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Nichtmedikamentöse Behandlung und Therapie von AD(H)S - Übersicht

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Nichtmedikamentöse Behandlung und Therapie von AD(H)S - Übersicht

Dieser Beitrag stellt die uns bekannten nichtmedikamentösen Behandlungs- und Therapieansätze zusammen.
Die + und – in den Klammern geben unsere Einschätzung zum Nutzen bei AD(H)S wieder.

1. Therapieansätze

1.1 Anerkannte Therapieansätze bei AD(H)S

1.1.1. Medikamente (++++)

  • AD(H)S sollte gerade zu Beginn der Therapie unbedingt medikamentös behandelt werden.
    Betroffene, die nie gefühlt haben, wie es ist, ohne diese belastenden Symptome zu leben, können das Ziel einer nichtmedikamentösen Therapie nicht aus eigener Wahrnehmung nachempfinden. Vergleichbar argumentieren Edel/Vollmoeller.1
  • Eine umfangreiche Metastudie von 190 Untersuchungen mit 26.114 Teilnehmern mit ADHS fand, dass Stimulanzien der Verhaltenstherapie, dem kognitiven Training und Nicht-Stimulanzien überlegen zu sein schienen. Stimulanzien in Kombination mit Verhaltenstherapie schien am wirksamsten zu sein.2
  • Darstellung der medikamentösen Behandlung unter Medikamente bei AD(H)S – Übersicht.

1.1.2. Ausdauersport, Konditionstraining (+++)

(Ausdauer-)sport scheint die beste nichtmedikamentöse Behandlungsform von AD(H)S darzustellen.345
Mehrere Metastudien fanden, dass Sport Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-/Impulsivitätssymptome bei AD(H)S verbessern helfen kann und eine sinnvolle Behandlungsergänzung darstellt.67 Ebenfalls verbessern sich Exekutivfunktionen und die Schlafqualität.8

Für viele Betroffene, insbesondere vom ADHS-Subtyp und Mischtyp, ist regelmäßiger intensiver Sport (auspowern) essentiell.

  • Kalorienverbrauch
    • Entgegen bisheriger Annahmen scheint Sport den Kalorienverbrauch nicht zu erhöhen. Beim Volk der Hadza, aktive Jäger und Sammler in Afrika, laufen Frauen im Schnitt 8 km und Männer im Schnitt 14 km täglich, verbrauchen jedoch täglich nicht mehr Energie als sitzende Büroangestellte in den USA.9101112 Hadza sind bis ins Alter von 70 und 80 Jahren aktiv und fit und sollen weder Diabetes noch Herzkrankheiten haben.
    • Hoher Kalorienverbrauch durch Bewegung fährt jedoch Stresssysteme und Entzündungsreaktionen herunter und verringert so den Kalorienverbrauch, den die Stressreaktionen verursacht hätten.11 Dies könnte die ernährungsphysiologische Entsprechung der bereits länger bestehenden Erkenntnis sein, dass Sport stressregulierend wirkt.
    • Dies wirft ein völlig neues Licht auf die häufige Nebenwirkung von Stimulanzien des verringerten Appetits. Wir hypothetisieren, dass dies eine Anpassungsreaktion auf den durch die verringerten Stressreaktionen gesunkenen Energieverbrauch des Körpers sein könnte. Weiter fragen wir uns, ob Hyperaktivität als Symptom der externalisierenden AD(H)S-Subtypen möglicherweise eine (fehlgeleitete) Kompensationsreaktion des Körpers sein könnte, da Entzündungen beim externalisierenden Stressphänotyp häufiger sind als beim internalisierenden Subtyp ADS.
  • Stress
    • Sport wirkt regulierend auf Stress13
      • präventiv
        • Sport ist stresspräventiv.1415
      • puffernd
        akute wie habituelle körperliche Aktivität kann negative Auswirkungen stressiger Ereignisse auf die körperliche und psychische Gesundheit abpuffern
        • Ressourcenstärkung
          • wenn Sport in Handlungsoptionen enthalten ist, steht Sport selbst als stressreduzierendes Instrument zur Verfügung
          • Gruppensport bewirkt soziale Bindung
            • verringert Stressor der sozialen Isolation, insbesondere bei psychischen Patienten16
        • Reaktionsverringerung
          bei trainierten Menschen treten negative Stressreaktionen gar nicht erst in vollem Umfang auf
          • kognitiv
          • affektiv
          • behavioural
          • biologisch
            • Trainierte Männer zeigen auf psychische Stressoren (TSST) im Vergleich zu untrainierten Männern:17
              • erheblich geringere Cortisolstressantwort (bei gleichem basalen Cortisolniveau)
              • erheblich geringeren Herzratenanstieg
              • deutlich höhere Ruhe, bessere Stimmung und tendenziell geringere Ängstlichkeitsreaktionen auf die psychische Stressbelastung
      • kompensierend
        aufgetretene negative Stressreaktionen werden durch Sport und Bewegung wieder verringert bzw. ausgeglichen
        • Sport baut Cortisol ab
  • Depression
    • Bewegung verbessert die Stimmung
      Selbst bei Menschen, denen die Bewegung unangenehm erscheint, wirkt ein halbstündiger Spaziergang stimmungsaufhellend
    • Ausdauersport wirkt antidepressiv.1819
  • Angst
    Ausdauersport wirkt anxiolytisch (angstmindernd).2019
  • Sportliche Bewegung erhöht Dopamin21 und Noradrenalin in den für AD(H)S relevanten Gehirnregionen.22
    • Dies kann eine Behandlung unterstützen, jedoch nicht ersetzen.
  • Regelmäßige körperliche Bewegung23
    • verringert die Entzündungswerte
    • verringert oxidativen Stress
    • verringert Stresshormone
      (während Sportwettkämpfe werden die vorgenannten drei Werte erhöht)
    • erhöht die Telomerase-Aktivität bei Mensch und Maus, was Verhaltensänderungen durch stressbedingte Telomerverkürzung entgegenwirkt.
  • kognitive Leistungsfähigkeit
    • Ausdauersport verbesserte die kognitive Leistungsfähigkeit bei AD(H)S2425 deutlich26
    • einmaliges Training hat statistisch signifikante, aber in der Effektstärke kleine Verbesserungen der kognitiven Leistungsfähigkeit während, direkt nach und zeitverzögert nach der Trainingseinheit.27
  • Eine Metastudie an acht randomisierten Untersuchungen fand Verbesserungen durch areoben Sport bei Kindern mit AD(H)S in Bezug auf28
    • Aufmerksamkeit (SMD = 0,84)
    • Angstzustände (SMD = 0,66)
    • soziale Störungen (SMD = 0,59)
    • exekutive Funktion (SMD = 0,58)
    • Hyperaktivität (SMD = 0,56)
    • Impulsivität (SMD = 0,56)
  • Eine (sehr kleine) Studie fand eine deutliche Verbesserung der AD(H)S-Symptome insgesamt durch Bewegungstraining.29
  • Eine Metastudie fand eine geringe, aber nicht statistisch signifikante Verbesserung von Aufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität durch körperliches Training bei AD(H)S.19 Gleichwohl ergab sich eine erhebliche Verbesserung kognitiver Probleme (“thought Problems”), sozialer Probleme und aggressiver Verhaltensweise sowie von Problemen insgesamt bei AD(H)S.
  • Eine Untersuchung fand bei Kindern mit AD(H)S eine um 21% verringerte Neigung zu körperlicher Betätigung.30 Eine andere Studie fand bei Kindern mit AD(H)S eine 3,23-fach erhöhte exzessive sportliche Betätigung im Vergleich zu Nichtbetroffenen.31
  • Nach der Erfahrung von Betroffenen ist Kraftsport im Gegensatz zu Ausdauersport offenbar deutlich schlechter geeignet, AD(H)S-Symptome langfristig zu bekämpfen
  • Eine Studie berichtet von Verbesserungen durch Sporttraining bei Kindern mit AD(H)S bezüglich32
    • Gedächtnisgenauigkeit
    • selektive Aufmerksamkeit
    • Inhibition
    • geringere Auslassungsfehler
    • verringerte Interferenzfehler
  • Eine Studie berichtet, dass eine einmalige aerobe Sportübung (30 Minuten Radfahren) die Inhibitionsfähigkeit insbesondere bei AD(H)S-Betroffenen mit schlechter Impulshemmung verbesserte, im Übrigen jedoch keine Verhaltensverbesserungen bewirkte.33
  • Eins Metastudie berichtet bei einmaliger 30-minütiger Sportübung von Verbesserungen der Exekutivfunktionen (Organisationsfähigkeit).3435
  • Sport soll eine Erhöhung bewirken von2236
    • Noradrenalin
    • Serotonin
    • Acetylcholin
    • GABA
    • BDNF
  • Eine Studie berichtet von vergleichbaren Verbesserungen des Orientierungsverhaltens und des Sozialverhaltens bei SHR (einer Rattenzuchtlinie, die AD(H)S-Symptome zeigt) durch Sporttraining, MPH und Atomoxetin.37
  • Die Vorteile von Sport können sich über die Zeit akkumulieren. Sport verbessert langfristig die Exekutivfunktionen. Aerobic scheint zu einer Erhöhung der Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin, BDNF und der Hirndurchblutung zu führen.38

1.1.3. Psychotherapie

Zur Wahl eines geeigneten Psychotherapeuten bei AD(H)S siehe unter Wahl eines geeigneten Psychotherapeuten bei AD(H)S.

