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Bupropion bei ADHS

Bupropion bei ADHS

Vollständig überarbeitet 08/2026

Handelsnamen:(E 4)1

  • verlängerte Freisetzung (XR), eine Einnahme/Tag:

    • Elontril®

    • Wellbutrin XL®

    • Budep® (150mg und 300mg)

    • Weldep XR® (150mg und 300mg)

    • Bupropion XR Adco® (150 mg)

  • langsame Freisetzung (SR), 2 Einnahmen/Tag:

    • Voxra XL® SR (150mg und 300mg)
    • Zyban

XR ist eine stärkere Retardierung als SR.

Wirkstoffname vor 2000: Amfebutamon

Einführung:
(E 1a): Bupropion ist ein Antidepressivum, das gelegentlich auch bei ADHS eingesetzt wird. Für ADHS ist es nicht zugelassen. Eine Verordnung bei ADHS erfolgt daher immer als sogenannter Off-Label-Use, also außerhalb des zugelassenen Anwendungsgebiets.

(E 2b): Bupropion wirkt anders als die üblichen ADHS-Medikamente. Es verhindert, dass die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin zu schnell wieder aus dem synaptischen Spalt entfernt werden. Dadurch bleiben sie länger verfügbar. Im Reagenzglas („in vitro“) betrifft das Dopamin stärker als Noradrenalin.
Beim lebenden Menschen („in vivo“) sieht es anders aus: Bildgebende Untersuchungen zeigen, dass Bupropion in üblicher Dosierung nur einen kleinen Teil der Dopamintransporter besetzt (etwa 14 bis 26 Prozent). Methylphenidat erreicht in üblicher Dosierung mehr als 50 Prozent. Das ist vermutlich ein wesentlicher Grund dafür, warum Bupropion bei ADHS schwächer wirkt als Stimulanzien.

(E 2b): Bupropion wird im Körper in drei Abbauprodukte umgewandelt, die selbst wirksam sind. Eines davon, Hydroxybupropion, erreicht im Blut ein Vielfaches der Menge von Bupropion selbst. Ein erheblicher Teil der Gesamtwirkung geht deshalb wahrscheinlich nicht von Bupropion aus, sondern von diesem Abbauprodukt. Wie viel davon gebildet wird, hängt stark von den eigenen Genen ab und schwankt zwischen Menschen erheblich.

(E 1a): Bupropion wirkt besser als Placebo, aber schwächer als Stimulanzien und sehr wahrscheinlich auch schwächer als Atomoxetin. Die Studien dazu sind klein, methodisch schwach und teils widersprüchlich. Auffällig ist, dass in mehreren Untersuchungen Ärzte und Lehrkräfte eine Besserung sahen, die Betroffenen selbst oder ihre Eltern jedoch nicht. Brauchbare Ergebnisse zeigten sich meist erst bei recht hohen Dosen von 400 bis 450 mg pro Tag. Fachleute empfehlen Bupropion deshalb übereinstimmend erst dann, wenn die Mittel der ersten bis dritten Wahl nicht gewirkt haben oder nicht vertragen wurden. Sinnvoll sein kann es besonders dann, wenn zusätzlich eine Depression besteht.

(E 4): Bei den Nebenwirkungen hat Bupropion einige Vorteile gegenüber anderen Antidepressiva. Es macht nicht müder als ein Scheinmedikament, es führt eher zu leichtem Gewichtsverlust als zu Gewichtszunahme, und es beeinträchtigt die Sexualfunktion kaum. Das unterscheidet es deutlich von den SSRI. Häufig sind dagegen Mundtrockenheit, Übelkeit und Schlafstörungen. Der wichtigste Sicherheitsaspekt ist das Risiko von Krampfanfällen. Es hängt von der Höhe des Blutspiegels ab und liegt bei den heute üblichen Retardformen bei etwa 1 von 1000 Behandelten. Bei nicht retardiertem Bupropion und bei hohen Dosen ist es deutlich höher.

(E 1b): Besonders zu beachten sind Wechselwirkungen. Bupropion hemmt das CYP2D6-Abbauenzym der Leber stark, und zwar noch mindestens eine Woche nach der letzten Einnahme. Medikamente, die über dieses Enzym abgebaut werden, wirken deshalb stärker und länger. Bei ADHS-Medikamenten betrifft das vor allem Atomoxetin und in geringerem Maß die Amfetaminmedikamente. Eine solche Kombination gehört in ärztliche Hand, auch weil sowohl Bupropion als auch Stimulanzien die Krampfschwelle senken können.

(E 4): Nicht angewendet werden darf Bupropion unter anderem bei Krampfanfällen in der Vorgeschichte, bei Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht, bei schwerer Leberzirrhose und im Alkohol- oder Benzodiazepinentzug. Beim Beenden der Behandlung wird ein langsames Ausschleichen empfohlen.

(E 2b): Bupropion wird klassisch nicht als Stimulanz eingeordnet, obwohl es (wie Nikotin und Koffein) anregend wirkt. Bupropion benötigt daher auch kein Betäubungsmittelrezept. In einem Urin-Drogenschnelltest kann es fälschlich einen Amphetaminnachweis auslösen. . Es handelt sich dabei um eine Kreuzreaktion von Bupropion und seinen Metaboliten mit dem Testantikörper, nicht um einen echten Amphetaminnachweis. Eine Nachbestimmung mit Massenspektrometrie (GC-MS bzw. LC-MS/MS) klärt das zuverlässig auf. Wer Bupropion einnimmt und mit einem Drogentest rechnen muss, etwa im Straßenverkehr in Ländern mit Null-Toleranz-Regelung wie der Tschechischen Republik, sollte die ärztliche Verordnung nachweisen können und im Zweifel auf einer Bestätigungsanalyse bestehen.(E 2b)2(E 2b)3

(E 2b): Während der Behandlung kann ein Urin-Drogenschnelltest (Immunoassay) fälschlich positiv auf Amphetamin und Methamphetamin ausfallen

(E 4): Der Wirkstoff Bupropion ist ein β-Ketoamphetamin-Derivat. Bupropion ist chemisch ein Aminoketon und strukturell mit Cathinon verwandt: Es besitzt gegenüber Amphetamin eine zusätzliche Ketongruppe. Diese strukturelle Ähnlichkeit mit Amphetamin sagt allerdings wenig über die Wirkung aus, die sich von Amphetaminmedikamenten deutlich unterscheidet.(E 4)4

Die strukturelle, aber nicht neurochemische Ähnlichkeit von Bupropion zu Amfetaminen war der Grund, warum Bupropion bei ADHS getestet wurde.(E 4)5

1. Wirkungsweise von Bupropion

Bedeutung für Betroffene

(E 4): Bupropion sorgt dafür, dass die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin länger im Spalt zwischen zwei Nervenzellen verfügbar bleiben. Es hemmt also deren Wiederaufnahme. Das ist derselbe Grundmechanismus wie bei Methylphenidat, allerdings deutlich schwächer ausgeprägt.

(E 2b): Bupropion wird im Körper in drei Abbauprodukte umgewandelt, die selbst wirken. Das wichtigste davon, Hydroxybupropion, erreicht im Blut etwa das 14-Fache der Menge von Bupropion selbst. Bei einer Einnahme von Bupropion wirkt also überwiegend nicht der eingenommene Wirkstoff, sondern das, was im Körper daraus entsteht. Wie viel davon entsteht, hängt von den Genen ab.

(E 2b): Beim Menschen besetzt Bupropion in üblicher Dosierung nur etwa 14 % bis 26 % der Dopamintransporter. Methylphenidat kommt auf über 50 %. Im Tierversuch wirkt Bupropion stärker auf das Dopaminsystem, aber nur bei Dosierungen weit oberhalb dessen, was Menschen einnehmen. Tierversuchsergebnisse zu Bupropion lassen sich daher nur eingeschränkt auf Menschen übertragen.

(E 4): Daneben hemmt Bupropion bestimmte Andockstellen für Nikotin im Gehirn. Das dürfte erklären, warum es bei der Raucherentwöhnung hilft. Ein Zusammenhang mit der ADHS-Wirkung hat sich bisher nicht gezeigt.

(E 4): Die Halbwertszeit von Bupropion beträgt rund 21 Stunden, die seiner Abbauprodukte bis zu 37 Stunden. Bupropion wirkt also lange. Bei schwerer Lebererkrankung oder starker Nierenschwäche reichern sich Wirkstoff und Abbauprodukte an. Dann ist eine niedrigere Dosis nötig.

Bupropion ist als Wirkstoff selbst wirksam und wird zu Hydroxybupropion, Threohydrobupropion und Erythrohydrobupropion metabolisiert.(E 4)6 Alle drei Metaboliten sind ebenfalls wirksame Noradrenalinwiederaufnahmehemmer, wenn auch schwächer als Bupropion selbst.

(E 2b): Ein erheblicher Teil der Gesamtwirkung dürfte nicht von Bupropion selbst, sondern von Hydroxybupropion ausgehen.(E 2b)7 Hydroxybupropion erreicht in Tiermodellen 50 bis 100 % der Wirkstärke von Bupropion, Threo- und Erythrohydrobupropion jeweils etwa 20 %.(E 2b)7 Hydroxybupropion erreicht dabei zugleich die mit Abstand höchsten Spiegel. In einer Untersuchung an 42 gesunden Erwachsenen, die 7 Tage lang täglich 150 mg Bupropion XL einnahmen, lag seine Gesamtexposition (AUC) im Steady State im Mittel beim 14-Fachen der von Bupropion (95-%-Konfidenzintervall 12,6 bis 16,2), die Spitzenkonzentration beim rund 8-Fachen, die AUC beim rund 17-Fachen.(E 4)8 Zudem liegt von Hydroxybupropion ein größerer Anteil ungebunden und damit wirksam vor (rund 23 %) als von Bupropion (rund 16 %).(E 2b)7

Die Plasmahalbwertszeit beträgt bei Bupropion rund 21 Stunden, bei Hydroxybupropion rund 20 Stunden. Bei schwerer Leberzirrhose steigt die Bupropion-Exposition auf das Dreifache und die Halbwertszeit um etwa 10 Stunden. Bei terminaler Niereninsuffizienz nehmen Exposition und Halbwertszeit von Hydroxybupropion um 136 % beziehungsweise 73 % zu. Bei sechs älteren Patienten lag die mittlere Halbwertszeit beider Substanzen bei 34,2 Stunden.(E 4)9

Bupropion wird nahezu vollständig aufgenommen. Die Bioverfügbarkeit wird durch First-Pass-Metabolismus stark verringert. Die häufig genannte Spanne von 5 bis 20 % beruht allerdings auf Schätzungen aus Tiermodellen und nicht auf Messungen beim Menschen. Die Bioverfügbarkeit von Bupropion mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (SR) ähnelt der von sofort wirksamem Bupropion (IR), die von Bupropion mit verlängerter (XR, ER) Wirkstofffreisetzung ist etwas niedriger. Bupropion SR und Bupropion XR weisen höhere tmax-Werte auf.(E 4)6

Ein narrativer Review aus 2025 fasst Wirkmechanismus, Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Bupropion bei ADHS zusammen. Er kommt zu keinem Ergebnis, das über die hier bereits genannten Studien hinausgeht. (E 4)10
(Einschätzung ADxS): Der Review ist als Beleg nicht brauchbar. Er nennt drei Datenbanken und sechs Suchbegriffe, die Auswahl erfolgte nach “Relevanz”. Es gibt keine Ein- und Ausschlusskriterien, keine Qualitätsbewertung und keine quantitative Zusammenfassung. Hinzu kommen handwerkliche Fehler. Die Quelle wird hier nur der Vollständigkeit halber genannt.

