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Rejection Sensitivity: Kränkbarkeit, Angst vor Zurückweisung als spezifisches ADHS-Symptom

Rejection Sensitivity: Kränkbarkeit, Angst vor Zurückweisung als spezifisches ADHS-Symptom

Autor: Ulrich Brennecke
Review: Dipl.-Psych. Waldemar Zdero (03/2014)
Vollständig überarbeitet 09/2026

Rejection Sensitivity (RS) bedeutet eine besonders hohe Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung (E 1a). Ablehnung wird ängstlich erwartet, schon bei kleinen Anzeichen wahrgenommen und als sehr verletzend erlebt (E 1a). Entscheidend ist dabei nicht, ob tatsächlich abgelehnt wird, sondern wie stark eine mögliche oder gefühlte Ablehnung trifft (E 1a). Auch Kritik wird deutlich schmerzhafter empfunden als von anderen Menschen (E 4).

Rejection Sensitivity ist keine eigene Krankheit, sondern eine Persönlichkeitseigenschaft, die bei vielen psychischen Störungen vorkommt, etwa bei Borderline, Narzissmus, bipolarer Störung, sozialer Phobie, Depression und Angststörungen (E 1a). Bei ADHS wird sie in den Fachbüchern bisher kaum erwähnt. Mehrere Studien zeigen jedoch: Je stärker die ADHS-Symptome sind, desto stärker ist meist auch die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung (E 2b). Das gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (E 2b). Eine ältere kleine Studie fand keinen Zusammenhang (E 3). In Experimenten mit gezielt erzeugter Ausgrenzung fielen die Ergebnisse gemischt aus: Eine stärkere seelische Reaktion zeigte sich nicht in allen Studien, und eine stärkere körperliche Stressreaktion (Herzschlag, Blutdruck) wurde nicht gefunden (E 2a).

Von Betroffenen wird Rejection Sensitivity sehr häufig geschildert (E 4). Nahezu alle von ADxS befragten Menschen mit ADHS kennen sie aus eigenem Erleben (Erfahrung ADxS).

Im Internet wird für dasselbe Erleben oft der Begriff „Rejection Sensitive Dysphoria“ (RSD) verwendet (E 4). Dieser Begriff stammt von dem amerikanischen Arzt Dodson (E 4). Er ist kein wissenschaftlich anerkannter Fachbegriff und keine Diagnose (E 1a). Fachleute warnen davor, dass er als angeborene, unveränderbare Eigenschaft missverstanden werden kann und Betroffene sich damit selbst abwerten (E 4). ADxS verwendet deshalb den Begriff Rejection Sensitivity, auch um eine Verwechslung mit dem ADHS-Symptom Dysphorie bei Inaktivität zu vermeiden.

Nach Einschätzung von ADxS ist Rejection Sensitivity ein originäres ADHS-Symptom, also unmittelbar durch ADHS bedingt, und nicht nur eine Folge vieler schlechter Erfahrungen. Dafür spricht, dass Stimulanzien wie Methylphenidat die Kränkbarkeit nach Berichten von Betroffenen oft schon kurz nach der Einnahme spürbar verringern (Erfahrung ADxS). Dafür spricht weiter, dass das Bedürfnis, dazuzugehören, nach älteren Untersuchungen mit dem Botenstoff Dopamin zusammenhängt, der bei ADHS zu schwach wirkt (E 2b). Psychologische Modelle erklären Rejection Sensitivity dagegen mit frühen Zurückweisungserfahrungen und einer unsicheren Bindung an die Eltern (E 2b). Beides schließt sich nicht aus: Schlechte Erfahrungen verstärken vermutlich eine vorhandene Veranlagung (Einschätzung ADxS).
Kontrollierte Studien zur Behandlung von RS gibt es bisher nicht (E 1a). Neben Stimulanzien werden nach klinischen Berichten auch Guanfacin, Clonidin und MAO-Hemmer als hilfreich beschrieben (E 4). In einer Studie mit Atomoxetin besserten sich bei Erwachsenen mit ADHS und sozialer Phobie beide Beschwerdebereiche (E 1b).

Im Alltag führt Rejection Sensitivity häufig zu Rückzug, zum Verbergen der eigenen Gefühle, zu Belastungen in Partnerschaften und dazu, dass Bewerbungen oder Abgaben aus Angst vor Zurückweisung vermieden werden (E 4). Manche Betroffene überschätzen als Gegenreaktion ihre sozialen Fähigkeiten (E 3).
Eine starke Rejection Sensitivity kann zu einer sozialen Phobie beitragen, also zur Angst, in sozialen Situationen beurteilt oder abgelehnt zu werden (E 3). Da RS durch eine ADHS-Behandlung nachlassen kann, könnte eine Behandlung des ADHS in diesem Fall auch die soziale Phobie bessern (Einschätzung ADxS).

1. Rejection Sensitivity (RS)

Bedeutung für Betroffene

Rejection Sensitivity beschreibt eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung, die bei vielen psychischen Störungen vorkommt, nicht nur bei ADHS (E 1a). Sie ist keine Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal (E 1a). Wer sie bei sich erkennt, hat deshalb nicht automatisch ADHS (Einschätzung ADxS). Eine starke Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung sollte bei der Diagnostik dennoch erwähnt werden, weil sie bei ADHS häufig ist und in Fachbüchern bisher wenig beachtet wird (Einschätzung ADxS).

Rejection Sensitivity (RS) ist die Veranlagung zu

  • ängstlicher Erwartung von Ablehnung
  • bereitwilliger Entgegennahme von Ablehnung und
  • intensiver Reaktion auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ablehnung

Rejection Sensitivity ist ein eigenständiges psychologisches Konstrukt und tritt bei verschiedenen Störungsbildern als originäres Symptom auf (nach Stärke abnehmend):

  • Borderline: Kränkbarkeit (Leitsymptom) (E 4)1
  • Narzissmus: narzisstische Kränkbarkeit (Leitsymptom)
  • Bipolare Störung
  • Sozialphobie (E 4)1
  • (E 1a): Depression (E 4)1, hier bei knapp 50 % der Betroffenen von MDD und bipolarer Störung (Narrativer Review, E 1a)23
  • (E 2b): ADHS (E 4)4(E 3)5(E 2b)6(E 3)7
  • Angststörungen (E 4)1

Eine Metaanalyse über 75 Studien fand moderate Zusammenhänge zwischen Rejection Sensitivity und Depression (r = 0,33), Angst (r = 0,41), Einsamkeit (r = 0,39), Borderline-Persönlichkeitsstörung (r = 0,41) und körperdysmorpher Störung (r = 0,43) (Metaanalyse, k = 75, E 1a).8

Bei ADHS wird Rejection Sensitivity in den (deutschsprachigen) Fachliteratur-Standardwerken zu ADHS bislang nicht als spezifisches ADHS-Symptom thematisiert (Einschätzung ADxS).