1.1.3.1. Verhaltenstherapie (+)
  • Kassentherapie in D
  • Eine umfassende Untersuchung zeigte, dass eine medikamentöse Behandlung der Behandlung mit Verhaltenstherapie oder klinischer Betreuung überlegen ist. Eine multimodale Behandlung (kombinierte Behandlung mit Medikamenten und Verhaltenstherapie oder klinischer Betreuung) scheint am erfolgversprechendsten.39
  • Eine umfangreiche Metastudie von 190 Untersuchungen mit 26.114 Teilnehmern mit ADHS fand ebenso, dass Verhaltenstherapie bei AD(H)S wirksam ist. Stimulanzien waren der Verhaltenstherapie, dem kognitiven Training und Nicht-Stimulanzien überlegen. Stimulanzien in Kombination mit Verhaltenstherapie schieneb am wirksamsten zu sein.2
1.1.3.1.1. Achtsamkeitsbasierte Verhaltenstherapie (Mindfulness Based Cognitive Therapy, MBCT) (+++)
  • Laut einer Metastudie fand jede der 13 analysierten Untersuchungen Verbesserungen der AD(H)S-Symptomatik durch achtsamkeitsbasierte Interventionen.40 Weitere Studien kamen zu vergleichbaren Ergebnissen.4142
  • Eine kombinierte MBCT / MBSR – Therapie bewirkte bereits nach 8 Wochen eine erhöhte Aktivität und Konnektivität des PFC, des cingularen Cortex, der Insula und des Hippocampus bei gestressten, ängstlichen und gesunden Menschen. Die Verbesserungen entsprachen dem, was bei langanhaltender Meditationspraxis erreicht werden kann. Die funktionale Aktivität der Amygdala verringerte sich und die Konnektivität der Amygdala mit dem PFC wurde verbessert. Zudem erfolgte die Deaktivierung der Amygdala nach emotionalen Reizen schneller.43 Weitere Untersuchungen bestätigen diese Ergebnisse.4445
  • Eine zusätzliche MBCT-Behandlung bewirkte 6 Monate nach Beendigung der Therapie eine signifikant größere Symptomverbesserung als herkömmliche Behandlungsmethoden alleine.46
  • Achtsamkeitsmeditation verringerte das Cortisol- und Entzündungsniveau und erhöhte die Telomerase, was Verhaltensänderungen durch stressbedingte Telomerverkürzung entgegenwirkt.47
  • Achtsamkeitsbasierte Behandlung verbesserte bei AD(H)S die Kernsymptome der Aufmerksamkeitsprobleme und der Hyperaktivität.48
  • Eine Metastudie von 32 Untersuchungen ergab eine Evidenz für eine Effektivität von achtsamkeitsbasierter Verhaltenstherapie (dort: Mindfulness) bei AD(H)S.49
1.1.3.1.2. kognitive Verhaltenstherapie (o bis +)
  • Eine Metastudie von 32 Untersuchungen ergab bei der Mehrheit positive Ergebnisse für kognitive Verhaltenstherapie bei AD(H)S.49
  • Eine Metastudie fand Vorteile einer kognitiven Verhaltenstherapie bei AD(H)S in der Elternbeurteilung, weniger aber in der Reduktion funktioneller Symptome.7
  • Laut Barkley wirkt kognitive Verhaltenstherapie bei Kindern mit AD(H)S nicht.50
  • Bei kleinen Kindern ist eine Behandlung der Eltern wesentlich wirksamer.
  • Patienten zwischen 7 und 6 Jahren mit ASS sowie Angst oder Zwang sprachen nach einer Studie 4 mal häufiger auf eine kognitive Verhaltenstherapie an, wenn komorbid AD(H)S vorlag.51
  • Kognitive Verhaltenstherapie ist ehesten in Bezug auf durch AD(H)S verursachte Selbstwertprobleme52 und bei Defiziten im Sozialverhalten geeignet.
  • Verschiedene Therapieformen verbesserten bei AD(H)S laut einer Metastudie verschiedene Symptome (SMD: standard mean difference; höher ist besser: bis 0,5 niedrig bis mittel, bis 1 mittel bis hoch, ab 1 hoch)53
    • Depression
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,52 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv etwas besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • DBT
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, schlechter als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, noch schlechter als DBT
    • Angstsymptome
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,73 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Selbstwert
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • 1,404 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Lebensqualität
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam bis gering wirksam
        • 0,57 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • subjektiv kurzfristig sehr gut
      • DBT
        • im Gruppenvergleich kurzfristig sehr gut, langfristig unwirksam
        • subjektiv kurzfristig mäßig wirksam, langfristig schwach wirksam
    • emotionale Dysregulation
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,64 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,73 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich kurzfristig schwach wirksam, langfristig nicht bekannt
        • subjektiv kurzfristig sehr gut wirksam, langfristig nicht bekannt
1.1.3.2. Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) (+)
  • Bei AD(H)S gut geeignet54

  • Eine Metastudie von 32 Untersuchungen ergab eine Evidenz für einen Nutzen von gruppenbasierter DBHTbei AD(H)S.49

  • Verschiedene Therapieformen verbesserten bei AD(H)S laut einer Metastudie verschiedene Symptome (SMD: standard mean difference; höher ist besser: bis 0,5 niedrig bis mittel, bis 1 mittel bis hoch, ab 1 hoch)53

    • Depression
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,52 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv etwas besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • DBT
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, schlechter als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, noch schlechter als DBT
    • Angstsymptome
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,73 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Selbstwert
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • 1,404 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Lebensqualität
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam bis gering wirksam
        • 0,57 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • subjektiv kurzfristig sehr gut
      • DBT
        • im Gruppenvergleich kurzfristig sehr gut, langfristig unwirksam
        • subjektiv kurzfristig mäßig wirksam, langfristig schwach wirksam
    • emotionale Dysregulation
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,64 SMD im Follow-up im Gruppenvergleich
        • 0,73 SMD im Follow-up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich kurzfristig schwach wirksam, langfristig nicht bekannt
        • subjektiv kurzfristig sehr gut wirksam, langfristig nicht bekannt
  • Elemente einer DBT:

    • Innere Achtsamkeit
      • Eigenwahrnehmung verbessern und ihr vertrauen zu lernen
      • sich in Situation sicher fühlen, ohne sie zu bewerten oder zu entwerten
      • Steuerung, an Situationen teilnehmen können und gleichzeitig Distanz zu bewahren
      • Gefühle und Verstand in Einklang bringen.
    • Zwischenmenschliche Fertigkeiten
      • Beziehungen knüpfen und pflegen
      • Abwägung zwischen und Integration von Beziehungsaufrechterhaltung und eigenen berechtigten Bedürfnissen, Meinungen und Selbstachtung
    • Umgang mit Gefühlen
      • unterschiedliche Gefühle erkennen, benennen, Bedeutung begreifen
      • Kontrolle von Wut und Ärger
      • Verwundbarkeit verringern
      • angenehme Gefühle fördern
      • emotionales Leiden loslassen
      • Vertrauen in die eigenen Gefühle stärken
    • Stresstoleranz
      • Tatsache, momentan im Stress zu sein, akzeptieren
      • Abstand nehmen (innerlich einen Schritt zurücktreten)
      • Denken auf das Jetzt und die nächsten Minuten beschränken
      • Fokus(ab)lenkung durch Selbstaussetzung von starken Sinnesreizen
        • Eiswürfel
        • Ball mit Stacheln
      • Atemübungen
      • „leichtes Lächeln“
      • Achtsamkeitsübungen
      • unveränderbare unangenehme Ereignisse und Gefühle ertragen lernen („radikale Akzeptanz“).
    • Selbstwert bzw. Selbstakzeptanz
      • gesunde Selbstakzeptanz
      • gesundes Selbstvertrauen
      • gesundes Selbstwertempfinden
  • strukturierte Psychotherapie

    • bei AD(H)S sehr gut geeignet
    • in Anlehnung an Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung nach Linehan55
1.1.3.3. Selbstwerttherapie (+)
  • Bei AD(H)S sehr gut geeignet
  • Viele Betroffene verbrachten ihr gesamtes Leben unter (unrichtigen) Vorwürfen wie “ihr mangelnder Antrieb sei Ausdruck von Faulheit”, oder “ihre Unfähigkeit zu sozial angepasstem Verhalten sei Bosheit” (weil die Macht der impulsiven Durchbrüche verkannt wurde). Die Furcht vor weiterem missverstanden werden erschwert es erheblich, sich auf eine therapeutische Beziehung einzulassen.56
  • Cognitive remediation programme57
  • Hinweis: Rejection Sensitivity ist unserer Auffassung nach ein originär durch AD(H)S verursachtes Symptom, das auf medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien ebenso gut anspricht wie Aufmerksamkeitsprobleme oder Hyperaktivität/Impulsivität. Dies spricht unseres Erachtens gegen eine rein durch Erfahrungen vermittelte Selbstwertprägung. Rejection Sensitivity: Kränkbarkeit und Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik als spezifisches AD(H)S-Symptom
1.1.3.4. EMDR-ähnliche Therapieformen (+)
  • EMDR
    Bei der Therapie von Trauma ist EMDR eine anerkannte Therapieoption.58 EMDR nutzt eine bilaterale (abwechselnde) Aktivierung der beiden Körperhälften durch waagerechte Augenbewegungen, abwechselnde akustische Signale an das linke / rechte Ohr oder Berührungen an der linken und rechten Körperhälfte. Eine Untersuchung belegt, dass die bilaterale Aktivierung des Körpers zu einer Verringerung der Aktivierung des PFC führt.59
    Da EMDR-ähnliche Therapieformen wie Emoflex bei AD(H)S gute Erfolge bringen sollen, könnten diese Ergebnisse der genannten Studie auf AD(H)S übertragbar sein.
    • Aufbau einer EMDR-Therapie60
      1. Behandlungsplanung
      2. Vorbereitung und positive Stabilisierung
        Was ist heute an guten Dingen, was an schlechten Dingen / Belastungen bewusst?
      3. Bewertung
        Der belastenden Erinnerung wird eine jetzige negative Umschreibung (z.B: Ich bin wehrlos) und eine zukünftige positive Umschreibung (z.B.: Ich kann mich schützen) zugewiesen.
      4. Desensibilisierung
        Die belastende Wahrnehmung wird aufgerufen und unter Begleitung von bilateralen Stimulationen (idR 24 Items einer schnellen rechts-links-abwechselnden Stimulation, visuell – Augenbewegungen links / rechts / links, auditiv – akustisches Signal linkes/rechtes Ohr, sensorisch – Körperberührung an linker/rechter Körperseite) bei freier Assoziation so lange durchgearbeitet, bis die körperlichen / seelischen Belastungen nicht mehr wahrnehmbar sind. Die Geschwindigkeit wird an die Reaktionen des Patienten angepasst.
      5. Verankerung
        Anstelle der negativen bisherigen wird eine positive neue Gedankenbasis verankert und trainiert. Langsame bilaterale Bewegungen, ca. 60 / Minute.
      6. Körpertest
        Sicherung, dass bei Erinnerung an die belastende Situation keine negativen Empfindungen mehr auftreten.
      7. Abschlussbesprechung
        u.a. Hinweis darauf geben, dass Nachwirkungen entstehen können, z.B. in Träumen.
      8. Erfolgskontrolle und Zukunftsorientierung
    • Eine detaillierte Darstellung von EMDR-Therapie anhand von Beispielfällen findet sich bei Schubbe.61
  • Emoflex62
    Anmerkung: Emoflex eine geschützte Marke. Berichte über Therapieformen, die mit Schutzrechten vermarktet werden, sollten stets besonders kritisch betrachtet werden, da hier Marketinginteressen eine Rolle spielen können.
    Emoflex ist eine Adaption der EMDR-Technik für AD(H)S.

Markengeschütze Therapiemethoden

Markenschutz auf Therapiemethoden mag für den Markeninhaber wirtschaftlich sinnvoll sein. Die Wirksamkeit von EMDR (auch) bei AD(H)S ist jedoch unabhängig davon, ob die Therapie einen Markennamen trägt oder ob sie “lediglich” die zu Grunde liegenden therapeutisch wirksamen Methoden (die niemals markenrechtlich schützbar sind) anwendet.