1.1. Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung

Bupropion agiert als Dopamin- und Noradrenalinwiederaufnahmehemmer. Die DAT-Hemmung ist in vitro stärker.(E 4)11
Bupropion und seine drei Hauptmetaboliten überwinden die Blut-Hirn-Schranke und binden dort an den Dopamintransporter. Das mittlere Verteilungsvolumen beträgt etwa 19 l/kg, was auf die gute Fettlöslichkeit des Wirkstoffs zurückgeführt wird.(E 4)6

(E 2b): Beim Menschen fällt die Besetzung der Dopamintransporter durch Bupropion allerdings gering aus. Zwei bildgebende Untersuchungen fanden Werte von ca. 14 % und 26 %.(E 2b)12(E 2b)13(E 4)9 MPH erreicht in therapieüblicher Dosierung mehr als 50 %.(E 2b)14 Daher ist fraglich, ob Bupropion beim Menschen in medikamentenüblicher Dosierung überhaupt relevant als Dopaminwiederaufnahmehemmer wirkt.

(Einschätzung ADxS): Da im PFC Dopamin auch vom Noradrenalintransporter (NET) aufgenommen wird (sogar etwas mehr als Noradrenalin), könnte Bupropion (ähnlich wie Atomoxetin) nach unserer Hypothese auf diesem Wege auch beim Menschen Dopamin im PFC erhöhen.
Diese Befunde könnten schlüssig erklären, warum Bupropion in der Praxis weniger erfolgreich als ADHS-Medikament wirkt im Vergleich zu Stimulanzien, die auch beim Menschen den DAT adressieren, der sich insbesondere im Striatum findet, dem Motivationszentrum des Gehirns, wo sich dagegen wenige NET finden.

Methode DAT (µM) NET (µM) Verhältnis
³H-Dopamin-Aufnahme, COS-7-Zellen mit menschlichem Transporter(E 4)15 0,95 ± 0,25 4,63 ± 0,5 4,9 : 1
³H-Nisoxetin-Verdrängung, COS-7(E 4)15 1,51 ± 0,32 3,42 ± 0,4 2,3 : 1
Rattensynaptosomen (Striatum vs. Hypothalamus)(E 4)15 2,0 ± 0,6 5 ± 1 2,5 : 1
Maussynaptosomen(E 4)15 2,0 ± 0,8 4 ± 1 2 : 1
³H-Monoamin-Aufnahme, Rattenkortex-Synaptosomen(E 2b)16 0,55 ± 0,065 1,9 ± 0,012 3,5 : 1

Die Spalte Verhältnis ist aus den Werten der jeweiligen Originalarbeit errechnet.

In Tierversuchen erhöht Bupropion den Dopaminspiegel im Nucleus accumbens: Bei Ratten steigerte eine Einzeldosis von 30 mg/kg (i. p., weit oberhalb der beim Menschen therapeutisch verwendeten Dosierungen) sowohl die Bewegungsaktivität, die über bis zu zwei Stunden erhöht blieb, als auch die Dopaminausschüttung im Nucleus-accumbens-Kern.(E 2b)17

(E 2b): Beim lebenden Menschen fällt die DAT-Besetzung dagegen gering aus. Eine PET-Studie an acht depressiven Erwachsenen unter aufdosierter Behandlung (100, 200, 300 mg/Tag über je eine Woche) fand eine DAT-Besetzung von 14 %. Die Autoren folgerten, dass unter klinischer Behandlung weniger als 22 % der DAT besetzt werden.(E 2b)12
Eine zweite PET-Studie an sechs gesunden Männern (Bupropion SR 150 mg täglich über drei Tage, danach 150 mg alle zwölf Stunden über acht Tage) fand mit rund 26 % ebenfalls einen niedrigen Wert.(E 2b)13(E 4)9 Bei Ratten sank die Bindung des Markers [¹¹C]Raclopride an Dopamin-D2/D3-Rezeptoren deutlich, was auf einen Anstieg der Dopaminkonzentration im Gewebe hinweist. Bei gesunden menschlichen Freiwilligen zeigte eine Einzeldosis von 150 mg Bupropion dagegen keinen nachweisbaren Anstieg. Die Markerbindung nahm sogar leicht zu.(E 2b)18

(E 2b): Zum Vergleich: Orales MPH besetzte in einer PET-Studie an sieben gesunden Erwachsenen 120 Minuten nach Einnahme 12 % der DAT bei 5 mg, 40 % bei 10 mg, 54 % bei 20 mg, 72 % bei 40 mg und 74 % bei 60 mg. Die für eine 50-%-Besetzung erforderliche Dosis lag bei 0,25 mg/kg. Bei therapeutisch üblicher Dosierung von 0,3 bis 0,6 mg/kg werden damit mehr als 50 % besetzt.(E 2b)14 Zwar wurde bei Rhesusaffen bei intravenöser Gabe eine DAT-Besetzung von 85 % (E 2b)19 und bei Ratten i.p. von 35 %( E 2b)18 berichtet.(E 4)9 Dies ist jedoch weder auf die langsamere Wirkung einer oralen Einnahme noch auf Menschen übertragbar.

Im Tierversuch verringerte Bupropion die Aktivität der noradrenergen Neuronen im Locus coeruleus, die Schlaf und Erregung beeinflussen.(E 4)6

1.2. VMAT2 via D2

(E 2b): Bupropion beeinflusst den Dopaminhaushalt auch über den vesikulären Monoamintransporter 2 (VMAT-2), der Dopamin aus dem Zellinneren in die Speichervesikel der Nervenendigung aufnimmt, aus denen es später ausgeschüttet wird. Bei Ratten erhöhte Bupropion die Dopaminaufnahme in die Vesikel schnell, dosisabhängig und reversibel, und verschob dabei das VMAT-2-Protein innerhalb der Nervenendigung. Derselbe Effekt ist von Methylphenidat bekannt. Die Wirkung hing von Dopamin-D2-Rezeptoren ab. Eine Vorbehandlung mit dem D2-Blocker Eticloprid verhinderte sie, eine Vorbehandlung mit dem D1-Blocker SCH23390 nicht. Bupropion wirkt demnach nicht direkt am VMAT-2-Transporter, sondern über eine Rückkopplung des Dopaminsystemsvia D2R.20 Während Methylphenidat in früheren Untersuchungen dauerhafte Dopaminschäden nach wiederholter Methamphetamingabe verhindern konnte, gelang das Bupropion nicht. Es milderte die akute Verringerung der VMAT-2-Aktivität, verhinderte die langfristige Schädigung der Dopaminneuronen jedoch nicht.

1.3. Dopamin- und Noradrenalin-Ausschüttung?

Daneben wirkt Bupropion möglicherweise auch schwach Dopamin und Noradrenalin ausschüttend.(E 4)15 Die Datenlage dazu ist uneinheitlich. Die neurochemischen Eigenschaften von Bupropion beim Menschen gelten als komplex und nicht abschließend geklärt.(E 4)15

Eine Untersuchung an gesunden Männern fand dagegen keinen Hinweis darauf, dass Bupropion die Wiederaufnahme von Noradrenalin oder Serotonin hemmt. Die Autoren hielten es für möglich, dass Bupropion die verfügbare Noradrenalinmenge stattdessen über eine vermehrte Freisetzung erhöht. Eine ältere Tierstudie fand dagegen keine Freisetzung biogener Amine und auch keine MAO-Hemmung, aber eine schwache Hemmung der Monoaminaufnahme in vitro.(E 2b)21

Eine Untersuchung an isolierten Transportern spricht gegen eine ausschüttende Wirkung. Die Forscher zerlegten das Bupropionmolekül schrittweise und verglichen die Bruchstücke mit Cathinon, einem chemisch einfacheren Verwandten, der an denselben Transportern als Freisetzer wirkt. Bupropion selbst zeigte weder am DAT, NET noch am SERT eine freisetzende Wirkung. Als Grund wurde eine sperrigen Seitengruppe am Stickstoffatom identifiziert, die verhindert, dass Bupropion selbst durch den Transporter geschleust wird, was Voraussetzung für eine Freisetzung wäre. Bruchstücke mit kleinerer Seitengruppe wirkten dagegen als Freisetzer an Dopamin- und Noradrenalintransporter.(E 2b)22
(Einschätzung ADxS): Wenn allein die Größe der Seitengruppe am Stickstoff darüber entscheidet, ob eine Substanz die Wiederaufnahme hemmt oder Transmitter ausschüttet, könnte dies das geringe Missbrauchsrisiko von Bupropion erklären.

1.4. Hemmung von Nikotinischen Acetylcholinrezeptoren (nAChR, Nikotinrezeptoren)

Bupropion ist ein nichtkompetitiver Antagonist mehrerer nikotinischer Acetylcholinrezeptoren (nAChR).(E 4)23 Bei therapeutischer Dosierung dürften vor allem α3-haltige Rezeptoren betroffen sein. Diese Rezeptorhemmung gilt als der wahrscheinlichste Mechanismus hinter der Wirksamkeit von Bupropion in der Raucherentwöhnung.

Ein Zusammenhang zwischen dieser Wirkung und einer Besserung der ADHS-Symptomatik ist bislang nicht gezeigt.