1.1. Rejection Sensitivity bei ADHS

Bedeutung für Betroffene

Je stärker die ADHS-Symptome sind, desto stärker ist meist auch die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung (E 2b). Das wurde bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gefunden (E 2b).

Bei ADHS scheint vor allem die ärgerliche Reaktion auf Ablehnung erhöht zu sein (E 3). Wird Ausgrenzung im Experiment gezielt erzeugt, zeigt sich keine stärkere körperliche Stressreaktion (E 2a). Die Empfindlichkeit betrifft also vor allem das Erleben und die Bewertung, weniger die körperliche Erregung (Einschätzung ADxS).

Kinder mit ADHS mögen andere Kinder häufig mehr, als sie selbst gemocht werden, was die Empfindlichkeit zusätzlich verstärken kann (E 3). Die Fähigkeit, schöne Momente bewusst zu genießen, schwächte den Zusammenhang in einer Studie ab (E 3).

(E 4): Kränkbarkeit wird zwar immer wieder als spezifische und typische Eigenart vieler ADHS-Betroffenen erwähnt (E 4)9(E 4)10, z.B. als schnelle Kränkbarkeit (E 4)11, als Kritikempfindlichkeit als Unterfall eines negativen Hyperfokus (E 4)12, in einem Fragebogen (Waren Sie als Kind sehr empfindlich und kränkbar?) (E 4)13 oder in anderen Beschreibungen als Folge von Selbstwertproblemen (E 4)14(E 4)15. Dietrich nennt dies eine nur geringe Toleranz gegenüber Kritik aus dem sozialen Umfeld oder eine Schwierigkeit, Kritik anzunehmen und Schuld einzugestehen.(E 4)16

Erwachsene mit ADHS bzw. hohen ADHS-Ausprägungen berichteten in schriftlichen Schilderungen häufige Kritik durch andere mit negativen Folgen für Selbstwert und Wohlbefinden. Als Bewältigung beschrieben sie Vermeidung von Kritik, verändertes Reagieren und Selbstannahme (qualitative Studie, n = 162, E 4).17

(E 4): Nur selten jedoch wird die besondere Kränkbarkeit als spezifisches ADHS-I-Symptom beschrieben.(E 4)18(E 4)19(E 4)20(E 4)21 Unserer Auffassung nach wird die besondere Bedeutung des Symptoms der Rejection Sensitivity als ADHS-Symptom erheblich unterschätzt.

Mehrere größere Untersuchungen stellten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Stärke der ADHS-Symptomatik und dem Bestehen einer Rejection Sensitivity fest (Gemeindestichprobe mit Feedback-Aufgabe, N = 391, E 2b)6 (Querschnittstudie, N = 1.235, E 3)7. Eine ältere kleine Studie fand keinen Zusammenhang (Fall-Kontroll-Studie, n = 78, E 3).22
Eine der Studien stellte einen Zusammenhang zwischen dem erhöhten Gerechtigkeitsempfinden von ADHS-Betroffenen und Rejection Sensitivity her (Querschnittstudie, N = 1.235, E 3).7

Ein Review über 21 Studien, die Rejection Sensitivity mit dem Rejection Sensitivity Questionnaire erfassten, fand konsistente Zusammenhänge mit Borderline-Symptomen, Depression, sozialer Ängstlichkeit und Aggression, aber keinen Zusammenhang mit ADHS und psychotischen Symptomen (Übersichtsarbeit, k = 21, E 1a).23

Bei ungarischen Studierenden korrelierten ADHS-Symptome (ASRS) und Rejection Sensitivity (A-RSQ) mit r = 0,46 (p < 0,01). Wohlbefinden, kreativ-exekutive Effizienz, Selbstregulation und Resilienz vermittelten den Zusammenhang teilweise. Die Fähigkeit, positive Erlebnisse bewusst auszukosten (Savoring), moderierte ihn und hob ihn bei hoher Ausprägung auf. (Querschnittstudie, N = 304, E 3)24 Bei US-Studierenden korrelierten ADHS-Symptome und Rejection Sensitivity ebenfalls positiv. Eine hohe Rejection Sensitivity schwächte den Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomschwere und Cannabiskonsum sowie cannabisbezogenen Problemen ab. (Querschnittstudie, N = 4.150, E 3)25

Bei 8- bis 12-jährigen Kindern mit erhöhten ADHS-Symptomen korrelierten die ADHS-Symptome mit ärgerlicher Rejection Sensitivity (r = 0,55; p < 0,001), nicht aber mit ängstlicher Rejection Sensitivity. Nur die ärgerliche Rejection Sensitivity verstärkte den Zusammenhang zwischen ADHS- und Angstsymptomen. (Querschnittstudie, N = 120 Elternberichte, davon n = 69 Kinder mit Selbstbericht, E 3)26

Nach einer experimentell erzeugten sozialen Ausgrenzung (Cyberball) berichteten Erwachsene mit stärkeren ADHS-Symptomen eine stärkere Bedrohung der sozialen Grundbedürfnisse (Zugehörigkeit, Kontrolle, Selbstwert, sinnhafte Existenz; r = - 0,44; p < 0,001), während sich Herzfrequenz und Blutdruck während und nach der Ausgrenzung nicht von denen der Kontrollgruppe unterschieden. (Querschnittstudie mit experimenteller Ausgrenzung, N = 60, E 3)27 ADHS wurde nur per ASRS-Screening erfasst (61,7 % positiv, nur n = 13 mit berichteter Diagnose), Rejection Sensitivity nur indirekt über die Need-Threat-Skala und ausschließlich nach der Ausgrenzung erhoben, keine Einschlussbedingung als Kontrolle. Die Zeitschrift ist ein peer-reviewtes Publikationsorgan für studentische Arbeiten.