1.1.3.5. Hypnotherapie bei AD(H)S

Eine Metastudie von 32 Untersuchungen ergab eine Evidenz für einen Nutzen von Hypnotherapie bei AD(H)S.63 Eine andere, weniger umfassende Metastudie kam zu keinem Ergebnis.7

1.1.3.6. Mentoring

Bei Kindern mit Lernstörungen und AD(H)S zeigte ein Mentoring Verbesserungen von Selbstvertrauen und sozialen Beziehungen, und beugte der Entwicklung von depressivem Verhalten vor.64

1.1.3.7. Zeitschätzungstraining

Eine kleine Untersuchung fand, dass ein Training mit Zeitschätzungsaufgaben die kognitiven Symptome von Erwachsenen mit ADHS verbesserte. Die kortikale Aktivität in den Bereichen, die mit Aufmerksamkeit und Gedächtnis zusammenhängen, nahm erheblich zu.65##### 1.1.3.4. Systemische Therapie (0/+)

1.1.3.8. Systemische
  • insbesondere in Bezug auf familiäre und Gruppenprobleme bei AD(H)S geeignet. Geeignet in Bezug auf familiäre Konflikte bei AD(H)S-betroffenen jüngeren Kindern.
    In Bezug auf die Ursachen der AD(H)S-Symptome bei den Betroffenen selbst kaum wirksam.
1.1.3.9. Tiefenpsychologie (-)
  • Kassenther9pie in D
  • Bei AD(H)S ohne Komorbiditäten bedingt bis wenig geeignet
    Geeignet für AD(H)S-Betroffene, bei denen prägende Erfahrungen aus der Kindheit das Stresslevel deutlich antreiben. Bei diesen liegen neben dem AD(H)S meist komorbide Traumata oder Probleme aus dem Spektrum von Borderline etc. vor. In diesen Fällen kann eine tiefenpsychologische Aufarbeitung sehr sinnvoll sein.
1.1.3.10. Gesprächstherapie (-)
  • Kassentherapie in D
  • bei AD(H)S bedingt geeignet
    Gesprächstherapie kann bei der Bewältigung der AD(H)S-Folgeprobleme unterstützen.
    In Bezug auf die Ursachen der AD(H)S-Symptome selbst dürfte sie dagegen kaum wirksam sein.
    Fallbeispiel bei Krause.66
1.1.3.11. Arbeitsgedächtnistraining / Cognitive Working Memory Training (CWMT) (-)

Eine grossangelegte Metastudie fand keine ausreichenden Belege für eine Wirksamkeit von kognitivem Training bei AD(H)S.67 Eine weitere Untersuchung bestätigte dies.68

Eine andere Metastudie von 18 Studien zu kognitivem Training bei Schulkindern und Jugendlichen mit AD(H)S fand bei 13 von 18 Studien positive Effekte. 7 von 9 Studien fanden diese auch in einer Nachuntersuchung, was auf langfristige Verbesserungen hindeutet.69

Eine weitere Metastudie fand Hinweise auf mögliche Vorteile von kognitivem Training auf das Arbeitsgedächtnis, jedoch überwiegend keine verbesserungen der AD(H)S-Symptomatik im Eltern- oder Lehrerrating.7

Mehrere kleinere Untersuchungen fanden Hinweise, dass ein Arbeitsgedächtnistraining mithelfen könnte, die Symptome von AD(H)S zu verringern.70717273
Eine hohe Trainingsintensität (insgesamt 14 Stunden innerhalb 5 Wochen) soll die Dichte von D1-Dopaminrezeptoren im PFC erhöhen,74 was zu einer signifikanten Reduktion der Symptome Aufmerksamkeit und Impulsivität führe.75
Bei AD(H)S ist das im dlPFC ansässige Arbeitsgedächtnis durch verringerte Dopaminspiegel beeinträchtigt. Dabei sind vornehmlich die inhibitorischen Dopamin-Transporter D2 bis D4 betroffen. Neurophysiologische Korrelate von Arbeitsgedächtnisproblemen bei AD(H)S

Das Arbeitsgedächtnis benutzt für verschiedene Inhalte (Zahlenreihen, Gesichter, Namen, Ziele) unterschiedliche Gehirnareale. Das Training eines spezifischen Arbeitsgedächtnisbereichs (z.B. Zahlenreihen) hat daher kaum Einfluss auf die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses für Namen.

1.1.3.12. Training der Exekutivfunktionen (-)

Untersuchungen fanden keinen Nutzen eines Trainings der Exekutivfunktionen bei AD(H)S.76 Ein anderes Exekutiv-Funktions-Training (EXAT) wirkte laut einer Untersuchung bei AD(H)S besser als bei Epilepsie.77
2 verschiedene Exekutiv-, Aufmerksamkeits- und motorische Trainings bei Kindern von 4 bis 5 Jahren wurden als gleich wirksam befunden.78

Eine Metastudie über Exekutivfunktionstraining bei Vorschulkindern berichtet keine Vorteile für Nichtbetroffene, erwähnt aber Vorteile für AD(H)S-Betroffene.79

1.1.3.13. Analyse ( – – )
  • Kassentherapie in D
  • bei AD(H)S nicht geeignet
    • so auch Simchen80

1.1.4. Achtsamkeitstechniken (+++)

Achtsamkeitstechniken sind bei AD(H)S sehr gut zur Behandlung geeignet. Eine Metaanalyse fand in 11 von 12 Untersuchungen positive Ergebnisse in Bezug auf die Behandlung von AD(H)S.81 Eine Metaanalyse fand Verbesserungen der Unaufmerksamkeit bei Erwachsenen, während für Kinder noch zu wenig Daten vorlagen.82 Ein Review befand MBSR als sinnvolle unterstützende Behandlungsmethode bei AD(H)S.83

  • stressabbauend84
  • stressvorsorgend85
  • stimmungshebend86
  • prokrastinationshemmend8687 (was nur natürlich ist, da Prokrastination ein Stresssymptom ist)
  • achtsamkeitsbasierte Behandlung verbessert bei AD(H)S die Kernsymptome der Aufmerksamkeitsprobleme und der Hyperaktivität.48
  • Achtsamkeitstraining zielt auf das Vegetative Nervensystem
  • Stressmanagement verringerte in einer Untersuchung den basalen DHEA-Spiegel und erhöht den Cortisolspiegel. Die erzielte Veränderung des Cortisol-DHEA-Verhältnisses war stressresistenzfördernd.88
    Dabei sollte beachtet werden, dass je nach Störungsbild das Cortisol-/DHEA-Verhältnis in die eine wie in die andere Richtung im Ungleichgewicht sein kann.
    DHEA-/Cortisol-Ungleichgewicht bei Stress
    Psychologische Stresstherapie dürfte das Verhältnis stets in Richtung des gesunden Gleichgewichts beeinflussen. Bei medikamentöser Behandlung ist zunächst zu ermitteln, in welcher Richtung das Gleichgewicht verschoben ist.
    • internal / external
      internal: es liegt an mir persönlich (ich, mein)
      external: es liegt an den Umständen (die anderen, da draussen)
    • stabil / variabel
      stabil: es ist unveränderlich (immer, nie)
      variabel: ich kann Einfluss darauf nehmen
    • global / spezifisch
      global: es ist immer und überall so (überall, Gesetzmäßigkeit)
      spezifisch: die Ursache liegt in diesem Fall selbst (hier, diesmal)Achtsamkeit trainiert eine Wahrnehmungsveränderung. Es wird trainiert, dass das wahrgenommene Geschehen nicht mehr unmittelbar attribuiert wird, sondern dass es für sich genommen stehen gelassen wird. Dies ermöglicht eine weniger angsteinflössende und bedrohliche Wahrnehmung, wodurch in der Folge Stress massiv verringern kann.
  • Verschiedene Therapieformen verbesserten bei AD(H)S laut einer Metastudie verschiedene Symptome (SMD: standard mean difference; höher ist besser: bis 0,5 niedrig bis mittel, bis 1 mittel bis hoch, ab 1 hoch)53
    • Depression
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,52 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv etwas besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • DBT
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, schlechter als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, noch schlechter als DBT
    • Angstsymptome
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,73 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Selbstwert
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • 1,404 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Lebensqualität
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam bis gering wirksam
        • 0,57 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • subjektiv kurzfristig sehr gut
      • DBT
        • im Gruppenvergleich kurzfristig sehr gut, langfristig unwirksam
        • subjektiv kurzfristig mäßig wirksam, langfristig schwach wirksam
    • emotionale Dysregulation
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,64 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,73 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich kurzfristig schwach wirksam, langfristig nicht bekannt
        • subjektiv kurzfristig sehr gut wirksam, langfristig nicht bekannt
  • Mindfulness Meditation verringerte AD(H)S-Symptome (Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit), nicht aber Atemtechniken, während beide Techniken Stress abbauen konnten.89
  • Mindfulness Training zeigte noch 6 Monate später positive Wirkungen auf Kinder mit AD(H)S in der Elternbewertung90
  • Eine Metastudie kam zu dem Ergebnis, dass Achtsamkeitstechniken eine hilfreiche Ergänzung in der Behandlung von AD(H)S darstellen.91

Wie Achtsamkeit funktioniert

Die Technik von Achtsamkeit beinhaltet - grob formuliert - die Errichtung einer virtuellen Distanz zu wahrgenommenen Umständen. Achtsamkeit bedeutet - vereinfacht gesagt - eine Trennung von Wahrnehmung und deren unmittelbaren Bewertung für einen selbst. Es wird trainiert, sehr bewusst wahrzunehmen, was gerade passiert, und dabei gleichzeitig die Geschehnisse nicht auf sich selbst zu beziehen, sie also nicht als Anlass für eine Reaktion zu nehmen, sondern die Einwirkung der Geschehnisse auf einen selbst lediglich interessiert zu beobachten. Dies stoppt den Automatismus des unmittelbaren Durchschlagens von Wahrnehmungen auf die eigene Befindlichkeit.

Mit anderen Worten

Man stellt fest, dass alles noch genau so passiert, dass es einen aber nicht mehr unmittelbar existentiell bedroht. Es passiert, und man lebt dennoch weiter. Die subjektive Bedrohlichkeit dessen, was passiert, verringert sich.

Diese Technik macht dann Sinn, wenn die automatisierte Stressregulation zuvor dahingehend fehlgeleitet ist, dass Geschehnisse zu unmittelbar auf sich selbst attribuiert werden.

Attributionsstile

Es gibt verschiedene Attributionsstile,92 wie wahrgenommene Gegebenheiten erklärt werden. Beispiel:
Ein Student fällt durch eine Prüfung.
Folgende Reaktionsmöglichkeiten (iSv Attributionsstilen) sind denkbar:

  • Ich bin halt einfach zu doof. (Internal – stabil – global)
  • Für diese Prüfung hab ich wirklich nichts gelernt. (Internal – variabel – spezifisch)
  • Diesmal hatte ich einfach Pech. (External – variabel – spezifisch)
  • Die geben mir doch immer die blödesten Aufgaben. (External – stabil – global)

Zusammengefasste Attributionsdimensionen ergeben spezifische Deutungen:93

  • internal-stabil: Fähigkeit
  • internal-variabel: Anstrengung
  • external-stabil: Aufgabenschwierigkeit
  • external-variabel: Glück/Pech
    • pessimistischer Attributionsstil: Misserfolge werden internal, global, stabil attribuiert
    • optimistischer Attributionsstil: Misserfolge werden external, spezifisch, instabil attribuiert

Wir nehmen an, dass ein globaler internaler Attributionsstil dafür anfällig macht, Erlebnisse bedrohlich und angstbesetzt wahrzunehmen.
Angstbesetzte und bedrohliche Wahrnehmungen führen schnell zu cortisolergem Stress.