Die Empfindlichkeit ist je nach Rezeptoruntertyp sehr unterschiedlich und nimmt in der Reihenfolge α3-haltige > α4-haltige ≈ α1-haltige > α7-haltige Rezeptoren ab. Für den menschlichen α3β4-Rezeptor wurde eine halbmaximale Hemmkonzentration von 0,82 µM gemessen. Das liegt in der Größenordnung der Blutspiegel nach Einnahme von Bupropion (etwa 0,5 bis 1 µM), während eine Hemmung der übrigen Rezeptortypen bei therapeutischer Dosierung unwahrscheinlich ist. Hydroxybupropion hemmt den α4β2-Rezeptor etwa gleich stark wie Bupropion selbst und erreicht dabei rund zehnfach höhere Blutspiegel. Deshalb könnten auch α4β2-Rezeptoren zur klinischen Wirkung beitragen.(E 4)23

Der Hemmmechanismus ist zweistufig: Bupropion bindet zunächst an den Rezeptor im Ruhezustand und verringert dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Ionenkanal öffnet. Die verbleibenden geöffneten Kanäle werden anschließend schneller unempfindlich (desensitisiert). Ein einfacher Verschluss des offenen Kanals liegt dagegen nicht vor. Die Bindungsstelle liegt innerhalb der Kanalpore und wird mit trizyklischen Antidepressiva und mit Phencyclidin geteilt.(E 4)23

1.5. TNF-alpha-Spiegel verringert

(E 2b): Im Tiermodell verringert Bupropion den TNF-alpha-Spiegel. Ob das bei therapeutischer Anwendung beim Menschen ebenfalls geschieht, ist offen.(E 2b)24(E 4)25

1.6. Keine / minimale serotonerge Wirkung

(E 4): Nach überwiegender Darstellung wirkt Bupropion nicht serotonerg.(E 4)6(E 4)26 Nach anderer Auffassung wirkt Bupropion in geringem Maße serotonerg.(E 4)15 Der Widerspruch löst sich weitgehend auf, wenn man direkte und indirekte Wirkungen trennt: Eine eigene Hemmung der Serotoninwiederaufnahme ist nicht nachweisbar. Im Tierversuch steigt die Feuerrate der serotonergen Neuronen unter Bupropion jedoch deutlich an, was auf einen indirekten, über Noradrenalin vermittelten Weg zurückgeführt wird.(E 4)15

1.7. OCT2-Inhibitor

Bupropion hemmt von den drei organischen Kationentransportern am ehesten OCT2.(E 2b)27

In Zellversuchen betrug die Hemmung bei der oberen therapeutischen Plasmakonzentration allerdings nur etwa 18 %. OCT1 und OCT3 wurden praktisch nicht gehemmt.(E 2b)27 Eine klinische Bedeutung dieser schwachen Hemmung ist bislang nicht belegt.

Zur Darstellung von OCT siehe unter *Dopaminabbau durch organische Kationentransporter (OCT) *im Beitrag Dopaminwiederaufnahme, Dopaminabbau

2. Retardierung und Wirkdauer

Bupropion ist in verschiedenen Retardformen auf dem Markt. Während Wellbutrin XR (Elontril) eine so lange Wirkdauer hat, dass eine einmalige Einnahme am Tag ausreicht, ist Bupropion SR (Zyban) mit einer kürzeren Retardierung für eine zweimalige Einnahme am Tag gedacht. IR musste im Vergleich dazu dreimal täglich eingenommen werden.

Grafik der verschiedenen Blutspiegelverläufe im Steady State von Bupropion IR, SR und XR.

3. Wirksamkeit von Bupropion bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

Bupropion wirkt bei ADHS besser als ein Scheinmedikament, aber schwächer als Stimulanzien. Fachleute sind sich einig, dass es erst infrage kommt, wenn die Mittel der ersten bis dritten Wahl nicht gewirkt haben, nicht vertragen wurden oder nicht gegeben werden dürfen.(E 1a)

Die Studienlage ist dünn und uneinheitlich. Die meisten Untersuchungen umfassen nur 15 bis 160 Teilnehmende. Einzelne kleine Studien fanden keinen Unterschied zu Methylphenidat. Das belegt aber keine Gleichwertigkeit, sondern zeigt nur, dass die Studien zu klein waren, um einen Unterschied zu finden. Wo direkt verglichen wurde, schnitt Methylphenidat besser ab.(E 1a)

Häufig sahen nur Ärzte und Lehrkräfte eine Besserung, die Betroffenen selbst und ihre Eltern dagegen nicht oder erst deutlich später. Für den Alltag ist das ein ernüchternder Befund, denn eine Besserung, die man selbst nicht spürt, hilft wenig.(E 1a)

Wirkung zeigte sich in Studien meist erst bei recht hohen Dosen von 400 bis 450 mg pro Tag. Damit steigt allerdings auch das Risiko von Krampfanfällen.(E 4)

Besonders sinnvoll kann Bupropion sein, wenn zusätzlich eine Depression besteht. In einer Studie, die depressive Betroffene ausdrücklich ausschloss, fiel die Wirkung schwächer aus. Nach klinischer Erfahrung wirkt Bupropion eher aktivierend. Bei ADHS ohne Hyperaktivität (ADHS-I) könnte das hilfreich sein, bei ADHS mit Hyperaktivität dagegen Unruhe und Gereiztheit verstärken. Belastbare Studien dazu fehlen.(E 1b)

Bupropion gilt zwar als unbedenkliche Alternative bei Suchtgefährdung. Die Studienlage ist bei genauerer Betrachtung jedoch mager und es gibt auch Berichte über einen Missbrauch von Bupropion selbst.(E 4)

3.1. Bupropion und ADHS-Präsentationsformen

(Erfahrung ADxS): Nach klinischer Erfahrung wirkt Bupropion stärker aktivierend und antriebssteigernd als Nortriptylin und kommt damit eher bei ausgeprägter ADHS-I-Symptomatik (ohne Hyperaktivität) in Betracht. Bei ADHS-HI- oder ADHS-C-Betroffenen (mit Hyperaktivität) kann es Unruhe, Gereiztheit oder Aggressionen verstärken. Belastbare Studien, die eine solche Unterscheidung nach ADHS-Präsentationsform stützen, liegen allerdings nicht vor. Ein uns bekannter erfahrener Facharzt für Neurologie und Psychotherapie verwendete Bupropion gerne bei ADHS-I und sehr zurückhaltend bei ADHS-C / ADHS-HI.

3.2. Bupropion bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS

Bei Kindern fand eine Multicenter-RCT an N = 109 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren (n = 72 unter Bupropion mit 3 bis 6 mg/kg/Tag, 37 unter Placebo) über vier Behandlungswochen eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik durch Bupropion. Signifikant besserten sich in den Lehrerurteilen Hyperaktivität und Sozialverhalten, und zwar bereits ab dem dritten Behandlungstag. Die Elternurteile fielen schwächer aus und wurden erst ab Tag 28 signifikant. Der ärztliche Gesamteindruck (CGI) unterschied sich über die vier Zentren hinweg dagegen nicht signifikant von Placebo. Die Veränderungen auf der Lehrerskala entsprachen etwa einer halben Standardabweichung, während Metaanalysen für Stimulanzien Effektstärken von 0,8 bis 0,9 berichten. Hautreaktionen traten unter Bupropion doppelt so häufig auf wie unter Placebo (16,7 % gegenüber 8,1 %), vier Kinder mussten die Behandlung wegen Ausschlag mit Nesselsucht abbrechen.(E 1b)28

Eine kleine doppelblinde Crossover-Studie ohne Placebogruppe verglich an 15 Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 16 Jahren individuell auftitriertes Methylphenidat (im Mittel 0,7 mg/kg/Tag, Spanne 0,4 bis 1,3 mg/kg/Tag) und Bupropion (im Mittel 3,3 mg/kg/Tag, Spanne 1,4 bis 5,7 mg/kg/Tag, entsprechend 50 bis 200 mg/Tag) über jeweils sechs Wochen. Beide Wirkstoffe verbesserten die Symptomatik deutlich (p < 0,001) und unterschieden sich im Gesamturteil nicht voneinander. In den Elternurteilen war MPH bei der Aufmerksamkeit signifikant überlegen. Nahezu alle Skalen zeigten einen Trend zugunsten von Methylphenidat. Nebenwirkungen berichteten 9 der 15 Teilnehmenden unter Bupropion gegenüber 5 der 15 unter Methylphenidat. Bei Studienende entschieden sich 10 der 15 für eine Fortsetzung mit MPH.(E 2a)29 Mangels Placebogruppe bleibt offen, welcher Anteil der Besserung tatsächlich auf die Medikamente zurückgeht. Die Studie war zu klein, um Gleichwertigkeit zu belegen. Hierfür wären rund 49 Teilnehmende pro Gruppe nötig gewesen.

Eine nicht placebokontrollierte, doppelblinde Studie verglich über sechs Wochen Bupropion mit MPH bei 44 Kindern und Jugendlichen. Bupropion wurde nach Körpergewicht dosiert (100 mg täglich unter 30 kg, 150 mg täglich über 30 kg), MPH mit 20 bis 30 mg täglich. Anhand der ADHS-Beurteilungsskala durch Lehrkräfte und Eltern zu Beginn sowie nach drei und sechs Wochen fand sich ein vergleichbares Wirksamkeits- und Sicherheitsprofil beider Wirkstoffe. MPH zeigte häufiger Kopfschmerzen, bei Ängstlichkeit gab es keinen Unterschied.(E 1b)3040 Kinder hatten mindestens eine Messung nach Behandlungsbeginn, 38 schlossen die Studie ab. Auf der Eltern- wie auf der Lehrerskala ergab sich kein bedeutsamer Unterschied zwischen den Gruppen. Nach sechs Wochen sprachen im Elternurteil in beiden Gruppen jeweils 18 Kinder (90 %) an. Im Lehrerurteil waren es unter Bupropion 8 Kinder (40 %) gegenüber 12 Kindern (60 %) unter Methylphenidat, was statistisch nicht signifikant war (p = 0,206).
(Einschätzung ADxS): Die verwendete Bupropion-Dosis von 100 bis 150 mg täglich liegt unterhalb dessen, was bei Erwachsenen überhaupt erst brauchbare Ergebnisse erbrachte (400 bis 450 mg täglich). Bei einem Kind von 30 kg entsprechen 150 mg zwar rund 5 mg/kg und damit dem Bereich der älteren Kinderstudien. Ein Beleg für die Wirksamkeit geringer Bupropion-Dosen ergibt sich daraus jedoch nicht.

