E 3)39
  • ADHS soll das Risiko von Hornhautgeschwüren und Hornhautentzündungen kausal erhöhen.(E 2b)
  • ADHS soll das Risiko von Glaukomen kausal verringern.(E 2b)20

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