1.1.4.1. Neurophysiologische Wirkmechanismen von Achtsamkeitstechniken (hier: MBSR)
  • Achtsamkeitstraining ist in der Lage, Cortisolwerte nachhaltig zu verringern.94
  • Bei generalisierter Angststörung besteht eine Überaktivierung der Amygdala bei ambivalenten Signalen und eine mangelhafte funktionelle Verbindung zwischen Amygdala und ventrolateralem PFC. MBSR verringert die Überaktivierung der Amygdala bei neutralen Gesichtern stärker als Stressmanagement. MBSR, nicht aber Stressmanagement, bewirkte eine stärkere Aktivierung des ventrolateralen PFC und verbessert außerdem die Verbindung zwischen ventrolateralem PFC und Amygdala. Alle Veränderungen deckten sich mit den Verbesserungen der Angstsymptome, was auf ursächliche Wirkungen hindeutet. Die zuvor negative Koppelung der Amygdala mit der Aktivität des ventrolateralen PFC, wie sie bei Emotionsverringerung bekannt ist, veränderte sich in eine positive Koppelung. MBSR scheint substantielle Veränderungen in Gehirnregionen zu bewirken, die für die Emotionsregulierung relevant sind.95
  • Die funktionale Aktivität der Amygdala verringerte sich und die Konnektivität der Amygdala mit dem PFC wird verbessert. Zudem erfolgte die Deaktivierung der Amygdala nach emotionalen Reizen schneller.43
  • Da MBSR bei AD(H)S erwiesenermaßen sehr wirksam ist, gehen wir davon aus, dass eine analoge Verbesserung der Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnbereichen besteht.
    Weitere Untersuchungen belegen Auswirkungen von MBSR auf die neuronale Aktivität.96
  • Achtsamkeitsbasierte Meditationstechnik könnte gegenüber Entspannungstraining in Bezug auf eine langfristige Normalisierung der Cortisolreaktion überlegen sein.97
  • MBSR scheint die emotionale Selbstregulation von AD(H)S-Betroffenen verbessern zu können.98
  • MBSR verbessert die AD(H)S-Symptome möglicherweise weniger durch verbesserte Achtsamkeitsfähigkeiten oder verbessertes Selbstmitgefühl, sondern durch verbesserte Inhibition.99
1.1.4.2. Arten von Achtsamkeitstechniken
  • Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (mindfulness-based stress reduction MBSR) nach Kabat Zinn100
  • Eine kombinierte MBCT und MBSR-Therapie zeigte nach 8 Wochen die selben Ergebnisse, wie sie von langanhaltender Meditationspraxis bekannt sind.43
  • Stressmanagement (ggf. weniger wirksam als MBSR)95
  • Yoga
    • Yoga zeigte sich moderat wirksam1017
    • Yoga scheint laut mehrerer Metastudien die Kernsymptome von AD(H)S bei Kindern zu verbessern.1027103
  • Meditation43
    • Zen-Meditation
      erhöhte langfristig den Serotoninspiegel im Gehirn
    • Bei erfahrenen Meditierern wurde eine Zunahme der kortikalen Dicke in der rechten Insula und den Frontallappen nachgewiesen.104
    • Bei mindfulness Meditation wurden bei intensiv meditierenden (täglich 2 Stunden über mehr als 8 Jahre) mehr graue Materie in typischerweise bei Meditation genutzten Gehirnarealen beobachtet. Betroffen sind die rechte Insula, die bei introspektiver Aufmerksamkeit (“interoceptive awareness”) beteiligt ist, der linke Gyrus temporalis inferior und der rechte Hippocampus.105
    • Eine Metastudie fand Hinweise auf eine Wirksamkeit von Meditationstechniken bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.106 Dabei sollen die Ergebnisse auf eine stärkere Wirkung auf Unaufmerksamkeit als auf Impulsivität/Hyperaktivität hindeuten.
  • Biofeedback
  • Entspannungsmassagen
    Massagetherapie bewirkte eine um 31% verringerte Cortisolantwort auf Stress und einen Anstieg von Dopamin und Serotonin um rund 30%.107
    Massagetherapie soll die Wirkung von Methylphenidat übertreffen können.108
  • Shiatsu
  • Qigong
  • Tai chi chuan
    • Eine Metastudie fand durchweg positive Wirkung von Tai chi auf AD(H)S-Symptome, bei allerdings eher geringer Qualitöt der Untersuchungen.7
  • Atemtherapie
  • Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
  • Feldenkrais
  • Klangmassagen
  • Bogenschiessen oder anderer Schießsport (mit leichten positiven Effekten bei AD(H)S)109
  • Achtsamkeitsapps
    auch fürs Handy, das man ohnehin immer dabei hat, um kleine Pausen nützen zu können.110

Beispiel einer Achtsamkeitsübung: 100 Atemzüge loslassen

Ablauf:

– Ruhigen Ort aufsuchen, in dem man ungestört ist
– Bequem hinlegen / hinsetzen
– Augen schliessen
– Auf den eigenen Atem achten
– Bei jedem Atem loslassen, von 100 an rückwärts zählen, bis Null, für jedes Atemloslassen eine Zahl.
– Bei jedem Atemloslassen darauf achten, dass der Bauch ganz entspannt loslässt. Und vom Bauch ausgehend, ihm folgend, der ganze Körper mit dem loslassen des Atems entspannt.
(Es gibt zwei Atemtypen: Aktiveinatmer und Aktivausatmer; die jeweilige Passivseite ist das Atem loslassen)
– Bei jedem Atemloslassen die Konzentration darauf lenken, zu fühlen, wie der Bauch sich entspannt
– Während der Übung den Übungstext (unten) rekapitulieren

– Ggf. Hintergrundgeräusch Meeresrauschen (das verdeckt auch möglichen Straßenlärm); ggf Kopfhörer mit Tonaufnahme des gesprochenen Textes, ggf. Ohrstöpsel wenn alleine für sich, und Text still erinnern

In Gruppe: Leiter spricht Meditationstext;
Länge: Teilnehmer halten Augen geschlossen, so lange es funktioniert; wer aufhört, öffnet die Augen, wartet still oder liest notfalls etwas bis die (meisten) anderen fertig sind; Leiter beendet dann den Vortrag des Meditationstextes

Übungstext:

Du bist hier
Fühle Deinen Körper
Du musst jetzt nichts
Du darfst bei Dir sein
Du darfst jetzt nur Dich fühlen
Du musst nichts anderes tun
Niemand will etwas von Dir
Spüre Deinen Atem
Entspanne beim loslassen des Atems Deinen Bauch
und mit dem Bauch den ganzen restlichen Körper
Spür wie es sich anfühlt, wenn Dein Bauch sich entspannt
Versuche ganz loszulassen mit jedem Atemloslassen
Da sind Gedanken
Lass sie kommen
Nimm sie wahr
Haben sie eine Farbe, eine Form?
Schau ihr kommen an
Folge ihnen nicht
Lass sie wieder gehen
Schau ihnen zu, wie sie verschwinden
Du bist hier
Du fühlt Deinen Körper
Du spürst Dich
Falls Unruhe kommt, schau ihr zu
Mach Dir ihren Wunsch bewusst. Was will sie? Etwas tun müssen? Denken wollen? Probleme anzuschauen? Was will der Wunsch, der da ist?
Spüre ihn
Leugne ihn nicht, folge ihm nicht
Schau ihn an, beobachte ihn
Spüre den Wunsch
Wie fühlt sich dieser Drang an?
Hat er einen Klang, einen Geruch?
Wie fühlt es sich an, ausserhalb dieses Wunsches?
Du bist entspannt
Und lässt bei jedem Atemloslassen Deinen Bauch los
Und beobachtest was Du gerade fühlst oder denkst
Fühle Deinen Körper
Spüre Deine Gefühle
Beobachte was Du fühlst
Folge dem Gefühl nicht, beobachte es nur
Und lass es wieder gehen
Wenn Unruhe kommt, beobachte, wie sie kommt
Ruf sie nicht her
Falls sie da ist, nimm sie wahr, spüre sie
Folge ihr nicht
Wie fühlt sie sich an?
Hat sie einen Klang, eine Bewegung?
Schau sie an
Sie darf sein
Sie hat kein Recht Dich zu bestimmen
Lass sie wieder gehen
Du bist hier
Fühle Deinen Körper
Du musst jetzt nichts
Du darfst bei Dir sein
Du darfst jetzt nur Dich fühlen
Du musst nichts anderes tun
Niemand will etwas von Dir
Alle Gedanken, die kommen, können warten
wenn sie wichtig sind, kommen sie wieder
Jetzt bist Du das Wichtigste
Alles andere hat später seine Zeit

(fortfahren)…

Die Übung zielt darauf ab, dass Gefühle/Gedanken/Innere Unruhe nicht geleugnet = nicht unterdrückt werden.
Es ist leichter, etwas nicht zu folgen, das nicht unterdrückt wird. Dies erfordert naturgemäß eine innere Position ausserhalb des Drucks.
ES wünscht, das Gefühl / der Gedanke sind da – und sie bestimmen mich bin nicht.
Ich bin neben ihnen, nicht durch sie.
Gefühle / Gedanken sind da und sie sind nicht ich.
Sie sind ein Teil von mir, und nur ein Teil.
Ich bin nicht diese Gedanken und Gefühle, ich habe sie.
Ich habe sie, nicht sie haben mich.

Die Fragen nach Farbe, Form, Klang zielen darauf ab, Gefühle und Gedanken als etwas von aussen, als etwas Drittes zu betrachten, sie dadurch von sich zu trennen und nicht von ihnen gesteuert zu werden.

Die Lernschritte sollen / könnten sein:
Wahrnehmen lernen, sich alternativ und getrennt von diesen Gedanken und Gefühlen wahrzunehmen und zu fühlen, zu spüren. Dieses “mich” als Alternative sicher fühlen lernen.
Die Alternative sicher hervorrufen lernen.
Die Alternative stärken, bis sie grössere Option ist.
Die Alternative so weit wachsen lassen, dass man sie als Basis fühlen, spüren und irgendwann dauerhaft leben kann.