Bei Schulanfängern führte eine simulierte Ausgrenzung aus einem Spiel bei 96 % zu Ärger, Trauer oder Angst, wobei 62 % starke und 38 % nur geringe oder keine Belastung angaben. Diese Ausgrenzungsreaktivität war mit Hyperaktivität (β = 0,27; p = 0,04), nicht aber mit Unaufmerksamkeit verknüpft und sagte unabhängig davon Aggression vorher (β = 0,19; p = 0,02). Sie vermittelte den Zusammenhang zwischen Hyperaktivität und Aggression jedoch nicht (Querschnittstudie, N = 171, davon 107 mit ADHS-Diagnosekriterien und 23 mit unterschwelliger ADHS, E 3)28 Die Autoren halten ausdrücklich offen, ob diese frühe Ausgrenzungsreaktivität eine Vorstufe der später messbaren Rejection Sensitivity darstellt. Der Begriff Rejection Sensitivity wird für diese Altersgruppe nicht verwendet. Mittleres Alter 5,2 Jahre. Querschnittsdesign, daher keine Kausalaussage möglich.

Nach einer Ausgrenzung im Cyberball-Paradigma (nur 2 von 50 Ballwürfen an die Versuchsperson) verschlechterte sich die Stimmung 10- bis 15-jähriger Jugendlicher mit ADHS-Symptomen nicht stärker als die der Kontrollgruppe. Nur die Gruppe mit Essanfällen zeigte einen stärkeren Anstieg der negativen Stimmung als die beiden anderen Gruppen (Gruppe × Zeit: F(2,85) = 2,89; p < 0,10; partielles η² = 0,06; Post-hoc p < 0,05). Die Impulsivität in der Stop-Signal-Aufgabe nahm nach der Ausgrenzung in der Essanfallsgruppe zu und in der ADHS-Gruppe ab (Gruppe × Zeit: F(2,85) = 3,17; p < 0,05; partielles η² = 0,07). Vor der Ausgrenzung unterschieden sich die Gruppen in der Impulsivität nicht. Stimmung und Impulsivität waren nicht korreliert (experimentelle Studie, N = 88, davon n = 33 mit ADHS-Symptomen, n = 23 mit Essanfällen, n = 32 Kontrollen, E 2a)29 ADHS-Gruppe: mindestens vier DSM-IV-TR-Kriterien (Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität/Impulsivität), Beginn vor dem 7. Lebensjahr, situationsübergreifend, Screening per DISYPS-II und Bestätigung im diagnostischen Interview (Kinder-DIPS). Rekrutierung über Schulen und Anzeigen, keine klinische Stichprobe, ADHS-Medikation war Ausschlusskriterium. Negative Stimmung per Sechs-Item-Kurzform der PANAS-C. Der Gruppe-×-Zeit-Effekt für die Stimmung war nur tendenziell signifikant (p < 0,10), der Post-hoc-Unterschied Essanfallsgruppe gegenüber beiden anderen Gruppen p < 0,05. Der Befund spricht gegen eine generell verstärkte emotionale Reaktion Jugendlicher mit ADHS-Symptomen auf soziale Ausgrenzung. Die Studie war nicht auf ADHS zugeschnitten, sondern nutzte die ADHS-Gruppe als impulsive Vergleichsgruppe zur Essanfallsstörung.

Bei Erwachsenen mit affektiven Störungen korrelierten rückblickend berichtete ADHS-Symptome der Kindheit mit der aktuellen interpersonellen Empfindlichkeit (r = 0,31; p < 0,001). Aufgeschlüsselt nach Dimensionen zeigte sich der Zusammenhang am stärksten für die Dimension Selbstwert/negative Stimmung (r = 0,37; β = 0,34; p < 0,001), schwächer für Unaufmerksamkeit/Schulprobleme (β = 0,15; p = 0,003), während die Dimension Impulsivität/Verhaltensprobleme eine geringere interpersonelle Empfindlichkeit vorhersagte (β = - 0,11; p = 0,016) (Querschnittstudie, N = 755, E 3)30 Erfasst wurden ADHS-Symptome der Kindheit retrospektiv per WURS-25 und interpersonelle Empfindlichkeit per Interpersonal Sensitivity Measure. Alle Werte aus Bonferroni-korrigierten Partialkorrelationen bzw. FDR-korrigierter Pfadanalyse, adjustiert für Alter, Diagnose, Geschlecht, Bildung, Erwerbstätigkeit, Familienstand, Alkohol- und Rauchstatus. Einschränkungen: rein klinische Stichprobe (287 Major Depression, 468 bipolare Störung), keine ADHS-Diagnosen, retrospektive Selbstauskunft, Querschnitt. Die gegenläufige Richtung der Impulsivitätsdimension spricht gegen einen einheitlichen Zusammenhang zwischen ADHS und Zurückweisungsempfindlichkeit.

ADHS-betroffene Kinder erwiesen anderen Kindern in einer großen Untersuchung im Mittel deutlich mehr Sympathie, als sie umgekehrt von diesen erhielten (Beobachtungsstudie, MTA-Stichprobe, E 3).31

Das Maß der Ablehnung durch Gruppenmitglieder (peer Rejection) und das Maß, in dem die Sympathie für andere die umgekehrt erwiesene Sympathie übersteigt, sind laut einer Untersuchung die sichersten Parameter, um Kinder mit ADHS von Nichtbetroffenen anhand von Gruppenumfragen zu unterscheiden (Beobachtungsstudie, MTA-Stichprobe, E 3).31
ADHS-Symptome und die dadurch verursachte soziale Ablehnung (peer Rejection) im Alter von 4 bis 6 Jahren sind ein sich gegenseitig verstärkender Teufelskreis (Kohortenstudie, E 2b).32 Von 6 bis 8 Jahren wirkte nur noch die soziale Ablehnung auf die ADHS-Symptome, nicht mehr umgekehrt (Kohortenstudie, E 2b).32 Soziale Ablehnung verursacht Stress und Stress bewirkt gegenwärtige ADHS-Symptome (Einschätzung ADxS). Insbesondere im frühkindlichen Alter manifestiert Stress die genetische Disposition, sodass die ADHS-Intensität darüber hinaus im gesamten Lebensalter beeinflusst wird (Einschätzung ADxS).