Eine doppelblinde randomisierte Untersuchung verglich Bupropion mit Methylphenidat an 40 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren über acht Wochen. Beurteilungsmaßstab war die ADHS-Beurteilungsskala für Eltern und Lehrkräfte sowie der ärztliche Gesamteindruck (CGI) zu Beginn sowie nach vier und acht Wochen. Nebenwirkungen wurden nach vier und acht Wochen erfasst. Beide Wirkstoffe verringerten die ADHS-Symptomatik in den Eltern- und Lehrerurteilen deutlich (p < 0,001). Im Elternurteil fiel das Behandlungsergebnis unter MPH besser aus als unter Bupropion (p = 0,014).(E 2b)31

Die ältesten Studien zu Bupropion bei ADHS stammen aus den 80er-Jahren.
Die allererste Studie ist von 1986. Sie war offen, also ohne Verblindung und ohne Kontrollgruppe, und untersuchte 17 Jungen im Alter von 7 bis 13,4 Jahren (Durchschnitt 10,4 Jahre) mit einer Aufmerksamkeitsstörung und / oder einer Störung des Sozialverhaltens. Auf vier Wochen Placebo folgten acht Wochen Bupropion und zwei Wochen Placebo. 15 der 17 Kinder erhielten höchstens 150 mg täglich, eines 100 mg und eines 50 mg. Der ärztliche Gesamteindruck besserte sich bei 5 Kindern deutlich, bei 7 mäßig, bei 2 gering und bei 3 gar nicht. In den Elternfragebögen besserten sich Störung des Sozialverhaltens, Angst, Hyperaktivität, Muskelanspannung und körperliche Beschwerden signifikant. Keiner der neun kognitiven Tests zeigte eine signifikante Verbesserung, alle neun veränderten sich jedoch in die günstige Richtung. Nebenwirkungen waren selten, vorübergehend und mild, Laborwerte und Vitalzeichen blieben unauffällig. Zwei Wochen nach dem Absetzen hielt die Besserung bei 8 Kindern an, 7 verschlechterten sich wieder, 2 blieben unverbessert. (E 4)32 Zwei Studien waren für uns nicht auffindbar und insehbar.3334 Eine weitere Arbeit aus dieser frühen Phase untersuchte klinische und neuropsychologische Wirkungen von Bupropion. Sie wird in der Cochrane-Übersicht von 2017 als eine der ausgewerteten Studien geführt.(E 2b)35 Drei dieser vier Arbeiten erschienen als wenige Seiten lange Kurzmitteilungen im Psychopharmacology Bulletin, einer inzwischen eingestellten Zeitschrift des US-amerikanischen Instituts für psychische Gesundheit. Ihre Methodik lässt sich heute kaum noch nachprüfen. Keine von ihnen wurde je repliziert. Diese vier Studien werden aber in der Fachliteratur wiederholt als Beleg für eine Wirksamkeit von Bupropion bei ADHS zitiert. Drei davon würden nach heutigen Maßstäben nicht mehr als vollwertige Veröffentlichungen gelten.

(Einschätzung ADxS): Dies bedeutet nicht, dass Bupropion bei ADHS unwirksam wäre, sondern nur, dass die Studienlage sich nicht auf diese alten Studien berufen sollte.

3.3. Bupropion bei Erwachsenen mit ADHS

3.3.1. Metastudien

Nach einer Metaanalyse von 2018 war Bupropion gegenüber Placebo bei der ärztlichen Beurteilung der ADHS-Symptomatik Erwachsener überlegen, nicht aber bei der Selbstbeurteilung durch die Betroffenen und nicht bei der Elternbeurteilung. Das Vertrauensintervall war groß.(E 1a)36

(Einschätzung ADxS): Eine Verbesserung, die der Arzt sieht, die die Betroffenen selbst aber nicht spüren, ist im Alltag wenig wert.

Eine Cochrane-Review (k = 6 RCT, N = 438 Erwachsen) voin 207 fand eine Wirkung von Bupropion bei ADHS:(E 1a)37

  • Schwere der ADHS-Symptomatik: SMD 0,50 (k = 3, N = 129)

  • Anteil mit klinisch bedeutsamer Besserung: Risikoverhältnis 1,50 (k = 4, N = 315)

  • Besserung im CGI-I: Risikoverhältnis 1,78 (k = 5, N = 337)

  • Abbruch wegen Nebenwirkungen: Risikoverhältnis 1,20 (k = 3 Studien, N = 253), also kein erkennbarer Unterschied zu Placebo

Eingeschlossen waren sechs Studien mit zusammen 438 Teilnehmenden, fünf davon aus den USA und eine aus dem Iran. Alle verwendeten Retardformen in Dosierungen von 150 bis 450 mg täglich, die Behandlungsdauer lag zwischen sechs und zehn Wochen. Vier der sechs Studien waren von der Industrie finanziert. Vier der sechs Studien schlossen Menschen mit psychiatrischen Begleiterkrankungen ausdrücklich aus. Eine weitere untersuchte ausschließlich Personen mit Opioidabhängigkeit.

(Einschätzung ADxS): Bupropion wird üblicherweise gerade dann empfohlen, wenn neben ADHS eine Depression, eine Angststörung oder eine Suchterkrankung besteht. Die Studien, auf denen der Wirksamkeitsnachweis beruht, haben jedoch solche Betroffene überwiegend ausgeschlossen, sodass die Nachweise aus einer Gruppe stammen, die diesen Kriterien nicht entspricht. Die wenigen Untersuchungen, die Betroffene mit Begleiterkrankungen einschlossen, waren entweder offen und unkontrolliert oder fanden keinen Vorteil gegenüber Placebo.

Eine ältere Metaanalyse aus 2011 (k = 5, N = 349 Erwachsene, n = 175 unter Bupropion retard) kam zu vergleichbaren Ergebnissen. Auf der ADHS-Symptomskala (ADHD-RS) fiel die Verbesserung unter Bupropion um 5,08 Punkte größer aus als unter Placebo (95-%-Konfidenzintervall 3,13 bis 7,03). Die Ansprechrate war unter Bupropion um den Faktor 1,67 höher (1,23 bis 2,26).(E 1a)38 Weder die Abbruchrate insgesamt (Risikoverhältnis 1,11, 0,71 bis 1,72) noch die Abbruchrate wegen Nebenwirkungen (0,87, 0,08 bis 9,79) unterschied sich von Placebo.

(Einschätzung ADxS): Die beiden Metaanalysen (Cochrane 2017 und Maneeton et al., 2011) beruhen weitgehend auf denselben wenigen Studien.

3.3.2. Einzelstudien

(E 4): Eine ältere, kleine offene Studie ohne Placebogruppe behandelte 19 Erwachsene, die zuvor im Mittel 3,7 Jahre lang Stimulanzien oder MAO-Hemmer erhalten hatten, mit durchschnittlich rund 360 mg Bupropion täglich sowie MAO‑Hemmern. 14 der 19 berichteten eine moderate bis deutliche Besserung. 10 Probanden setzten nach dem Test die Behandlung mit Bupropion fort.(E 4)39 Mangels Placebogruppe und Verblindung ist die Aussagekraft begrenzt. Bupropion wurde 2005 bei ca. der Hälfte der jugendlichen und erwachsenen ADHS-Betroffenen als hilfreich bezeichnet.(E 4)5 Seither wurden Stimulanzien jedoch erheblich weiterentwickelt (Retardierung, neue Wirkstoffe wie Lisdexamfetamin), sodass Bupropion heute noch mehr nur als nachrangige Wahl zu betrachten ist.

Eine Studie an 30 Erwachsenen mit ADHS fand für Bupropion SR bis 300 mg/Tag über 7 Wochen Responderraten von 64 % unter Bupropion, 50 % unter Methylphenidat und 27 % unter Placebo. Der Unterschied zwischen Wirkstoff und Placebo war nicht signifikant (p = 0,14).(E 1b)40

Eine Studie an 47 Erwachsenen mit ADHS fand für Bupropion SR, auftitriert bis maximal 400 mg/Tag, im Mittel 298 mg/Tag, über sechs Wochen nur für ein nachträglich gebildetes Auswertungsmaß eine Signifikanz. 39 % der Behandelten gegenüber 11 % unter Placebo besserten sich um mindestens 50 % auf der Symptomskala. Der ärztliche Gesamteindruck (41 % gegenüber 22 %) und der mittlere Skalenwert verfehlten die Signifikanz. Responder erhielten im Mittel eine etwas niedrigere Dosis als Nonresponder (287 gegenüber 306 mg/Tag).(E 1b)41 In dieser Studie waren alle Betroffenen mit depressiver Symptomatik ausgeschlossen worden.

Eine RCT an 40 Erwachsenen mit bis zu 2 x 200 mg/Tag Bupropion SR fand nach 6 Wochen eine Abnahme der ADHS-Symptomatik um 42 % gegenüber 24 % unter Placebo. 76 % der mit Bupropion behandelten waren Responder (ab 30 % Symptomreduktion) gegenüber 37 % unter Placebo.(E 1b)42

Eine multizentrische, placebokontrollierte, 8 Wochen-Studie an n = 162 Erwachsene mit ADHS (gemischter und unaufmerksamer Typ) mit Bupropion XL bis 450 mg/Tag fand eine Responderrate (mindestens 30 % Reduktion in der ADHS Rating Scale) von 53 % gegenüber 31 % unter Placebo.(E 1b)43

Eine placebokontrollierte Studie an 42 Erwachsene mit ADHS fand für eine geringe Dosis von 150 mg Bupropion täglich über sechs Wochen eine signifikante Verbesserung des Selbstbeurteilungsbogens (CAARS) nach Wochen.(E 1b)44(Einschätzung ADxS): Entgegen vieler anderer Studien, die erst bei 400 bis 450 mg täglich eine Verbesserung zeigten, genügte hier ein Drittel dieser Dosis. Zudem fand sich die Wirkung in der Selbstbeurteilung durch die Betroffenen, wo andere Studien keine Überlegenheit sahen. In Anbetracht der kleinen Studiengröße ist dies noch nicht belastbar.