Trainingsweg:
(Heranführen an Transformation in Tagesablauf)

  • Erste Male mit optimaler Medikation
  • Steigerung der Schwierigkeit je nach Fortschritt mit immer weniger / am Rand/ Ende der Medikamentenwirksamkeit
  • bis ohne Medikamente (falls möglich)
  • anfangs in eigenem Ritual, an einem bestimmten, ruhigen Ort, ggf. zu fester Zeit
  • später immer weniger abgeschottet, auch mal spontan
  • bis hin zu mitten im Tagesablauf

1.1.5. Neurofeedback (++)

Neurofeedback als AD(H)S-Therapie

Quellen111112113

  • bei AD(H)S gut bis sehr gut geeignet
  • nach unserer Auffassung die einzige Therapieform mit Heilungscharakter, da die Selbststeuerungsmechanismen des Gehirns dauerhaft verbessert werden können
  • nach unserer Auffassung sind längere Behandlungen erforderlich als typischerweise empfohlen
  • insbesondere eine Kombination von Frequenzbandtraining und nachfolgendem SCP-Training scheint sehr gute Ergebnisse zu bewirken.
  • Neurofeedback-Trainingsarten
    • SMR-Training
      wirkt auf entspannte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität
    • Theta-Beta-Training
      wirkt auf Konzentration, gespannte Aufmerksamkeit
    • Alpha-Training
      wirkt auf Entspannung, Schlafprobleme
    • SCP-Training
      Trauung der langsamen Kortikalen Potenziale
      wirkt auf Aktivierung (bei ADS) und Herunterregulierung (bei ADHS)
      sehr anstrengend, bei Durchführung aber auch sehr hilfreich
  • Neurofeedback verbesserte in einer kleinen Studie das visuelle Gedächtnis, das akustische Kurzzeitgedächtnis und das auditorische Arbeitsgedächtnis, nicht aber die Wahrnehmungsorganisation.114
  • Neurofeedback ist jedoch kein Ersatz für eine Behandlung mit Medikamenten (insbesondere in den ersten Jahren), sondern eine Ergänzung der Therapie, die den Medikamentenbedarf verringern kann.
  • Verschiedene Therapieformen verbesserten bei AD(H)S laut einer Metastudie verschiedene Symptome (SMD: standard mean difference; höher ist besser: bis 0,5 niedrig bis mittel, bis 1 mittel bis hoch, ab 1 hoch)115
    • Depression
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,52 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv etwas besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • DBT
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, schlechter als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, noch schlechter als DBT
    • Angstsymptome
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,73 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,74 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Selbstwert
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • 1,404 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • Neurofeedback
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv langfristig besser wirksam als Kognitive Verhaltenstherapie
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich unwirksam
        • subjektiv mäßig wirksam, langfristig unwirksam
      • DBT
        • völlig unwirksam
    • Lebensqualität
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • im Gruppenvergleich unwirksam bis gering wirksam
        • 0,57 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • subjektiv kurzfristig sehr gut
      • DBT
        • im Gruppenvergleich kurzfristig sehr gut, langfristig unwirksam
        • subjektiv kurzfristig mäßig wirksam, langfristig schwach wirksam
    • emotionale Dysregulation
      • Kognitive Verhaltenstherapie (mittlere bis größere Effektstärke)
        • 0,64 SMD im Follow-Up im Gruppenvergleich
        • 0,73 SMD im Follow-Up subjektiv für Betroffenen
      • MBSR
        • im Gruppenvergleich kurzfristig schwach wirksam, langfristig nicht bekannt
        • subjektiv kurzfristig sehr gut wirksam, langfristig nicht bekannt

1.1.5. Selbsthilfegruppen (++)

1.1.6. Umfeldinterventionen (++)

  • Elterntraining

    • bei Kindern mit AD(H)S scheint ein Elterntraining hilfreich zu sein.116 Dies betrifft wohl insbesondere Kinder mit ODD117 und junge Kinder.118
  • Interventionen in Schule/Kindergarten (-)

    • Eine Metastudie berichtet, dass Klassenzimmerinterventionen / Schulinterventionen teils als unwirksam, teils als nur so lange wirksam befunden wurden, wie die Interventionen anhielten.7
  • Umfeldanpassung

    • geeigneter Job (++)
      • genug Interesse weckend, um Hyperfokus zu aktivieren
      • genug Abwechslung, um Aufmerksamkeit wach zu halten119
      • ADHS: häufig mit körperlicher Bewegung
      • ADS: keine schnellen Entscheidungen
    • geeignete Arbeitsumgebung (+)
      • den Bedürfnissen des Betroffenen entsprechend
        • Nebengeräusche
          • Jeder Mensch braucht sein spezifisches Maß an Arousal (Erregung, Anregung).120121
        • Auch wenn Novelty Seeking und Neugierverhalten (auch genetisch) mit Impulsivität korrelieren,122 dürfte es für die meisten ADHS-Betroffenen wichtig sein, das Arousal zu reduzieren, für ADS-Betroffene dagegen, das Arousal zu erhöhen.
    • Arousal stimulieren
      • gezielte (leise) Hintergrundmusik
        • manche Menschen können nur damit lernen
      • im Hintergrund laufender Fernseher
        • wenn Geräusche / Bilder ablenken: ausschalten
      • Motivationselemente
        • sehr wichtig, da AD(H)S-Betroffene sich grundsätzlich genau so intensiv konzentrieren können wie andere. Nur können sie diese Konzentration nicht kontrolliert hervorrufen und erst recht nicht steuern. Dies ist keine Nachlässigkeit oder Faulheit.
        • Intrinsische Motivation statt extrinsischer Motivation: der zentrale Schlüssel
        • Belohnungen
        • Wettbewerb mit anderen
          • Ziele anderen mitteilen (Commitment / Selbstverpflichtung schaffen)
        • Betroffenen kein schlechtes Gewissen machen
          • kein: Du kannst doch, wenn Du willst
          • kein: Du musst Dir nur mehr Mühe geben
            • Friedmann berichtet von Betroffenen, die ihre AD(H)S-Symptome verloren haben, nachdem sie eine Arbeitsumgebung gefunden hatten, die ihrer Konstitution entsprach: kurze Aufmerksamkeitsspannen, häufige Aktivierung, eigenständige Arbeitsorganisation. Auch wir kennen Fälle, die in der für sie genau passenden Umgebung aufblühten. Dies bedeutet nicht, dass nur jeder Betroffene seine geeignete Umgebung finden müsse, um dann kein AD(H)S mehr zu haben. AD(H)S bedeutet, dass die Wahl, welche Umgebung geeignet ist, extrem eingeschränkt ist. Die wenigsten Betroffenen werden sich ihre Welt so zurechtbauen können. Nach unserer Auffassung muss indes noch ein Element hinzutreten: echtes Interesse. Erst wenn dieses echte eigene Interesse anspringt, sind AD(H)S-Betroffene in der Lage, ihre Aufmerksamkeitsprobleme zu beheben. Friedmann weist darauf hin, dass die verringerte Anzahl von Dopamin D2 und D3 – Rezeptoren im Belohnungszentrum des Gehirns bei AD(H)S-Betroffenen dazu führt, dass weniger Dinge (be)lohnend, also ausreichend spannend gefunden werden, als bei Nichtbetroffenen. Die Wahl einer spannenden Umgebung erfordert daher zwingend, dass es sich um etwas handelt, dass für den jeweiligen Betroffenen von (so) hohem Interesse ist, dass das Belohnungszentrum “anspringt” und die Aufmerksamkeit des Betroffenen geweckt wird. Der Satz “Du kannst doch, wenn Du willst”, ist zwar völlig richtig, aber nicht so, wie er meist missverstanden wird. AD(H)S kann man nur verstehen, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass der Wille der Betroffenen nicht völlig frei wählbar ist, sondern davon abhängt, dass das Beschäftigungsthema so interessant ist, dass das Manko der verringerten Anzahl von D2 und D3 Dopaminrezeptoren nicht mehr zum tragen kommt. Nur mit dem geeigneten intrinsischen Interesse können Betroffenen es schaffen, “zu können” was sie wollen: indem sie etwas tun, was sie wirklich wirklich interessiert. Dieser Mechanismus erklärt gut, warum eine extrinsische Motivation (äußerer Druck) nichts hilft, wenn etwas nicht interessant genug ist. Äußerer Druck kann viel bewirken – Dopaminrezeptoren lässt er jedoch nicht wachsen. Man könnte AD(H)S so gesehen auch als extreme Einengung der Interessenlage definieren.
              Und trotzdem ist auch dies keine Rechtfertigung, dass das eigene AD(H)S ja gar nicht so schlimm sei, man habe ja nur nicht das gefunden, was einen interessiere.
      • Nebenbeschäftigung
        • stricken
        • zeichnen
        • Musik hören
          • manche Menschen müssen nebenher etwas “tun”, um sich konzentrieren zu können. Dies leitet die innere Spannung ab. Die Nebenbeschäftigung dient dazu, das Arousal zu optimieren. Dies ist dann kein Zeichen von Desinteresse oder Respektlosigkeit, sondern ein Mittel um Aufmerksamkeit und Konzentration zu erhöhen
  • Ablenkung reduzieren

    • Vermeidung zu lauter, hektischer, anstrengender, intensiver Situationen.
      • Wer stressempfindlich ist, sollte stressauslösende Situationen meiden. Diese selbstverständlich klingende Tatsache wird erstaunlich häufig missachtet, sei es aufgrund mangelnder Kenntnis der Zusammenhänge oder aus schlechtem Gewissen. Dabei ist es wie mit der Temperatur: man sollte nicht frieren, wenn das Thermometer es sagt, sondern wenn einem kalt ist:
      • Helligkeit
        • Rollladen runterlassen
      • Temperatur
        • nach eigenen Bedürfnissen regulieren
      • Lärm / Stimmen / … reduzieren
        • sehr stille Umgebung
        • Ohrstöpsel
        • Lärmschutzkopfhörer
      • eigener Arbeitsraum123
        • kein Großraumbüro!
        • kein Durchgangszimmer!
        • kein offenes Büro!
      • Mails
        • Abruf auf bestimmte Zeiten beschränken
        • Pop-Ups für eingehende Nachrichten deaktivieren
        • Mails und andere Nachrichten am Handy nur nach aktivem Abruf sichtbar, nicht automatisch auf Bildschirm
      • Sitzplatzausrichtung am Arbeitsplatz
        • (geschlossene) Tür im Blick
        • keine Fenster im Rücken
        • Geschehnisse im Raum / im Fenster in Blickrichtung durch Vorhänge / transparente Blickschutzfolie ausblenden
        • viel Tageslicht124
        • geschlossener Raum
  • Lernmethoden optimieren / anpassen

    • kurze Lernabschnitte mit häufigen Pausen
    • z.B.: Vokabeln lernen;
      • max. 10 Stück so oft bis sie ganz sicher sitzen, erst dann weitere
      • alle Sinne einsetzen: leise lesen, laut lesen, abschreiben etc.
      • weitere Vokabeln erst nach Pause
    • gehen beim lernen
      gleichförmige Bewegung optimiert bei manchem Menschen die Aufnahmefähigkeit erheblich; Bewegung verringert Stress und erhöht neurotrophe Faktoren im Gehirn, die für Neuroplastizität (Ausbildung neuer Synapsen, lernen) erforderlich sind
    • 30 Minuten körperlich intensives austoben vor dem Lernen (insb. ADHS-Subtyp)
    • geeignete Arbeitsmethoden
      • Selbständigkeit
        für interessante Tätigkeiten kommen manche Betroffene (insb. ADHS) als Selbständige besser klar als als Angestellte, weil intrinsische Motivation das Arousal optimiert
        bei uninteressanteren Tätigkeiten wäre das indes eher nachteilig, weil Eigenantrieb / Eigenstruktur zu gering
      • Interessante Tätigkeit
        Die mangelhafte extrinsische Motivierbarkeit macht es für AD(H)S-Betroffene um ein vielfaches wichtiger als für Nichtbetroffene, eine für sie wirklich spannende Aufgabe zu finden
      • ADS: strukturierte Arbeitsaufgaben, klare Ansagen, enge Kontrollen
        Beispiel:
        Ein Betroffener schied mit 50 Jahren nach glanzvoller Karriere bei den US-Marines aus. Im Zivilleben kam er nicht zurecht und scheiterte. Ein Jahr nach dem Ausscheiden erhielt er seine AD(H)S-Diagnose.
      • Gut strukturierter Alltag mit regelmäßiger Ablösung von Aktivität und Entspannung kann Stabilisierung des Noradrenalinhaushalts durch Eigenaktivierung unterstützen (siehe unten: genügend Pausen machen)
  • Stressquellen vermeiden / abstellen

    • Selbst bei Persönlichkeitsstörungen fand eine Langzeitstudie (n = 733) überraschend bei mehr als 50% der Betroffenen einen Rückgang der Symptome innerhalb von 2 Jahren für einen Zeitraum von mehr als 12 Monaten. Bei Borderline wurde dies bei 10% der Betroffenen innerhalb von 6 Monaten beobachtet, meist nachdem massiv belastende aktuelle Lebensumstände (belastende Beziehung) beseitigt wurden. Gleichwohl blieben erhebliche Diagnosekriterien sehr konstant bestehen (stärker als bei schweren Depressionen), sie erreichten jedoch nicht mehr die erforderliche Schwere für eine Diagnose.125
  • Stressabbau fördern

    • Bereits eine Stunde längeren Schlaf reduziert den morgendlichen Cortisolspiegel um 21%126127
    • Bei Schlafstörungen:
      • Schlafrhythmus nach hinten verschieben
        Einschlafen und Aufstehen nach hinten verschieben
        Dies könnte für Betroffene mit hohem Stresspegel unmittelbar beim Aufwachen (z.B. Angstzuständen) einen Versuch wert sein
        Frühes erwachen korreliert mit hohem Cortisolspiegel126127
      • Zu Schlafproblemen hier mehr
  • Umzug in stressarme Umgebung

    • Menschen, die in Armutsvierteln leben, sollen stressbedingt ein höheres Körpergewicht haben als Menschen, die in wohlhabenderen Wohngebieten leben.
      • Bei einem Umzug passt sich das Körpergewicht dem der neuen Umgebung an.128
      • Dies könnte als Folge einer Stressreaktion oder Stressverringerung interpretiert werden, kann aber auch als Anpassung an die Hauptumgebung verstanden werden.