Die tatsächliche Ablehnung durch andere ist jedoch kein Maß für Rejection Sensitivity (E 1a).
Bei Rejection Sensitivity ist nicht die objektive Ablehnung durch andere kennzeichnend, sondern die Verletzlichkeit gegenüber subjektiv empfundener Ablehnung. Es geht um die Empfindlichkeit gegenüber tatsächlicher Ablehnung einerseits und die Wahrnehmung vermeintlicher Ablehnung und Zurückweisung andererseits (E 1a).

1.2. Begriffliche Abgrenzung zu “Rejection Sensitive Dysphoria” (RSD)

Bedeutung für Betroffene

Der im Internet verbreitete Begriff „Rejection Sensitive Dysphoria“ (RSD) meint dasselbe Erleben, ist aber kein anerkannter Fachbegriff und keine Diagnose (E 1a). Er geht auf die Praxiserfahrung eines einzelnen amerikanischen Arztes zurück (E 4). Berichte von Betroffenen bestätigen das Erleben: Rückzug, Verbergen der eigenen Gefühle, körperliche Empfindungen wie Übelkeit oder Enge, Vermeiden von Bewerbungen und Belastungen in Partnerschaften (E 4). Fachleute raten dennoch vom Begriff RSD ab, weil er die Empfindlichkeit als angeboren und unveränderbar erscheinen lässt und Betroffene sich damit selbst abwerten können (E 4).
ADxS verwendet deshalb den Begriff Rejection Sensitivity.

Wir betrachten Rejection Sensitivity einerseits und Dysphorie (bei Inaktivität) andererseits als zwei originäre, also unmittelbar durch ADHS verursachte Symptome (auch wenn sie bei ADHS häufig gemeinsam auftreten) (Einschätzung ADxS). Zur Vermeidung einer Verwechslung mit dem spezifischen ADHS-Symptom Dysphorie (bei Inaktivität) verwenden wir den Begriff der Rejection Sensitivity.

(E 4): Vereinzelt wird anstelle des Begriffs Rejection Sensitivity in Bezug auf ADHS der Begriff der “Rejection Sensitive Dysphoria” (RSD) verwendet.(E 4)33(E 4)19

Dodson und Kollegen beschrieben vier ADHS-Betroffene mit RSD, definiert als plötzliche, als körperlich schmerzhaft erlebte dysphorische Episoden nach tatsächlicher oder vermeintlicher Zurückweisung, Kritik oder Selbstkritik, die sich keiner affektiven, Angst- oder Persönlichkeitsstörung zuordnen ließen. Alle vier sprachen auf Guanfacin an (0,5 bis 7 mg/Tag). Als weitere klinisch genutzte Optionen nannten die Autoren Clonidin und MAO-Hemmer. Kontrollierte Studien fehlen.(Fallserie, n = 4, E 4)34

Dabei wird jedoch mit dem Begriffsteil “Dysphoria” keine echte Dysphorie bezeichnet, sondern es ist Rejection Sensitivity als solche gemeint und sie wird als eine spezielle atypische Depression betrachtet.(E 4)35 Winkler, der Rejection Sensitivity bei ADHS wohl als einer der ersten im deutschsprachigen Raum dargestellt hat, stellt unter Bezug auf Dodson einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Rejection Sensitivity und Stimmungseinbrüchen / Dysphorie bei ADHS her (E 4)36, wobei er Rejection Sensitive Dysphoria wohl als eine Form von atypischer Depression betrachtet.(E 4)37

In Fokusgruppen mit jungen Erwachsenen mit ADHS berichteten 33 von 43 Teilnehmenden RSD (Frauen: 30 von 36; Männer: 3 von 7). Auslöser waren empfundener sozialer Ausschluss, negative Rückmeldungen und wahrgenommene Zurückweisung. Einige Teilnehmende deuteten ihre RSD als erlernte Folge wiederholter Zurückweisungen. (Qualitative Studie, Fokusgruppen, N = 43, E 4)38 Betroffene Studierende beschrieben Rejection Sensitivity als Auslöser von Rückzug, Maskieren der Gefühle und unangenehmen Körperempfindungen, bis hin zum Vermeiden von Bewerbungen und Abgaben aus Angst vor Zurückweisung. (Qualitative Studie, Fokusgruppen, n = 5, E 4).39

Mehrere von acht im Erwachsenenalter diagnostizierten Studentinnen mit ADHS beschrieben RSD als Teil ihrer emotionalen Dysregulation, neben niedrigem Selbstwert und Stigmatisierungserfahrungen. (Qualitative Studie, Interviews, n = 8 Frauen, E 4)40 Die im Volltext wiedergegebene Angabe, RSD betreffe schätzungsweise 99 % der Erwachsenen mit ADHS, ist keine eigene Messung, sondern übernimmt Dodsons unbelegte klinische Schätzung. Eigener Befund der Studie ist nur, dass mehrere Teilnehmerinnen RSD beschrieben.

Erwachsene mit ADHS benannten in einer offenen Befragung zu negativen Auswirkungen von ADHS auf Paarbeziehungen Rejection Sensitivity als eines von vier übergreifenden Themen („Too Much and Never Enough: The Emotional Rollercoaster of Rejection Sensitivity“), neben emotionaler und praktischer Belastung der Partnerschaftsdynamik und der Bedeutung von Selbstverständnis .(Qualitative Studie, N = 355, E 4)41 Das Schlagwort der Autoren lautet „rejection sensitivity dysphoria“, das Thema selbst ist als Rejection Sensitivity benannt.