3.4. Bupropion bei ADHS und komorbider Depression

Bei ADHS mit komorbider Depression kann Bupropion möglicherweise hilfreich sein. In den USA ist Depression die häufigste Verordnungsdiagnose bei Bupropion (bei Kindern 57 %, bei jungen Erwachsenen 47 %, bei Erwachsenen 36 %). ADHS ist bei Kindern (25 %) und jungen Erwachsenen (12 %) die zweithäufigste. Häufigste Anfangsdosierung war Bupropion XL 150 mg (62 %). 22 % nahmen gleichzeitig einen SSRI. 39 bis 45 % blieben mindestens sechs Monate in Bupropion-Behandlung.(E 2b)45

Eine Übersichtsarbeit aus 2026 befasste sich mit Bupropion bei ADHS und komorbider Depression.(E 4)46

Eine offene Studie an 24 Jugendlichen im Alter von 11 bis 16 Jahren mit ADHS und komorbider depressiver Episode oder anhaltender depressiver Verstimmung untersuchte nach einer zweiwöchigen einfachblinden Placebo-Vorphase die Wirkung von retardiertem Bupropion, auftitriert bis 3 mg/kg zweimal täglich, über mindestens acht Wochen. Die mittlere Enddosis lag bei 2,2 mg/kg morgens und 1,7 mg/kg abends. 21 der 24 Teilnehmenden schlossen die Studie ab. Sowohl die ADHS- als auch die depressive Symptomatik besserten sich.(E 4)47

3.5. Bupropion bei ADHS und komorbider bipolarer Störung

Bupropion könnte bei ADHS mit gleichzeitiger bipolarer Störung eine Alternative zu Stimulanzien darstellen, da bei Stimulanzien die Sorge besteht, dass diese eine manische Phase auslösen könnten. Hierzu liegt eine einzige prospektive Untersuchung vor. Sie war offen, also ohne Placebogruppe und ohne Verblindung, und behandelte über sechs Wochen 36 Erwachsene mit ADHS (DSM-IV) und einer bipolaren Störung in der Vorgeschichte (90 % Bipolar-II, 10 % Bipolar-I) mit retardiertem Bupropion SR bis zweimal täglich 200 mg, im Mittel 370 mg täglich. Von den 36 Teilnehmenden hatten 94 % mindestens eine weitere Lebenszeitdiagnose, 69 % eine Suchterkrankung. 30 der 36 schlossen die Studie ab (83 %). Die ADHS-Symptom-Checkliste sank um 55 % (von 34,5 auf 15,6; p < 0,001), 82 % besserten sich um mindestens 30 %. Der CGI-Schweregrad der ADHS sank um 40 % (p < 0,001), 70 % galten als deutlich oder sehr deutlich gebessert. Die Manieskala (YMRS) sank um 58 %, es kam also im Mittel nicht zu einer manischen Aktivierung. Eine Person entwickelte allerdings in Woche 2 eine behandlungsbedürftige Hypomanie und schied aus. Nur 4 der 36 Teilnehmenden (11 %) erhielten zugleich ein stimmungsstabilisierendes Medikament. Das Ansprechen hing von der Stimmungslage ab: Wer am Studienende nicht depressiv war, sprach zu 83 % an, wer depressiv war, nur zu 50 % (p < 0,05). Häufigste Nebenwirkungen waren Kopfschmerz (36 %), Schlaflosigkeit (31 %), Mundtrockenheit (25 %) sowie Übelkeit und Muskelschmerzen (je 14 %).(E 4)48

(Einschätzung ADxS): Der Aussagewert dieser Untersuchung ist begrenzt. Ohne Placebogruppe lässt sich nicht sagen, welcher Anteil der Besserung auf das Medikament zurückgeht. Die Gruppe bestand fast ausschließlich aus Betroffenen mit Bipolar-II-Störung, die zum Zeitpunkt der Studie nur geringe Maniewerte aufwiesen. Für eine Bipolar-I-Störung oder für eine akute manische Phase sagt die Studie nichts aus. Bupropion ist ein Antidepressivum, und Antidepressiva können bei bipolarer Störung einen Phasenwechsel auslösen. Bupropion gilt hierfür als vergleichsweise risikoarm, das Risiko ist aber nicht null. Wird Bupropion bei ADHS mit bipolarer Störung erwogen, gehört das in fachärztliche Hand.

3.6. Bupropion bei ADHS und komorbider ODD / CD

(E 3): Eine sehr große Auswertung von Behandlungsdaten aus einem internationalen Krankenaktennetzwerk verglich, wie häufig bei ADHS-Betroffenen im weiteren Verlauf eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten oder eine Störung des Sozialverhaltens diagnostiziert wurde. Verglichen wurden 372.330 Personen unter Stimulanzien mit 132.457 Personen unter Bupropion. Personen mit bereits bestehender Diagnose oder mit Tabakkonsum wurden ausgeschlossen. Beide Diagnosen traten unter Bupropion seltener auf als unter Stimulanzien, auch in einer Überlebenszeitanalyse.wird 49
(Einschätzung ADxS): Es handelt sich um eine rückblickende Auswertung von Abrechnungs- und Aktendaten ohne Zufallszuteilung. Wer Bupropion erhält, unterscheidet sich systematisch von Stimulanzienbehandelten, unter anderem in Schweregrad und Begleiterkrankungen. Gerade ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten dürften eher zu einer Stimulanzienverordnung führen, sodass der gefundene Unterschied auch dadurch zu erklären sein könnte. Die Größe der Stichprobe ändert daran nichts, sie macht Zufallsbefunde nur unwahrscheinlicher, nicht die Verzerrung kleiner. Die Studie stellt keinen Beleg dafür dar, dass Bupropion vor diesen Störungen schützt. Sie erschien zudem in einem zweifelhaften Open-Access-Journal mit unzureichender Qualitätssicherung.

3.7. Bupropion bei ADHS und komorbider Sucht

Bupropion wird häufig als unbedenkliche Alternative bei gleichzeitiger Suchtgefährdung dargestellt. Es liegen jedoch auch Berichte über einen Missbrauch von Bupropion selbst vor.(E 4)6

Eine randomisierte, placebokontrollierte Untersuchung von Bupropion in Verbindung mit Verhaltenstherapie bei n = 105 Jugendlichen mit ADHS und Suchterkrankung wurde 2013 abgeschlossen, die Ergebnisse wurden 2015 in das US-amerikanische Studienregister eingestellt. Behandelt wurde 16 Wochen lang mit einer Zieldosis von 300 mg Bupropion täglich, beide Gruppen erhielten zusätzlich wöchentliche Verhaltenstherapie. Als Hauptzielgrößen waren die ADHS-Symptomatik und die Zahl der Rauchtage festgelegt:(E 1b)50

  • ADHS-Symptomatik auf der ADHS-Beurteilungsskala (Bereich 0 bis 54, ärztlich erhoben):
    • Bupropion: - 14,2 Punkte (95-%-Vertrauensbereich 11,4 bis 17,1)
    • Placebo: - 13,8 Punkte (11,1 bis 16,6)
  • Rauchtage in den vergangenen 28 Tagen:
    • Bupropion: - 4,1 Tage (1,5 bis 6,7)
    • Placebo: - 2,7 Tage (0,1 bis 5,3)
  • Cannabistage in den vergangenen 28 Tagen (Nebenzielgröße):
    • Bupropion: - 4,7 Tage (1,8 bis 7,6)
    • Placebo: - 6,5 Tage (3,6 bis 9,4)

(Einschätzung ADxS): Bupropion wirkte nicht besser als ein Scheinmedikament, bei allerdings starker Besserung beider Gruppen. Der erhebliche Rückgang um rund 14 Punkte entspricht etwa dem, was Wirkstoffstudien sonst als Behandlungserfolg ausweisen. Die ADHS-Symptomatik besserte sich mithin auch ohne wirksames Medikament deutlich, solange die wöchentliche Verhaltenstherapie stattfand.

Bupropion zeigte keine höheren Nebenwirkungen als Placebo, mit Ausnahme von Migräne:(E 1b)50

  • Schlafstörungen: 13,2 % Bupropion vs. 19,2 % unter Placebo
  • Gewichtszunahme: 26,4 % vs. 36,5 %
  • verlangsamter Puls: 5,7 % vs. 9,6 %
  • Migräne: 7,6 % vs. 3,8 %

(Einschätzung ADxS): Die Studie erschien offenbar nie in einer Fachzeitschrift und fehlt in der Cochrane-Übersicht von 2017, in der Netzwerk-Metaanalyse von 2018 und in der Veröffentlichungsliste der Studienleiterin. Sie ist, als größte kontrollierte Untersuchung zu Bupropion bei ADHS mit Suchterkrankung, der Fachwelt weitgehend unbekannt, während die offene Vorstudie mit 13 Jungen von Riggs et al. (1998) bis heute als Beleg zitiert wird. Die veröffentlichte Literatur erscheint mithin günstiger, als die Datenlage tatsächlich ist.
Die Studie selektierte die Probanden stark. Ausgeschlossen waren unter anderem Probanden mit bipolarer Störung, mit einem Verwandten ersten Grades mit Bipolar-I-Störung, mit Krampfanfällen in der Vorgeschichte, mit einer Essstörung in der Vorgeschichte, mit Opiatabhängigkeit sowie alle mit einer Einnahme anderer Psychopharmaka während der Studienzeit.

Eine größere kontrollierte Untersuchung spricht gegen die Annahme, Bupropion sei bei ADHS mit gleichzeitiger Suchterkrankung die bessere Wahl. Beim doppelblinden Vergleich über zwölf Wochen von retardiertem MPH, retardiertem Bupropion und Placebo bei 98 Erwachsenen mit ADHS, die sich in einem Methadonprogramm befanden, schlossen 70 % die Studie ab. Die ADHS-Symptomatik besserte sich in allen drei Gruppen, allerdings ohne bedeutsamen Unterschied zwischen den Gruppen. Auch ein zusätzlicher Kokainkonsum wurde weder durch MPH noch durch Bupropion verringert. 46 % der Placebogruppe berichteten selbst eine deutliche Besserung (mindestens 30 % weniger Symptome auf der ADHS-Skala). Bei den übrigen Messgrößen fielen sowohl die Placebo- als auch die Medikamentenantwort erheblich niedriger aus. Für Methylphenidat fand sich kein Hinweis auf Missbrauch der Studienmedikation oder einen verschlechterten Kokainkonsum.(E 1b)51
(Einschätzung ADxS): Die hohe Placeboantwort erklärt einen Teil der widersprüchlichen Ergebnisse. Wenn fast die Hälfte der unbehandelten Vergleichsgruppe eine deutliche Besserung angibt, ist ein Wirksamkeitsnachweis mit knapp 100 Teilnehmenden kaum zu führen. Die Studie belegt daher nicht, dass Bupropion hier unwirksam wäre.