1.1.7. Psychoedukation (++)

Quelle129

  • (ggf. fachlich geleitete/begleitete) Selbsthilfegruppen
  • Bücher, Seminare, Vorträge

Wissen über AD(H)S hilft Betroffenen in mehrfacher Hinsicht

  • Wer bin ich, was an mir ist AD(H)S?
    Zu erkennen, welche Symptome aus AD(H)S stammen, und dass diese behandelbar sind, erleichtert die Feststellung der eigenen Persönlichkeit: wer man “eigentlich” ist, ohne dieses AD(H)S. Diese Differenzierung hilft dabei, sich selbst annehmen zu lernen und die AD(H)S-Symptome als etwas zwar mitgegebenes, aber nicht unveränderbares zu begreifen. Dies ist hilfreich für das oft sehr beeinträchtigte Selbstwertempfinden der Betroffenen.
  • Umgang erfordert Wissen
    Die Symptome, ihre Ursachen und ihre Auswirkungen zu verstehen, ermöglicht einen hilfreichen Umgang damit, insbesondere:
    • Die Wahl geeigneter Behandlungsmethoden
    • Umfeldinterventionen (siehe oben)
  • Verständnis Anderer
    Zu wissen, was AD(H)S ausmacht, wie es Wahrnehmung und Handlung beeinflusst, hilft beim Verständnis anderer Menschen. AD(H)S-Betroffene, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes als normal kennen, eben so zu fühlen und zu handeln, können dadurch erkennen, warum andere Menschen dort anders fühlen und handeln, wo diese keine AD(H)S-Symptome haben.
  • Wissen erleichtert Erneuerung des Selbstkonzeptes
    Ein Betroffener, der ein Leben lang Ablehnung erlebt hat, weil er nicht so ist, wie er sein sollte, kann durch das Verständnis, dass die meisten negativen Reaktionen nicht durch ihn selbst, sondern durch AD(H)S ausgelöst wurden, beginnen, das bis dahin meist völlig zerstörte Sebstwertgefühl neu aufzubauen130
  • Grenze: Negativen Bias vermeiden
    Die Gefahr selbsterfüllender Prophezeihungen sollte erkannt und vermieden werden.
    Eine unreflektierte Identifikation mit den AD(H)S-Symptomen kann schädlich sein.
    Man ist nicht AD(H)S – man hat AD(H)S.
    Kein AD(H)S-Betroffener hat alle Symptome des Clusters.
  • Vorteile von AD(H)S nutzen
    Unter manchen bestimmten Umständen und Aspekten sind AD(H)S-Betroffene gegenüber Nichtbetroffenen im Vorteil. Diesen Vorteil kann man nur nutzen, wenn man die Bedingungen kennt, unter denen die Vorteile greifen.
  • Copingtechniken
  • Suchttherapien
    • Suchtthema erkennen
      • Nikotin, Koffein, Alkohol, Drogen, Sex, Sport, Internet, Arbeit, Hochrisikoverhalten, …
    • kurzfristige / langfristige Konsequenzen erkennen
  • Nahrungsmitteldiät
    näheres hierzu unter Ernährung und Diät bei AD(H)S

1.1.8. Schlafproblemtherapie (+)

  • Schlafprobleme sollten bei AD(H)S mit besonderer Priorität behandelt werden, da sie als Teufelskreis die AD(H)S-Symptome verstärken und AD(H)S-Symptome Schlafprobleme verursachen können.
  • Schlaf baut das Stresshormon Cortisol ab. 1 Stunde längerer Schlaf verbessert den Cortisolabbau um 21%126
    Alle AD(H)S-Symptome sind zugleich Stresssymptome.
  • Zu den möglichen Massnahmen zur Schlafverbesserung sowie zu Schlafmitteln speziell bei AD(H)S:
    Schlafprobleme bei AD(H)S

1.1.9. Ernährung und Diät

Nahrungsmittelunverträglichkeiten adressieren die Stressregulationssysteme ebenso wie psychischer Stress oder Krankheiten.
Es gibt keine spezifischen Nahrungsmittel, die AD(H)S auslösen. Besteht jedoch eine individuelle Nahrungsmittelunverträglichkeit, kann diese ein bestehendes AD(H)S (ebenso wie andere psychische Störungen) verstärken, weil sie eine zusätzliche Stress-/Belastungsquelle für den Organismus darstellt. Die diätische Behandlung einer bestehenden Nahrungsmittelunverträglichkeit trägt daher zu einer Verbesserung einer AD(H)S-Symptomatik bei. Die mittlere Effektstärke beträgt ca. 0,25.

Daneben gibt es Hinweise, dass Omega-3-/Omega-6-Fettsäuren eine Behandlung von AD(H)S unterstützen kann. Dies betrifft jedoch nicht alle Betroffenen und die Effektstärke ist so gering, dass dies lediglich augmentierend (ergänzend) zu einer effektstarken Behandlung empfohlen werden kann.
Näheres hierzu unter Ernährung und Diät bei AD(H)S sowie unter ⇒ Effektstärke verschiedener Behandlungsformen von AD(H)S.

1.1.9.1. Vernünftiges Frühstück

Eine Untersuchung stellte fest, dass 47% der Studenten mit AD(H)S und 33% der Studenten ohne AD(H)S regelmäßig kein ausgewogenes Frühstück zu sich nahmen. Eine Stunde nach Einnahme eines ausgewogenen Frühstücks zeigten sich bei beiden Gruppen Verbesserungen in 4 kognitiven Bereichen.131

1.1.9.2. Reichlich trinken

Auch wenn Durst nicht als typisches AD(H)S-Symptom beschrieben wird, sind erhöhter Durst und eine deshalb erhöhte Wasseraufnahme häufig beobachtete Stresssymptome.132 Da Stress darauf abzielt, den Blutdruck zu erhöhen, um den Körper optimal auf Kampf oder Flucht vorzubereiten, ist eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme ein unmittelbar sinnvolles Instrument.133 Flüssigkeitsaufnahme verringert die Stressreaktion deutlich.134

1.1.10. Genügend Pausen machen

  • Pausen dienen nicht nur dazu, sich zu erholen und die Menge der Reize, denen man ausgesetzt war, abfließen zu lassen:
    Ein klar strukturierter Tagesablauf, bei dem sich Aktivität und Pausen sinnvoll abwechseln, kann das noradrenerge System trainieren und die Produktion von Noradrenalin wieder normalisieren.135
  • Dies schließt an den Hinweis von Scheidtmann an, dass noradrenerge Medikamente (z.B. Antidepressiva) bei der motorischen Rehabilitation (dann) nicht helfen, wenn sie als Dauermedikamention benutzt werden, da trizyklische Antidepressiva die noradrenergen Rezeptoren dauerhaft stimulieren und dies dazu führt, dass die Sensitivität des Rezeptors (insbesondere in Bezug auf Lernvorgänge) dadurch verloren gehe.136
    Dies deckt sich mit der Erfahrung zum Einsatz noradrenerg wirksamer trizyklischer Antidepressiva bei AD(H)S. Hier wird oft berichtet, dass anfangs eine sehr gute Ansprache besteht, die bei anhaltender Medikation jedoch nachlässt.
  • Pausen können der Hyperaktivität von AD(H)S entgegenwirken.123

1.1.11. Therapie-Computerspiele

In den letzten Jahren ist das Thema Computerspiele zum Zwecke der therapeutischen Nutzung in den wissenschaftlichen Fokus gelangt.
Grundsätzlich sollen AD(H)S-Symptome durch Therapie-Computerspiele verbessert werden können, z.B. Aufmerksamkeit,137

Für AD(H)S wurde bereits ein Therapie-Computerspiele durch die FDA zugelassen.

1.1.11.1. EndeavorRx

Die FDA (amerikanische Gesundheitsbehörde) hat im Juni 2020 das erste ärztlich verschreibungsfähige Videospiel überhaupt zugelassen. Es dient zur Behandlung von AD(H)S.

180 Kinder zwischen 8 und 12 Jahren spielten 4 Wochen lang 5 Tage / Woche je 25 Minuten EndeavorRx, 168 Kinder spielten ein anderes Spiel als Placebo. Die mittlere Änderung (SD) gegenüber dem Ausgangswert der TOVA-API betrug in der Behandlungsgruppe 0,93 und in der Kontrollgruppe 0,03.138

Der TOVA ist ein validierter computergestützter Ausdauerleistungstest, der objektiv die Aufmerksamkeit und die hemmende Kontrolle misst, normiert nach Alter und Geschlecht.

Der Hersteller beschreibt weiter:

“EndeavourRx wurde die Freigabe auf der Grundlage von Daten aus fünf klinischen Studien mit mehr als 600 mit ADHS diagnostizierten Kindern erteilt, einschließlich einer prospektiven, randomisierten, kontrollierten Studie, die im Lancet Digital Health Journal veröffentlicht wurde und zeigte, dass EndeavourRx die objektiven Aufmerksamkeitsmaße bei Kindern mit ADHS verbesserte. Nach vierwöchiger EndeavourRx-Behandlung hatte ein Drittel der Kinder bei mindestens einem Maß objektiver Aufmerksamkeit kein messbares Aufmerksamkeitsdefizit mehr. Darüber hinaus stellte etwa die Hälfte der Eltern nach einem Monat Behandlung mit EndeavourRx eine klinisch bedeutsame Veränderung der täglichen Beeinträchtigungen ihres Kindes fest. Dies stieg nach einem zweiten Behandlungsmonat auf 68%. Die Verbesserung der ADHS-Beeinträchtigungen nach einem Monat Behandlung mit EndeavourRx wurde bis zu einem Monat beibehalten.”139

Skeptisch macht, dass die Studie durch den Softwarehersteller gesponsert wurde. Andererseits ist Faraone, einer der Autoren, ein sehr renommierter Wissenschaftler im Bereich AD(H)S und The Lancet eine sehr renommierte wissenschaftliche Zeitschrift.