Eine kritische Reflexion des RSD-Begriffs zeichnete dessen Entstehung nach: Dodson stieß auf Wenders Beschreibung der Kritikempfindlichkeit erwachsener ADHS-Betroffener, befragte daraufhin seine eigenen Patienten, von denen sich 99 % darin wiedererkannten und ein Drittel diese Empfindlichkeit als schwierigsten Aspekt ihres ADHS bezeichnete, und erklärte RSD auf dieser Grundlage zum ADHS-Symptom, das allein auf die Alpha-2-Agonisten Clonidin und Guanfacin anspreche. Der Zusatz Dysphorie sollte die Intensität gegenüber der etablierten Rejection Sensitivity abgrenzen. Das griechische Wort bedeutet jedoch nicht „unerträglich“, wie Dodson angab, sondern „Unbehagen“. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren war Rejection Sensitive Dysphoria erfolglos als Subtyp der depressiven Störung vorgeschlagen worden. (Diskussionsbeitrag, E 4)42
Als Risiken der klinischen Verwendung benannte die Reflexion die Zunahme von (Selbst-)Stigmatisierung durch ein medikalisierendes, kategoriales Konzept, die Rahmung als angeboren und nicht traumabedingt unter Vernachlässigung sozialer Umweltfaktoren, die terminologische Zersplitterung neben interpersoneller Empfindlichkeit, Rejection Sensitivity und sozialem Schmerz sowie die geringe empirische Evidenz: Menschen mit ADHS oder Autismus zeigten im Mittel nur leicht stärkere Reaktionen auf Zurückweisung, die sich weder quantitativ noch qualitativ von anderen zurückweisungsempfindlichen Gruppen unterschieden. Für die interprofessionelle Kommunikation wird das etablierte Kontinuum der Rejection Sensitivity empfohlen, in der Behandlung die Übernahme der Sprache der Betroffenen. (Diskussionsbeitrag, E 4)42Die eigenen empirischen Belege des Autors betreffen autistische Erwachsene, nicht ADHS (stärkere Zurückweisungsreaktionen vollständig durch geringeren Selbstwert erklärt; Social Pain Questionnaire M = 2,33 auf Skala 0 bis 4 gegenüber klinischem Grenzwert M = 2,16). Van Asselt ordnet die verbreitete Zahl von rund 20.000 kritischen Bemerkungen vor dem 12. Lebensjahr ausdrücklich als Schätzung aus populären Medien ein.

Ein Scoping Review zu RSD fand nur 12 einschlägige Studien (vier qualitative, sechs experimentelle, zwei Querschnittstudien) aus 1.285 gesichteten Titeln. Die Konstruktdefinitionen und Messverfahren unterschieden sich erheblich. Nur 2 der 12 Studien definierten das untersuchte Konstrukt überhaupt, die quantitativen Befunde zur Intensität der Zurückweisungsreaktion waren widersprüchlich und keine Studie untersuchte Reaktionen auf Kritik oder Interventionen (Scoping Review, k = 12, E 1a)43 Die eingeschlossenen Studien betrafen autistische Erwachsene bzw. Erwachsene mit hoher Autismus-Merkmalsausprägung, nicht ADHS.

In Einzelinterviews mit sieben neurodivergenten Erwachsenen, von denen vier ADHS hatten, verstanden die Teilnehmenden RSD sehr unterschiedlich. Ihre Beschreibungen waren erkennbar von zuvor gelesenen Darstellungen geprägt. Die Autorin leitete daraus ab, dass RSD nicht als angeborene, unvermeidbare Eigenschaft neurodivergenter Menschen zu verstehen sei, sondern durch Umweltfaktoren wie andere Menschen und Institutionen ausgelöst und aufrechterhalten werde. (Qualitative Studie, n = 7, E 4)44Die Forscherin ist selbst betroffen und bezieht ihre eigene Erfahrung methodisch ausdrücklich mit ein (Standpoint-Theorie).

2. Rejection Sensitivity als originäres Symptom von ADHS

Bedeutung für Betroffene

In diesem Abschnitt wird begründet, warum die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung nach Auffassung von ADxS unmittelbar zu ADHS gehört und nicht nur aus schlechten Erfahrungen entsteht. Das ist wichtig, weil dann eine ADHS-Behandlung auch diese Empfindlichkeit verbessern kann (Erfahrung ADxS). Eine Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung allein beweist jedoch kein ADHS, denn sie kommt auch bei vielen anderen Störungen vor (E 1a).

Die hier verwendete Formulierung Rejection Sensitivity als originäres Symptom von ADHS meint, dass Rejection Sensitivity bei ADHS ein unmittelbar durch ADHS selbst hervorgerufenes Symptom ist (ebenso wie Aufmerksamkeitsprobleme oder Hyperaktivität) und nicht eine bloße Folge von über lange Zeit gemachten schlechten Erfahrungen ist (Einschätzung ADxS).
Gleichwohl gibt es RS nicht nur bei ADHS. RS ist daher kein exklusives Symptom von ADHS. RS allein ist keinesfalls ein Nachweis für ADHS (Einschätzung ADxS).

2.1. Zurückweisungsempfindlichkeit ist mehr als eine psychologische Reaktion

Bedeutung für Betroffene

Menschen mit ADHS werden im Alltag tatsächlich häufiger abgelehnt als andere (E 2b). Das zeigte ein Experiment, in dem schon gespieltes ADHS-typisches Verhalten deutlich stärker abgelehnt wurde als unauffälliges Verhalten (E 2b). Solche Erfahrungen tragen zur Angst vor Ablehnung bei, erklären aber nach Auffassung von ADxS nicht deren Stärke und Häufigkeit (Einschätzung ADxS). Eine Studie an Gesunden zeigte zudem, dass die körperliche Stressreaktion auf Ausgrenzung nicht von der Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung abhing, sondern vom Wunsch, dazuzugehören (E 2b).