(E 4): Mehrere kleine, nicht kontrollierte Studien, fanden Bupropion bei komorbider Sucht hilfreich. Alle vier offenen Untersuchungen zusammen umfassen weniger Teilnehmende als die kontrollierte Studie von Levin et al. (2006)51, die keinen Vorteil gegenüber Placebo fand:

  • Unter 13 nicht depressiven Jungen in stationärer Suchtbehandlung, die zugleich ADHS und eine Störung des Sozialverhaltens hatten, verbesserten bis zu 300 mg Bupropion über fünf Wochen täglich die ADHS-Symptomatik.(E 4)52 (Einschätzung ADxS): Ohne Kontrollgruppe, ohne Verblindung und mit 13 Teilnehmenden in einem stationären Setting, in dem allein die Behandlungsumgebung eine Besserung bewirken kann, lässt diese Studie keinen belastbaren Schluss auf eine Medikamentenwirkung zu.
  • Elf Erwachsene mit Kokainabhängigkeit und ADHS erhielten über zwölf Wochen einfachblind Bupropion in auf den Tag verteilten Dosen, begleitet von wöchentlicher Rückfallverhütungstherapie. Therapietreue und Verbleib in der Studie waren gut, die Teilnehmenden berichteten deutliche Verringerungen von Aufmerksamkeitsproblemen, Hyperaktivität und Impulsivität.(E 4)53
  • Eine offene Untersuchung behandelte 14 ambulante Jugendliche, die neben ADHS sowohl eine Suchterkrankung als auch eine affektive Störung hatten, mit retardiertem Bupropion. 13 absolvierten die Studie und zeigten unter durchschnittlich 315 mg Bupropion SR klinisch signifikante Rückgänge bei den DUSI-Werten (- 39 %; p < 0,05), der ADHS-Symptom-Checkliste (- 43 %; p < 0,001), dem HAM-D (- 76 %; p ≤ 0,001) sowie den CGIs für ADHS (p ≤ 0,001), Depression (p ≤ 0,001) und Substanzmissbrauch (p < 0,05). Während des Nachbeobachtungszeitraums fanden sich keine signifikanten unerwünschten Ereignisse.(E 4)54
  • Eine sechswöchige offene Untersuchung mit retardiertem Bupropion an 32 Erwachsenen von 18 bis 55 Jahren mit ADHS und gleichzeitiger, aktiver Suchterkrankung begann mit 100 mg und steigerte wöchentlich bis auf zweimal täglich 200 mg. 19 (59 %) schlossen die Studie ab. Die ADHS-Symptomatik besserte sich deutlich, der Skalenwert sank von 34,1 auf 19,4 und damit um 43 % (p < 0,0001). Der Substanzkonsum nach Selbstauskunft veränderte sich dagegen praktisch nicht.(E 4)55(Einschätzung ADxS): Die Abbruchquote von 41 % ist hoch, wenn auch bei aktiver Suchterkrankung nicht ungewöhnlich.

Ein Review von 2025 betrachtet Bupropion als vielversprechende Option für ADHS-Patienten mit Suchtgeschichte, da es Suchtrisiken vermeidet und den Konsum anderer Substanzen reduzieren kann. Die Effektivität ist jedoch noch nicht endgültig belegt, da die Studienlage klein und teilweise verzerrt ist und Langzeitdaten fehlen. Bupropion sei eine Alternative, wenn Stimulanzien nicht angewendet werden können oder nicht vertragen werden.(E 4)56

Unter 16 Jugendlichen fand sich unter Bupropion SR 150 mg b.i.d. bei 31,2 % nach 4 Wochen eine komplette Nikotinabstinenz .(E 4)57

In einer Studie zur Frage, ob Bupropion den Substanzkonsum selbst verringert, erhielten Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Methamfetaminabhängigkeit in einer zweistufigen, doppelblinden, placebokontrollierten Multicenterstudie alle drei Wochen 380 mg Naltrexon als Depotspritze zusammen mit täglich 450 mg retardiertem Bupropion. In der ersten Stufe wurden 403 Personen behandelt, in der zweiten 225. Als Ansprechen galt eine festgelegte Zahl methamphetaminfreier Urinproben. Über beide Stufen gemittelt sprachen 13,6 % unter Naltrexon und Bupropion an gegenüber 2,5 % unter Placebo, ein Unterschied von 11,1 %-Punkten (p < 0,001). Nebenwirkungen waren Magen-Darm-Beschwerden, Zittern, Krankheitsgefühl, vermehrtes Schwitzen und Appetitverlust. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 8 von 223 Behandelten auf (3,6 %). Die Autoren bezeichnen das Ansprechen selbst als niedrig, wenn auch höher als unter Placebo.(E 1b)58
(Einschätzung ADxS): Diese Studie betraf nicht ADHS und verwendete Bupropion nicht allein, sondern zusammen mit Naltrexon. Welcher Anteil der Wirkung auf Bupropion entfällt, lässt sich daraus nicht ableiten. Sie dämpft die verbreitete Erwartung, Bupropion verringere bei ADHS mit Suchterkrankung nebenbei auch den Substanzkonsum.

4. Bupropion im Vergleich zu MPH, LDX, ATX

Eine systematische Übersicht verglich Bupropion direkt mit MPH anhand RTCs aus dem Zeitraum 1991 bis 2014. Ansprechrate, Gesamtabbruchrate und Abbruchrate wegen Nebenwirkungen unterschieden sich zwischen beiden Wirkstoffen nicht bedeutsam, bei allerdings begrenzter Studienanzahl. (Metastudie, k = 4, n = 146)(E 1a)59

Eine doppelblinde randomisierte Untersuchung verglich Bupropion mit Methylphenidat an 40 Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren über acht Wochen. Beide Wirkstoffe verringerten die ADHS-Symptomatik in den Eltern- und Lehrerurteilen deutlich (p < 0,001). Im Elternurteil fiel das Behandlungsergebnis unter MPH besser aus als unter Bupropion (p = 0,014).(E 1b)31

Eine Metaanalyse von RTCs verglich Bupropion, Atomoxetin, Lisdexamfetamin und Methylphenidat jeweils gegen Placebo bei Kindern und Jugendlichen, und fand für Bupropion eine kleine und statistisch nicht signifikante Wirkung auf ADHS-Symptome (SMD - 0,32, 95-%-Konfidenzintervall - 0,69 bis + 0,05). Atomoxetin (SMD - 0,68; - 0,76 bis + 0,59) war wirksamer, aber ebenfalls nicht statistisch signifikant. Deutlich besser waren MPH (- 0,75; - 0,98 bis - 0,52) und Lisdexamfetamin (- 1,28; - 1,84 bis - 0,71) .(E 1a)60
Zur Verträglichkeit: Unter MPH gab es weniger Behandlungsabbrüche als unter Placebo (Odds Ratio 0,35; 0,24 bis 0,52), unter Bupropion (OR 1,64; 0,5 bis 5,43) gab es mehr.

(Einschätzung ADxS): Dies zeigt, dass Bupropion ADHS nicht mit MPH vergleichbar ist. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Datenlage zu Bupropion schwächer als bei Erwachsenen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollte Bupropion erst nach Versagen der Mittel erster bis dritten Wahl eingesetzt werden.

(E 1a): Bupropion soll laut dreier Studien eine vergleichbare Effektstärke in Bezug auf ADHS haben wie Methylphenidat, eine weitere Studie fand eine schwächere Wirkung.(E 1a)61 Ein fehlender signifikanter Unterschied in drei kleinen Studien belegt jedoch keine Gleichwertigkeit. Dafür sind die Fallzahlen zu klein. Ein systematischer Review zu Kindern und Jugendlichen fand insgesamt nur sechs klinische Studien. In den drei direkten Vergleichsstudien unterschied sich die Wirkung von Bupropion nicht signifikant von der von Methylphenidat (p > 0,05). Eine große Multicenter-RCT ergab für Bupropion jedoch kleinere Effektstärken in den Lehrer- und Elternbeurteilungen als für MPH.(E 1a)61

Laut einer Metastudie wirkten auf ADHS Bupropion, Dasotralin, Venlafaxin und Viloxazin nicht statistisch signifikant schwächer als MPH.62 (Einschätzung ADxS): Die stünde in Spannung zu den übrigen Befunden auf dieser Seite. Der Volltext war für uns nicht einsehbar.

5. Dosierung von Bupropion bei ADHS

(E 4): Brauchbare Ergebnisse bei der alleinigen Verwendung bei ADHS wurden in Studien erst bei recht hohen Dosen von 400 bis 450 mg/Tag gefunden. Der aktualisierte europäische Konsensus zur Diagnose und Behandlung von ADHS bei Erwachsenen bezeichnet die Befundlage zu Bupropion als widersprüchlich und empfiehlt wegen der begrenzten Evidenz, Bupropion auf jene Betroffenen zu beschränken, die andere ADHS-Medikamente nicht vertragen.(E 4)63 Ein Übersichtsartikel von 2023 kommt zum selben Ergebnis und führt die uneinheitliche Befundlage auf methodisch schwache randomisierte Studien, kleine Fallzahlen und fehlende Langzeituntersuchungen zurück.(E 4)6

(Einschätzung ADxS): Bupropion kann in höheren Dosen bei ADHS hilfreich wirken, sollte jedoch als Monotherapie erst eingesetzt werden, wenn alle Stimulanzien nicht hilfreich waren. Ein Nebennutzen könnte in einer Verlängerung zu kurzer Wirkzeiten von Amfetaminmedikamenten-Einzeldosen liegen, da Amfetamine nachrangig auch über CYP2D6 abgebaut werden.

(E 2b): Für die Anwendung als Antidepressivum wird ein therapeutischer Referenzbereich von 850 bis 1500 ng/ml Hydroxybupropion angegeben. Oberhalb von etwa 860 ng/ml war in einer Auswertung an 52 Erwachsenen ein besseres antidepressives Ansprechen zu erwarten. Ältere Arbeiten berichteten allerdings genau umgekehrt ein besseres Ansprechen bei Talspiegeln unterhalb von 100 ng/ml Bupropion und unterhalb von 1200 ng/ml Hydroxybupropion, sodass die Datenlage widersprüchlich ist.(E 2b)64(E 4)9 Bei depressiven Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren unterschieden 7,5 Stunden nach der Morgendosis die Spiegel Responder von Nonrespondern ab folgenden Schwellen: Bupropion ≥ 37 ng/ml (p = 0,001), Hydroxybupropion ≥ 575 ng/ml (p = 0,003), Threohydrobupropion ≥ 240 ng/ml (p = 0,009), Erythrohydrobupropion ≥ 45 ng/ml (p = 0,009). Diese vorläufigen Befunde legen nahe, dass Plasmaspiegel von Bupropion und seinen Metaboliten, besonders Hydroxybupropion, das akute Ansprechen bei depressiven Jugendlichen unter Bupropion SR vorhersagen könnten.(E 2b)65

(Kein Beleg): Diese Werte gelten für die Behandlung der Depression. Für die Behandlung von ADHS gibt es keine etablierten Zielspiegel.