Eine weitere, wohl noch andauernde, Studie untersucht die Wirksamkeit des Spiels bei einer längeren Anwendungsdauer von 2 Monaten und inwieweit Verbesserungen nach Beendigung der Behandlung andauern.

1.1.11.2. Plan-It Commander

Das Therapie-Computerspiel “Plan-It Commander” wurde / wird von den Autoren der nachfolgend genannten Studien selbst entwickelt,140 so dass die Beurteilung der Wirksamkeit durch unabhängige Untersuchungen abzuwarten ist. Die Symptome, die in nicht verblindeten Untersuchungen dadurch verbessert worden sein sollen, sind

  • Zeitmanagement (Elternbeurteilung)141
  • Verantwortlichkeit (Elternbeurteilung)141
  • Arbeitsgedächtnis (Elternbeurteilung)141
  • Planungs- und Organisationsfähigkeiten (Elternbeurteilung)142 bei Mädchen insgesamt und bei Jungen mit starker Störung des Sozialverhaltens und niedriger Hyperaktivität.
1.1.11.3. RECOGNeyes

Eine kleine Untersuchung fand, dass AD(H)S-Betroffene, die das Spiel RECOGNeyes mit den Augen steuerten, Verbesserungen in Bezug auf

  • Impulsivität
  • Reaktionszeit
  • Fixationsblickkontrolle

zeigten, während die Kontrollgruppe, die das Spiel mit der Maus steuerte, keine Verbesserungen zeigte.143

1.1.11.4. Empowered Brain

Eine sehr kleine Vorstudie zeigte, dass Autismus-Spektrums-Betroffene die Spielanteile von Empowered Brain um so besser absolvierten, je höher ihre AD(H)S-Symptome waren.144 Die Software scheint eher unter dem Aspekt der Diagnostik entwickelt zu werden.

1.1.11.5. AR-Therapist: Augmented Reality – Verhaltenstherapie – Spielkonzept

Eine Studie beschreibt eine Konzept eines Augmented Reality Spiels zum Zweck einer Verhaltenstherapie bei AD(H)S samt Messung der AD(H)S-relevanten Parameter.145

1.1.11.6. The Secret Trail of Moon

Ein Bericht beschreibt die Entwicklung dieses Spiels zur AD(H)S-Behandlung.146

1.1.11.7. Computer-Therapiespiele für andere psychische Störungen

Für andere Therapieziele sind einige Therapiespiele bekannt, z.B.:

  • Nevermind147
    • Stress
    • gemessener Stress (Angst, Traumaantworten) erschwert die Spielbedingungen
    • keine “offizielle” medizinische Anwendung
    • wird durch Biofeedback mit gesteuert
  • Elude148
    • Depression
    • Elude will das Bewusstsein für Depressionen wecken und darüber informieren. Es ist dazu gedacht, im klinischen Kontext als Teil einer Psycho-Edukation eingesetzt zu werden, um das Verständnis von Freunden und Verwandten über Menschen, die an Depression leiden, über das, was die Betroffenen durchmachen, zu verbessern.
  • Schatzsuche149150
    • Angst, Aggression, Depression
    • spezifisch für therapeutische Zwecke erstellt
      • evaluiert an 200 Kindern durch 41 Therapeuten
      • unterstützt die therapeutische Arbeit
    • für Kinder von 9 bis 13 Jahren
    • Ziele:
      • zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhalten unterscheiden lernen
      • negative Gedankenmuster durch positive ersetzen
  • Depression Quest151
    • Depression
    • in einem wählbaren Abenteuer versucht der Spieler als Depressiver die Krankheit, den Job, Beziehungen und sogar die Behandlung in ein Gleichgewicht zu bringen.
  • Actual Sunlight152
    • Depression
    • Eine kurze interaktive Geschichte über Liebe und Depression.
    • Für Kinder nicht geeignet
  • Sym153
    • Soziale Phobie wird in diesem Spiel thematisiert
  • Rage Control154
    • Aggression
    • entwickelt von der Kinderklinik Boston
    • nutzt aktives Biofeedback
  • Boson X
    • Depression
    • kommerzielles, nicht therapieorientiertes Spiel
    • streitig, ob dieses bei Depressions-Betroffenen die grüblerischen Phasen reduziert155156
  • Tetris
    • Traumaprävention
    • nicht therapieorientiertes Spiel
    • Nutzung innerhalb der ersten 6 Stunden nach einem potentiell traumatisierenden Erlebnis, nachdem die Spieler gebeten wurden, sich an das Ereignis zu erinnern, verringerte Risiko der Traumatisierung157
      • Nach unserer (nicht verifizierten) Hypothese könnte jedoch jede geistige Beschäftigung und jeder Medienkonsum, die eine leichte (!) geistige Beschäftigung bieten (Unterhaltungssendungen, Unterhaltungsfilme ohne Dramen, leichte Videospiele ohne soziale oder gewalttätige Komponenten), als Traumaprophylaxe geeignet sein, sofern diese vor dem ersten Schlafen nach dem Ereignis genutzt werden. Selbstverständlich dürfen die Inhalte thematisch nicht das Ereignis tangieren.
        Nach unserer Vorstellung werden durch nachfolgenden “leichten” Medienkonsum die potentiell traumatisierenden Erlebnisse im Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis (zumindest teilweise) “überschrieben” oder “relativiert”, bevor sie im Schlaf über den Hippocampus in das Langzeitgedächtnis überführt werden können. Vor diesem Hintergrund könnte es vorteilhaft sein, den ersten Schlaf nach einem potentiell traumatisierenden Ereignis möglichst lange hinauszuzögern, einen reichlichen wenig bedeutsamen Medienkonsum zu fördern und ggf. Medikamente zu geben, die die Aktivität des Hippocampus reduzieren.

1.1.12. Computerbasierte Trainingsprogramme

1.1.12.1. Computergestütztes kongnitives Training

Ein computergestütztes kognitives Trainingsprogramm verbesserte die fokussierte Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis bei einem Teil der Probanden (Responder) besser aals konventionelles Training. ADS und Mischtyp profitierten eher als ADHS.158

1.1.12.2. Webbasierte Unterstützung / App-basierte Unterstützung

Eine Metastudie fand 10 Untersuchungen, von denen 6 eine positive Wirkung webbasierter Unterstützungstools für junge AD(H)S-Betroffene zeigten. Die 4 Untersuchungen, die keinen positiven Nutzen feststellten, betrafen jeweils Apps.159

1.1.13. Schachtraining / Go-Training / Brettspiele

Eine kleine Untersuchung fand eine Verbesserung der AD(H)S-Symptomatik im Zusammenhang mit dem IQ durch ein 11-wöchiges Schachtraining.160 Die Effektstärke betrug 0,85 bei Beurteilung durch die Eltern. Eine reine Elternbeurteilung sollte stets mit Vorsicht behandelt werden.
Eine andere Untersuchung fand eine vergleichbare Wirkung von GO, wobei Unaufmerksamkeit verbessert wurde, nicht aber Hyperaktivität.161 Die Ergebnisse weiterer Untersuchungen konnten nicht in Effektstärken umgerechnet werden.162

1.1.14. Transkranielle Magnetstimulation / Transkranielle Gleichstromstimulation (o/+)

Verschiedene Untersuchungen befassen sich mit der Wirkung von transkranieller Stimulation bei AD(H)S.163164
Nach mancher Ansicht überwiegen Hinweise auf positive Wirkung,165166167168169
Andere Quellen sprechen von gemischten Ergebnissen.170171172173 Eine Metastudie fand in 8 (n = 133) von 13 Studien (n = 308) eine signifikante positive Wirkung eher bei Kindern und Jugendlichen für Unaufmerksamkeit, Impulsivität und das allgemeine Symptomniveau, bei zugleich verzögertem Wirkungseintritt in Bezug auf Hyperaktivität.174.
Eine Untersuchung berichtet von einer Verbesserung von Auslassungsfehlern bei AD(H)S-Betroffenen durch transkranielle Stimulation, die mit einer Verbesserung der P 300 Amplitude einherging.175

1.1.15. Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

TCM kombiniert in der Regel verschiedene Behandlungsmethoden, ebenso wie die westliche “multimodale” Therapie. Darunter sind Kräuterbehandlungen, von denen anzunehmen ist, dass sie ebenso in das Neurotransmittergefüge eingreifen wie herkömmliche Medikamente. Das Risiko besteht in der geringeren Kenntnis der Wirkwege, der Nebenwirkungen und der Kreuzwirkungen mit herkömmlicher Medikation.
Eine Metaanalyse fand eine erstaunlich gute Wirkung von TCM in Bezug auf AD(H)S (gleich gut oder besser als MPH), bei zugleich allerdings schlechter bis sehr schlechter Qualität der einzelnen Untersuchungen, einschließlich einer Gefahr eines erheblichen Bias, weshalb TCM bislang nicht als Behandlung für AD(H)S empfohlen werden kann.1767

1.1.16. Lichttherapie

Eine sehr kleine Untersuchung mit n = 29 Erwachsenen fand positive Effekte einer frühmorgendlichen Lichttherapie in Herbst-/Wintermonaten auf objektive und subjektive AD(H)S-Symptome, Stimmung und eine Vorverlagerung des circadianen Rhythmus.177 Die Vorverlagerung des Tagesrhythmus schien dabei den größten Einfluss auf die Verbesserung der AD(H)S-Symptomatik zu haben. Eine weitere, noch kleinere Studie an 16 Erwachsenen kam zu vergleichbaren Ergebnissen.178
Eine dritte placebokontrollierte Studie, die den cordianen Rhythmus mit Melatonin oder Melatonin plus Lichttherapie verglich, fand ebenfalls, dass Lichttherapie (hier: als Ergänzung einer Behandlung mit Melatonin) den circadianen Rhythmus nach vorne verschieben konnte und dass dies positive Effekte auf die AD(H)S-Symptomatik hatte. Melatonin alleine wirkte stärker als Lichttherapie, Lichttherapie verbesserte das Ergebnis der Melatoninbehandlung.179
Ein Review bestätigte diese Ergebnisse.180