Zunächst liegt es nahe, die Zurückweisungsüberempfindlichkeit bei ADHS-Betroffenen zurückzuführen auf

  • die lebenslangen negativen sozialen Erfahrungen mit der Umwelt und das dadurch massiv beeinträchtigte Selbstwertgefühl,
  • das Gefühl des anders-seins, des nicht-dazu-gehörens (E 2b)45, sowie
  • die durch die genetisch induzierte Hochsensibilität (DRD4-7R, 5-HTTLPR, COMT Met-158-Met, siehe hierzu den Aspekt Chance-/Risiko-Gene Wie ADHS entsteht : Gene + Umwelt) induzierte Vulnerabilität (Empfindsamkeit und Verletzlichkeit aufgrund des zu weit offenen Reizfilters) oder
  • ein allgemein niedriges Selbstwertgefühl (E 4)15

Sicherlich tragen die lebenslangen, eher negativen Erfahrungen mit anderen Menschen dazu bei, dass sich eine Angst vor Ablehnung herausbildet (Einschätzung ADxS).

Dieser Unterschied ist zwar relevant, kann jedoch die Rejection Sensitivity von ADHS-Betroffenen nicht allein erklären (Einschätzung ADxS).

Videos, in denen eine Schauspielerin nach Drehbuch ADHS-typisches Verhalten zeigte, wurden von Studierenden deutlich stärker abgelehnt als ein Video mit unauffälligem Verhalten (d = 1,97). Videos mit depressivem Verhalten wurden noch stärker abgelehnt (d = 2,76; Unterschied zur ADHS-Darstellung d = 0,79). Die ADHS-Darstellung löste bei den Betrachtenden eine feindselige Stimmung aus (d = 0,71), die Depressionsdarstellung eine gedrückte Stimmung (d = 0,67) (Analogexperiment, N = 130, E 2b).46

Die Massivität, in der ADHS-Betroffene an Rejection Sensitivity leiden, und die hohe Häufigkeit des Auftretens bei ADHS sind unseres Erachtens nicht allein durch die belastenden Erfahrungen zu erklären, die ADHS-Betroffene im Laufe ihres Lebens als Folge ihrer Probleme mit anderen Menschen zusätzlich machen. Da Rejection Sensitivity zudem auch bei anderen psychischen Störungen auftritt, wo sie nicht als “bloße” Folge einer Selbstwertproblematik (Narzissmus: narzisstische Kränkbarkeit; Borderline: Kernsymptom) wahrgenommen wird, verringert sich unseres Erachtens die Wahrscheinlichkeit einer erlernten Reaktion weiter (Einschätzung ADxS).

 

Eine Untersuchung an Gesunden zeigte, dass der Charakter-Trait des Dazu-gehören-wollens (need to belong), nicht aber der Trait der Rejection Sensitivity, eine (für Stress typische) erhöhte Cortisolantwort sowie stärker empfundenen Stress und negativen Affekt nach Ausschließung von der Teilnahme an einem Gruppenspiel vorhersagte (experimentelle Studie mit Ausgrenzung, n = 132, E 2b).47

2.2. Stimulanzien verringern Rejection Sensitivity unmittelbar

Bedeutung für Betroffene

Die meisten von ADxS befragten Betroffenen berichteten, dass die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung unter Methylphenidat rasch geringer wird (Erfahrung ADxS). Kontrollierte Studien dazu fehlen bisher (E 1a). Eine Besserung unter der Medikation spricht dafür, dass die Empfindlichkeit unmittelbar mit dem ADHS zusammenhängt (Einschätzung ADxS). Bleibt sie unter der Medikation unverändert, sollte dies beim behandelnden Arzt angesprochen werden (Einschätzung ADxS).

Die meisten der diesseits befragten ADHS-Betroffenen bestätigten eine unmittelbare Verbesserung der Rejection Sensitivity durch Methylphenidat (Erfahrung ADxS).

Für Nichtbetroffene wären die jeweiligen Auslöser ebenfalls unangenehm, aber nicht Anlass zu der von den Betroffenen beschriebenen intensiven Empfindung eines Verletztseins aufgrund wahrgenommener Ablehnung. Die unmittelbare Medikamentenwirkung auf die Intensität der Rejection Sensitivity lässt nach diesseitiger Sicht keinen anderen Schluss zu, als dass es sich um eine unmittelbare (neurophysiologisch vermittelte) Symptomatik von ADHS handelt (Einschätzung ADxS).
Dass die dopaminerg wirkenden Stimulanzien die Symptome positiv beeinflussen, könnte in Anbetracht der unten unter 2.6. geschilderten Modulation des Zugehörigkeitsmotivs durch Dopamin schlüssig sein (Einschätzung ADxS).
Diesseits wird daher eine unmittelbare neurophysiologische Manifestation der RS im Sinne eines spezifischen neurophysiologischen Wirkmechanismus vermutet (Einschätzung ADxS).

2.3. Frühkindliche Stresserfahrung als Ursache von Rejection Sensitivity

Bedeutung für Betroffen

Psychologische Modelle erklären die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung mit frühen Erfahrungen von Zurückweisung, vor allem durch Bezugspersonen (E 2b). Daraus entwickelt sich eine Art Schutzmechanismus: Mögliche Ablehnung wird sehr wachsam erwartet, und wird sie als sicher empfunden, folgen heftige Reaktionen wie Rückzug, Wut oder Verzweiflung (E 2b). Diese Reaktionen lassen sich umso besser bremsen, je besser Gefühle reguliert werden können (E 4). Ein Training der Gefühlsregulation kann daher hilfreich sein (Einschätzung ADxS).

 

Die psychologischen Modelle der Rejection Sensitivity führen diese auf frühe, anhaltende oder akute Zurückweisungserfahrungen mit Bezugspersonen zurück, die das DMS aktivieren („Defensive Motivational System“ nach Lang und Gray: das defensive der beiden verhaltenssteuernden Motivationssysteme, das bei drohender Zurückweisung zunächst zu Wachsamkeit und Verhaltenshemmung, bei als sicher wahrgenommener Zurückweisung zu fight-or-flight-Reaktionen führt) sowie einen Abwehrmechanismus ausbilden (Übervorsicht als Schutz vor unerwarteter Verletzung), dessen Überreaktionen nur bei ausreichender (emotionaler) Selbstregulation gehemmt werden können. (Übersichtskapitel, E 4)48 (Experimentelle Studie, E 2b)49

2.4. Rejection Sensitivity und Bindungsstile

Bedeutung für Betroffene

Eine sichere Bindung in der Kindheit schützt vor einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung (E 3). Jugendliche mit unsicherer, besonders mit unsicher-verstrickter Bindung zeigten die stärkste Empfindlichkeit und zugleich die meisten ADHS-Symptome (E 3). Für Eltern von Kindern mit ADHS oder ADHS-Risiko ist eine verlässliche und feinfühlige Beziehung daher besonders wichtig (Einschätzung ADxS). Hinweise dazu finden sich im Kapitel Prävention.