6. Abbau und Wechselwirkungen von Bupropion

Bedeutung für Betroffene

(E 1b): Bupropion hemmt ein Abbauenzym der Leber namens CYP2D6 sehr stark. Andere Medikamente, die über dieses Enzym abgebaut werden, bleiben dadurch länger und in höherer Menge im Körper und wirken entsprechend stärker. Sie müssen dann niedriger dosiert werden.

(Erfahrung ADxS): Für ADHS-Betroffene betrifft das vor allem Atomoxetin und in geringerem Maß die Amfetaminmedikamente. Manche Betroffene nutzen das bewusst, um eine zu kurze Wirkdauer ihres Amfetaminmedikaments zu verlängern. Studien dazu gibt es nicht. Wichtig: Sowohl Bupropion als auch Stimulanzien können die (epileptische) Krampfschwelle senken. Eine solche Kombination sollte deshalb ärztlich begleitet werden.

(E 4): Besonders zu beachten ist, dass diese Hemmung nach dem Absetzen von Bupropion noch mindestens eine Woche anhält. Wird beim Absetzen von Bupropion gleichzeitig ein Medikament eingenommen, das über CYP2D6 abgebaut wird, kann die Wirkung dieses Medikaments etwa eine Woche nach dem Absetzen von Bupropion plötzlich nachlassen.

(E 4): Umgekehrt beeinflussen andere Medikamente auch den Bupropion-Spiegel. Z.B. senkt Carbamazepin ihn drastisch, während die Blutverdünner Clopidogrel und Ticlopidin ihn deutlich erhöhen.

(E 2b): Wie viel des wirksamen Abbauprodukts Hydroxybupropion Ihr Körper bildet, hängt stark von den Genen ab. Bei etwa der Hälfte der Menschen europäischer Herkunft liegt eine Genvariante vor, die zu niedrigeren Spiegeln führt. Weil die Schwankungen aber auch innerhalb derselben Genvariante groß sind, ist eine Messung des Blutspiegels aussagekräftiger als ein Gentest.

Die Halbwertszeiten betragen:(E 4)6

  • Bupropion: 21 Stunden

  • Hydroxybupropion: 20 Stunden

  • Erythrohydrobupropion: 33 Stunden

  • Threohydrobupropion: 37 Stunden

Die Ausscheidung erfolgt vornehmlich mit dem Urin und gering mit den Fäkalien.(E 4)6

Bei der Einnahme von Bupropion ist Vorsicht bei der Gabe weiterer Medikamente mit CYP2B6-Beeinflussung geboten. Eine gleichzeitige Gabe von CYP2B6-Inhibitoren wie Clopidogrel oder Ticlopidin erhöhte die Bupropionspiegel-AUC um 60 % bzw. 90 %. Eine gleichzeitige Gabe Carbamazepin (Induktor von CYP2B6 und CYP3A4) verringerte die Bupropion-AUC um 90 % und erhöhte die Hydroxybupropion-AUC um 50 %.(E 4)9

Obwohl Bupropion selbst nicht oder nur wenig serotonerg wirkt, kann es bei gleichzeitiger Gabe mit serotonergen Medikamenten zu einem Serotoninsyndrom kommen, ebenso wie bei Überdosierung von Bupropion allein.(E 4)6

Bupropion ist zudem ein starker Hemmer von CYP2D6. Die Hemmung entsteht teils durch direkte Blockade des Enzyms, teils dadurch, dass dessen Bildung heruntergeregelt wird. Ein erheblicher Teil der Hemmwirkung geht dabei von den Bupropion-Metaboliten aus.(E 2b)66

(E 1b): Die CYP2D6-Hemmung durch Bupropion hält nach der letzten Einnahme noch mindestens sieben Tage an, was beim Umstellen auf oder Absetzen von CYP2D6-abhängigen Medikamenten bedacht werden sollte.(E 1b)67 Diese CYP2D6-Inhibition ist dosisabhängig.(E 2b)68

(Einschätzung ADxS): Über CYP2D6 abgebaute Wirkstoffe müssen bei gleichzeitiger Gabe daher niedriger dosiert werden. Unter den ADHS-Medikamenten betrifft das vor allem Atomoxetin, in geringerem Umfang auch Amfetaminmedikamente.

(Erfahrung ADxS): Mehrere Betroffene, die eine zu kurze Wirkung von Amphetaminmedikamenten hatten, berichteten von einer erfolgreichen Verlängerung der Wirkung durch eine gleichzeitige Einnahme von Bupropion. Studien dazu liegen nicht vor.

(Einschätzung ADxS): Zu bedenken ist, dass sowohl Bupropion als auch Stimulanzien die zentrale Krampfschwelle senken können, sodass eine solche Kombination ärztlich begleitet werden sollte.

(E 2b): Hydroxybupropion entsteht aus Bupropion überwiegend durch CYP2B6. Mengenmäßig ist das jedoch nicht der Hauptabbauweg: Der größere Anteil wird durch Carbonylreduktasen zu Threohydrobupropion reduziert. CYP2B6 ist trotzdem klinisch bedeutsam, weil Hydroxybupropion sehr hohe Spiegel erreicht und eigene Wirkung hat. CYP1A2, CYP2A6, CYP2C9, CYP2C19, CYP2D6, CYP2E1 und CYP3A4 tragen gering zur Umwandlung bei. Bupropion wird durch Carbonylreduktasen zu den aktiven Metaboliten Threohydrobupropion und Erythrohydrobupropion abgebaut.(E 4)6 Hydroxybupropion und Threohydrobupropion erreichen Plasmaspiegel, die deutlich höher sind als die von Bupropion selbst: Hydroxybupropion im Steady State mehr als das Zehnfache, Threohydrobupropion liegt dazwischen, Erythrohydrobupropion etwa gleichauf mit Bupropion. Es wird angenommen, dass sie therapeutischen Nutzen haben.(E 2b)7

Bupropion hat weiter die Metaboliten 4′-Hydroxybupropion und das entsprechende Erythro- und Threo-4′-Hydroxyhydrobupropion.(E 2b)69

Der CYP2B6-Genotyp beeinflusst die Hydroxybupropion-Spiegel erheblich. In einer Untersuchung an 42 gesunden Erwachsenen unter täglich 150 mg Bupropion XL lagen die Hydroxybupropion-Spiegel bei Trägern der Genvarianten CYP2B6*6 oder CYP2B6*18 um rund ein Drittel niedriger, bei Personen mit zwei *6-Varianten um etwa die Hälfte. Die Bupropionspiegel selbst waren dagegen unverändert, weil Bupropion auch über andere Wege abgebaut wird. Mindestens eine *6-Variante tragen etwa 25 % der Menschen asiatischer, 45 % europäischer und 50 % afroamerikanischer Herkunft. Genotyp und Geschlecht zusammen erklärten rund die Hälfte der Unterschiede zwischen den Personen. Frauen hatten höhere Hydroxybupropion-Spiegel als Männer. Da die Streuung auch innerhalb desselben Genotyps groß ist, halten die Autoren eine Spiegelbestimmung für aussagekräftiger als eine Genotypisierung.(E 2b)7

Rechnerisch erklärt die direkte Blockade allein nur etwa 43 % Aktivitätsverlust. Erst zusammen mit der verringerten Neubildung des Enzyms ergibt sich der vorhergesagte Wert von rund 82 %, der dem beim Menschen beobachteten Rückgang von etwa 90 % nahekommt.(E 2b)66 Den größten Einzelbeitrag zur direkten Blockade leistet nicht Bupropion selbst, sondern der Metabolit R,R-Hydroxybupropion. Auf ihn entfallen rechnerisch rund 65 % der direkten Hemmung. Herunterregulierung der CYP2D6-Bildung allein: vorhergesagter Rückgang der CYP2D6-mRNA um 68 % im Steady State bei 300 mg/Tag.

7. Nebenwirkungen

Bedeutung für Betroffene

Bupropion hat gegenüber anderen Antidepressiva mehrere Vorteile. Es machte nicht müder als ein Scheinmedikament. Es führt eher zu einem leichten Gewichtsverlust von etwa 1,5 kg als zu einer Gewichtszunahme. Und es beeinträchtigt die Sexualfunktion kaum. Unter SSRI oder Venlafaxin ist die Wahrscheinlichkeit sexueller Funktionsstörungen vier- bis sechsmal so hoch. Für viele Menschen sind das die Gründe, aus denen ein Antidepressivum wieder abgesetzt wird.(E 4)

Am häufigsten sind Mundtrockenheit, Übelkeit und Schlafstörungen. Schlafstörungen treten bei 11 bis 20 % auf. Sie hängen mit der Höhe des Blutspiegels am Abend zusammen, weshalb die Retardform XR hier günstiger ist als das schwächer retardierte Bupropion SR.(E 4)

Der wichtigste Sicherheitsaspekt sind zentrale (epileptische) Krampfanfälle. Das Risiko hängt von der Spitzenkonzentration im Blut ab. Bei den heute üblichen Retardformen liegt es bei etwa 1 von 1000 Behandelten und damit im Bereich der SSRI. Bei nicht retardiertem Bupropion und bei Dosen oberhalb von 450 mg pro Tag steigt es deutlich an.(E 4)

Insgesamt brachen 7 % der Behandelten die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab, gegenüber 4 % unter Placebo. Die Nebenwirkungen nahmen im Laufe der Behandlung ab.(E 4)

Überdosierungen können schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Von den in den USA zwischen 2000 und 2013 gemeldeten absichtlichen Überdosierungen betrafen 45 % Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 19 Jahren.(E 4)

In placebokontrollierten Studien zu Bupropion SR traten folgende Nebenwirkungen bei mehr als 5 % der Behandelten und häufiger als unter Placebo auf: Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Übelkeit, Schlafstörungen, Verstopfung und Schwindel. Statistisch signifikant häufiger als unter Placebo waren davon nur Mundtrockenheit, Übelkeit und Schlafstörungen.(E 4)26