1.2. Therapieansätze bei AD(H)S, deren Wirkung nicht gesichert ist

  • Ergotherapie
    Die Wirksamkeit von Ergotherapie bei AD(H)S sei begrenzt auf schulvorbereitende Behandlung der Feinmotorik.181
    Eine Studie berichtet von positiven Effekten einer pferdegestützten Ergotherapie bei Schulkindern mit AD(H)S.182
  • Hämenzephalographietraining
    Wirkung noch nicht anerkannt, erste Untersuchungen.163
  • Selbstinstruktionen
    Wirkung streitig.183
  • Neurostimulation184
    • Trigeminus-Stimulation
      Erste positive Ergebnisse.185
      Eine weitere neue Veröffentlichung zu diesem Thema konnte bislang noch nicht eingesehen werden.186
      Ein erstes Gerät zur Trigeminusstimulation wurde von der FDA zugelassen. In einer Doppelblind-Placebo-Studie verbesserte das Gerät bei Kindern zwischen 8 und 12 Jahren die AD(H)S-Symptome binnen 4 Wochen signifikant.187
  • (Klassische) Musik hören zur Stimmungsverbesserung
    • Eine Untersuchung fand, dass 10 Minuten Mozart zu hören (Mozart piano sonata for four hands, KV 440) die Stimmung bei AD(H)S-Betroffenen wie Nichtbetroffenen verbesserte, im Gegensatz zu Probanden, die 10 Minuten Stille absolvierten.188 Dies belegt keine AD(H)S-spezifische Behandlungsmethode.
  • App-gestützes Aufmerksamkeits- und Organisationstraining
    • Eine Untersuchung berichtet von einem Handy-App-gestützten Training von Aufmerksamkeit und Organisation, dass bei Erwachsenen mit AD(H)S bei einem Drittel zu relevanten Verbesserungen geführt habe.189
    • Eine Metaanalyse von 2019 fand keine weiteren Untersuchungen über eine Behandlung von AD(H)S mittels spezifischer Apps190
  • Organisationsfähigkeitentraining
    • bei SCT bewirkte ein Training der Organisationsfähigkeiten keine Verbesserung von SCT-Symptomen aus der Sicht der Betroffenen selbst. Lediglich aus der Sicht der Eltern ergaben sich Verbesserungen mit einer Effektstärke von ca. 0,5.191
      Elternbewertungen sind hochgradig anfällig, in Richtung gewünschter Ergebnisse gelenkt zu sein. Dieser Bias ist um so stärker, je grösser der investierte Aufwand ist.
  • Hausaufgabenunterstützung
    • bei SCT bewirkte eine Hausaufgabenunterstützung keine Verbesserung von SCT-Symptomen aus der Sicht der Betroffenen selbst. Lediglich aus der Sicht der Eltern ergaben sich Verbesserungen mit einer Effektstärke von ca. 0,5.191
      Elternbewertungen sind hochgradig anfällig, in Richtung gewünschter Ergebnisse gelenkt zu sein. Dieser Bias ist um so stärker, je grösser der investierte Aufwand ist.
  • Sozialverhaltenstrainings
    • Eine Metaanalyse fand keine gesicherte Wirkung von nichtmedikamentösen Trainingsmethoden (Coaching u.a.) in Bezug auf die Verbesserung des Sozialverhaltens gegenüber Peers.192
    • Eine Metastudie fand schwache Hinweise auf Vorteile von Peer based interventions bei AD(H)S,7 die vor allem darauf abzielen, den sozialen Rückhalt unter Gleichaltrigen zu stärken.
    • Eine weitere Metaanalyse von 15 Studien fand Hinweise auf moderarte Wirksamkeit von Social Skills Trainings bei Kindern mit AD(H)S.193
  • Weisses Rauschen verbessert kognitive Leistung
    • AD(H)S-Betroffene, die bei kognitiven Aufgaben weisses Rauschen hörten, erzielten bessere Leistungen.
      Ein moderates Rauschen erleichtert die Reizunterscheidung und die kognitive Leistung (Stochastische Resonanz). Computergestützte Modellierung zeigte, dass bei AD(H)S mehr Rauschen erforderlich ist, damit stochastische Resonanz in dopaminarmen neuronalen Systemen auftritt. Diese Vorhersage werde durch empirische Daten unterstützt.194195
  • Transkutane Vagusnervstimulation
    • Ein Bericht nennt Transkutane Vagusnervstimulation als eine mögliche Behandlungsform von AD(H)S.196
  • Akupunktur
    • Eine Metastudie berichtet von einer hohen Wirksamkeit von Akupunktur auf Hyperaktivität.197 Eine weitere Metastudie beabsichtigt ebenfalls, die Wirkung von Akupunktur zur Behandlung von AD(H)S zu untersuchen.198
    • Wie Wirksamkeit von Akupunktur ist umstritten. Es existieren bislang keine schlüssigen medizinischen Erklärungsmodelle.
      Zwei deutsche doppelverblindete Untersuchungen, die zur Schlussfolgerung kommen, dass für Akupuktur bislang lediglich ein Placeboeffekt nachzuweisen sei, zeigen in den Zahlen jedoch, dass Akupuktur im Vergleich zu Scheinakupunktur um 20% bessere Ergebnisse erzielt.199. 200 Andere Studien berichtet von einer über Placebo hinausgehenden Wirkung.201202203204
  • Homöopathie
    • Eine Metastudie berichtet von Vorteilen einer zusätzlichen individuellen Homöopathiebehandlung bei AD(H)S.205
  • Fidgets
    • Eine Studie beobachtete bei Schülern mit AD(H)S, die während des Unterrichts Fidgets benutzten, deutliche Verbesserung bei der Daueraufmerksamkeit.206

1.3. Therapieansätze, die gesichert unwirksam sind

  • Phosphatdiät (Hafer)
    Mehr hierzu unter Ernährung und Diät bei AD(H)S
  • Bestimmte Nahrungsmittel / Lebensmittelzusatzstoffe bestimmter Stoffe als alleinige kausale Ursache von AD(H)S
    Nahrungsmittelunverträglichkeiten allgemein (jeweils individuell unverträgliche Stoffe) können jedoch das Stresslevel so erhöhen, dass latente psychische Störungen (z.B. auch AD(H)S) in Erscheinung treten können oder bestehende Störungen verstärkt werden.
    Mehr hierzu unter Ernährung und Diät bei AD(H)S

2. Multimodaler Therapieansatz

Als multimodale Therapie wird eine Kombination einschlägiger Behandlungsmöglichkeiten bezeichnet. Bei AD(H)S wird sinnvoller Weise eine Kombination von Medikamenten, Psychotherapie und ggf. weiteren Behandlungsmöglichkeiten angewendet. Multimodale Behandlung verbessert die AD(H)S-Symptomatik.207 Dies überrascht indes nicht. Relevant wäre alleine ein Vergleich zu rein psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung.

3. Behandlungskonzepte, Behandlungsmanuale, Leitlinien

Quelle: Schmidt, Petermann208

  • Gruppentherapiemanual «Psychotherapie der ADHS im Erwachsenenalter» (Hesslinger et al., 2004)
    Adaption des Dialektisch-Behavioralen-Borderline-Therapiekonzepts auf AD(H)S
  • Behandlungsmanual zur ADHS im Erwachsenenalter (Lauth, Minsel, 2009)
    Für Einzelpersonen und Gruppen
  • Psychoedukations- und Coachingmanual ADHS im Erwachsenenalter (D’Amelio et al., 2009),
    Praktische Anleitung zur Behandlung von ADHS- und Angehörigengruppen
  • Training bei ADS im Erwachsenenalter (TADSE) (Baer & Kirsch, 2010)
  • Therapieprogramm Kognitive Verhaltenstherapie der ADHS des Erwachsenenalters (Safren et al.,2009)
    Kognitive Techniken zur Einzeltherapie
  • Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte (S3) Leitlinie “ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen”209

4. Subtypenspezifische Behandlung

Bislang sind wenige Behandlungskonzepte bekannt, die zwischen den verschiedenen Subtypen von AD(H)SADHS und Mischtyp (mit Hyperaktivität) einerseits und ADS (ohne Hyperaktivität andererseits – unterscheiden.

Nach unserer Ansicht leidet der ADHS- / Mischtyp daran, dass das Stresssystem der HPA-Achse dauerhaft überaktiviert ist und aufgrund zu geringer Cortisolantwort auf akuten Stress oder mangelhafter Adressierbarkeit der Glucocorticoidrezeptoren nicht wieder heruntergefahren wird, während der ADS-Subtyp an einer überintensiven Neurotransmitter- und Stresshormonantwort auf akuten Stress leidet, was zwar durch die hohe Cortisolantwort zu einem regelmäßigen wieder-herunterfahren der HPA-Achse führt, jedoch durch die parallel überhöhte Noradrenalinausschüttung den PFC zugleich herunterfährt und dadurch Denkblockaden und Entscheidungsunfähigkeit auslöst.

Bei ADHS ist Achtsamkeit nach unserer Auffassung besonders wichtig, um überhaupt erst eine Therapiefähigkeit zu erreichen. Der bei ADHS (mit Hyperaktivität) dauerhaft erhöhte Stresslevel ist so stark erhöht, dass Achtsamkeit (MBCT, MBSR, Meditation, Yoga …) geradezu aversiv ist, was mit einer Erholungsunfähigkeit korreliert.

5. Multi-Generationen-Behandlung bei AD(H)S

Die Behandlung der Kinder alleine übersieht, dass die Einwirkung AD(H)S-betroffener Elternteile einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat.
Eine Behandlung und Unterstützung AD(H)S-betroffener Mütter zeigte positive Folgen für die Kinder, wobei eine höhere Intensität der Behandlung AD(H)S-betroffener Mütter (hier: mit DBT) nur zeitlich begrenzt einen Vorteil für die Kinder gegenüber weniger intensiver Behandlung zeigte.210

Kinder von Müttern mit hohem Neurotizismus und niedriger Gewissenhaftigkeit sollen stärker von Verhaltenstherapien profitieren als andere Kinder. Kinder von Müttern mit mittlerem Neurotizismus und mittlerer Gewissenhaftigkeit oder niedrigem Neurotizismus und hoher Gewissenhaftigkeit sollen dagegen mehr von einer multimodalen Behandlung aus Therapie und Medikamente oder von Medikamenten alleine profitierten als von einer Verhaltenstherapie alleine.211


  1. Edel, Vollmoeller (2006): Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen, Seite 75

  2. Catalá-López, Hutton, Núñez-Beltrán, Page, Ridao, Macías Saint-Gerons, Catalá, Tabarés-Seisdedos, Moher (2017): The pharmacological and non-pharmacological treatment of attention deficit hyperactivity disorder in children and adolescents: A systematic review with network meta-analyses of randomised trials. PLoS One. 2017 Jul 12;12(7):e0180355. doi: 10.1371/journal.pone.0180355. PMID: 28700715; PMCID: PMC5507500. METASTUDIE

  3. Mehren, Reichert, Coghill, Müller, Braun, Philipsen (2020): Physical exercise in attention deficit hyperactivity disorder – evidence and implications for the treatment of borderline personality disorder. Borderline Personal Disord Emot Dysregul. 2020 Jan 6;7:1. doi: 10.1186/s40479-019-0115-2. eCollection 2020.

  4. Choi, Han, Kang, Jung, Renshaw (2015): Aerobic exercise and attention deficit hyperactivity disorder: brain research. Med Sci Sports Exerc. 2015 Jan;47(1):33-9. doi: 10.1249/MSS.0000000000000373. PMID: 24824770; PMCID: PMC5504911.

  5. Hoza, Smith, Shoulberg, Linnea, Dorsch, Blazo, Alerding, McCabe (2015): A randomized trial examining the effects of aerobic physical activity on attention-deficit/hyperactivity disorder symptoms in young children. J Abnorm Child Psychol. 2015 May;43(4):655-67. doi: 10.1007/s10802-014-9929-y. PMID: 25201345; PMCID: PMC4826563. n = 202

  6. Villa-González, Villalba-Heredia, Crespo, Del Valle, Olmedillas (2020): A systematic review of acute exercise as a coadjuvant treatment of ADHD in young people. Psicothema. 2020 Feb;32(1):67-74. doi: 10.7334/psicothema2019.211. PMID: 31954418. REVIEW

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Diese Seite wurde am 17.06.2022 zuletzt aktualisiert.