Unterschiedliche Bindungsstile sagen (nicht nur bei ADHS) eine Rejection Sensitivity deutlich voraus (E 3).

Ein sicherer Bindungsstil zeigte die günstigsten Ergebnisse und war am wenigsten von Rejection Sensitivity betroffen. Ein unsicher-verstrickter (preoccupied) Bindungsstil zeigte die meisten ADHS-Symptome sowie die stärksten ängstlichen und ärgerlichen Ablehnungserwartungen, noch mehr als ein unsicher-vermeidender (dismissing) Bindungsstil. (Querschnittstudie, N = 508, E 3)50 Vor diesem Hintergrund könnte Rejection Sensitivity als unmittelbarer Ausdruck einer unsicheren Bindung verstanden werden (Einschätzung ADxS).

Dies fügt sich in das diesseitige Bild, dass bereits ein unsicherer Bindungsstil genug frühkindlichen Stress bewirken kann, um die genetische Disposition zu psychischen Problemen (hier und insbesondere bei ADHS aufgrund der dort vorhandenen Hochsensibilität) zu aktivieren (Einschätzung ADxS).

Mehr zu Bindungsstilen und was Eltern präventiv tun können: Bindungsstile im Kapitel ⇒ Prävention.

2.5. Ähnliche Symptome bei ähnlichen Störungsbildern

Bedeutung für Betroffene

Eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung kommt auch bei Depression, Borderline und Narzissmus vor, dort teils noch stärker als bei ADHS (E 1a). Sie ist deshalb kein Beweis für ADHS (Einschätzung ADxS). Bei der Diagnostik sollten diese Störungsbilder mitbedacht werden, weil sich Symptome von ADHS und Borderline teilweise überschneiden, auch wenn die Ursachen im Gehirn verschieden sind (Einschätzung ADxS).

Das Symptom der Rejection Sensitivity tritt nicht exklusiv bei ADHS in Erscheinung, sondern ist auch bei affektiven Störungen wie beispielsweise Depressionen (bei knapp 50 % der Betroffenen von MDD und bipolarer Störung) (Narrativer Review, E 1a)51 sowie, nochmals deutlicher und als eines der Hauptsymptome, bei Narzissmus (dort als narzisstische Kränkbarkeit) und Borderline zu finden.

Bekanntlich überlappen die Symptome von Borderline und ADHS teilweise (Differentialdiagnostik bei ADHS). Allerdings unterscheiden sich die neurologischen Ursachen erheblich (Einschätzung ADxS). Das dopaminerge System ist bei beiden Störungsbildern involviert. Während bei ADHS der Dopaminspiegel im PFC und Striatum verringert ist, wird bei Borderline eine Dysfunktion des Dopaminsystems vermutet (E 4).

Die Wirksamkeit von Antipsychotika (Dopaminantagonisten) bei Borderline spricht eher für eine erhöhte dopaminerge Aktivität. Ein direkter Nachweis fehlt. (Hypothesenartikel, E 4)52

2.6. Zugehörigkeitsmotiv ist dopaminerg gesteuert

Bedeutung für Betroffene

Das Bedürfnis, dazuzugehören, hängt nach älteren Untersuchungen mit dem Botenstoff Dopamin zusammen (E 2b). Bei ADHS wirkt Dopamin in bestimmten Hirnbereichen zu schwach (E 1a). Das könnte erklären, warum Ablehnung bei ADHS besonders schmerzhaft erlebt wird und warum dopaminerg wirkende Medikamente die Empfindlichkeit verringern können (Einschätzung ADxS). Die zugrunde liegenden Studien sind allerdings klein und alt, sodass es sich um eine Vermutung handelt (Einschätzung ADxS).

Motivation wird je nach Art des Motivs durch unterschiedliche Neurotransmitter vermittelt. Motivation lässt sich in Bezug auf Motive grundsätzlich in die Gruppen Machtmotiv, Zugehörigkeitsmotiv und Leistungsmotiv unterteilen.(E 4)53 Bei der Angst vor Zurückweisung wird spezifisch das Zugehörigkeitsmotiv angesprochen, nicht das Leistungsmotiv und nicht das Machtmotiv (Einschätzung ADxS).

 

In den Untersuchungen von McClelland war allein die Aktivierung des Zugehörigkeitsmotivs mit einer erhöhten Dopaminausschüttung verbunden, während das Machtmotiv mit einem Urinmarker des Noradrenalinumsatzes (MHPG) und das Leistungsmotiv mit einem indirekten Marker der Vasopressinfreisetzung (verminderter Harnfluss) assoziiert war.(Experimentelle Studien, n = 61 und n = 47, E 2b)54 (Beobachtungsstudie, n = 24, E 3)55 (Experimentelle Studie, n = 46, E 2b)56 Da ADHS von einem Dopaminmangel im PFC sowie im Striatum, dem Belohnungs- und Verstärkungszentrum des Gehirns, gekennzeichnet ist, erscheint es unter diesem Aspekt plausibel, dass ADHS-Betroffene für eine Angst vor Zurückweisung und Kritik besonders empfänglich sind (Einschätzung ADxS).

2.7. Zugehörigkeitsmotiv kann Prokrastination beheben

Bedeutung für Betroffene

Aufgaben, die für sich selbst immer wieder aufgeschoben werden, gelingen vielen Menschen mit ADHS leichter, wenn sie für einen anderen Menschen erledigt werden (Erfahrung ADxS). Der Wunsch, dazuzugehören, wirkt dabei als Antrieb (Einschätzung ADxS). Als Hilfe gegen Aufschieben kann daher vereinbart werden, aufgeschobene Aufgaben im Tausch füreinander zu erledigen (E 4).