Berichtete Nebenwirkungen von Bupropion sind:(E 4)26

  • Kopfschmerzen

  • Mundtrockenheit

  • Schlafstörungen

  • Der Blutspiegel zur Schlafenszeit ist bei Bupropion XR geringer als bei SR. Schlafstörungen treten unter Bupropion bei 11 bis 20 % auf, gegenüber 4 bis 7 % unter Placebo und 10 bis 19 % unter SSRI.(E 4)26

  • Brechreiz

  • Appetitverlust

  • leichter Gewichtsverlust von durchschnittlich etwa 1,5 kg zu Behandlungsbeginn

  • anders als SSRI ist Bupropion nicht mit einer Gewichtszunahme assoziiert(E 4)26

  • Erregungszustände

  • Angstzustände

  • Obstipation

  • allergische Reaktionen (anaphylaktoid oder Spätreaktionen, z.B. Gelenksymptome)

  • Blutdruckanstieg (klinische Berichte, nicht aus Zulassungsstudien)

  • Tinnitus

  • Schwindel

  • Sehstörungen

  • psychotische Reaktionen

  • Hautausschlag

  • Übelkeit

  • Unruhe

  • Migräne

Bei Überdosierung können schwere Herzrhythmusstörungen im Sinne einer QT-Verlängerung und einer QRS-Verbreiterung auftreten. Zwischen 2000 und 2013 wurden den US-amerikanischen Giftinformationszentren 975 absichtliche Überdosierungen mit Bupropion als einziger Substanz gemeldet. 45,4 % davon betrafen Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 19 Jahren.(E 4)6

Ein Behandlungsabbruch wegen Nebenwirkungen kam bei Bupropion SR über alle Dosisgruppen hinweg bei 7 % vor, bei 300 mg/Tag bei 9 % und bei 400 mg/Tag bei 11 %, gegenüber 4 % unter Placebo.(E 4)26

Die Nebenwirkungen nahmen unter fortgesetzter Behandlung ab. In der 52-wöchigen Studie zur Rückfallverhütung waren sie im randomisierten Teil seltener als zu Beginn.(E 4)26

Bupropion hat unter den neueren Antidepressiva eine der niedrigsten Raten sexueller Funktionsstörungen. In einer gepoolten Auswertung der Vergleichsstudien gegen SSRI war das Risiko sexueller Funktionsstörungen unter Bupropion nahezu identisch mit dem unter Placebo. In einer Beobachtungsstudie an 6297 Personen wies Bupropion unter den damals verfügbaren neueren Antidepressiva die niedrigste Rate auf. Für Menschen ohne andere Ursache einer sexuellen Funktionsstörung war die Wahrscheinlichkeit unter SSRI oder Venlafaxin XR vier- bis sechsmal so hoch wie unter Bupropion.(E 4)26

Bupropion SR zeigt kein erhöhtes Risiko von Tagesmüdigkeit. Die Häufigkeit von Tagesmüdigkeit entsprach unter Bupropion der unter Placebo und war geringer als unter SSRI wie Sertralin oder Fluoxetin sowie geringer als unter trizyklischen Antidepressiva und Trazodon.(E 4)26

7.1. Bupropion und zentrale Krampfanfälle

(E 2b): Es sollte das erhöhte Risiko von zentralen (epileptischen) Krampfanfällen bei höheren Dosen Bupropion berücksichtigt werden.(E 4)70 Aufgrund des Krampfrisikos wurde unretardiertes (IR) Bupropion nach der US-Erstzulassung 1985 zeitweilig vom Markt genommen und 1989 mit niedrigeren Höchstdosisempfehlungen wieder eingeführt.(E 2b)45 Heute wird allerdings retardiertes Bupropion eingesetzt.

Das Risiko von Krampfanfällen bei der Einnahme von Bupropion scheint von der maximalen Blutplasmakonzentration abzuhängen und ist daher bei IR höher als bei SR und vermutlich am niedrigsten bei XR.(E 4)26

  • Bupropion IR:

    • 0,4 % (4/1000) bei 300 bis 450 mg/Tag

    • erheblicher Risikoanstieg bei noch höheren Dosen

  • Bupropion SR:

    • 0,1 % (1/1000) bei 300 mg/Tag.
  • Bupropion XR:

    • 0,1 % (1/1000) bei bis zu 450 mg/Tag (E 4)71
  • SSRI:

    • 0,1 % (1/1000)

7.2. Bupropion bei komorbidem Tourette

(E 4): Bupropion kann bei komorbidem Tourette Tics verstärken. In einer Auswertung von Behandlungsfällen wurden vier Kinder beschrieben, die neben ADHS ein Tourette-Syndrom hatten und unter Bupropion eine Zunahme ihrer Tics zeigten.72

(E 4): Auch bei Erwachsenen wurde ein solcher Fall berichtet. Eine bereits abgeklungene Tic-Störung trat unter Bupropion erneut auf.73

7.3. Bupropion in der Schwangerschaft

(E 3): Eine Auswertung von Abrechnungsdaten aus 38.074 Familien untersuchte, ob Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Antidepressiva eingenommen hatten, häufiger bis zum fünften Lebensjahr eine ADHS-Diagnose erhielten. Für Bupropion ergab sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, für SSRI dagegen nicht. Eine Kausalität ist damit nicht belegt und sollte weiter untersucht werden.74

(E 1a): Der Zusammenhang zwischen Antidepressiva in der Schwangerschaft und ADHS beim Kind wurde inzwischen mehrfach systematisch untersucht. Eine systematische Übersicht von 2018 fand über sieben Studien mit rund 2,77 Millionen Personen ein um 38 % erhöhtes ADHS-Risiko (bereinigtes Risiko-Verhältnis mit zufälligen Effekten [RaRR]: 1,38; 95-%-Konfidenzintervall 1,13 bis 1,69). Beschränkte man den Vergleich auf Frauen, die ebenfalls eine affektive Störung hatten, aber keine Antidepressiva einnahmen, war der Zusammenhang nicht mehr signifikant (1,18; 0,91 bis 1,52), ebenso wenig in Geschwisterstudien (0,96; 0,65 bis 1,42). Das RaRR für ASS war 1,53 (1,31 bis 1,78).(E 1a) 75 Die bislang umfangreichste systematische Übersicht von 2026 wertete k = 37 Studien mit N = knapp 25 Millionen Schwangerschaften und n = 648.626 Antidepressiva-Einnehmenden aus und bestätigte dieses Muster. Unbereinigt war das ADHS-Risiko erhöht (RR 1,35; 1,24 bis 1,47), schwächte sich jedoch ab oder verschwand, wenn psychische Erkrankungen der Mutter sowie familiäre und genetische Einflüsse berücksichtigt wurden. Auch die Einnahme von Antidepressiva durch den Vater während der Schwangerschaft war mit einem erhöhten ADHS-Risiko des Kindes verbunden (1,46; 1,38 bis 1,56).76
(Einschätzung ADxS): Da der Vater das Kind nicht austrägt, spricht das gegen eine Wirkung des Medikaments im Mutterleib. Der scheinbare Zusammenhang dürfte weitgehend darauf beruhen, dass eine Depression der Eltern selbst mit einem erhöhten ADHS-Risiko des Kindes einhergeht, teils genetisch vermittelt. Für Bupropion selbst liegen keine gesonderten Auswertungen vor. Eine unbehandelte mittelschwere bis schwere Depression in der Schwangerschaft birgt eigene erhebliche Risiken für Mutter und Kind. Aus dieser Arbeit folgt kein Anlass, eine notwendige Behandlung mit Bupropion in der Schwangerschaft abzubrechen. Das Thema sollte jedoch mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

8. Kontraindikationen

Bedeutung für Betroffene

(E 4): Bei einigen Vorerkrankungen darf Bupropion nicht eingenommen werden. Die meisten dieser Gegenanzeigen haben mit dem Krampfanfallsrisiko zu tun.

(E 4): Bupropion darf bei einer aktuellen oder früheren Bulimie oder Magersucht nicht eingenommen werden. Essstörungen treten bei ADHS häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Der Arzt sollte auch über länger zurückliegende Essstörungen informiert werden.

(E 4): Bupropion darf auch bei zentralen (epiletischen) Krampfanfällen in der Vorgeschichte, bei einem Hirntumor, bei schwerer Leberzirrhose und während eines Entzugs von Alkohol oder Beruhigungsmitteln vom Benzodiazepin-Typ nicht genommen werden. Nach der Einnahme bestimmter älterer Antidepressiva (MAO-Hemmer) muss ein zeitlicher Abstand eingehalten werden.

(E 4): Bupropion ist kontraindiziert bei:(E 4)71(E 4)77

  • Überempfindlichkeit gegen Bupropion oder einen enthaltenen Hilfsstoff

  • Einnahme weiterer bupropionhaltiger Arzneimittel

  • aktuellen Anfallsleiden oder einer Vorgeschichte von Krampfanfällen.

  • einem bekannten Tumor des zentralen Nervensystems.

  • während eines abrupten Entzugs von

  • Alkohol

  • Arzneimitteln, wenn dies das Risiko von Krampfanfällen erhöht, z.B.

  • Benzodiazepine

  • Benzodiazepin-ähnlichen Medikamenten

  • schwerer Leberzirrhose

  • aktueller oder früherer Bulimie oder Anorexia nervosa

    • Gestörtes Essverhalten ist bei ADHS überhäufig.(E 2a)78 (E 2a)78
  • bei Anwendung von irreversiblen Monoaminoxidase-Hemmern innerhalb der letzten 14 Tage

  • bei Anwendung von reversiblen Monoaminoxidase-Hemmern innerhalb der letzten 24 Stunden

9. Absetzen von Bupropion

Bedeutung für Betroffene

(E 4): Bupropion sollte nicht abrupt abgesetzt, sondern langsam ausgeschlichen werden. Ein Absetzen und die dafür passende Ausdosierung sollten zuvor mit dem Arzt besprochen werden.

Es wird ein langsames Ausdosieren empfohlen.(E 4)71

(E 4): Beim Absetzen muss beachtet werden, dass die Hemmung des Abbauenzyms CYP2D6 noch mindestens eine Woche über die letzte Einnahme hinaus anhält. Wird gleichzeitig z.B. Atomoxetin oder ein Amfetaminmedikament eingenommen, kann deren Wirkung in dieser Zeit noch verstärkt sein und danach nachlassen.


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