Die besondere Bedeutung des Zugehörigkeitsmotivs bei ADHS zeigt sich auch darin, dass es ADHS-HI-Betroffenen wesentlich leichter fällt, diejenige Tätigkeit, die sie für sich selbst (aufgrund ausgeprägter Prokrastination) nicht ausüben können, für einen anderen auszuüben (Erfahrung ADxS). Dies geht so weit, dass Passig, Lobo als Copingstrategie für Prokrastination empfehlen, dass Betroffene die von ihnen prokrastinierten Tätigkeiten jeweils im Austausch für einen anderen erledigen.(E 4)57

2.8. Überschätzung eigener sozialer Kompetenzen als mögliche Folge einer RS

Bedeutung für Betroffene

Manche Menschen mit ADHS schätzen ihre sozialen Fähigkeiten als besser ein, als andere sie wahrnehmen (E 3). Das kann eine Schutzreaktion gegen die Angst vor Ablehnung sein (Einschätzung ADxS). Rückmeldungen von vertrauten Personen können helfen, ein realistisches Bild der eigenen Wirkung auf andere zu gewinnen (Einschätzung ADxS).

ADHS-Betroffene überschätzen häufig die eigenen sozialen Kompetenzen (E 3). Dieses Symptom ist nicht so gravierend, dass es als tragend für ADHS bezeichnet werden könnte (Einschätzung ADxS).

 

In einer Testgruppe von N = 82 Mädchen von 9 bis 12 Jahren überschätzten die n = 42 ADHS-Betroffenen ihre sozialen Kompetenzen im Vergleich zu Fremdbeurteilungen (Mütter, Lehrer und verblindete Beobachter einer sozialen Laboraufgabe) deutlich mehr als Nichtbetroffene. Trat oppositionelles Trotzverhalten hinzu, verstärkte sich dies noch weiter, ebenso bei verringerter Depressionssymptomatik. Die Selbstüberschätzung korrelierte nur bei den ADHS-Betroffenen mit der Tendenz, Antworten in Richtung sozialer Erwünschtheit zu verzerren (socially desirable reporting bias). Bei den Mädchen mit ADHS war die Selbstüberschätzung sozialer Kompetenz zudem mit schlechterer psychosozialer Anpassung verbunden, bei den Mädchen ohne ADHS dagegen mit besserer Anpassung. (Fall-Kontroll-Studie, N = 82, n = 42, E 3)58

Dies könnte, insbesondere aufgrund des Bias in Richtung sozialer Erwünschtheit, als eine Auswirkung der ADHS-typischen Rejection Sensitivity zu interpretieren sein (Einschätzung ADxS).

3. Soziale Phobie als mögliche Folge einer Rejection Sensitivity

Bedeutung für Betroffene

Eine starke Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung kann zu einer sozialen Phobie beitragen, also zur Angst, in Gruppen beobachtet, beurteilt oder abgelehnt zu werden (E 3). Bei ADHS kommt soziale Phobie häufiger vor als bei anderen Menschen (E 3). Da die Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung durch eine ADHS-Behandlung nachlassen kann, kann sich damit auch eine dadurch bedingte soziale Phobie bessern (Einschätzung ADxS). In einer Studie verringerte Atomoxetin bei Erwachsenen mit ADHS und sozialer Phobie beide Beschwerdebereiche (E 1b). Ob dies über eine geringere Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung geschieht, ist nicht untersucht (E 1b).

Soziale Phobie ist gekennzeichnet durch:

  • Zentral:
    • Angst vor prüfender Betrachtung in überschaubaren Gruppen (nicht in Menschenmengen)
    • Auftreten der Angst
      • ist meist beschränkt auf oder überwiegt in bestimmten sozialen Situationen, z.B.
        • Essen
        • Sprechen in der Öffentlichkeit
        • Treffen mit Menschen des begehrten Geschlechts
      • kann aber auch unbestimmt sein und in fast allen sozialen Situationen außerhalb der Familie auftreten
  • Häufig:
    • niedriges Selbstwertgefühl
    • Furcht vor Kritik
  • Mögliche Begleitphänomene:
    • Erröten
    • Vermeiden von Blickkontakt
    • Schwitzen
    • Zittern
    • Herzrasen
    • Durchfall
    • Übelkeit
    • Harndrang
  • Symptomatik kann sich bis zu Panikattacken verstärken.
  • Die phobischen Situationen werden vermieden.
  • Beginn häufig im Jugendalter
  • Ausgeprägtes Vermeidungsverhalten kann zu vollständiger sozialer Isolation führen

Eine sehr ausgeprägte Rejection Sensitivity soll eine soziale Phobie auslösen können.(E 4)59

 

Metaanalytisch ist Rejection Sensitivity moderat mit Angst assoziiert (r = 0,41) (Metaanalyse, k = 75, E 1a).8

Bei Erwachsenen mit sozialer Phobie war eine höhere interpersonelle Empfindlichkeit mit einem ADHS in der Kindheit assoziiert. Die interpersonelle Empfindlichkeit korrelierte zudem positiv mit der Schwere der Sozialphobie-Symptome und negativ mit dem Erkrankungsalter der Sozialen Phobie (Querschnittstudie, N = 125, E 3).60

In diesem Sinne könnte eine soziale Phobie, wie sie bei ADHS durchaus häufiger zu beobachten ist, als Folge einer oben bereits als originäres ADHS-Symptom beschriebenen Rejection Sensitivity auftreten (Einschätzung ADxS). Da Rejection Sensitivity als ADHS-Symptom durch Behandlung mit ADHS-Medikamenten remittieren kann, müsste eine soziale Phobie, die eine Folge einer ausgeprägten Rejection Sensitivity ist, damit theoretisch zugleich nachlassen (Einschätzung ADxS).

Atomoxetin verringerte in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie an Erwachsenen mit ADHS und komorbider sozialer Phobie sowohl die ADHS-Symptome als auch die Symptome der sozialen Phobie (LSAS-Gesamtwert: −22,9 vs. −14,4; p < 0,001). Ob diese Wirkung über eine Verringerung der Rejection Sensitivity vermittelt wird, wurde nicht untersucht. (RCT, N = 442, n = 224 mit Atomoxetin 40 bis 100 mg vs. n = 218 mit Placebo, 14 Wochen, E 1b)61


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